Archiv für Januar 8th, 2018

„Bild“-Medien lassen Flüchtlinge durch Deutsch-Tests fallen

Schaut man sich diese Überschrift aus der „Bild am Sonntag“ von gestern an …

Ausriss Bild am Sonntag - Nach 1300 Unterrichtsstunden - vier von fünf Flüchtlingen fallen bei Deutsch-Test durch

… könnte man ja meinen, dass „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihren Deutsch-Tests durchfallen.

So ist es aber nicht. Es sind nicht 80 Prozent, sondern deutlich weniger. Für „Bild“-Chefchef Julian Reichelt ist die falsche „BamS“-Zeile einfach nur „schlecht formuliert“. Für rechte und rechtsextreme Kräfte ist sie eine tolle Vorlage für ihre Stimmungsmache.

Doch der Reihe nach. Gestern schrieben „Bild am Sonntag“ und Bild.de über die „Integrationskursgeschäftsstatistik“ des „Bundesamts für Migration und Flüchtlinge“ („BAMF“), in der es auch um Zahlen zu Deutsch-Kursen für Geflohene geht. Online lautete die Titelzeile ganz ähnlich:

Screenshot Bild.de - Nach 1300 Unterrichtsstunden - vier von fünf Flüchtlingen fallen bei Deutsch-Test durch

Bei Bild.de befindet sich der Artikel hinter der Paywall, was schade ist, weil dadurch viele Bild.de-Besucher nur die falsche Überschrift lesen konnten und nicht den Text, in dem unter anderem steht:

Laut aktueller Bamf-Zahlen besuchten allein im ersten Halbjahr 2017 rund 43 000 Menschen einen speziellen Integrationskurs für Analphabeten (…).

Brisant: Trotz extra kleiner Lerngruppen und bis zu 1300 Unterrichtsstunden sprechen vier von fünf Flüchtlingen danach immer noch so schlecht Deutsch, dass sie nicht einmal einen Helfer-Job bekommen oder eine Ausbildung machen können. Das Sprachniveau B1 (…) erreichen in den Analphabeten-Kursen gerade mal 17 Prozent der Teilnehmer, wie das Bamf auf Anfrage bestätigt. (…)

Nicht besser sieht es bei den normalen Integrationskursen aus, also ohne Analphabeten. Insgesamt schafft bloß jeder zweite Teilnehmer den B1-Test.

Nur mit einem „Bild plus“-Abo erfährt man also, dass gar nicht „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die Analphabeten sind, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Das ist gleich ein doppelter Unterschied: Es geht weder um alle Flüchtlinge noch um die Frage „bestehen oder nicht bestehen?“, sondern darum, ein gewisses Niveau beim Bestehen zu erreichen.

Tatsächlich haben laut „BAMF“-Statistik (PDF) im ersten Halbjahr 2017 126.868 von insgesamt 165.997 erstmaligen Integrationskurs-Teilnehmern den „Deutsch-Test für Zuwanderer“ bestanden, allerdings mit unterschiedlichen Sprachniveaus (53,9 Prozent mit B1-Niveau, 37,6 Prozent mit A2-Niveau, 8,5 Prozent unter A2-Niveau — zu den verschiedenen Sprachniveaus gleich mehr). Rund 76 Prozent der Teilnehmer haben also einen Abschluss hinbekommen und nicht — wie in der „BamS“-Schlagzeile behauptet — nur 20 Prozent.

Doch mal abgesehen von der falschen Zahl, die die Redaktionen von „Bild am Sonntag“ und Bild.de prominent platziert haben: Sind die 17 Prozent der Alphabetisierungskurs-Teilnehmer, die das Sprachniveau B1 erreicht haben sollen, wirklich „ernüchternd“, wie „BamS“ schreibt?

Der „Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen“ gibt verschiedene „Kompetenzniveaus“ beim Erlernen von Sprachen vor. Es gibt sechs verschiedene Stufen: A1 (Einstieg), A2 (Grundlagen), B1 (Mittelstufe), B2 (gute Mittelstufe), C1 (fortgeschrittene Kenntnisse), C2 (exzellente Kenntnisse). In den deutschen „Integrationskursen mit Alphabetisierung“, auf die sich „BamS“ und Bild.de beziehen, sitzen einerseits Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben können, und andererseits Menschen, die zwar lesen und schreiben können, aber nicht in lateinischen Buchstaben. Das Ziel dieser Kurse ist daher keineswegs, das „Mittelstufe“-Niveau B1 zu erreichen. In seinem „Konzept für einen bundesweiten Alphabetisierungskurs“ (PDF) hat das „BAMF“ die Ziele wie folgt beschrieben:

Für einen großen Teil der Lernenden wird das Sprachniveau A2.2 als realistisches Ziel erachtet. (…)

Für Teilnehmende in der Gruppe der primären Analphabeten ohne „Stifterfahrung“ wird das Erreichen des Sprachniveaus A2.1 als realistisches Ziel erachtet. (…)

Für einzelne Teilnehmende (…) ist ein sprachliches Ziel oberhalb des Niveaus A2.2 möglich.

