Archiv für Dezember 13th, 2017

„Nach BILD-Informationen“

Bei dieser Nachricht vom vergangenen Freitag …

Screenshot Bild.de - JVA Heidering - U-Bahn-Treter im Knast verprügelt

… johlte das Volk mal wieder los:

Und das, liebe Freunde, nennt man Karma. Da hats mal den/die richtigen getroffen

der sollte jeden Tag Prügel bekommen, Täterschutz geht mir schon lange auf den …… wer schützt in Deutschland die Opfer

Wenn der Staat bei der Gerechtigkeit versagt kümmern sich halt die Häftlinge darum 👍 finde ich klasse und hoffe, dass es nicht das letzte mal war.

Und das sind noch die harmloseren der rund 4000 Kommentare unter dem Facebook-Post der „Bild“-Redaktion. Das Problem dabei, abgesehen von der breiten Zustimmung zur Selbstjustiz: Die Berichte von „Bild“ und Bild.de sind ziemlich fehlerhaft — es ist auch heute nicht ganz klar, ob wirklich der „U-Bahn-Treter im Knast verprügelt“ wurde, auf jeden Fall wurde er nicht „krankenhausreif geprügelt“, wie die „Bild“-Medien behaupten.

Am Freitagabend berichtete Bild.de, dass ein Mann in der Justizvollzugsanstalt Heidering von anderen Häftlingen zusammengeschlagen worden sei. Am Samstag gab es dazu auch in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung einen Artikel:

Ausriss Bild-Zeitung - U-Bahn-Treter von Häftlingen krankenhausreif geschlagen

Es soll sich dabei laut „Bild“-Redaktion um jenen Mann handeln, der im Oktober 2016 auf dem Berliner U-Bahnhof Hermannstraße einer Frau in den Rücken trat. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung wurde der Mann wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt.

Bild.de schreibt zu dem angeblichen Vorfall in der JVA:

Nach BILD-Informationen soll der Angriff auf S[.] in Haus 1 der Berliner Haftanstalt passiert sein. Offenbar hatten die Angreifer die sogenannte Laufzeit abgewartet — Zeit, in der die Gefangenen zu ihren Arbeitsstellen, oder anderen Abteilungen in der JVA — gehen dürfen. […]

Pikant: S[.] wurde offenbar erst gestern nach Großbeeren gebracht, weil er in der JVA-Tegel nicht mehr „sicher“ war. Wie es hieß, soll er „sicherungsverlegt“ worden sein. […]

Meldepflichtig sind solche Angriffe auf Mithäftlinge spätestens dann, wenn das Opfer in ein Krankenhaus zur stationären Behandlung gebracht werden musste. Das soll gestern der Fall gewesen sein.

Wir haben bei der Berliner Senatsverwaltung für Justiz nachgefragt. Pressesprecher Sebastian Brux sagte uns, dass er zu einzelnen Häftlingen keine Informationen geben dürfe, allerdings sei allgemein festzustellen, dass „am Freitag in der JVA Heidering kein Gefangener krankenhausreif geschlagen“ worden sei. Es habe auch keine Verlegung „in das Justizvollzugskrankenhaus Berlin oder in ein öffentliches Krankenhaus“ stattgefunden. Brux bestätigte, dass es am Freitag „eine gewalttätige Auseinandersetzung zum Nachteil eines Gefangenen“ gegeben habe. Allerdings sei dieser Insasse „zuvor nicht von der JVA Tegel in die JVA Heidering, sondern von der JVA Moabit in die JVA Heidering verlegt“ worden. Es habe sich dabei auch nicht, wie von der „Bild“-Redaktion behauptet, um eine Sicherheitsverlegung gehandelt. Außerdem habe sich der Vorfall „nicht in einem Arbeitszusammenhang“ ereignet.

Die „Bild“-Geschichte ist mit all ihren Fehlern bei vielen anderen Medien gelandet. „Der Westen“ hat sie zum Beispiel übernommen:

Screenshot derwesten.de - Berliner U-Bahn-Treter im Knast krankenhausreif geprügelt

Genauso tz.de, immerhin mit einem Fragezeichen:

Screenshot tz.de - Wurde Berliner U-Bahn-Treter im Gefängnis krankenhausreif geschlagen?

t-online.de:

Screenshot t-online.de - Trotz Sicherheitsverlegung - U-Bahn-Treter in Gefängnis verprügelt

… wurde der 28-jährige Svetoslav S[.] von anderen Insassen attackiert und krankenhausreif zugerichtet.

rtl.de:

Screenshot rtlnext.de - Berliner U-Bahn-Treter in JVA-Heidering von Mithäftlingen krankenhausreif geprügelt

oe24.at:

Screenshot oe24.at - U-Bahn-Treter von Häftlingen verprügelt

Der 28-Jährige wurde am Freitag attackiert und krankenhausreif geprügelt.

