Archiv für Dezember 12th, 2017

Amoklauf in der Zeitmaschine

In Phoenix im US-Bundesstaat Arizona hat ein Geschworenengericht am Donnerstag einen ehemaligen Polizisten freigesprochen, der einen unbewaffneten, flehenden Mann erschossen hatte. Der Angeklagte, damals noch Polizist, war mit seinen Kollegen in ein Hotel gerufen worden, weil Gäste dort in einem Zimmer eine Person mit einem Gewehr gesehen hatten. Wie sich später rausstellte, handelte es sich um ein Luftgewehr, das ein Mann Bekannten zeigen wollte.

Auf dem Hotelflur trafen die Polizisten auf das spätere Opfer, ohne das Luftgewehr. Die Beamten forderten den Mann auf, sich hinzuknien, die Hände auf den Boden zu setzen und langsam zu ihnen zu kommen. Als der Mann seinen rechten Arm nach oben bewegte, feuerte einer der Polizisten fünf Schüsse ab. Die Bodycam eines Beamten filmte die Situation.

Bild.de schrieb gestern zu dem Einsatz der Polizei:

Screenshot Bild.de - Video zeigt letzte Minuten - US-Polizist erschießt Unschuldigen

Am 18. Januar 2016 alarmieren Gäste des Hotels „La Quinta Inn & Suites“ in Mesa bei Phoenix die Polizei: Sie hätten einen Mann mit einer Waffe am Hotelfenster im fünften Stock beobachtet …

Laut „New York Times“ rasen sechs schwer bewaffnete Polizisten zum Hotel — schließlich ist es erst gut zwei Monate her, dass ein Killer in Las Vegas aus einem Hotelfenster auf Festivalbesucher feuerte und fast 60 Menschen tötete.

Der Satzteil hinter dem Gedankenstrich stammt nicht von der „New York Times“, sondern von Bild.de. Und er ist falsch. Der Amoklauf in Las Vegas, bei dem 58 Menschen ums Leben kamen und mindestens 527 verletzt wurden, ereignete sich am 1. Oktober dieses Jahres, also vor etwas mehr als zwei Monaten. Die Situation, um die es in dem Prozess in Phoenix ging, ereignete sich bereits am 18. Januar 2016, wie auch Bild.de schreibt. Die „sechs schwer bewaffneten Polizisten“, die zum Hotel gerast sein sollen, konnten noch gar nicht vom „Killer in Las Vegas“ wissen.

Immerhin: Das Video, das den Polizeieinsatz im Hotel zeigt, hat die Bild.de-Redaktion so geschnitten, dass die Sequenz mit den tödlichen Schüssen nicht zu sehen ist.

Mit Dank an Andreas W., Dennis S., Matthias B. und Micha für die Hinweise!

Distanzloser Sportjournalist, Kampf der Fußkranken, Wahlhelfer Facebook

1. Der distanzlose Sportjournalist
(taz.de, Jürn Kruse)
Ein Sportmoderator eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders richtet ein Sportevent aus, über das er oder sein Arbeitgeber später eventuell berichten wird. Diese Entwicklung zeichnet sich gerade beim MDR ab. Jürn Kruse kommentiert: „Fassen wir zusammen: Einer der bekanntesten Moderatoren des MDR, der regelmäßig über Wintersport berichtet, lernt bei dem Verband, über den er doch kritisch berichten soll, wie man ein solches Event organisiert, macht das dann — und beim MDR finden das die EntscheiderInnen völlig okay.“ Weiterer Lesetipp: „Vom Sportjournalist zum Sportveranstalter“ („Deutschlandfunk“).

2. Facebook als mächtiger Helfer
(faktenfinder.tagesschau.de, Max Muth)
In Zukunft werden Wahlkämpfe verstärkt digital stattfinden. Eine immer wichtiger werdende Rolle spielt dabei Facebook. Spezialisierte Firmen helfen den Parteien bei der Gestaltung ihrer Kampagnen. Dabei geht es um „Lookalike Audiences“, „Microtargeting“ und umstrittene Werbeformen wie die „Dark Ads“.

3. Mit weniger Wortanteil den Journalismus retten
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz kommentiert das Gerangel von Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen um Wortanteile und Leistungsschutzrecht: „Verlage und öffentlich-rechtliche Sender, zwei, bei denen es in den kommenden Jahren vor allem um Existenzgrundlagen und Legitimationsdebatten gehen wird — ausgerechnet die zwei also spielen Kleinkrieg gegeneinander, anstatt darüber nachzudenken, dass sie sich möglicherweise gemeinsam gegen ganz andere Bedrohungen wappnen müssten“. Weiterer Lesetipp: „‚Ich wollte nicht warten, bis der WDR verklagt wird'“ („Deutschlandfunk“).

4. Weltkarte und Schaukelstuhl
(sueddeutsche.de, Caspar Busse)
Über Jahrzehnte versorgte der Filmhändler Leo Kirch die Fernsehsender mit Inhalten und baute damit ein Medienimperium auf. Doch auf den rasanten Aufstieg folgte der jähe Absturz. Der heute Abend ausgestrahlte Film (ZDF, 22:45 Uhr) geht dem Phänomen Leo Kirch nach und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. Caspar Busse findet es bemerkenswert, dass gerade das ZDF diese Dokumentation zeigt. Mit dem öffentlich-rechtlichen Sender habe der eigentliche Aufstieg Kirchs begonnen: „Er kam „wie ein fahrender Händler“ und verkaufte den Mainzern das, was die so dringend brauchten: Filme und Serien. Die Abhängigkeit war hoch, zeitweise stammte ein Drittel des ZDF-Programms aus dem Hause Kirch, der daran wiederum sehr, sehr gut verdiente.“

5. Journalismus direkt vom Erzeuger
(journalist-magazin.de, Kathi Preppner)
Das Projekt „RiffReporter“ will freien Journalistinnen und Journalisten eine Publikationsplattform für ihre Inhalte bieten, samt Community und Erlösmodell. Die Finanzierung soll über eine Umsatzbeteiligung sowie über private und institutionelle Förderer erfolgen. Die Gründer haben dafür den „#Netzwende-Award“ erhalten, einen Medienpreis, der von „Vocer“ in Kooperation mit dem „Spiegel“, der August-Schwingenstein-Stiftung, der Rudolf-Augstein-Stiftung und der „Zeit“-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius verliehen wird.

6. Das waren die erfolgreichsten Instagram-Werbeposts im November
(horizont.net, Katharina Brecht)
„Horizont“ hat 50.000 deutsche Instagramkanäle auf Werbe-Postings durchsuchen lassen und die ermittelten Werbe-Posts ausgewertet. Die Rangliste zeigt, wie wichtig der Einsatz von zufällig eingestreuten Emojis ist und bietet einen guten Überblick über den derzeitigen Stand in Sachen photoshopgestützte Bildmanipulation in der Porträtfotografie.