Massives spontanes Existenzversagen verschoben

— Ein Gastbeitrag von André Goerres

CERN

Herzlich Willkommen.

Es ist nach Mittwoch, dem 30. März. Und unsere schöne blaue Erde kreist immer noch ruhig und ungestört um die Sonne.

Was war passiert, dass es zu so einer bahnbrechend langweiligen Situation kam?


Einiges. Wahrscheinlich ist irgendwo in Berlin ein Sack Erdnüsse umgefallen. 
Viel wichtiger allerdings: In der Schweiz wurde in einem Experiment ein lang erwarteter Meilenstein erreicht. Im LHC, dem „Large Hadron Collider“, wurde begonnen, Protonenstrahlen zu kollidieren, die eine bisher noch nie erreichte Energie von 7 TeV (Tera-Elektronenvolt) in sich vereinen.

Für uns Physiker ist das total knorke. Mehrere Jahrzehnte Arbeit, die Stück für Stück die Grenzen des Machbaren erweitert haben, zahlten sich endlich aus. Die Fingernägel tausender Forscher auf der ganzen Welt können endlich wieder nachwachsen. Denn endlich ist das größte, präziseste, tollste und superlativste Experiment der Menschheit, des Universums und des ganzen Rests angelaufen und produziert die heißersehnten Daten, in denen irgendwo spaciger Shit wie Supersymmetrie und Higgs-Boson schlummern.

Aber auch für die Presse ist das total knorke. Denn die darf aufs Neue beweisen, wie das mit dem Schuster und seinen Leisten funktioniert.


Bild.de titelte völlig bescheiden am 29. März, einen Tag vor den erwarteten 7-TeV-Kollisionen:

CERN-FORSCHER IN GENF SIMULIEREN URKNALL: Das gefährlichste Experiment der Menschheit TEILCHENBESCHLEUNIGER AUF HOCHTOUREN

Das gefährlichste Experiment. Der Menschheit. So, so. Aber wie gefährlich genau? Physikalisch passiert im LHC nichts anderes, als das, was unbeobachtet auf unserem Lieblingsplaneten dauernd passiert. Im LHC sind es zwei Strahlen von hochenergetischen Teilchen, die auf Kollisionskurs gebracht werden. In der Natur sind es hochenergetische Teilchen aus dem Weltall, die mit den Molekülen der Atmosphäre oder spätestens in der Erdoberfläche kollidieren.

Jongliert man dabei ein wenig mit Zahlen herum (siehe die Sicherheitsanalyse vom CERN [PDF]), so kommt man darauf, dass alleine auf der Erde seit ihrer Entstehung so viele Kollisionen stattgefunden haben, wie während der Laufzeit von etwa 100.000 LHC-Experimenten. Geht man noch einen Schritt weiter und bezieht das restliche Universum ein, so kommt man gar auf etwa 10^31 LHCs was ca. 1048 Kollisionen entsprechen würde — eine Eins mit 48 Nullen!

Wenn irgendetwas Gefährliches bei solchen Kollisionen passieren könnte, dann wäre es auch schon in einigen der 1048 Ereignissen passiert — offensichtlich existieren wir aber noch und können immer noch süße Katzenvideos auf YouTube anschauen.

Einer der Kritiker ist der Kernphysiker Walter Wagner. Er mahnt, dass die Wissenschaftler mit ihren Experimenten ein Risiko eingingen, das sie nicht einschätzen könnten.

Wenn Herr Wagner also sagt, die Wissenschaftler könnten das Risiko nicht einschätzen, dann stimmt das so einfach schonmal nicht. Aber kurz zu dem von Bild.de als Experten zitierten selber: Walter Wagner ist der lustige Hawaiianer, „der sich selbst als Kernphysiker bezeichnet“ — ob das so ist, sei mal dahingestellt. Einen Lebenslauf oder irgendeine Art von wissenschaftlicher Reputation sucht man vergebens. Kein Wunder, dass ihn die amerikanische Satire-Sendung „Daily Show“ (ab 2:16) so einfach bloß stellen kann.

Ob man also eher auf einen der sehr wenigen suspekten, aber dafür nicht minder lautstarken Kritiker hört oder auf die vielen tausend Wissenschaftler, die sich seit Jahren mit wissenschaftlichen Standards mit dem Thema auseinandersetzen — da entscheidet im Endeffekt wohl eher das Potential für die fetzigere Überschrift.