Krone.at:

Screenshot krone.at - Berliner U-Bahn-Treter krankenhausreif geprügelt

Die Kommentare unter dem eingangs erwähnten Facebook-Post wurden irgendwann so grässlich, dass es selbst der „Bild“-Redaktion zu viel war. Sie schrieb:

Liebe User, diese Geschichte hat uns alle sehr schockiert. Aber der Täter wurde verurteilt und verbüßt seine Strafe. Es gibt ein Rechtssystem in Deutschland. Und auch, wenn manche Urteile einem persönlich nicht fair erscheinen, ist das trotzdem keine Berechtigung, Selbstjustiz zu verüben. Auch nicht im Gefängnis. Auch eine JVA ist kein rechtsfreier Raum. Darum bitten wir euch, bei euren Kommentaren sachlich zu bleiben. Hetzerische, beleidigende oder diskriminierende Aussagen werden moderiert und bei Bedarf gelöscht.

Reporterpreis, Medien als AfD-Helfer, Morrissey-Audiomitschnitt

1. Deutscher Reporterpreis 2017 in Berlin verliehen
(reporter-forum.de)
In Berlin wurde zum neunten Mal der „Deutsche Reporterpreis“ verliehen. Bei einer festlichen Gala im „Tipi am Kanzleramt“ wurden die beste Reportage ausgezeichnet, das beste Interview gekürt und viele weitere Preise vergeben. Auf der „Reporter-Forum“-Seite werden die Preisträger und Nominierten aufgeführt. Aber nicht nur das — alle Texte sind als PDFs verknüpft. Also am besten die Seite bookmarken, sie ist ein Schatz an guten Geschichten. Weiterer Lesehinweis: Der Beitrag „Das ewige Immerhin“ über das Geschlechterverhältnis im Journalismus und beim „Reporterpreis“ („taz“).

2. Wenig auf Abruf
(sueddeutsche.de, Christoph Fuchs)
Das EU-Parlament beschäftigte sich mit der Frage, ob Sendungen und Filme europaweit verfügbar sein sollen. Dabei geht es um Werte wie Verbraucherfreundlichkeit, aber auch um finanzielle Interessen, denn die Filmindustrie sorgt sich um ihre Einnahmen. Letztere hat nun einen Teilsieg errungen. Der aktuelle Beschluss sieht vor, dass nur Nachrichten und einige aktuelle Sendungen überall in der EU abrufbar sein sollen. Filme, Serien oder Dokus sollen auch künftig nicht ohne Weiteres zugänglich sein.

3. So einfach bringt die AfD ihre Themen in die Nachrichten
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier greift eine „dpa“-Meldung heraus, um zu zeigen, wie einfach es für die AfD ist, ihre Themen in die Nachrichten zu bringen. Es geht um eine parlamentarische Anfrage eines AfD-Abgeordneten über sich angeblich in fremder Sprache unterhaltende Polizisten und die Antwort des Berliner Senats, die von den Medien hoffnungslos aufgebauscht wurde. Niggemeier schreibt: „Es geht, wohlgemerkt, nicht darum, irgendwelche Informationen zu unterdrücken. Aber wirkliche Informationen liegen gar nicht vor. Medien hätten aus Anlass der Anfrage versuchen können zu recherchieren, wie verbreitet dieses Phänomen ist. Aber sie machen schon aus der Frage und der offiziellen Antwort eine Nachricht — und erzählen so, gewollt oder ungewollt, die AfD-Geschichte von einer Polizei, in der sich Migranten so unterhalten, dass deutsche Kollegen und Betroffene sie nicht verstehen können.“

4. Was vom investigativen Journalismus bleibt
(de.ejo-online.eu, Christian Hetzenauer & Katharina Maier & Josef Trappel)
Die Wirkkraft von „Panama Papers“ und „Paradise Papers“ war begrenzt: Das Interesse der Leser an den aufwändig aufgearbeiteten Leaks flaute bereits nach kurzer Zeit ab. Damit bleiben die Werbeerträge aus, und Investigativjournalismus droht zum Minusgeschäft zu werden. Auf investigativen Journalismus ganz zu verzichten, sei für Demokratien jedoch keine Option, finden die Autoren und bringen eine staatliche Förderung ins Spiel.

5. Die gespaltene Persönlichkeit
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Journalisten schätzen den Austausch auf Twitter. Doch die private Meinung von beruflicher Kommunikation zu trennen, ist manchmal nicht einfach. Manche Journalisten lösen das durch das Anlegen von zwei Twitterprofilen, manche fügen den Zusatz „hier privat“ an. Doch eine glasklare Trennung ist schwer bis unmöglich. Michael Borgers hat sich für den „Deutschlandfunk“ in der Branche umgeschaut und stellt ein paar Vorgehensweisen vor.

6. Der Audiomitschnitt zum SPIEGEL-Interview mit Morrissey
(spiegel.de)
Der britische Sänger Morrissey behauptet auf Facebook, dass er seine kontroversen Äußerungen im „Spiegel“-Interview so nie gemacht hat. Es geht dabei unter anderem um Aussagen zu Trump, den Brexit und die #MeToo-Debatte. Der „Spiegel“ hat daraufhin das Gespräch online gestellt, „auch, wenn es aus unserer Sicht selbstverständlich ist, dass im SPIEGEL veröffentlichte Interviews keine falsch oder irreführend wiedergegebenen Zitate enthalten.“