Archiv für November, 2017

Trumps Twitter-Troll, Push it real bad, Facebooks Rache-Pornos

1. Einstweilige Verfügung gegen die FAZ erlassen
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat sich eine einstweilige Verfügung wegen einer falschen Tatsachenbehauptung zur Berichterstattung des ARD-„Faktenfinders“ über das Oktoberfest eingefangen. Die AfD hatte suggeriert, dass es seit 2015 Probleme bei der Durchführung von Volksfesten gebe („Oktoberfest: Gähnende Leere“). Diese Behauptung hatte der „Faktenfinder“ überprüft und als falsch zurückgewiesen. Dies wiederum hatte der „FAZ“-Autor Rainer Meyer („Don Alphonso“) aufgegriffen und der „Tagesschau“ vorgeworfen, aus einem „‚Missverständnis‘ echte Fake News“ gemacht zu haben. Daraufhin beantragte der NDR beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung. Das Gericht gab dem statt, die „FAZ“ musste die betreffende Passage entfernen.

2. Der „King Of Fake News“: Jack Posobiec ist Trumps Twitter-Troll
(fearlessdemocracy.org, Gerald Hensel)
Gerald Hensel berichtet bei „Fearless Democracy“ über den „King Of Fake News“ Jack Posobiec. Dabei handelt es sich um einen erst 31-jährigen Mann aus dem neurechten bis rechtsradikalen Umfeld, der für viele schmutzige Social-Media-Aktionen verantwortlich gemacht wird. So soll er unter anderem ein „Rape Melania“-Poster in eine Gruppe Anti-Trump-Demonstranten eingeschmuggelt haben und maßgeblich an der Verbreitung von „Pizzagate“ beteiligt gewesen sein (einem im US-Wahlkampf gestreuten Gerücht, nach dem leitende Demokraten einen Kinderporno-Ring unterhalten würden).

3. Film ab
(sueddeutsche.de, Viola Schenz)
Die „Los Angeles Times“ berichtete kritisch über das Geschäftsgebaren der Firma „Disney“. Daraufhin erhob diese einen Bann gegen die Filmkritiker der „Los Angeles Times“, die bei Pressevorführungen ab sofort unerwünscht waren. „Disney“ hat jedoch augenscheinlich nicht mit der Solidarität der Filmkritik gerechnet: Als Reaktion kündigten die Kollegen der „New York Times“ an, so lange „Disney“-Filmvorführungen fernzubleiben, bis der Bann gegen die Kollegen von der anderen Küstenseite aufgehoben sei. Weitere Filmkritiker schlossen sich an. „Disney“ knickte schlussendlich ein und hob den Bann auf.

4. Push-Nachrichten: Eilmeldungen als Daueralarm
(ndr.de, Jonas Mayer)
Push-Nachrichten sind Segen und Fluch zugleich. Verantwortlich und behutsam eingesetzt, können sie durchaus wertvolle Nachrichtenlieferanten sein. Ist dies nicht der Fall, mutieren sie zu lästigen Quälgeistern, die bei nichtigsten Anlässen das Handy zum Vibrieren bringen. Jonas Mayer hat sich mit dem Thema beschäftigt, in einem Selbstversuch das Pushverhalten der Apps der neun größten Nachrichtenseiten untersucht und verantwortliche Journalisten und Kritiker befragt.

5. Wächter des Weltwissens – wie Automaten Wikipedia beschützen
(algorithmenethik.de, Torsten Kleinz)
Die Onlineenzyklopädie „Wikipedia“ wird von vielen Freiwilligen getragen, die ohne eigenes Interesse und unentgeltlich daran mitwirken, dass es diese Plattform für freies Wissen überhaupt gibt. Dabei haben sie es leider auch mit Vandalismus zu tun. Das reiche von Artikellöschungen über Beschimpfungen bis hin zu ausgefeilten Manipulationskampagnen, die zum Beispiel den Aktienkurs eines Unternehmens beeinflussen sollen. Zum Glück sind sie bei der Abwehr derartiger Angriffe nicht allein: Der von einem künstlichen neuronalen Netzwerk gesteuerte „ClueBot NG“ arbeitet wie ein Spamfilter und hilft fleißig dabei, die „Wikipedia“ sauber zu halten. Torsten Kleinz erklärt, was es damit auf sich hat.

6. Schickt Facebook eure Nacktbilder, damit sie niemand sieht
(zeit.de, Patrick Beuth)
Ist es eine gute Idee, seine Nacktbilder an Facebook zu senden, um zu verhindern, dass sie online verbreitet werden? Zum Beispiel als „Rache-Porno“ eines Ex-Partners? Was zunächst nach einer Schnapsidee klingt, will Facebook versuchsweise in Australien und anschließend auch in den USA, Großbritannien und Kanada testen. Facebook will die Bilder mit einem digitalen Wasserzeichen versehen und ein weiteres Hochladen Unbefugter unterbinden. Dazu müssten die eingesandten Bilder jedoch von Facebook-Mitarbeitern überprüft werden.

