Archiv für März 20th, 2018

„Frivole Sex-Spiele an der Schule“: Wie „Bild“ sich am Missbrauch durch Lehrerinnen aufgeilt

Wenn sich ein Lehrer an einer minderjährigen Schülerin vergeht, finden die Leute von „Bild“ das bestialisch, widerwärtig, unverzeihlich.

Wenn sich eine Lehrerin an einem minderjährigen Schüler vergeht, finden sie das — megaheiß.

Ein Hammer-Body. Tolle Augen. Ein Bikini, der alle Blicke auf sich zieht! Welcher Schüler würde beim Anblick einer solchen Lehrerin nicht auf verbotene Gedanken kommen?

schrieben sie etwa 2014, als eine Lehrerin in den USA wegen 30-fachen Missbrauchs eines Schülers vor Gericht stand. Als im vergangenen Jahr eine andere Lehrerin in einem ähnlichen Fall angeklagt wurde, geierten sie:

Diese Kurvendiskussionen waren im Lehrplan sicher nicht vorgesehen: Mathelehrerin Erin [M.] (25) verführte gleich drei ihrer Schüler zum Sex.

Genüsslich breitet die Redaktion dann die „pikanten Details“ aus („‚Sie taten es irgendwann sogar mit Sex-Spielzeug, Lutschern und trugen Halsbänder’“) und beschreibt detailliert, wo und wie sie es „miteinander trieben“, sie zitiert aus den „heißen SMS“, zeigt Fotos der (gerne mit Attributen wie „schön“ oder „attraktiv“ versehenen) Lehrerinnen und nennt die Taten statt „Missbrauch“ viel lieber:

FRIVOLE SEX-SPIELE AN DER SCHULE | Er war erst 16! - Sex-Lehrerinnen haben flotten Dreier mit Schüler - Ein 16-jähriger Football-Star an der Schule - das törnte die Lehrerinnen wohl gehörig an: Nach dem Spiel kam's zum flotten Dreier! | Affäre mit Schülerin (15) - Sex-Lehrerin (26) muss in den Knast - Weil Lehrerin Emily Fox (26) ein Verhältnis mit ihrer Schülerin (15) hatte, schickte ein Richter sie jetzt für 15 Monate in den Knast.

„Frivole Sex-Spiele an der Schule“. „Flotter Dreier im Klassenzimmer“. „Die Schule als Sündenpfuhl“. So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern.

Diese Pornoisierung — und damit einhergehende Verharmlosung und sogar Aufwertung der Taten — zeigt sich schon an der Wahl der Begriffe. Während zum Beispiel männliche Täter, die ihre Schülerinnen oder Schüler missbrauchen, meist als „Kinderschänder“ bezeichnet werden (mehr zu diesem Begriff hier), nennt „Bild“ die übergriffigen Frauen immer nur „Sex-Lehrerinnen“. Sie „vergewaltigen“ auch nicht, sie „verführen“.

Sex-Lehrerinnen verführen Schüler (13)

Sex-Lehrerin verführte Schüler

Sex-Lehrerin verführt drei Schüler - Anklage!

Schüler (15) von Sex-Lehrerin verführt

Sex-Lehrerin (27) verführt Schüler (16)

Lehrerin (45) verführte 17-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (31) verführte Schülerin (17)

Lehrerin verführt Schüler (16)

Religions-Lehrerin (39) verführte 15-jährigen Schüler

Sex-Lehrerin (25) verführt Schüler (17)

Spanisch-Lehrerin verführt katholischen Schüler (15)

Sie verführte geistig behinderten Schüler

Sex-Lehrerin verführt Opfer mit Autos und Waffen

Sex-Lehrerinnen verführten Schüler am Strand

Und bei „Bild“ geht ihnen dermaßen einer ab bei solchen Geschichten, dass sie keine einzige davon auslassen.

Folgend eine Collage mit elf Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine einzige.

Folgend eine Collage mit elf weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

Keine. Einzige.

Folgend eine Collage mit 71 weiteren Sex-Lehrerin-Schlagzeilen

In den USA (aus denen die meisten dieser Fälle stammen) wird übrigens ein Großteil der sexuellen Übergriffe von Männern begangen — auch an Schulen. Von diesen Fällen liest man bei „Bild“ so gut wie nie.

Mit Dank an Moritz D., Christian M., Rudy, Sven, brian und roy für die Hinweise!

