Archiv für April 12th, 2018

Gefährliche Suizid-Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de

Es ist eine wirklich positive Entwicklung: Wenn Redaktionen über Suizide berichten, dann binden sie inzwischen fast immer einen kleinen Kasten in ihre Artikel ein, in dem die Leserschaft die Internetadresse der „TelefonSeelsorge“ (telefonseelsorge.de) sowie die kostenlosen Telefonnummern (0800 – 111 0 111 und 0800 – 111 0 222) der Organisation finden kann.

In der heutigen Düsseldorf-Ausgabe der „Bild“-Zeitung gibt es auch einen solchen Kasten. Er ist überschrieben mit „Selbstmordgedanken? Hier bekommen Sie Hilfe“ und endet mit den Worten: „Unter der kostenlosen Hotline (…) erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.“ Wie gesagt: Das ist gut. Aber es ist fragwürdig, wie ernst die Redaktion es wirklich mit der Suizidprävention rund um ihre Berichterstattung meint.

Der Hinweis zur „TelefonSeelsorge“ gehört zu einem Artikel über einen 17-Jährigen, der sich das Leben genommen hat:

Ausriss Bild-Zeitung - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer - B. fuhr Passagiere ohne Führerschein. Als er aufflog, nahm er sich das Leben
(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Auch bei Bild.de erschien der Artikel, weit oben auf der Startseite:

Screenshot Bild.de - Als er aufflog, nahm er sich das Leben - Todesdrama um 17-jährigen Busfahrer B.

Der Junge hatte eine Ausbildung zum Busfahrer begonnen und ist — ohne den nötigen Busführerschein — reguläre Linienbusse mit Fahrgästen durch Wuppertal gefahren. Nach einigen Fahrten ist er aufgeflogen. Die „Wuppertaler Stadtwerke“ sollen laut „Bild“ daraufhin Schlüssel und Dienstausweis zurückgefordert und dem Jungen Hausverbot erteilt haben. Die „Bild“-Autorin schreibt dazu einen ausgesprochen bedenklichen Satz:

Bis ihn die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) bei einer seiner illegalen Touren erwischten. Da sah B(.) keinen Ausweg — und nahm sich das Leben.

Es gibt verschiedene Leitfäden für Medien, wie sie — wenn sie denn unbedingt wollen — am besten über Suizide berichten sollten. Denn seit Jahrzehnten zeigt sich, dass eine intensive Berichterstattung über Suizide zu weiteren Suiziden durch Nachahmer führen kann („Werther-Effekt“). Rücksichtslose Schlagzeilen und Artikel können Menschenleben kosten. Einer dieser Leitfäden stammt von der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ (PDF), ein anderer von der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ (PDF). In beiden Leitfäden wird vor einem solchen Satz, wie ihn „Bild“ und Bild.de heute veröffentlichen, gewarnt:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, zum Beispiel den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen beziehungsweise den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“)

… schreibt die „Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention“. Und die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ schreibt:

Nachahmung setzt Identifikation voraus. Diese Gefahr steigt, wenn der Suizid als nachvollziehbare Reaktion oder als einziger Ausweg bezeichnet wird

Der so wichtige Ausweg, den es so gut wie immer gibt und mit dem „Bild“ die Hotline der „TelefonSeelsorge“ bewirbt, fehlt im „Bild“-Beitrag komplett.

Und auch weitere Aspekte, die in den Medienleitfäden gennant werden, missachtet der Artikel:

  • Die „Bild“-Medien berichten groß und ausführlich und prominent platziert über den Fall (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn durch Titelgeschichten, Schlagzeilen und Fotos Aufmerksamkeit erregt wird“).
  • „Bild“ (im Blatt) und Bild.de (auf der Startseite) zeigen ein unverpixeltes Foto des Jungen, vermutlich mit Erlaubnis der Eltern. Jedenfalls hat die „Bild“-Autorin mit den Eltern gesprochen, Zitate der Mutter kommen im Artikel vor, genauso ein Foto der Eltern (im Leitfaden steht: „In der Berichterstattung sollte vermieden werden, ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren“).
  • Die „Bild“-Autorin nennt die Suizidmethode, den (anonymen) Ort sowie weitere Details zum Suizid (im Leitfaden steht: „Diese Gefahr steigt, wenn die Suizid-Methode detailliert beschrieben wird“).