Grazia  

Clickbait mit Vergewaltigungsvorwurf

Nach langer Zeit haben wir heute mal wieder unsere Clickbait-Taskforce losgeschickt. Ihr Ziel: die Facebook-Seite des Magazins „Grazia“, wo fast kein Artikel ohne Klickköder gepostet wird: „Wir sind hin und weg … 😱 — Werden DIESE Stars am Victoria’s Secret Abend performen?“, „DAS hätten wir nicht erwartet! 😳 #FotoFail: DAMIT verwirrt Kylie Jenner jetzt alle Fans!“, „Yayy… Dusty Rose bekommt ein Geschwisterlichen [ja, das steht wirklich „Geschwisterlichen“]! Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird? 👶😍 Adam Levine verrät das Babygeschlecht! Und es wird ein …“. Und SO weiter.

Die tapferen Frauen und Männer unserer Einsatztruppe kamen allerdings derart fassungslos von ihrer Besichtigungstour zurück, dass wir statt einer Sammlung nur einen einzigen Fall zeigen wollen. Diesen hier:

Screenshot eines Facebook-Posts der Grazia-Redaktion - Facebook-Teaser: Jetzt erschüttert uns der nächste Sexskandal - Überschrift des Artikels, den die Redaktion gepostet hat: Ed Westwick: Hat der Gossip-Girl-Star wirklich diese Kollegin vergewaltigt?!

Obwohl die „Grazia“-Redaktion so „erschüttert“ ist vom „nächsten Sexskandal“ (dieses Wort!), hat sie dennoch daran gedacht, auch bei einem so ernsten Thema wie einem Vergewaltigungsvorwurf einen Klickköder auszulegen. Chapeau! Wenn schon skrupellos, dann immer und überall.

„DIESE Kollegin“ ist Schauspielerin Kristina Cohen, die vor zwei Tagen in einem Facebook-Post ihre Anschuldigungen gegen Ed Westwick öffentlich gemacht hat. Sie soll inzwischen auch Anzeige erstattet haben. Westwick reagierte ebenfalls bei Facebook, wo er schrieb, dass er „diese Frau“ nicht kenne und mit Sicherheit nie jemanden vergewaltigt habe. Weil es aktuell — auch von Redaktionen — häufig übersehen wird: Solange die Vergewaltigung nicht nachgewiesen wurde, gilt die Unschuldsvermutung.

Mit Dank an Ulrike P. für den Hinweis!

Wühltisch in Orange, Datenhunger, Nicht-Interview mit Mark Forster

1. Er macht uns alle zu Opportunisten
(zeit.de, Adrian Daub)
Noch vor einem Jahr hieß es, dass Donald Trump ein Segen für Journalismus und Satire-Industrie sei. Heute stünden die US-Medien vor einem schier unlösbaren Problem, so Adrian Daub auf „Zeit Online“. Die „zerstörerische Kraft uninformierter, lustloser Inkompetenz“ scheine gegen mediale Entlarvung immun: „Donald Trump und seiner Mannschaft genau hinterher zu schnüffeln ist, bei aller Notwendigkeit, auch eine Vermeidungsstrategie. Den Präsidenten als Person immer und immer wieder anzugreifen, kann kein gesellschaftliches Umdenken bewirken. Was sich weder Colbert noch Kimmel, weder Saturday Night Live noch Rachel Maddow, weder die Washington Post noch die New York Times trauen, ist, ihren Mitbürgern ins Gesicht zu sehen und zu fragen „Du hast das gewollt. Wie kannst du das vertreten?“.“

2. Journalismus: Wühltisch statt Swimmingpool!
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Die „Verlagsgruppe Handelsblatt“ will mehr junge, wirtschaftsinteressierte Leser erreichen und hat dazu vor einiger Zeit das Portal „Orange by Handelsblatt“ gegründet. Für eben jenes Portal sucht man aktuell per Anzeige „motivierte Multimedia-Journalisten“, denen man 50 Euro für einen Beitrag in Aussicht stellt. Der stellvertretende Chefredakteur verteidigt die Anzeige auf Facebook. Keineswegs würden bei ihm „arme Irre“ arbeiten, noch wolle man „irgendwen ausbeuten“. Christian Jakubetz hat sich zum aktuellen Vorgang auf seinem Blog geäußert und stellt den Gesamtzusammenhang her: „… was es für Journalismus bedeuten würde, wenn ihn nur noch die machen, die ihn sich leisten können, will man lieber nicht so genau wissen.“