Übrigens hat Walter Wagner schon versucht, den LHC per Klage in Honolulu zu stoppen — das hat aber nicht geklappt, weil sich das Gericht nicht zuständig sah. Ähnlich verhält es sich auch in Deutschland, wo das Bundesverfassungsgericht eine Klage einer besorgten Bürgerin gar nicht erst zugelassen hatte. Sie wurde mit der Begründung abgelehnt, dass „auch die (vermeintliche) Größe eines Schadens — hier die Vernichtung der Erde“ den Klagenden nicht von der Pflicht enthebt, einen möglichen „Zusammenhang zwischen der Versuchsreihe und dem Schadensereignis“ ausreichend zu begründen. (Übersetzung in Normal-Sprech von Golem.de)

Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf

Neben einer fetzigen Überschrift sind besonders bei komplexen Themen aus der Physik Visualisierungen üblich. Bild.de ist bei bunten Visualisierungen natürlich ganz vorne mit dabei und zeigt in einem kleinen Einspieler vor dem Artikel, wie man sich das alles vernichtende Ergebnis vorstellt. Dort ist die Erde zu sehen, wie sie von einem lustigen Grafikeffekt aus dem Lieblings-Videobearbeitungs-Programm verschluckt wird (siehe Bild oben). Dass dieser Teil des Videos aus Schnipseln zweier Persiflagen auf genau diese LHC-Kritik zusammengeschnitten sind, stört hier anscheinend niemanden.

Die Schweizer Boulevardpresse ist da nicht viel besser und versucht nach einem Gespräch mit einem anderen Kritiker, dem Biochemie-Professor Otto E. Rössler, zusammenzufassen:

Davon ist auch der Chaosforscher und Professor für Biochemie Otto E. Rössler überzeugt. Der Deutsche warnt davor, dass durch die frei gewordene Energie kleine schwarze Löcher entstehen. Die gefrässige Antimaterie würde immer weiter wachsen und schliesslich den Planeten verschlingen.

Ob da wohl jemand gerne Romane liest? Da war doch mal was mit CERN, Antimaterie und Bombe, Stichwörter mit denen man bestimmt nicht nur an der Flughafen-Sicherheitskontrolle, sondern auch in den Medien auffällt. Zwar wird auch am LHC Antimaterie produziert, das hat nur leider überhaupt nichts mit schwarzen Löchern zu tun.

Und bevor hier gleich wieder jemand „Aber Antimaterie!“ schreit: Es wird viel mehr Antimaterie in der Atmosphäre produziert als im LHC. Und irgendwo in Amerika spielen immer noch Katzen auf Keyboards.

In einem anderen Artikel zum LHC führt Bild.de ein weiteres Steckenpferd der „Kritiker“ an: die Strangelets.

Kritiker behaupteten, bei den Experimenten könnten so genannte Strangelets entstehen - hypothetische Teilchen, welche die Erde verschlingen könnten. Auch würden womöglich Schwarze Löcher produziert, die als gefräßige Schwerkraftmonster dem Planeten gefährlich werden könnten.

Das ist weder eine Sitcom, noch ein Mixgetränk. Bei einem Strangelet soll es sich um ein Teilchen handeln, das normale Materie, wie wir sie kennen, in „strange“ Materie umwandelt. Klingt seltsam? Die Idee ist gar nicht so weit hergeholt. Seltsame Materie ist auf fundiertem theoretischem Grund gebaut.

Nur auffressen wird sie uns nicht.

Als im Jahr 2000 mit dem Start des Relativistic Heavy Ion Collider (RHIC) erstmals die Strangelets aufkamen, wurde viel darüber diskutiert. Seitdem läuft der RHIC allerdings fleißig — und wir sind immer noch genauso seltsam wie vorher. Und die höhere Kollisionsenergie des LHCs macht es nur noch weniger wahrscheinlich, dass ein hypothetisches Strangelet gebildet werden könnte.

Schwarzes Loch, Strangelet, magnetische Monopole und Vakuumblasen. Alles wirklich hübscher Kram für dystopische Science-Fiction-Filme und reißerische Überschriften.

Nur nichts für die Realität.