„Einzelne Teilnehmende“ könnten laut „BAMF“ also B1 erreichen. Im ersten Halbjahr 2017 waren es laut „BamS“ und Bild.de immerhin 17 Prozent.

Aber zurück zur falschen Schlagzeile. Der „Bild plus“-Artikel, über dem sie stand, war gestern „meistgeklickt“:

Screenshot Bild.de - Meistgeklickt Bild plus - 4 von 5 Flüchtlingen bestehen Deutsch-Test nicht

Und die falschen „4 von 5 Flüchtlingen“ verbreiteten sich wie wild. FAZ.net hat sie abgeschrieben:

Screenshot FAZ.net - BAMF - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen Deutsch-Test nicht

Genauso die „B.Z.“:

Screenshot bz-berlin.de - Bundesamt: 4 von 5 Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

prosieben.de:

Screenshot prosieben.de - Hindernis für erfolgreiche Integration - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

sat1.de:

Screenshot sat1.de - Hindernis für erfolgreiche Integration - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

„Epoch Times“:

Screenshot Epoch Times - Vier von fünf Zuwanderern schaffen Deutschtest nicht – keine Jobaussichten

Auch bei „Focus Online“ tauchte die Zeile auf, bei nordbayern.de, wobei die zwei Portale sie inzwischen korrigiert haben. Bei Welt.de schafft „nur einer von fünf Analphabeten“ den Deutsch-Test, was ebenfalls falsch ist, denn rund einer von fünf Teilnehmern der Alphabetisierungskurse erreicht das Niveau B1. Es gibt aber weitere Teilnehmer, die den Test mit einem anderen Niveau bestehen.

Dem Publizisten Hugo Müller-Vogg fiel in seiner Ahnungslosigkeit auch was ein:

Und natürlich sprangen die AfD und ihre Fans auf den in die falsche Richtung fahrenden Zug der „Bild“-Medien, der „FAZ“, der „Welt“ auf:

Bei Bild.de haben sie die Überschrift inzwischen in „Flüchtlinge haben Probleme bei Deutsch-Test“ geändert. Die erste Version war laut „Bild“-Oberchef Julian Reichelt einfach nur „schlecht formuliert“.

Mit Dank an Sandra M. und Kai L. für die Hinwiese!

„Bild“ fällt auf Satire-Nahles rein

Rolf Kleine ist bei „Bild“ der Experte für die SPD. Und was für einer! Er wusste vor allen anderen falsch, dass Frank-Walter Steinmeier nicht als Bundespräsident kandidieren wird (was dieser dann tat). Kleine wusste ebenfalls vor allen anderen falsch, dass Sigmar Gabriel als SPD-Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl antritt (was dieser dann nicht tat).

Gut, man kann ja mal danebenliegen, es ist schon ziemlich peinlich gleich zweimal derart danebenzuliegen. Aber Rolf Kleine, immerhin leitender „Bild“-Politik-Redakteur und einst Sprecher von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Bundestagswahlkampf 2013, wird es doch wenigstens hinbekommen, einen Twitter-Account einer SPD-Politikerin von einem Satire-Twitter-Account über eine SPD-Politikerin unterscheiden zu können? Wird er doch, oder? Oder?

Nein.

Kleine heute in „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung Überschrift - In der SPD-Zentrale - Groko-Gespräche bei Kartoffelsalat, Würstchen und saulahmem Internet
Ausriss Bild-Zeitung - Erstaunlich: Die vereinbarte Vertraulichkeit hielt den ganzen Tag, auch an das Twitter-Verbot hielten sich die Sondierer. SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles beklagte sich nur einmal über saulahmes Internet

Und auch bei Bild.de schrieb Rolf Kleine über die vermeintliche Nahles-Aussage:

Screenshot Bild.de - Erstaunlich: Die vereinbarte Vertraulichkeit hielt den ganzen Tag, auch an das Twitter-Verbot hielten sich die Sondierer. SPD-Fraktionschefin Andreas Nahles beklagte sich nur einmal über saulahmes Internet

Tatsächlich gab es gestern einen Tweet, der das angeblich „saulahme Internet“ bei den Sondierungsgesprächen thematisierte:

Screenshot Twitter - Saulahmes Internet hier! Danke, Dobrindt! Hashtag Sondierungen

In der sogenannten Twitter-Bio des Accounts @FraktionsNahles steht:

Hier twittert die Chefin der SPD-Bundestagsfraktion. Zukünftige Kanzlerin und Twitterkönigin. ACHTUNG: Satire.