3. Per Akkreditierung an private Daten?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing & Wolfgang Wichmann)
Für Journalisten ist es üblich, sich für Veranstaltungen zu akkreditieren, so auch bei Parteitagen. Doch die AfD wich vom normalen Akkreditierungsprocedere ab und forderte Medienvertreter dazu auf, der zusätzlichen Speicherung von „besonderen Daten“ zuzustimmen. Im Bundesdatenschutzgesetz sind diese „besonderen Daten“ definiert: Es handelt sich um Angaben zur politischen Meinung, zur religiösen Überzeugung oder dem Sexualleben. Nachdem sich dagegen Protest erhob, unternahm die AfD einen Rückzieher und überarbeitete die Anmelde-Maske für den anstehenden Parteitag. Nun tun sich neue Probleme auf.

4. Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt twittert Verschwörungstheoretiker-Blog
(netzpolitik.org, Markus Beckedahl)
Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), verbreitete per Twitter einen Artikel des dubiosen, neurechten Verschwörungsportals „Epoch Times“. Markus Beckedahl kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Haselhoff, der laut Twitter-Bio selbst twittert, und seine Regierung hatten zuletzt vorgeschlagen, die ARD und die Tagesschau zusammenzusparen. Der Fall macht anschaulich, wo auf keinen Fall gespart darf, sondern massiv investiert werden muss: Bei der Vermittlung von Medien- und Digitalkompetenz.“

5. Rechts-Recherchen gestoppt
(taz.de, Dominik Koos)
Die Grünen-Niederlage in Österreich wirkt sich an unerwarteter Stelle aus: Der antifaschistische Rechercheblog stopptdierechten.at musste offline gehen, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen. Die Seite wurde von Karl Öllinger betrieben, einem scheidenden Abgeordneten der österreichischen Grünen. Öllinger sucht nun nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten: „In der aktuellen politischen Situation ist eine kritische Berichterstattung über die schwarz-blauen Koalitionsverhandlungen wichtiger denn je“, so Öllinger.

6. Veto gegen das eigene Wort – eine Mark Forster-Doku
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Anwärter für das „Interview des Jahres“ könnte das Nicht-Interview von Jakob Buhre mit dem Popstar Mark Forster sein. Forster wird in der „Wikipedia“ als „Sänger und Songwriter“ bezeichnet, doch wer schreibt die Songs wirklich? Immerhin werden in den Credits der Lieder 15 Komponisten und Textdichter genannt. Buhre hat den Künstler auch zu diesem Thema befragt. Dies kam anscheinend nicht so gut an: Forster ließ im Nachgang seine Zustimmung zur Veröffentlichung des Interviews zurückziehen. Jakob Buhre hat seine Fragen nun veröffentlicht und dort, wo Forsters Antworten hätten stehen sollen, über die Personen geschrieben, die für den Erfolg von Mark Forster (mutmaßlich) mitverantwortlich sind. Fast ist man Forster dankbar für sein „Veto gegen das eigene Wort“, wie Buhre es nennt: Es ist ein gut durchrecherchierter und spannender Blick hinter die Kulissen der Musikindustrie geworden.

Die miesen Mobber von „Bild“

Mariah Carey soll sich den Magen verkleinert haben lassen. Das berichtet Bild.de und beruft sich dabei auf einen Artikel des „Promi-Portals ‚Page Six'“, das sich wiederum auf eine „anonyme Quelle“ beruft:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey - Magen verkleinert - wegen miesem Mobbing

Ja, zugegeben, wir haben auch schon mal eine bessere Quellenlage gesehen. Doch ob es nun stimmt oder nicht, dass die Sängerin sich „bereits vor einem Monat“ von einem „Star-Chirurgen aus Bevery Hills“ „Teile ihres Magens“ operativ entfernen lassen hat, ist gar nicht so wichtig. Interessant ist der angebliche Grund, den Bild.de nennt:

Der Grund demnach: das explodierende Gewicht von Mariah Carey — und fiese Online-Kommentare von bösen Mobbern!

Nein! Da machen sich Leute im Internet lustig über das Gewicht von Mariah Carey? Denken sich blöde Wortspiele zu ihrer Figur aus? Schau an!

Wir wissen sogar, wo manche dieser „bösen Mobber“ sitzen und ihre „fiesen Online-Kommentare“ verfassen: im Axel-Springer-Hochhaus.

„Bild“ im Juli 2017:

Ausriss Bild-Zeitung - Carey im Glitzer-Fummel - Echt SPECK-takulär, Mariah!

Außen prall, darunter streich(el)fähig.

Pop-Presswurst Mariah Carey (47, „Butterfly“) treibt die Zahl überzeugter Vegetarier mit ihren ewig einschneidenden Bühnenoutfits dramatisch in die Höhe.

