Archiv für Dezember 6th, 2017

„Bild“ lässt BVB-Trainer Peter Bosz im ewigen Endspiel antreten

Ein Endspiel zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass es in einer Partie um alles oder nichts geht. Bei Bild.de ziehen sich Endspiele über mehrere Wochen, und nach dem einen Endspiel gibt es dann noch ein weiteres und dann noch eins und noch eins und dann vielleicht noch eins.

Los ging es am 18. November — da begannen die „Bild“-„Endspiel“-Wochen für BVB-Trainer Peter Bosz:

Screenshot Bild.de - Dortmund in der Mega-Krise - Wird das Derby schon zum Bosz-Endspiel?

Einen Tag später war es für die „Bild“-Medien schon keine Frage mehr:

Screenshot Bild.de - Wie sich der BVB-Trainer rettet - Zwei Endspiele für Bosz

Die „zwei Endspiele“ sollten die Champions-League-Partie gegen Tottenham Hotspur und „das Derby“ gegen den FC Schalke 04 sein. Gegen Tottenham verloren die Fußballer des BVB und Bosz 1:2, gegen Schalke gab es ein 4:4, nachdem der BVB bereits 4:0 geführt hatte.

Nach der Niederlage gegen Tottenham fragte die „Bild“-Redaktion noch einmal:

Screenshot Bild.de - Ist Bosz schon am Ende?

Und bereits am selben Abend stand für sie fest:

Screenshot Bild.de - Bosz vor dem Aus!
Denkt Dortmund an Hitzfeld?

Auch wenn das Team von Bild.de sich gut vorstellen konnte, dass Ottmar Hitzfeld zum BVB zurückkehrt …

Wer weiß, was ein lukratives Millionen-Angebot bei Hitzfeld kurzfristig bewegen kann?

Denkbar: Hitzfeld kommt als Spiritus Rector und die tägliche Arbeit lenkt ein BVB-Vertrauter, z.B. aus dem Nachwuchs.

… musste das Team von Bild.de nur einen Tag später vermelden, dass Ottmar Hitzfeld nicht zum BVB zurückkehrt:

Screenshot Bild.de - Hitzfeld-Absage - Darum gehe ich nicht zurück zum BVB

Dann kam das bereits angesprochene 4:4 gegen den FC Schalke 04 — und wieder fragten die „Bild“-Experten, ob es das nun für Peter Bosz gewesen ist:

Screenshot Bild.de - Nach 4:4 gegen Schalke - Kostet ­dieses Tor Bosz den Job?

Die Vereinsführung des BVB entschied sich allerdings dafür, an Bosz festzuhalten. Und schon gab es laut Bild.de das nächste „Job-Endspiel“, dieses Mal in der Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen:

Screenshot Bild.de - BVB-Trainer von Job-Endspiel - Bosz packt seine Stars hinter Plastik

Der BVB spielte in Leverkusen 1:1. Und obwohl seine Mannschaft im Endspiel nach dem Endspiel nach dem Endspiel nich gewonnen hat, durfte Peter Bosz Trainer in Dortmund bleiben.

Für die „Bild“-Medien bedeutet das: Die Bundesliga-Partie des BVB am kommenden Samstag ist das „Endspiel“ für Bosz (während das heutige Champions-League-Spiel gegen Real Madrid lediglich als „Endspiel-Training“ durchgeht):

Screenshot Bild.de - Gegen Ronaldo und Real - Endspiel-Training für Wackel-Peter BVB testet das Bosz-Finale gegen Werder

Auch im Sportteil verbreitet „Bild“ immer wieder ziemlichen Unsinn. Gerade beim Fußball und auffallend oft über die Dortmunder Fußballer. Wir erinnern gern noch mal an den Sicher-nein-ja-oder-doch-nicht-Wechsel von BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang nach China im vergangenen Sommer.

Über BVB-Verteidiger Neven Subotic schrieb Bild.de vergangene Woche, dieser habe „keine Chance mehr“ bei seinem Klub:

Vor 5 Jahren war Subotic in Dortmund noch gefeierter Double-Held, gesetzt als Abwehr-Bank bei Ex-Coach Jürgen Klopp (50). Unter Neu-Trainer Peter Bosz (53) muss der Innenverteidiger froh sein, wenn er überhaupt im Kader ist.

Vier Tage später stand Subotic in der Startelf gegen Bayer 04 Leverkusen.

Ebenfalls vergangene Woche behauptete die Bild.de-Redaktion, es gebe beim BVB einen „Not-Plan“ mit Trainer Armin Veh, falls „Endspiel“-Trainer Peter Bosz nicht bald gewinne:

BILD weiß: Armin Veh (56) ist Kandidat als Not-Nagelsmann bis zum Saisonende.

Heute meldete auch Bild.de, dass Armin Veh neuer Sportdirektor beim 1. FC Köln ist.

Mit Dank an Patrick B. für den Hinweis!