Immerhin: Das mit der Kartoffelsuppe und den Würstchen hat Rolf Kleine korrekt hinbekommen.

Nachtrag, 13:26 Uhr: „Bild“-Oberchef Julian Reichelt findet den Fehler „wirklich ärgerlich“ (übrigens auch schon, bevor wir hier darüber geschrieben haben), hat den Bild.de-Artikel korrigieren lassen und verspricht auch eine Korrektur in der morgigen „Bild“-Ausgabe.

Branchenkrankheit Übergriffigkeit, Ausblick, Trödelshow-Dauerschleife

1. „Das ist nicht die Schuld von den Frauen, die Branche funktioniert so“
(deutschlandfunkkultur.de, Eckhard Roelcke)
Zehn überaus lehrreiche Minuten: Die Schauspielerin Maren Kroymann erklärt bei „Deutschlandfunk Kultur“, warum Theaterszene und Filmwirtschaft so anfällig für sexuelle Übergriffe sind (im Artikel auf die Schaltfläche „Hören“ klicken).

2. Schlank in drei Tagen?
(sueddeutsche.de, Werner Bartens)
Einem Ritus folgend, überschlagen sich die Frauen- und People-Magazine zu Beginn des Jahres mit Diät-Titeln und Abnehmtipps. Werner Bartens kommentiert die publizistische Schlankmachmanie: „Nur in Spurenelementen findet sich in den Diät-Heften die Erkenntnis, dass es tatsächlich gesund sein kann, so zu bleiben, wie man ist. Denn bei den Wenigen, die tatsächlich abnehmen, schlägt fast immer der Jojo-Effekt zu. Nach spätestens einem Jahr sind zwei Drittel der verlorenen Kilos wieder drauf, dann folgt der Rest. Aber da gibt es dann schon die neuen Diäthefte.“

3. Da kommt was auf uns zu
(taz.de, Anne Fromm)
Die „taz“-Medienredakteurin Anne Fromm wagt einen Blick in die Medienzukunft. 2018 werde ein wichtiges Jahr für die Branche: Für Verlage und Sender werde es darum gehen, die eigene Blase zu durchstechen, Journalismus besser zu verpacken, die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen zu regeln und dafür zu sorgen, dass Redaktionen bunter und weiblicher werden.

4. „Vermutung der freien Rede zugunsten der Löschung unterlaufen“
(welt.de, Christian Meier)
Seit dem 1. Januar gilt das Gesetz gegen Hassrede in Sozialen Netzwerken, das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ (NetzDG). Im Gespräch mit der „Welt“ erklärt Medienrechtler Tobias Gostomzyk, warum es so fehleranfällig ist und wovon die Strafbarkeit eines Postings abhängt. Mit seiner Kritik an dem Gesetz sei er nicht allein: „Inzwischen sind nach meiner Zählung über 20 Aufsätze zum NetzDG erschienen. Die allermeisten Autorinnen und Autoren halten das NetzDG ausdrücklich für verfassungswidrig und beziehungsweise oder europarechtswidrig. Soviel Eintracht unter Juristen ist selten.“

5. Strafe für Produzenten wegen Tod von Stuntman
(faz.net)
In letzter Zeit gab es bei amerikanischen Kino- und Fernsehproduktionen einige, teilweise tödliche Unfälle. Nun hat die amerikanische Behörde für Arbeitssicherheit (OSHA) eine Produktionsfirma nach dem Tod eines Stuntmans mit der maximal dafür vorgesehenen Höchststrafe belegt. Als „Weckruf“ für die gesamte Filmbranche. Ein Weckruf, der jedoch mit etwa 10.000 US-Dollar vergleichsweise leise ausfällt.

6. Wie das ZDF seine Programme mit altem Trödel vollrümpelt
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Es sind unglaubliche Zahlen, von denen Stefan Niggemeier berichtet: Das ZDF hat im vergangenen Jahr 1211 Folgen der Show „Bares für Rares“ ausgestrahlt. Das entspricht einer Sendezeit von fünf Wochen, vier Tagen und 15 Stunden. Damit sei die Trödelshow fast schon in der Liga der Sendungen, die Privatsender wie ProSieben in Dauerschleife zeige: „Big Bang Theory“ sei dort im vergangenen Jahr 2500-mal gelaufen, „Two and a Half Men“ knapp 2400-mal.