Fleischeslust wecken ihre hautfarben bestrumpften XL-Kurven im XS-Fummel nämlich NICHT!

Bild.de im Juli 2016:

Screenshot Bild.de - Mariah Carey urlaubt auf Capri - Die Pop-Diva im Neoprall-Anzug

Carey klettert von einer Millionen-Dollar-Jacht und lässt sich von ihrem Gefolge helfen, wie es sich für eine Pop-Prinzessin gehört. Dabei trägt sie einen hautengen Neopren-Anzug, der ihre prallen Kurven zusammenquetscht — der dazugehörige Reißverschluss hat allerdings schon aufgegeben und bleibt auf Bauchnabel-Höhe hängen.

Bild.de im April 2015:

Screenshot Bild.de - Fiese Glitzer-Pelle - Mariah Carey trägt in Las Vegas dick auf

Bild.de im November 2014:

Screenshot Bild.de - Zehn um zehn - Zehn knackige Presswurst-Outfits von Mariah Carey

In China war es gerade wieder so weit: für ein Konzert zwängte sich Mariah Carey (44) in einen Ultra-Mini und bewies einmal mehr, dass sie die prominenteste Presswurst der Welt ist.

Bild.de im Oktober 2010:

Screenshot Bild.de - Sängerin XXL - Mariah Carey: Die fetten Jahre sind nicht vorbei

Wurde Mariah Carey (40) aufgepumpt? Oder ist sie tatsächlich schwanger? Sicher ist: Die fetten Jahre sind nicht vorbei, wie das Foto oben beweist!

Mit Dank an Moritz D. für den Hinweis!

Tracking-Blockade, Döpfner-Verrenkungen, Tatort-Entschuldigung

1. Adblocker sind nur der Vorgeschmack
(medienwoche.ch, Thomas Paszti)
Der Schweizer Medienkonzern „Tamedia“ sperrt neuerdings Nutzer von Adblockern auf 20min.ch und tagesanzeiger.ch aus. Schließlich will man unbedingt seine Werbung ausspielen. Dem steht jedoch aus Nutzersicht ein weiteres, weit gravierenderes Problem entgegen, so Thomas Paszti in der „Medienwoche“: Das Tracking und Profiling, ohne das moderne Onlinewerbung nicht mehr auskomme. „Programmatic Advertising“, also gezielte Ausspielung von Onlinewerbung aufgrund von möglichst vielfältigen und genauen Nutzerdaten, sei der heilige Gral der Verlage/Plattformen wie auch der Onlinewerber. Aber damit könne bald schon Schluss sein.

2. Wahrheitssucher, die eine Lüge verteidigen
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei „Axel Springer“, hat die Online-Aktivitäten der ARD als „gebührenfinanzierte Staatspresse“ bezeichnet. Als sich daraufhin Protest erhob, behauptete er, er habe das so nie gesagt, und holte zum Gegenschlag aus: Man habe ihn „böswillig“ missverstehen wollen. Es gibt jedoch handfeste Belege, dass Döpfner sich genau so ausgedrückt hat. In seinem Interessendunstkreis will dies jedoch keiner zugeben, geschweige denn richtigstellen. Also halten sich alle die Augen zu und verrenken sich in verdrehten Stellungnahmen. Stefan Niggemeier kommentiert den un- und merkwürdigen Vorgang.

3. ARD kritisiert eigenes Social-Media-Team wegen „Tatort“-Entschuldigung
(spiegel.de)
Während des „Tatorts“ am Sonntagabend ereignete sich die Schießerei in einer Kirche in Texas. „Das Erste“ blendete eine Eilmeldung ein, was bei vielen Zuschauern für Unmut sorgte. Daraufhin entschuldigte sich die Social-Media-Redaktion für die Einblendungen. Dies wiederum geht der Programmdirektion in München zu weit: „So weit gehen wir eigentlich nicht, dass wir uns entschuldigen.“

4. Anja Reschke: „Die Glaubwürdigkeitskrise der Medien ist eigentlich eine Demokratiekrise“
(kress.de, Anna von Garmissen)
Bei den 31. „Münchner Medientagen“ ging es unter dem Motto „Media.Trust.Machines“ um die Glaubwürdigkeitskrise der Medien. Was können Medien tun, um verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen? „Kress“ hat verschiedene Stimmen zusammengetragen.

