„Ich bleibe dabei: Super kostet maximal 1,50 Euro“

BILDblog: Wenn die Benzinpreise mal wieder steigen, wendet die „Bild“-Zeitung sich häufig an Sie als unabhängige Energieexpertin, um eine Prognose zu bekommen. Wie läuft das ab? Führen Sie ein längeres Gespräch, in dem mehrere Szenarien angesprochen werden, und „Bild“ pickt sich dann eines heraus? Oder werden Sie direkt gefragt, auf welche Summe der Benzinpreis steigen könnte?

Claudia Kemfert
Professor Dr. Claudia Kemfert (38) ist Energieökonomin und Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt Universität Berlin.

Claudia Kemfert: Die „Bild“-Zeitung fragt, wie im übrigen viele andere Medien — Print, Hörfunk oder TV –, warum der Preis so hoch ist. Dies erkläre ich ausführlich: Der Ölpreis ist derzeit aus unterschiedlichen Gründen hoch. Neben hoher Nachfrage reichen die zusätzlichen Förderkapazitäten zur Abdeckung von Nachfragespitzen derzeit nicht aus. Allerdings ist Öl derzeit nicht knapp, es gibt genügend Öl am Markt. Auch denke ich nicht, dass der „peak oil“ Punkt, also der Punkt, wo das Ölangebot nicht mehr ausreicht, um die weltweit steigende Nachfrage zu decken, schon heute erreicht ist. Diesen erreichen wir frühestens in 10 Jahren. Der hohe Ölpreis hat zudem die Ursache, dass geopolitische Risikofaktoren überbewertet werden — also die Sorge vor Angebotsengpässen, zudem treiben die Spekulanten den Preis. Der Ölpreis ist heute nahezu bei 100 Dollar pro Barrel. Hätten wir einen „normalen“ Wechselkurs zum Dollar (1,20 Dollar), dann läge der Benzinpreis schon heute bei 1,90 Euro pro Liter Superbenzin. Die Spekulationsblase kann platzen, dann würde der Benzinpreis sinken. Allerdings deuten alle Faktoren darauf hin, dass der Benzinpreis eher steigt. Heute liegt der Benzinpreis bei 1,48 pro Liter Superbenzin. Meine Einschätzung ist damit sogar fast Realität geworden.

Für „Bild“-Leser sind Sie so was wie der Kachelmann der Benzinpreise. Ist das ein angenehme Rolle?

Ehrlich gesagt wäre ich lieber „Claudia Kleinert der Benzinpreise“. ;-) Scherz beiseite: Von der „Bild“ Zeitung werden stets viele andere kompetente Kollegen befragt, auch diese Einschätzungen werden regelmäßig in der „Bild“-Zeitung oder in anderen Medien veröffentlicht.

Seit Jahren prognostizieren Sie laut „Bild“ und „BamS“ immer wieder einen Benzinpreis von über 1,50 Euro. Dennoch liegen wir nach wie vor darunter. Woran liegt das? Sind solche Prognosen womöglich gar nicht so sinnvoll, weil man den Benzinpreis nicht voraussagen kann?

Sicherlich ist eine Vorhersage, wo genau sich der Ölpreis und Benzinpreis entwickelt, mit vielen Unsicherheiten behaftet. Derzeit werden alle von uns bekannten Marktmechanismen außer Kraft gesetzt, daher wird eine Einschätzung noch schwieriger. Meine Einschätzungen beruhen auf „wenn-dann“-Aussagen, die bestimmte Szenarien beinhalten, die eintreten können oder auch nicht. Als ich vor 2 Jahren zum ersten Mal sagte, dass die internationalen Daten belegen, dass der Ölpreis sich in Richtung 100 Dollar pro Barrel bewegen wird, wollte dies Keiner glauben. Derzeit haben wir einen Preis von nahezu 100 Dollar pro Barrel — meine Prognose war also richtig. Selbst das wichtigste internationale Kompetenzzentrum in Energiefragen –- die Internationale Energieagentur (IEA) — hat seine Daten und Angaben nun zweimal korrigiert — in die Richtung, die ich schon vor zwei Jahren vorausgesagt hatte. Sicherlich hätte diese Entwicklung auch später eintreffen können. Nur haben meines Erachtens die Kollegen stets die Nachfragesteigerungen unterschätzt — was nun endlich korrigiert wurde. Im Übrigen: ohne den schwachen Dollar hätten wird derzeit einen Benzinpreis von 1,90 /Liter Superbenzin und 1,50 wurde fast erreicht. Ich finde, das ist eine relativ präzise Einschätzung.