Siehe auch:

„Cambridge Analytica“, „RT“-Erfolg, Markworts „Stammtisch“-Aus

1. Cambridge Analytica: Mehrere Untersuchungen angekündigt, mögliche Billionenstrafe für Facebook
(heise.de, Martin Holland)
„Cambridge Analytica“ steht mal wieder im medialen Fokus. Die Datenanalysefirma, die mit Microtargeting bei Facebook angeblich Donald Trump ins US-Präsidentenamt gebracht haben soll, könnte über viel mehr Informationen zu viel mehr Facebook-Profilen verfügen als bisher bekannt — die Rede ist von 50 Millionen Nutzerkonten. Während die Erhebung der Daten wohl legal war, soll die Weitergabe an und die Nutzung durch „Cambridge Analytica“ illegal gewesen sein. All das kam nun raus, weil ein Whistleblower im „Guardian“ und bei der „New York Times“ ausgepackt hat. In seiner Geschichte spielen auch Trumps früherer Berater Steve Bannon und Russland eine wichtige Rolle. Jürgen Hermes hat sich auf Grundlage der aktuellen Entwicklungen noch einmal angeschaut, ob „Cambridge Analytica“ wirklich zur individuell passgenauen Beeinflussung fähig ist, und ist skeptisch. Die Enthüllungen rund um das Datenunternehmen gehen unterdessen weiter: Der britische Sender „Channel 4“ hat mit versteckter Kamera Vertreter von „Cambridge Analytica“ gefilmt, die behaupten, sie könnten Politikern mit Hilfe von Bestechung und ukrainischen Sexarbeiterinnen Fallen stellen und so Einfluss auf Wahlen nehmen.

2. Putins Propagandasender verbucht Erfolg in Deutschland
(welt.de, Martin Niewendick)
Der russische Propaganda-Sender „RT Deutsch“ komme „seinem Ziel näher, eine etablierte Größe in der deutschen Medienlandschaft zu werden“, schreibt Martin Niewendick. Das klappe auch, weil öffentlich-rechtliche Redaktionen den Chefredakteur des vom Kreml finanzierten Senders immer wieder in ihre Talkrunden einladen. Erst gerade habe Ivan Radionov bei „Phoenix“ eine Verschwörungstheorie zur Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter verbreiten können.

3. Mario Barth deckt auf: Stotterer-Witze nicht lustig
(ndr.de, Andrej Reisin)
Mario Barth hat in seiner RTL-Sendung „Mario Barth deckt auf“ den Leiter der Berliner Justizvollzugsanstalt Plötzensee nachgeäfft, der bei einer Pressekonferenz zu einem Gefängnisausbruch nach Worten ringt: „Da kommt selbst der Gefängnisleiter ins Stottern“, so Barth vor seiner Prodie. Nur: Der Anstaltsleiter hat tatsächlich eine körperlich bedingte Sprachstörung — er stottert. RTL will nun um Entschuldigung bitten.

4. Die AfD-Politiker sind der rassistischen Gruppe „Unser Deutschland patriotisch & frei” aktiv beigetreten, sagt der Administrator
(buzzfeed.com, Karsten Schmehl)
23 Bundestagsabgeordnete der AfD sollen Mitglied in einer rassistischen Facebook-Gruppe gewesen sein, in der es auch Hakenkreuz-Verherrlichung gab und Mordfantasien gegen Angela Merkel geäußert wurden. Die AfD verteidigte sich in einer Stellungnahme: mindestens 20 Mitglieder der Fraktion seien „ohne Kenntnis und Einverständnis“ zu „Unser Deutschland patriotisch & frei“ hinzugefügt worden. Der Administrator der Gruppe sagt nun: ein automatischer Beitritt ohne aktive Zustimmung ist gar nicht möglich.

5. Die EU verweigert uns Presseakkreditierung, weil wir keine Medienorganisation seien
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Ein Redakteur von Netzpolitik.org hat eine Jahresakkreditierung bei der EU beantragt, diese aber nicht bekommen. Die Begründung: der EU-Kommission „Netzpolitik“ sei keine Medienorganisation. Chefredakteur Markus Beckedahl und sein Team wollen sich „gegen diese Einschränkung der Pressefreiheit“ wehren.

6. Helmut Markwort muss seinen BR-„Stammtisch“ aufgeben
(dwdl.de, Alexander Krei)
Der ehemalige „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort will in die Politik: Bei der im Herbst stattfindenden Landtagswahl in Bayern steht er auf Listenplatz 32 der oberbayerischen FDP. Da laut einer Sprecherin des „Bayerischen Rundfunks“ eine „Kandidatur für ein politisches Amt und die Moderation einer Sendung im BR“ unvereinbar sei, muss Markwort die Moderation des „BR“-„Stammtischs“ aufgeben.