5. Kampf um Wertschätzung für journalistische Arbeit
(deutschlandfunk.de, Ludger Fittkau)
Auf dem Verbandstag der größten deutschen Journalistengewerkschaft haben die Zeitungsredakteure deutlich mehr Lohn gefordert und über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems diskutiert. Immerhin hätten die Zeitungsredakteure noch einen Tarifvertrag, im Online-Journalismus herrsche Wildwuchs, beklagt der freie Journalist Christian Esser: „Im Bereich Online-Journalismus ist im Prinzip noch keine wirkliche Ordnung überhaupt, die sich erkennen lässt. Es ist alles kreuz und quer, jeder Verlag, jeder Arbeitgeber hat wie auch immer seine eigenen Bezahlweisen. Die sind sehr, sehr unterschiedlich. Ob nach Wort, pro Zeile, auch für die Fotos. Es ist ganz schwierig.“
Weiterer Lesetipp: „Verbandstag in Würzburg: DJV-Chef Frank Überall empfiehlt Mathias Döpfner Volkshochschulkurs“.

6. The Year in Push Alerts
(slate.com)
Das Onlinemagazin „Slate“ (seit 2004 im Besitz der „Washington Post“) hat einen animierten Zeitstrahl mit allen Push-Nachrichten der „New York Times“ der vergangenen zwölf Monate erstellt. Man kann darin navigieren und verschiedene Filter einstellen („All Push Alerts/Only Trump/No Trump“). Angehängt sind sechs Beiträge zum vergangenen Jahr im Allgemeinen und der Trump-Zeit im Besonderen.

Wer bietet mehr?

Hier geht es um die heißeste redaktionelle Umsetzung zu einem vermutlichen illegalen Autorennen in Köln am vergangenen Wochenende.

Dann mal her mit den Geboten!

Screenshot ksta.de - Illegales Autorennen - 28-jähriger Audifahrer rast mit 100 km/h über Mülheimer Brücke
(ksta.de)

Schon nicht schlecht. Und laut Polizeiangaben auch richtig. Irgendjemand mehr?

Screenshot rundschau-online.de - Illegales Autorennen in Köln - 70 km/h zu schnell über die Mülheimer Brücke gerast
(rundschau-online.de)

50 Stundenkilometer dürfen Pkw auf der Mülheimer Brücke fahren. Wären wir also schon mal bei 120 Sachen. Aber da geht doch noch was?!

Screenshot express.de - Wieder illegale Autorennen - Audi-Rambo (28) rast mit bis zu 140 km/h durch Köln
(express.de)

Jawoll — das war laut Polizei das Spitzentempo der nächtlichen Raserei durch Köln, allerdings nicht auf der Mülheimer Brücke!

Und weil sie es als einzige hinbekommt, auch noch ein falsches Datum mitzuteilen, wann das Autorennen stattgefunden haben soll („in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ statt richtigerweise in der Nacht von Freitag auf Samstag), geht der Zuschlag für die heißeste Umsetzung an die Online-Redaktion des „Express“.

Mit Dank an Norbert E. für den Hinweis!

Bild  

Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer bloß nicht von diesem „Bild“-Quiz

Die „Bild“-Redaktion will ja nicht nur Erwachsene mit falschen Fakten versorgen informieren, sondern auch junge Leute. Deswegen ist sie auch auf den Plattformen aktiv, die junge Leute eben so nutzen, zum Beispiel Snapchat.

Und wie ließe sich Wissen komprimiert besser vermitteln als in einem Quiz?

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Erzähl deinem Erdkunde-Lehrer von diesem Quiz

Ähm, ja, nee. Besser du erzählst niemandem von diesem Quiz. Und erst recht nicht deinen Erdkunde- und Politik-Lehrern.

Denn während die „Bild“-Redaktion es noch hinbekommt, den Kölner Dom in Nordrhein-Westfalen zu verorten, Nürnberg als zweitgrößte Stadt in Bayern zu nennen und Helgoland, Föhr sowie Sylt nicht zu den Ostfriesischen Inseln zu zählen, geht bei dieser Usedom-Frage schon mal alles schief:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der größte Teil der Insel Usedom gehört zu - die vier Antwortmöglichkeiten: Polen, Niederlande, Österreich, Dänemark - laut Bild richtig: Polen

Es verläuft zwar ein Stück der deutsch-polnischen Grenze auf Usedom — die Insel gehört also zum Teil zu Polen. „Der größere Teil der Insel Usedom gehört“ allerdings zu Mecklenburg-Vorpommern — und damit zu Deutschland.

Bei einer anderen Frage in ihrem Erzähl-das-mal-deinem-Lehrer-Quiz gibt die Redaktion ein noch traurigeres Bild ab:

Screenshot aus dem Bild-Snapchat-Kanal - Frage: Der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten ist ... - die vier Antwortmöglichkeiten: das Berghain, Schloss Bellevue, der Bundestag, Schloss Charlottenburg - laut Bild richtig: Schloss Charlottenburg

In den Jahren 2004 bis 2006 wurde das Schloss Charlottenburg tatsächlich mal vom Bundespräsidenten genutzt, allerdings nur als Zwischenlösung, als der eigentliche Amtssitz, Schloss Bellevue, renoviert wurde.