Kemfert in „Bild“ und „BamS“:
„Es ist wahrscheinlich, daß der Benzinpreis in den nächsten Wochen die 1,50-Euro-Marke pro Liter Normalbenzin durchbrechen wird.“
(„BamS“ vom 4.9.2005)
 
„(…) Wir rechnen für diesen Fall mit neuen Höchstständen an den Tankstellen von mehr als 1,50 Euro je Liter Super.“
(„BamS“ vom 5.2.2006)
 
„Der Preis für den Liter Super wird schnell auf 1,50 Euro steigen, wenn es keine Entspannung im Nahen Osten gibt!“
(„Bild“ vom 15.7.2006)
 
„Kommt es zu schärferen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran und zu Produktionseinbrüchen, kann der Ölpreis schnell wieder auf bis zu 75 Dollar je Barrel steigen. In der Folge könnte der Liter Super sogar 1,50 Euro kosten.“
(„BamS“ vom 7.1.2007)
 
„Der Preis für den Liter Normalbenzin wird klar über 1,40 Euro klettern, Diesel verteuert sich auf rund 1,20 Euro und Super auf deutlich über 1,50 Euro.“
(„BamS“ vom 6.5.2007)
 
Die Energieexpertin des DIW Instituts, Claudia Kemfert, hält sogar einen Preis von über 1,50 Euro pro Liter für möglich, sollte der starke Euro wieder schwächer werden.
(„Bild“ vom 20.10.2007)
 
„Der Dieselpreis wird in den nächsten Wochen bis auf 1,40 Euro pro Liter steigen, Super auf über 1,50 Euro.“
(„Bild“ vom 8.11.2007)

Im Juli 2006 sagten Sie der „BamS“: „Bei einem Preis von 100 Dollar pro Barrel über einen Zeitraum von sechs Monaten könnte der Benzinpreis nach der Mehrwertsteuer-Erhöhung auf 2,10 Euro ansteigen.“ Die „BamS“ machte daraus die Schlagzeile: „Kostet Super bald mehr als 2 Euro?“ War Ihnen wohl dabei? Oder direkt gefragt: Kostet Super bald mehr als zwei Euro?

Wenn der Dollar steigen sollte und der Ölpreis bei eben diesen 100 Dollar pro Barrel bleibt, dann wird der Benzinpreis auf 1,90 pro Liter Superbenzin steigen. Ich denke nicht, dass der Dollar so schwach bleiben wird und dass der Ölpreis auf einem derart hohen Niveau bleiben wird. Daher bleibe ich bei meiner Aussage, dass der Benzinpreis maximal 1,50 pro Liter Superbenzin erreichen wird — sollte er weiter steigen, werde ich eines Besseren belehrt.

Sinkende Benzinpreisen kommen in der „Bild“-Zeitung allenfalls in klitzekleinen Meldungen vor, und befragt werden Sie dazu auch fast nie. Entsteht so nicht ein verzerrtes Bild?

Ich werde zu jeglichen Preisentwicklungen oft befragt — nicht nur von der „Bild“-Zeitung, Sie haben in Ihrer Recherche übersehen und nicht erwähnt, dass es auch dazu eine Meldung in der „Bild“-Zeitung gab. Die „BamS“ machte daraus eine Schlagzeile: „Der Benzinpreis kann wieder unter 1 Euro sinken“ — Übrigens: Auch hier wurden einige Experten zitiert.

