Archiv für Dezember 14th, 2017

Bild.de dreht Astronomen Alien-Raumschiff im Mund herum

Nein, alte Weltraumforscher und Alien-Fans von Bild.de.

Screenshot Bild.de - Astronom sicher - Asteroid ist Alien-Raumschiff mit kaputter Steuerung

Nein. Jason Wright, der Astronom, den ihr in eurem prominent platzierten Artikel zitiert und der es in eure Titelzeile geschafft hat, ist sich nicht sicher, dass es sich bei dem kürzlich entdeckten interstellaren Objekt Oumuamua um ein „Alien-Raumschiff“ handelt. Im Gegenteil. Jason Wright ist sich sogar ziemlich sicher, dass es sich nicht um ein „Alien-Raumschiff“ handelt. Ihr habt das nur nicht verstanden oder falsch abgeschrieben, vermutlich von den Knallblattkollegen der „Daily Mail“, oder beides.

Im eurem Artikel steht dazu:

Einer, der sich schon jetzt sicher ist, dass es sich bei Oumuamua um ein Alien-Raumschiff handelt, ist Dr. Jason Wright von der Penn State University. Der Wissenschaftler glaubt, dass das Objekt aufgrund einer kaputten Steuerung schlingert.

Wright schreibt in seinem Blog: „Da es (vermutlich) nicht mehr die Kontrolle über die Steuerung hat, kann man erwarten, dass es irgendwann anfängt abzustürzen. Wenn das Objekt starr ist, könnte das durch die kaputten Motoren hervorgerufene Taumeln sie von normalen interstellaren Asteroiden unterscheiden.“

Dass die Steuerung defekt ist, heiße noch lange nicht, dass auch der Funk nicht mehr funktioniere. Wright glaubt, dass es sich um eine so genannte „Von-Neumann-Sonde“ handeln könnte — ein sich selbst replizierendes Raumfahrzeug (so die Vorstellung in der Theorie), das Sternensysteme besucht.

Jason Wright schreibt all das tatsächlich in seinem Blog. Nur dass er im Fall von Oumuamua nicht daran glaubt — die (direkten und indirekten) Zitate hat Bild.de völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Wright hat seinem Blogpost, aus dem sie stammen, extra eine entscheidende „note“ vorangestellt:

[note: As I wrote in November, I don’t think ‘Oumuamua is an alien spacecraft. While other astronomers have made that suggestion, and while I’m happy to engage in such speculation in a SETI context, I think ‘Oumuamua is interesting in its own right as an asteroid and because of how it is getting us thinking about how to find alien probes in the Solar System.]

Noch klarer wird Wrights Position zu Oumuamua, wenn man sich den von ihm erwähnten Beitrag aus dem November anschaut:

Screenshot des Blogs von Jason Wright - Is Oumuamua an Alien Spacecraft? No, I don't think there's any reason to think it is, but there's lots of chatter on Twitter that suggest astronomers think it could be

Mit Dank an Patrick S., Moritz und Tim für die Hinweise!

Demenz-PR im SWR?, WDR-Duckmäuser, Flop-Parade 2017

1. Verdeckte PR im SWR? Demenz-Doku des ARD-Senders verbreitet falsche Fakten und Heilversprechen der Industrie
(meedia.de, Cornelia Stolze)
Die Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze ist entsetzt über eine 45-minütige Demenz-Doku des SWR. Der Film enthalte falsche Fakten und zeichne ein völlig verzerrtes Bild von Demenz. Der Autor des Beitrags, Lothar Zimmermann, übernehme un­hin­ter­fragt das Narrativ der Arzneimittelindustrie: „Unklar ist, ob Zimmermanns Irreführung allein auf mangelnder Recherche basiert. Fest steht nur: In dem gesamten 45-minütigen Beitrag kommt kein einziger unabhängiger Experten zu Wort. Alle Mediziner und Forscher, die Zimmermann interviewt und um die Vermittlung von Patienten gebeten hat, weisen enge Verbindungen zur Pharmaindustrie und damit massive Interessenkonflikte auf.“

2. Wenn Medien Täter machen
(deutschlandfunk.de, Manfred Götzke)
Die Berichterstattung über Pädophilie wird von Experten als problematisch erachtet. Viele Journalisten würden Pädophilie mit Kindesmissbrauch gleichsetzen. Das sei falsch und könne fatale Folgen haben. Aus der klinischen Erfahrung sei bekannt, dass 60 Prozent der Kindesmissbrauchstäter nicht pädophil seien. Umgekehrt sei nicht jeder Pädophile potentiell ein Kindesmissbrauchstäter. Wünschenswert sei eine unvoreingenommenere, differenziertere Berichterstattung.

3. Zu hoch, zu schnell, zu weit?
(de.ejo-online.eu, Felix Simon)
Das „Reuters Institute for the Study of Journalism“ hat die Situation digitaler Medienunternehmen wie „BuzzFeed“ und „Vice“ untersucht. Trotz des rasanten Wachstums in der Vergangenheit sehe die Zukunft für die Unternehmen eher düster aus, auch wegen der starken Abhängigkeit von digitaler Werbung als Haupteinnahmequelle. Der digitale Journalismus ähnele einer Blase, in der die meisten Anbieter weiterhin unter Verlusten operieren würden: „Die Blase wird schlussendlich platzen, wenn diese Unternehmen keine nachhaltigeren Geschäftsmodelle finden.“

4. In der Welt mitreden
(taz.de, Daniel Bouhs)
Deutsche Medien spielen im internationalen Journalismus kaum eine Rolle. Daniel Bouhs berichtet über die Anstrengungen einiger deutscher Medienhäuser, den Anschluss an das globale Geschäft zumindest nicht ganz zu verlieren.

5. Die große Online-Defensive des WDR
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Der WDR reduziert in einer Art freiwilligen Selbstverpflichtung die Textanteile seiner Internetseiten und kommt damit einem Wunsch der Zeitungsverleger nach. Stefan Niggemeier kommentiert: „Es ist eine merkwürdig duckmäuserische Haltung und eine merkwürdige Missachtung der Beitragszahler. Denn die haben ein Recht, für das Geld, das sie zahlen, den bestmöglichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bekommen — und nicht eine Version, die unter Berücksichtigung kommerzieller Interessen entsprechend abgespeckt ist.“

6. Flop-Parade 2017: Die größten Misserfolge des Jahres
(dwdl.de, Uwe Mantel)
Auf stolze 80 TV-Misserfolge ist Uwe Mantel in seiner „Flop-Parade 2017“ gekommen. Es ist eine Galerie des Grauens geworden, durch die man sich durchklicken kann. Entsprechende Leidensbereitschaft vorausgesetzt.