Archiv für Januar 31st, 2018

Gomringer-Gedicht: Wer ist hier der Tugendterrorist?

„Stoppt die neuen Tugendterroristen!“ fordert der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Peter Huth, in einem Kommentar, er wittert „Sprachpolizei“ und ruft zum Kulturkampf auf:

Der Versuch, Sprache um jeden Preis zu politisieren, Kunst dadurch zu brechen und in ein Korsett aus Political Correctness zu stopfen, ist in Wirklichkeit ein Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit.

Screenshot Welt.de - Sprachpolizei - Stoppt die neuen Tugendterroristen

Es geht um die Sache mit dem Gomringer-Gedicht, das an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule aufgemalt ist und das nach intensiven Diskussionen über einen unterstellten sexistischen Charakter, schulinternen Partizipationsprozessen und einer demokratischen Entscheidung des dafür zuständigen Gremiums jetzt durch andere, alle paar Jahre wechselnde Gedichte ersetzt werden soll.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Tugendterrorismus! Echt jetzt?

Angenommen, der Begriff „Tugendterrorismus“ wäre nicht dafür da, eine Debatte zu beenden, sondern eine zu führen, angenommen, er wäre kein Kampfbegriff, sondern ein Argument, wofür könnte es stehen?

Angenommen, es wäre so, dass es nicht nur Kunstfreiheit gibt, sondern auch die Freiheit jedes Einzelnen, ob Privatperson, Gruppe oder Institution, mit welcher Kunst er oder sie sich schmücken möchte.

Angenommen, weder Sexismus noch Tugend noch Kunst wären Dinge, die in einer offenen Gesellschaft fest definiert sind, sondern einer permanenten Entwicklung, einer permanenten Auseinandersetzung bedürfen.

Angenommen, es gäbe Dinge, die für die einen nicht sexistisch sind, es für die anderen aber sehr wohl sein könnten. Angenommen, eher jüngere Menschen könnten auf Sexismus eine andere Perspektive haben als eher ältere. Und viele Frauen eher eine andere als viele Männer.

Angenommen, die demokratische Entscheidung einer Hochschule darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, wäre eine Entscheidung darüber, wie sie mit Kunst und Sexismus umgehen möchte, und nicht darüber, wie die Gesellschaft Kunst oder Sexismus zu betrachten hat.

Angenommen, es gäbe diese Freiheit. Und nicht eine festgelegte Tugend, die eine Abweichung direkt zum „Generalangriff auf unsere Kultur und damit auf unsere Freiheit“ erklärt. Und angenommen, wirklich nur mal ganz kurz angenommen, „Tugendterrorist“ wäre ein Begriff, der wirklich etwas diskutieren wollte.

Wer wäre dann der Tugendterrorist?

Selbstenthüllung, Kinderbastelstunde, Schelte und Replik zur Causa „Wedel“

1. Matthias Matussek enthüllt selbst erfundenen Skandal der Flüchtlingspolitik
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Es ist eine Entwicklung, die einen etwas ratlos macht: Matthias Matussek, der früher in leitenden Positionen bei „Spiegel“ und „Welt“ tätig war, scheint dauerhaft ins Verschwörungslager gewechselt zu sein. Aktuell verbreitet er die Behauptung, hinter der Aufnahme von Flüchtlingen stecke in Wahrheit ein groß angelegtes und lang geplantes Programm des Bevölkerungsaustausches in Mitteleuropa. Natürlich von den Medien absichtlich verschwiegen oder um es im Matussekschen-Lügenpresse-Deutsch auszudrücken: „Diese öffentlich verifizierbaren Fakten werden uns seitens der -vermeintlich- mehrheitlich qualitätsorientiert arbeitenden Traditions-Verlage und der öffentlich-rechtlichen Sender seit längerem überwiegend vorenthalten, trotz höchstrichterlich geschützter Meinungsbildungsfreiheit und deren Grundvoraussetzung eines mehrheitlich qualitätsorientierten Journalismus.“ Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat sich mit Matusseks Argumentation auseinandergesetzt und erklärt die Denkfehler und falschen Schlüsse (und wird deswegen von Matussek auf Twitter auf eine verstörend peinliche Art angegangen).