Klüngel-Glückwünsche, Symmetrische Reaktionen, „Einfaches“ Leben

1. Wo man sich lieb hat
(taz.de, Jürn Kruse & Peter Weissenburger)
Dem Anwalt für Urheber- und Medienrecht Markus Kompa ist es mitzuverdanken, dass die Klüngelposse um die „Wahl“ des SPD-Politikers Marc Jan Eumann zum neuen Direktor der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt bekannter wurde: Kompa hatte sich per Videobewerbung zu Wort gemeldet, seine Bewerbung blieb jedoch — erwartungsgemäß — unberücksichtigt.
Weiterer Lesetipp: In einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ möchte der frisch geklüngelte Eumann, dass ihm Interviewerin Isabelle Klein gefälligst erstmal zur Wahl gratuliert, anstatt kritische Fragen zu stellen. Woran sich Stefan Niggemeier natürlich augenblicklich hält. Daniel Fiene wünscht sich Glückwünsche als Sprachnachrichten, die er am Donnerstag in seiner Sendung „Was mit Medien“ (20 Uhr, „Deutschlandfunk Nova“) an den glücklichen Klüngelsieger übermitteln will.

2. „Wenn alles gut geht, starten wir mit einer Rakete“
(journalist-magazin.de, Catalina Schröder)
Kein anderes Crowdfunding-Projekt im Journalismus konnte jemals so viel Geld einsammeln wie das von Constantin Seibt initiierte Schweizer Onlinemagazin „Republik“. Am 15. Januar 2018 startet das mit vielen Erwartungen und 7,5 Millionen Schweizer Franken versehene Digitalprojekt. Textchef Ariel Hauptmeier erzählt, wie es kurz vor dem Start in der Redaktion zugeht und was den Leser am ersten Tag erwartet: „‚Wenn alles gut geht, starten wir mit einer geheimnisvollen Kiste — und mit einer Rakete.'“

3. Wer ist „ausländischer Agent“?
(faktenfinder.tagesschau.de, Silvia Stöber)
Die vom russischen Staat finanzierten Auslandsmedien „RT“ und „Sputnik“ haben sich in den USA auf Weisung der US-Regierung als „ausländische Agenten“ registrieren lassen. Die Retourkutsche, pardon „symmetrische Reaktion“ folgte prompt: Russland stufte seinerseits neun US-Medien als „ausländische Agenten“ ein, darunter „Voice of America“ und „Radio Free Europe/Radio Liberty“. Silvia Stöber erklärt im „Faktenfinder“, welch unterschiedliche Auswirkungen die Regelungen haben.
Weiterer Lesetipp: „Reporter ohne Grenzen“ mit „Russland erklärt US-Auslandssender zu ‚Agenten'“

4. Social-Media-Trends 2018: Das wird nächstes Jahr wichtig
(t3n.de, Cornelia Dlugos)
Welche Social-Media-Trends werden das Jahr 2018 bestimmen? Cornelia Dlugos wagt für „t3n“ einen Blick in die Kristallkugel. Die Online-Marketing-Redakteurin prognostiziert einen besseren Kundenservice durch Chatbots und sieht einen wachsenden Schwerpunkt bei temporären Inhalten sowie Augmented Reality, Live Streaming und Video-Inhalten.

5. Jugendliche erkennen Native Advertising nicht als Werbung
(medienwoche.ch, Dominique Zeier & Céline Külling)
Eine Befragung von Schweizer Schülern hat ergeben, dass Jugendliche schlecht zwischen redaktionellen Inhalten und Journalismus-ähnlichen Werbeformaten wie Native Advertising unterscheiden können. In der Studie konnten nur 40 Prozent den Unterschied zwischen journalistischen und gesponserten Beiträgen erkennen. Das liege nach Aussagen eines Medienpsychologen daran, dass Jugendliche noch nicht über dieselben kognitiven Kompetenzen zu analytischem Hinterfragen verfügen wie Erwachsene. Die Autorinnen appellieren an die Verantwortung der Medien: „Das Bewusstsein, dass Jugendliche leichter hinters Licht zu führen sind, darf nicht ausgenützt werden — im Gegenteil. Verlage täten gut daran, Werbeformate offensiver und unmissverständlich — und vor allem: einheitlich, zu deklarieren.“

6. Das „einfache Leben“ bleibt ein Leben in der Komfortzone
(sueddeutsche.de. Silke Burmester)
Aktuellen Frauenzeitschriften gelinge eine Umdeutung, wie sie nur der Kapitalismus ausbrüten könne, findet Silke Burmester: Der Weg zum Weniger führe über das Mehr: „Das ‚einfache Leben‘ bleibt ein Leben in der Komfortzone. Es ist ein neuer, aufs Private und Häusliche ausgerichteter Lifestyle einer satten Wohlstandsgesellschaft. Wirklichen Verzicht will hier keiner. Es sind Brot und Spiele für eine Generation von Frauen, die gegen die Umstände ihrer Erschöpfung, den Verursacher der Überforderung nicht rebelliert.“