Archiv für Dezember 11th, 2017

Möchtegern-Journalisten schreiben aus der „Wikipedia“ ab

Wie läuft wohl eine Recherche bei Bild.de ab, wenn dort jemand über ein Thema schreiben soll, von dem er oder sie gar keine Ahnung hat? Vielleicht erstmal in der „Wikipedia“ nachschauen, was da so zur Sache steht. Und dann, ja, dann einfach den Text aus der „Wikipedia“ abschreiben. Fertig, Feierabend.

Am Freitagnachmittag erschien beim „Bild“-Onlineportal ein Artikel über einen 21-jährigen Russen, der sich seit einiger Zeit täglich ein Öl-Gemisch selbst in die Arme spritze, damit seine Bizepse — zumindest optisch — wachsen:

Screenshot Bild.de - Russe spritzt sich Öl in Bizeps - Möchtegern-Popeye droht Arm-Amputation

Beim Bodybuilding kommt dieses Injizieren zum optischen Vergrößern der Muskulatur nicht selten vor. Das Öl-Gemisch, das dabei verwendet wird, ist häufig Synthol. Weil sich viele Leute wohl fragen: Was ist Synthol?, fragt auch Bild.de in einem Info-Kasten:

Screenshot Bild.de - Was ist Synthol? Synthol ist ein Gemisch verschiedener Öle, das im Bodybuilding zur optischen Vergrößerung der Muskulatur verwendet wird. Die Rezeptur wurde Anfang der 1990er Jahre von dem Deutschen Chris Clark entwickelt. Um einen spezifischen Muskel zu vergrößern, wird Synthol in den untersten Teil des Muskels gespritzt. Dieser Vorgang wird mindestens 3 Wochen drei Mal täglich durchgeführt, wobei immer in die gleiche Stelle injiziert wird. Die regelmäßigen Injektionen führen zu einer Verkapselung des Öls im Gewebe, die einige Monate erhalten bleibt. Das im Muskel eingelagerte Öl hebt den über ihm liegenden Teil des Muskels an und führt so zu einer optischen Vergrößerung des Muskels. Die Zunahme von Muskelvolumen ist rein optisch und nicht mit einem Kraftzuwachs verbunden. Die Injektion in ein großes Blutgefäß kann zu Embolien, Herzinfarkten, dauerhaften Gehirnschädigungen oder Atemkrisen führen. Über mögliche Langzeitfolgen durch den Einsatz von Synthol liegen derzeit keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Die Antwort stammt zu 100 Prozent aus dem Synthol-Artikel der „Wikipedia“, was die Bild.de-Redaktion allerdings an keiner Stelle erwähnt:

Screenshot Bild.de - Gegenüberstellung des Bild.de-Textes und des Wikipedia-Textes, die zeigt, dass Bild.de abgeschrieben hat
(Draufklicken für größere Version.)

Mit Dank an Sebastian L. für den Hinweis!

Yücel-Post, Vorauseilende Einschüchterung, Seelenkraft

1. „Wir sind ja nicht in einer lustigen Netflix-Serie“
(welt.de, Deniz Yücel)
Seit 300 Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel nun bereits ohne Anklage in einem türkischen Gefängnis. In einem offenen Brief schildert er seinen Alltag und die Umstände seiner Haft. Post erreicht ihn sporadisch, wenn sie die anstaltseigene „Brief-Lese-Kommission“ an ihn weiterleitet. Da Yücel seinen Briefschreibern nicht direkt antworten kann, ist sein Bericht eine Art Sammelantwort geworden, voller Witz, Charme und Liebenswürdigkeit. Weiterer Lesetipp: „Mehr als 200 Prominente fordern Freiheit für Deniz Yücel“ („SZ“).

2. Vorauseilende Einschüchterung
(journalist-magazin.de)
Noch während der Recherche des „Mindener Tageblatts“ über einen Streit zwischen den Mietern einer Wohnungssiedlung und einer Immobilienfirma, trudelte ein „presserechtliches Informationsschreiben“ des Anwalts der Immobilienfirma ein. Derlei Einschüchterungsversuche seien kein Einzelfall, so Anja Westheuser, Justiziarin beim Hamburger Landesverband des „Deutschen Journalisten-Verbands“. Sie rät davon ab, als juristischer Laie selbst auf solche Schreiben zu reagieren.

3. Vom Sportjournalist zum Sportveranstalter
(deutschlandfunk.de, Daniel Bouhs)
„Bei allzu begeisterten Sportjournalisten sprechen Kritiker gerne von Fans, die es hinter die Absperrungen geschafft haben. Bei René Kindermann lässt sich ergänzen: Er baut diese Absperrungen nun sogar selbst auf.“ Daniel Bouhs berichtet über einen geschäftstüchtigen Sportjournalisten, der gleichzeitig Sportveranstalter ist, und stellt die Fragen nach der Grenzziehung.

4. Traumberuf Antexter: Mann nimmt Buch aus Regal
(dwdl.de, Hans Hoff)
Hans Hoff beschäftigt sich in seiner Kolumne mit den sogenannten Antextbildern. Er kann auf entsprechende Praxiserfahrung zurückgreifen und stand selbst schon im Mittelpunkt eines Antextbilds. Einst war ein Kamerateam bei ihm zu Gast und der Autor des Fernsehbeitrags wünschte sich eine entsprechende Inszenierung: „Er meinte, ich sollte doch nicht nur lesen, sondern auch mal umblättern. Sensationell. Ich tat wie mir befohlen und blätterte um. Ich stellte mir vor, dass ich möglicherweise später mal in Geschichtsbüchern verzeichnet werde, als erster „Mann blättert Zeitung um“-Protagonist. Leider schaffte es mein Umblättern aber dann doch nicht in den fertigen Beitrag.“

5. Medienhäuser in der digitalen Unterwelt
(nzz.ch, Stefan Mey)
Das Darknet genießt einen eher zweifelhaften Ruf, denn es wird auch als Handelsplatz für Drogen und Waffen genutzt oder dient zur Anbahnung anderer krimineller Aktivitäten. Doch es kann auch andere Gründe geben, sich auf die andere Seite des Internets zu begeben, zum Beispiel um Zensur zu umgehen oder zum Schutz vor Überwachung. Nun ist auch die „New York Times“ im Darknet erreichbar. Ein kleiner Schritt für die Zeitung, jedoch ein Meilenstein fürs Darknet, wie Stefan Mey auf nzz.ch findet.

6. Kolumnen, angetrieben von der nie versiegenden Seelenkraft
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier liest gelegentlich die „Bild“-Kolumne von Peter Bachér, dem mittlerweile 90-jährigen ehemaligen Chefredakteur von „Bild am Sonntag“ und „Hörzu“. Dabei ist Niggemeier etwas aufgefallen, was er nur durch viel Seelenkraft bewältigen konnte.