Archiv für Januar 25th, 2018

„Bild“ macht aus mutmaßlichen Opfern „vermeintliche Opfer“

Fangen wir ganz einfach und der Sache völlig unangemessen an: Wenn ein Junge ein vorbeifahrendes Auto sieht und denkt, es handelt sich um einen Opel, und zu seiner Mutter sagt: „Mama, da ist ein Opel“, und die Mutter dann hinschaut und sieht, dass es gar kein Opel ist, sondern ein BMW, dann könnte man sagen: Der vermeintliche Opel war in Wirklichkeit ein BMW.

Es geht um das Wort „vermeintlich“. In aller Regel deutet es auf eine Situation hin, in der irrtümlich etwas angenommen wird: Das vermeintliche Schnäppchen war tatsächlich gar kein Schnäppchen. Das vermeintliche Churchill-Zitat stammt gar nicht von Churchill. Und so weiter.

Schreibt eine Redaktion von „vermeintlichen Opfern“ eines bekannten deutschen Regisseurs, dann legt sie sich damit fest, dass die erhobenen Vorwürfe nicht stimmen. Sie legt sich fest, dass die Frauen lügen, die Dieter Wedel derzeit beschuldigen, sie gedemütigt, misshandelt, vergewaltigt zu haben.

Heute in „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Drei Wochen, nachdem im Zeit-Magazin vier Frauen schwere Vorwürfe gegen Star-Regisseur Dieter Wedel (75) wegen Machtmissbrauchs, sexueller Belästigung und Vergewaltigung erhoben haben, gibt es nun neue Anschuldigungen. In einem dreiseitigen Zeit-Dossier kommen vier weitere vermeintliche Opfer und Schauspieler Michael Mendl (73) zu Wort.

Bereits gestern Abend bei Bild.de:

In einem dreiseitigen „Zeit“-Dossier kommen vier weitere vermeintliche Opfer und Schauspieler Michael Mendl (73) zu Wort.

Ist das nun Wortklauberei? Finden wir nicht. Wenn Frauen sich in vielen Fällen nicht trauen, über sexuelle Gewalt zu sprechen oder Vergewaltigungen anzuzeigen, weil sie Angst haben, dass man ihnen nicht glauben könnte; weil sie Angst haben, dass man sie nur als „vermeintliche Opfer“ sehen könnte, ist eine Formulierung wie die der „Bild“-Medien Gift.

Ist das nun einfach nur fehlende Genauigkeit bei der Wortwahl des anonymen Autors? Könnte sein. Jedenfalls hat Bild.de die Stelle inzwischen in „vier weitere mutmaßliche Opfer“ geändert. Aber warum darf bei den „Bild“-Medien jemand über ein solch heikles Thema schreiben, der den Unterschied zwischen „vermeintlich“ und „mutmaßlich“ nicht kennt?

Das Ende des „Bild“-Artikels über die neuen Anschuldigungen gegen Dieter Wedel ist ebenfalls bemerkenswert. Sowohl online als auch in der Print-Version gibt es diesen „Hinweis“:

Screenshot Bild.de - Hinweis der Redaktion - Bild hält die schweren Vorwürfe gegen Dieter Wedel für ausreichend plausibel, um umfangreich darüber zu berichten. Dennoch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein großer Teil dieser Vorwürfe juristisch verjährt ist und Dieter Wedel deswegen nicht die Möglichkeit erhalten wird, sich in einem ordentlichen Gerichtsverfahren dagegen zu verteidigen. Nach journalistischen Standards halten wir es für gerechtfertigt, über die Vorwürfe zu berichten, die in der Zeit von zahlreichen Zeugen erhoben werden. Bisher hat Dieter Wedel alle Anschuldigungen bestritten. Es steht Aussage gegen Aussage.

Ein paar Gedanken zu dieser bis dato einmaligen Aktion:

  • Ein solcher Kasten wäre in vielen, vielen Fällen, in denen „Bild“ und Bild.de Menschen schon lange vor „ordentlichen Gerichtsverfahren“ vorverurteilt haben, angebracht gewesen. Stattdessen haben „Bild“-Mitarbeiter üble Kampagnen gestartet und auf „journalistische Standards“ keinerlei Wert gelegt.
  • Es ist schon interessant, wie die „Bild“-Redaktion den Umstand der Verjährung nicht als Problem der Frauen beschreibt, die nun nicht mehr rechtlich gegen Dieter Wedel vorgehen können, sondern als Problem Wedels, der sich nun nicht mehr verteidigen könne.
  • Und natürlich kann Dieter Wedel sich gegen die Vorwürfe juristisch verteidigen. Die angeblichen Taten, die ihm vorgeworfen werden, mögen zum größten Teil verjährt sein, wenn auch nicht alle. Die Anschuldigungen aber stammen von heute. Wenn Wedel sich gegen sie wehren möchte, beispielsweise wegen Verleumdung, kann er das tun.