Wenn das Schloss Charlottenburg aktuell „der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten“ sein soll, dann ist das Axel-Springer-Hochhaus der Berliner Amtssitz versierter Quizmaster.

Mit Dank an @politischernate, @PatKloe und für die Hinweise!

Paradiespapiere, China-Geschäfte, NSU-Verschwörungs-Murks im ZDF

1. Das sind die Paradise Papers
(projekte.sueddeutsche.de)
Der „Süddeutschen Zeitung“ wurden vertrauliche Unterlagen aus dem internationalen Briefkastenfirmen-Business zugespielt. Und zwar nicht ein paar Zettel, sondern 13,4 Millionen Dokumente. Die „Paradise Papers“ zeigen nach Angaben der „SZ“, wie Konzerne wie Nike, Apple, Uber oder Facebook ihre Steuern auf lächerlich geringe Sätze schrumpfen lassen. Die Unterlagen würden Anlagen der britischen Königin in Steueroasen belegen, des Rockstars Bono oder von Stephen Bronfman, dem Spendensammler des kanadischen Premiers Justin Trudeau. Mehr als 120 Politiker aus beinahe 50 Ländern sollen auf die eine oder andere Art involviert sein. Wie schon bei den „Panama Papers“ hat die „SZ“ die Daten mit dem „International Consortium of Investigative Journalists“ geteilt. Insgesamt hätten an der Aufarbeitung des Falls mehr als 380 Journalistinnen und Journalisten von 96 Medien aus 67 Ländern mitgewirkt.
Siehe auch: Die ARD-Doku „Paradise Papers: Geheime Geschäfte — Die Milliarden-Deals der Rohstoffkonzerne“ (45 Minuten).

2. Wer in China Geschäfte macht, zahlt einen hohen Preis
(wiwo.de, Niklas Dummer)
Der deutsche Wissenschaftsverlag „Springer Nature“ hat Teile seines Internetangebots in China zensiert. Und zwar auf Druck der Regierung in Peking. Der Fall zeige symptomatisch, welchen Preis westliche Konzerne für Geschäfte in China zahlen, so Niklas Dummer in der „Wirtschaftswoche“. Den Unternehmen fehle es an einer Strategie, wie man mit den Zensurforderungen Chinas umgehen soll. Ihnen bleibe aktuell nur, sich auf die Forderungen einzulassen oder die Forderungen zu ignorieren.

3. Arte – eine schöne Insel, der das Profil fehlt
(dwdl.de, Hans Hoff)
„DWDL“-Kolumnist Hans Hoff liebt den Fernsehsender „Arte“ wegen der Ruhe, des Niveaus, den alten Filmen und neuen Dokus. Trotzdem sei er kürzlich ins Schleudern gekommen, als er gefragt wurde, was denn „Arte“ im Kern ausmache. Was auch damit zu tun habe, dass es an Moderatorenpersönlichkeiten fehle, die sich beim Zuschauer als „Arte-Gesichter“ festsetzen und am Fehlen eines wahrnehmbaren Profils. „So wie Arte sich aktuell präsentiert, ist es eine Insel. Eine sehr schöne Insel. Aber vielleicht sollte man sich dort in Zukunft ein bisschen deutlicher klarmachen, dass auch schöne Inseln von einem steigenden Meeresspiegel bedroht werden, wenn sie keine Berge, also kein wirkliches Profil zu bieten haben. Auch Gutes kann besser werden.“

4. Die digitale Schranke
(zeit.de, Daniel Bouhs)
Die Mediatheken von ARD, ZDF und „Deutschlandfunk“ bieten Hunderttausende von Audio- und Videobeiträgen. Viele davon sind jedoch mit einem knappen Verfallsdatum versehen. Um diese Schranke wird erbittert gerungen. Nun könnte eine Ausweitung erfolgen, doch einen allumfassenden freien Zugang zu öffentlich-rechtlichen Inhalten werde es auch weiterhin nicht geben, so Daniel Bouhs: „Und so deutet sich zwar — aus Sicht des Beitragszahlers — tatsächlich ein besseres Angebot in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken an. Der große Wurf wird es aber nach wie vor nicht werden, weil die Medienpolitik immer auch andere Anbieter im Blick hat, in diesem Fall RTL, Netflix und andere.“

5. Rechnen mit falschen Zahlen
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Der „Faktenfinder“ beschäftigt sich mit den jüngsten Artikeln zum Verbleib von Asylbewerbern, den anfallenden Kosten und dem Familiennachzug. Das Thema Flüchtlinge sei hoch emotional. Doch anstelle von Fakten werde in der Öffentlichkeit oft mit falschen Zahlen hantiert (auch BILDblog berichtete dazu: „30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn“ Teil 1, Teil 2, Teil 3). Dies liege auch daran, dass es nicht so einfach sei, die Kosten zu ermitteln. Die finanzielle Hauptlast trügen die Länder, nicht der Bund. Eine exakte Aufstellung der Kosten würden diese aber nicht liefern.