Inhaltlich laufen die „Bild“-Artikel meist auf die Forderung hinaus, die Mineralölsteuer zu senken und/oder die Ökosteuer abzuschaffen. Oder „Bild“ beschwert sich über die „Abzocke“ durch die Mineralölkonzerne. Halten Sie derartige Ansätze für sinnvoll?

Ein sehr hoher Benzinpreis hat negative Auswirkungen gerade für einkommensschwache Haushalte. Zudem steigen derzeit fast alle Energiepreise und teilweise auch Lebensmittelpreise drastisch an. Sollte die Belastung für die Volkswirtschaft insgesamt zu hoch sein, könnte es in der Tat eine Lösung sein, zumindest temporär die Steuern zu senken. Die Ökosteuer abzuschaffen halte ich allerdings für falsch. Aus den Einnahmen der Ölsteuer werden die Rentenbeiträge bezahlt. Eine Abschaffung der Ökosteuer könnte kaum aus anderen Beiträgen kompensiert werden, zumindest müssten die Bürger dann an anderer Stelle mehr zahlen. Alle Medien sprechen gern von „Abzocke“, wenn Mineralölkonzerne und Energieunternehmen Milliardengewinne ausweisen, und die „normalen Bürger“ derart stark belastet werden. Es ist nicht falsch, dass diejenigen Energiekonzerne, die die gesamte Kette von der Exploration bis hin zu Tankstelle kontrollieren, durch derart hohe Ölpreise satte Gewinne ausweisen können. Aber so funktioniert nun mal die Marktwirtschaft. Die Rolle der Medien ist immer kritisch zu sehen, sei es bei der Berichterstattung zu Benzinpreisen oder Klimawandel etc. Die Medien machen aus fast allem Horror- oder Katastrophenszenarien. Dies ist zwar schade, aber kaum zu ändern. Der substantielle Wissenschaftsjournalismus ist leider nur noch selten vorzufinden.

Der „Passauer Neuen Presse“ haben Sie erst im September in einem Interview gesagt, es werde höchste Zeit, dass der Umstieg vom Öl auf andere Energieträger organisiert werde. Außerdem warfen Sie der Automobilindustrie vor, alternative Antriebskonzepte zu wenig in den Fokus zu rücken. Hat die „Bild“-Zeitung Sie dazu eigentlich auch schon mal befragt?

Ich halte es auch für richtig, wir benötigen dringend eine „weg vom Öl“ Strategie. Hohe Energiepreise sind volkswirtschaftlich kaum zu verkraften, insbesondere für Entwicklungs- und Schwellenländer. Wir hätten schon längst alternative Kraftstoffe auf den Markt bringen können, die Technik ist vorhanden. Deutschland als „Land der Ingenieure“ kann hier einen substantiellen Beitrag leisten. Die „Bild“-Zeitung hat mich allerdings zu diesen energiepolitischen Einschätzungen bisher nicht befragt.

Kann man die regelmäßige „Bild“-Frage „wird Benzin noch teurer?“ nicht einfach pauschal mit „Ja, alles wird immer teurer. Was dachten sie denn?“ beantworten?

Nein, das ist nicht mein Stil, zudem stimmt es auch nicht, wie selbst die „Bild“-Zeitung ab und zu mal selbst feststellt. Nur weil manche Medien einfache Schlagzeilen brauchen, kann und sollte man auf keinen Fall derart plakativ und zudem eine Fehleinschätzung abgeben. Zwar drücken wir Wissenschaftler alles kompliziert und langatmig aus. Dennoch sollte eine Korrektur auf keinen Fall auf Kosten der inhaltlichen Präzision erfolgen.

(Wir haben das Interview auf ausdrücklichen Wunsch von Claudia Kemfert ohne jede Kürzung veröffentlicht.)
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