Da sich dieses angstmachende Halbwissen aber so hartnäckig hält wie schwarze und rote Druckerfarbe auf manch grauem Papier, hat das CERN als Betreiber des LHCs neben einer Erklärungsseite den oben bereits erwähnten Sicherheitsreport in Auftrag gegeben. Dieser nimmt im Vorbeigehen allen Kritikpunkten den Wind aus den Segeln und kommt zu dem eindeutigen Schluss:

Vom LHC geht keine Gefahr für die Menschheit aus! (Wirklich!)

Ihr könnt also weiter beruhigt schwarze Punkte auf eure weißen Hunde malen, ohne dabei Angst haben zu müssen, dass der Hund davon aufgefressen wird.

Um euch die volle Packung Physik zu geben, für Interessierte zum Abschluss noch ein kleiner Ausflug in die Physik, warum schwarze Löcher und Erde einfach nicht zusammen passen:

Durch Masse entsteht Gravitation: Die Erde zieht den Apfel auf Newtons Kopf, die Sonne hält die Erde auf ihrer Umlaufbahn und unser Sonnensystem kreist wiederum um das Zentrum der Milchstraße. Ein schwarzes Loch ist nun ein Objekt, das eine so konzentrierte Masse und somit starke Gravitationskraft besitzt, dass nichts seinen Fängen entkommen kann. Keine starke Rakete, kein fliegendes Einhorn oder noch so buntes Licht entkommt dieser Kraft. Daher sein Name. „Schwarzes Loch“.

Die Entstehung eines schwarzen Loches setzt eine gewisse Startmasse voraus, z.B. einen großen Stern, der kollabiert. Beim LHC befinden wir uns aber im Bereich von zwei kollidierenden Mosquitos — was nach heutigem Verständnis bei Weitem nicht ausreicht. Spielt man aber ein wenig an den Rahmenbedingungen herum und sagt, man hätte noch ein paar zusätzliche Dimensionen neben den drei uns bekannten, dann ist es sogar theoretisch möglich, dass der LHC so genannte „mini schwarze Löcher“ oder „Microscopic Black Holes“ generiert.

Aber: Die sind instabil. Nach verdammt kurzer Zeit sind die wieder verdampft. Die Theorie sagt Verdampfungsdauern jenseits der (theoretisch) beobachtbaren Planck-Zeit voraus, also etwa halb so schnell, wie ein Augenzwinkern von Chuck Norris. Folgt man den Kritikern und geht davon aus, dass die bisher als richtig geltende Theorie falsch wäre und diese mini schwarzen Löcher wider Erwarten doch stabil sind, dann haben wir immer noch die Beobachtung:


Es gibt uns und Neutronensterne noch.

Hä? Neutronensterne? Kommen wir sofort zu …

Vorher noch etwas zu elektrischer Ladung: Etwas kann elektrisch geladen oder ungeladen sein (Elektronen z.B. sind einfach negativ geladen). Eine Ladung führt dazu, dass das Teilchen in einem Magnetfeld abgelenkt wird. Die Älteren unter den Lesern werden sich vielleicht noch an die Röhrenfernseher erinnern, die nach diesem Prinzip gearbeitet haben.

Würden jedenfalls elektrisch geladene mini schwarze Löcher durch Teilchenkollisionen entstehen können, so wäre irgendeines aus den aberwitzig vielen Kollisionen (s.o.) zur Erde gelangt. Dort sorgt dann das Erdmagnetfeld für eine Ablenkung und schließlich auch für das Stoppen. Das schwarze Loch hätte nun genug Zeit zu wachsen und die Erde zu verschlingen — das ist aber offensichtlich nicht passiert.

Es bleibt noch die Möglichkeit übrig, dass alle produzierten mini schwarzen Löcher ungeladen sind. Da kommen jetzt die Neutronensterne ins Spiel. Das sind astronomische Objekte, die extrem dicht sind. Durch ihre extrem hohe Dichte werden die kleinen Mini-Biester dann aber im Inneren gestoppt und würden sie langsam auffuttern.


Aber auch hier: Neutronensterne gibt es, also Bullshit.

Selbst wenn man sich also auf viele Argumente der Kritiker ein- und unwahrscheinliche Theorien zulässt, so überzeugt uns am Ende immer noch die Natur, die derlei „Experimente“ schon seit Urzeiten in wesentlich größerer Anzahl durchführt. Und würde dabei etwas Gefährliches passieren, würde das Universum nicht so aussehen, wie es das jetzt tut.

Nicht zuletzt würden auch die süßen Pinguine auf der Erde nicht existieren. Und das kann ja nun echt keiner wollen.

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