6. Ein gefährliches Spiel
(sueddeutsche.de, Annette Ramelsberger)
Heute Abend zeigt das ZDF den Polit-Thriller „Dengler — Die schützende Hand“ nach dem Bestseller von Wolfgang Schorlau (vorher schon in der Mediathek zu sehen). Dort werden die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt zu Opfern eines Mordanschlags gemacht. Annette Ramelsberger fragt sich in der „SZ“, ob man Fakten ignorieren darf, um die große Verschwörung zu inszenieren: „Diese Liebe zur Verschwörung hat allerdings eine Nebenwirkung, die den Verantwortlichen in den Sendern vermutlich nicht einmal bewusst ist: Sie spielen ein Spiel mit, in dem andere versierter sind. Leute aus der rechten Szene, die Akten fleddern und Teile daraus ins Netz stellen, um ihre Theorie zu belegen: Den NSU hat es nie gegeben, er ist eine Erfindung des Verfassungsschutzes. Die zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge: vom Staat inszeniert. Der ganz große Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat, er wird transportiert als Spielfilm zur Primetime.“
Weiterer Lesetipp: Katharina König-Preuss (gehört als Abgeordnete von „Die Linke“ im Thüringer Landtag dem NSU-Untersuchungsausschuss an) mit ihrem Beitrag „Entsorgte Hirnmasse“ auf freitag.de, in dem sie empfiehlt: „Machen Sie was Schönes am 6. November. Gehen Sie essen, ins Theater, treffen Sie sich mit Freundinnen bzw. Freunden oder aktualisieren Sie alle zehn Sekunden Ihre Facebook- oder Twitter-Timeline. Alles ist relevanter, als sich die Verfilmung des achten Schorlau-Romans Dengler — Die schützende Hand im ZDF anzuschauen.“

30 000 Asylbewerber verschwunden? „Bild“ errechnet völligen Unsinn (3)

In der „Bild“-Zeitung ist heute so etwas wie eine Korrektur erschienen:

Ausriss Bild-Zeitung - In der Donnerstag-Ausgabe titelte Bild: 30000 abgelehnte Asylbewerber spurlos verschwunden. Um die Korrektheit der Schlagzeile entbrannte heftiger Streit. Richtig ist: Die 30000 Personen, über deren Verbleib die Behörden offenbar keine zentral erfassten, gesicherten Erkenntnisse haben, sind nicht allein abgelehnte Asylbewerber. Hier hatte Bild nicht korrekt formuliert. Es sind zum Teil auch andere Ausländer, die vollziehbar ausreisepflichtig sind, weil zum Beispiel ihr Visum abgelaufen ist und sie sich deshalb illegal in Deutschland aufhalten würden.

Immerhin etwas Einsicht.

Nur: Das stimmt in dieser Form nun auch nicht ganz, denn das Problem bei der großen „Bild“-Titelzeile von Donnerstag war letztlich nicht die Formulierung, sondern die Unfähigkeit, das Zahlenmaterial wenigstens ansatzweise zu verstehen, und die daraus resultierende falsche Rechnung. Dazu ist in dem Text von heute kein Wort zu finden. Stattdessen tut die Redaktion so, als hätte sie etwas Großes entdeckt, alles richtig verstanden, nur eben blöderweise „nicht korrekt“ formuliert:

BILD war auf die Zahl der rund 30 000 Personen gestoßen, weil das AZR [Ausländerzentralregister] (per Ende 2016) insgesamt 54 400 vollziehbar Ausreisepflichtige ausweist. Das Statistische Bundesamt führt zugleich rund 23 600 Personen, die staatliche Asyl-Leistungen erhalten.

Der Fehler, den „Bild“-Autorin Larissa Krüger gemacht hat: Diese beiden Zahlen zu verrechnen, die in dieser Form nicht zu verrechnen sind. Stattdessen hätte sie zum Beispiel die 28.000 vollziehbar ausreisepflichtigen Schutzsuchenden nehmen können, die das Statistische Bundesamt nennt. Übrig geblieben wären dann — statt 30.000 — rund 4400 Personen. Ob das für eine „Bild“-Titelgeschichte gereicht hätte?