2. „Man kommt sich vor wie in einem Krimi“
(deutschlandfunk.de, Brigitte Baetz, Audio, 6:19 Minuten)
Dass die systematischen Dopingpraktiken in Russland aufgedeckt werden konnten, ist vor allem einem Whistleblower zu verdanken: Grigori Rodschenkow, dem ehemaligen Leiter des russischen Dopingkontrolllabors. Der hat nämlich spektakulär die Seiten gewechselt und ausgepackt. Nun hat die Deutschlandfunk-Journalistin Andrea Schültke den Kronzeugen Rodschenkow interviewt. Die Bedingungen dafür waren schwierig: Der Whistleblower fürchtet um sein Leben und befindet sich im Zeugenschutzprogramm in den USA. Zwei seiner früheren Kollegen sollen ums Leben gekommen sein, „einer unter mysteriösen Umständen“.

3. Medien 2018: Eine Scheinwende und das Ende des Videowahns
(universal-code.de, Christian Jakubetz & Thomas Knüwer)
Wenn zwei Medienexperten aufeinandertreffen: Christian Jakubetz hat sich mit Thomas Knüwer über die zukünftigen Entwicklungen auf dem Medienmarkt unterhalten. Geht der Video-Boom zu Ende? Erleben Facebook und Snapchat ein eher ungemütliches Jahr? Und fallen deutsche Zeitungsverlage auf eine „Scheinwende“ herein? Das unterhaltsame Gespräch liegt als Transkript zum Lesen und als Audiomitschnitt zum Mitnehmen und Anhören vor.

4. Die Hass-Produktionsstrasse: Innenansichten aus einer rechten Trollfabrik.
(fearlessdemocracy.org, Kai Heiderich)
Kai Heiderich beschreibt anhand konkreter Beispiele wie in rechten Zirkeln Bilder von politischen Gegnern für Hetzkampagnen manipuliert werden und kommentiert. : „…diese Form von Digital-Mobbing/Manipulation ist kollektives Storytelling. Es wirkt wie eine Kinderbastelstunde, bei der sich die lieben Kleinen ihre selbstgemalten Machwerke zeigen und dann austauschen. Nur dass die malenden Kinder die sind, die Lügenpresse schreien, während sie es selbst komplett in Ordnung finden, den Hass durch Bildmanipulationen weiter zu schüren.“

5. Einspruch, Herr Fischer! Die Replik einer Jura-Professorin auf die Medientribunal-Schelte im Fall Wedel
(meedia.de, Elisa Hoven)
Der frühere Bundesrichter und „Zeit“-Kolumnist Thomas Fischer hat unlängst die Berichterstattung der „Zeit“ im Fall Dieter Wedel kritisiert. Von einem „selbsternannten Geheim-Tribunal“ war die Rede und und Fehlern in der Beweiswürdigung und Beweisführung. Dem widerspricht nun Elisa Hoven, Jura-Dozentin an der Universität Köln und freie Autorin der „Zeit“. Der Tenor: Fischer ziehe falsche Schlüsse, da er von falschen Prämissen ausgehe. In der Kommentarsektion treffen die unterschiedlichen Ansichten der Juristen dann direkt aufeinander.

6. Die Algorithmen nerven, ich will die Chronologie zurück!
(futurezone.at, Claudia Zettel)
Claudia Zettel ist genervt von der Auswahl an Beiträgen, die die Sozialen Netzwerke ihr in der Timeline ausspielen und wünscht sich die Chronologie zurück: „Ich weiß schon, die Firmen und ihre Geschäftsmodelle und der Kampf um die Aufmerksamkeit und eigentlich soll doch das alles unser Leben besser machen, usw. Und dann könnte man noch Listen erstellen und dann könnte man diesen oder jenen Work-around versuchen. Aber am Ende ist es doch so: Die Algorithmen schlagen zurück. Da kann ich noch so oft meinen Facebook-Feed auf „Most Recent“ stellen, wenn ich das nächste Mal komme, zeigt man mir doch wieder die sogenannten „Top Stories“ an.“
Weiterer Lesetipp: „Das Blumenkübelnetzwerk“ („SZ“, Eike Kühl) über Facebooks Absicht den Nutzern mehr Lokalnachrichten anzuzeigen, „weil sie das fröhlicher stimme“.