Ja, es hat sich einiges verbessert bei der Berichterstattung über Suizide, auch bei den „Bild“-Medien. Es bleibt aber vieles, was sich noch verbessern muss.

Digitaldealer auf Entzug, Ahnungslos, Italiens Fußball-Hustinetten-Bären

1. Digitale Dealer auf Entzug
(freitag.de, Paul Lewis)
Der „Freitag“ hat einen längeren Aufsatz von Paul Lewis veröffentlicht, der das „Guardian“-Büro für die Westküste der USA leitet. Es geht um einige IT-Entwickler, die sich von den sozialen Medien abwenden. Darunter Leute wie Justin Rosenstein, der Facebooks Like-Button entwickelt hat, und Loren Brichter, der das „Pull-to-Refresh“ eingeführt hat und nun die Schattenseiten seiner Erfindung bereut. Der Digitalkonsum wird nicht nur pauschal mit Glücksspiel oder Drogenkonsum verglichen, sondern die Wirkweisen werden konkret erklärt. Und das ist erschreckend raffiniert und banal zugleich.

2. Wie jetzt, Mark? Zuckerberg spielt vor dem US-Senat den Ahnungslosen
(netzpolitik.org, Alexander Fanta)
„Netzpolitik.org“ hat die Anhörung des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress ausgewertet. Zuckerberg könne den Auftritt als Erfolg für sich verbuchen. Er hätte die Abgeordneten durch Tarnen und Täuschen wiederholt in die Irre geführt.
Weiterer Lesetipp: Die „Washington Post“ hat eine hübsche Zeitleiste montiert: 14 years of Mark Zuckerberg saying sorry, not sorry (washingtonpost.com, Geoffrey A. Fowler & Chiqui Esteban)

3. China zwingt muslimische Minderheit, Überwachungs-App zu installieren
(motherboard.vice.com, Joseph Cox)
Im Westen Chinas, in der Region Xinjiang, leben hauptsächlich muslimische Uiguren. Angehörige dieser ethnischen Minderheit wurden von der chinesischen Regierung nach Medienberichten gezwungen, das Spionage-Programm „JingWang“ auf ihren Handys zu installieren. Die App durchsuche das Handy nach „terroristischen und illegalen religiösen Videos, Bildern, E-Büchern und Dokumenten“.

4. Wie ein Bericht über „Fake News“ zu „Fake News“ führte
(wuv.de, Franz Scheele)
Viele amerikanische Medien haben sich darüber lustig gemacht, dass „Fox News“ für einen kurzen Moment versehentlich eine für sich nachteilige Grafik zum Thema Leservertrauen eingeblendet hat. Was dabei unterschlagen wurde: Die Grafik wurde wenig später durchaus eingeblendet. Franz Scheele hat den Vorfall aufgearbeitet und kommt zum Schluss, dass die betreffenden US-Medien damit die Ergebnisse einer Studie über „Fake News“ ungewollt bestätigt hätten.

5. Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel: Lokaljournalismus sollte nicht das Publikum erziehen wollen
(kress.de, Benjamin Piel)
Benjamin Piel spricht sich in einem Debattenbeitrag gegen „belehrenden“ beziehungsweise „erzieherischen“ Lokaljournalismus aus. Die Welt – selbst die kleine vor Ort – sei komplex und bestehe aus vielen Graustufen statt bloß aus Schwarz und Weiß. Deshalb sei das Publikum auch „dankbar, wenn es spürt, dass jemand sich die Mühe macht, die komplexe Realität anschaulich zwar, aber ohne Verhüllen des Komplizierten schildert. Es gibt fast nie nur eine Wahrheit, sondern viele Wahrheiten, die sich aus unterschiedlichen Wahrnehmungen der Wirklichkeit ergeben. Journalisten tun gut daran, diese Tatsache nicht zu verschleiern, das Publikum mündig zu machen statt es zu bevormunden.“

6. Wie sich Journalisten in Ekstase brüllen
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Italienische Fußballkommentatoren müssen sich nicht nur gut auskennen, sondern auch gut bei Stimme sein. Carolin Gasteiger hat drei Hörbeispiele herausgesucht, bei denen man spontan mit Kamille und Salbei gurgeln will. Wenn man sich nicht schon vorher eine Tüte Halspastillen in den Rachen geschüttet hat.