Drogen-Doku, Facebook-Klage, Fake-News-Spezialist Franziskus

1. Drogen-Doku: Mit Kamera und Polizei zum Dreh
(ndr.de, Aimen Abdulaziz-Said)
Eine „Sat-1“-Reporterin hat sich undercover in ein illegales Psycholyse-Seminar geschlichen, bei dem es um Heilung durch den Konsum harter Drogen ging. Vorher hat sie jedoch der Polizei einen Besuch abgestattet und von ihren Recherchen und ihrem Vorhaben berichtet. Man einigte sich auf eine Zusammenarbeit zum beiderseitigem Vorteil: Im Gegenzug für die spektakulären Aufnahmen von der Razzia hätte die Reporterin versprochen, der Polizei das Drehmaterial zur Verfügung zu stellen. Die Ermittler hätten im Gegenzug Diskretion bis zur Ausstrahlung des Films zugesichert. Die Medienrechtlerin Dorothee Bölke kritisiert den Deal: „Wenn das Schule macht, was wir in diesem Beitrag gesehen haben, diese Form der Zusammenarbeit, verliert Presse Glaubwürdigkeit“.

2. „Facebook weiß, wer wie lange welchen Porno anschaut“
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Seit sieben Jahren klagt der Österreicher Max Schrems gegen Facebook. Schrems wirft dem Unternehmen mangelhaften Datenschutz vor und fügte dem Social-Media-Riesen 2015 bereits eine empfindliche Niederlage bei. Jetzt treffen sich David und Goliath erneut vor dem höchsten EU-Gericht. Im Interview erklärt Schrems, worum es in dem Verfahren geht und warum er auch nach sieben Jahren nicht müde wird, Facebook zu verklagen.
Weiterer Lesetipp: „Besser mit dem Bösen rechnen“ (spiegel.de, Patrick Beuth).

3. Mut, Hass, Zusammenbrüche: Was bleibt nach fünf Jahren #aufschrei?
(broadly.vice.com, Yasmina Banaszczuk)
Vor fünf Jahren starteten Anne Wizorek, Jasna Strick und Nicole von Horst einen Hashtag, der wesentlichen Einfluss auf die Feminismus-Debatte hatte: #aufschrei. Yasmina Banaszczuk hat die drei Frauen zum Interview getroffen. Im Gespräch ging es unter anderem darüber, inwieweit die Aktion das Leben der Initiatorinnen veränderte und was sie womöglich heute anders machen würden.

4. Don’t be stupid: Die Twitter-Leitlinien der Deutschen Presse-Agentur
(kress.de, Froben Homburger)
Froben Homburger, Nachrichtenchef der „Deutschen Presse-Agentur“ hat im internen Blog „dpa think“ Leitlinien zur Twitter-Benutzung von „dpa“-Mitarbeitern aufgestellt. Darin geht es auch um etwaige Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Unternehmens: „Natürlich sollt Ihr Euren Arbeitgeber nicht verheimlichen, aber: Wer sich in seinem Profil mit dem Kürzel schmückt, muss ganz besonders berücksichtigen, dass jeder Tweet direkt mit dpa in Verbindung gebracht werden kann. Und da spielt es auch keine Rolle, ob Ihr Eurem Account das „Bin hier privat unterwegs“-Schild umhängt oder nicht. Im Gegenteil: Der „Privat“-Disclaimer gaukelt im Zweifel eine in Wahrheit trügerische Sicherheit vor und verführt zum twitternden Leichtsinn. Wenn Ihr Euch nicht hinter Fake-Accounts versteckt, ist Privatheit im digitalen Leben immer nur relativ.“

5. Leiden Frauen oder Männer?
(faz.net, Patrick Bernau)
Am Samstag schrieb die „FAZ“ nach einem Interview mit dem Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey: „Computer kosten vor allem Männer ihre Stellen“. Zwei Tage später schrieb der „Spiegel“: „Digitalisierung gefährdet vor allem Jobs von Frauen“. Wie konnte es zu diesen gegensätzlichen Überschriften kommen? „FAZ“-Redakteur Patrick Bernau erklärt den Fall und versucht die Aussagen miteinander zu versöhnen.

6. »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32). Fake News und Journalismus für den Frieden
(press.vatican.va, Papst Franziskus)
Papst Franziskus hat sich in einer offiziellen Nachricht zum Thema „Fake News“ geäußert, die es zu bekämpfen gelte. Als ersten Fake-News-Verbreiter sieht er die biblische Schlange an, die mittels Desinformation den ersten Sündenfall ausgelöst habe. Ein Narrativ, das man wohl zu den „alternativen Fakten“ zählen kann, aber vielleicht wollte der Stellvertreter Gottes ja auch nur Gleiches mit Gleichem bekämpfen.