Noch am Donnerstag hatte Bild.de darauf bestanden, dass an dem Bericht zu den vermeintlichen 30.000 verschwundenen ausreisepflichtigen Asylbewerbern nichts auszusetzen sei. Die Redaktion präsentierte sogar einen prominenten Fürsprecher mit einer angeblichen Bestätigung:

Screenshot Bild.de - Kanzleramtsminister Altmaier bestätigt Bild-Bericht - Niemand weiß, wie viele Asylsuchende abgetaucht sind

Die außergewöhnliche Logik dabei:

„Bild“ schreibt: Es sind 30.000.
Peter Altmaier sagt: Keine Ahnung, wie viele es sind.
Bild.de schreibt: Altmaier bestätigt „Bild“.

Was auch nicht unbedingt für die Fehlerkultur bei „Bild“ spricht: Über die, nun ja, Korrektur von heute hat die Redaktion natürlich nicht „Korrektur“ geschrieben, sondern:

Ausriss Bild-Zeitung - Das alles weiß das Bundesinnenministerium nicht über ausreisepflichtige Ausländer

Dazu auch:

12 680 Euro für jeden Asylbewerber? „Bild“ rechnet schon wieder falsch

Besonders ärgerlich an der falschen „Bild“-Titelzeile von gestern ist, dass sich die Zahl der vermeintlichen 30.000 „spurlos verschwundenen“ abgelehnten Asylbewerber kaum noch einfangen lässt. „Bild“ berichtet groß, andere Medien springen auf, in den Sozialen Netzwerken wird die Ziffer verbreitet, ein paar Politiker wiederholen sie — die 30.000 bekommt man aus Diskussionen über abgelehnte Asylbewerber nicht mehr raus, egal, wie weit sie von der tatsächlichen Zahl entfernt ist.

Bereits vorgestern hatte „Bild“ eine andere Zahl in die Welt gesetzt, für die das genauso gelten dürfte — ebenfalls zum Thema Asyl und ebenfalls falsch. Es geht um das Geld, das der Staat für jeden leistungsberechtigten Asylbewerber ausgibt.

Schon in der Überschrift klingt es dramatisch:

Ausriss Bild-Zeitung - Kosten für Asylbewerber sind 2016 regelrecht explodiert

Larissa Krüger, dieselbe „Bild“-Autorin, die gestern auch schon die falschen 30.000 errechnet hat, schreibt (online hinter der Bezahlschranke):

Die staatlichen Leistungen für Asylbewerber sind im Jahr 2016 um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen — obwohl die Zahl der Leistungsempfänger im gleichen Zeitraum von 974 551 auf 728 239 gesunken ist. (…)

Demnach zahlten Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2016 netto mehr als 9 Milliarden Euro (9,234 Milliarden) nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 2015 waren es noch rund 5,2 Milliarden.

Krüger hat dann die 9,234 Milliarden Euro für 2016 durch die 728.239 Leistungsempfänger für 2016 geteilt und kommt zu dem Ergebnis:

Im Schnitt wurden laut den jetzt vorliegenden Zahlen 2016 pro Leistungsbezieher 12 680 Euro ausgegeben — etwas mehr als 1000 Euro/Monat.

Mehr als 1000 Euro pro Monat? Eine wunderbare Vorlage für all jene, die gern sagen: „Die Flüchtlinge kriegen hier alles, und wir kriegen nix!“

Nur sind die 12.680 Euro pro Jahr zu hoch angesetzt. Wie viel zu hoch, können wir nicht exakt beziffern, denn das Zahlenmaterial, das Larissa Krüger hier vorlegt, lässt die Rechnung gar nicht zu, die sie damit anstellt. Das war schon bei den falschen 30.000 verschwundenen abgelehnten Asylbewerbern so, und ist in diesem Fall auch so.

Erstmal zu den 9,234 Milliarden Euro. Da schreibt die „Bild“-Autorin selbst in ihrem Artikel:

Kosten seien zudem wegen Überlastung im Jahr 2015 erst für 2016 verbucht worden.

Ein Teil der 9,234 Milliarden Euro wurde also gar nicht 2016 für leistungsberechtigte Asylbewerber ausgegeben, sondern bereits 2015, aber erst 2016 verbucht. Die Zahl der Ausgaben für 2016 ist in der Statistik also zu hoch, die für 2015 zu niedrig. Die „regelrechte Explosion“ der „Kosten für Asylbewerber“ im Jahr 2016, die „Bild“ in der Überschrift beschwört, ist schlicht und einfach auch auf Verwaltungsabläufe und einen Stau bei den Abrechnungen zurückzuführen.

Das Statistische Bundesamt schreibt in einer „Vorbemerkung“ des Zahlenmaterials, mit dem Larissa Krüger arbeitet (PDF, Seite 5):

Eine nach § 3 Absatz 2 BstatG durchgeführte Qualitätsuntersuchung zeigt, dass die hohe Zunahme von Schutzsuchenden im Zeitraum August 2015 bis März 2016 und die damit verbundene Arbeitsbelastung in den Berichtsstellen, keine zeitgerechte Buchung von Ausgaben zuließen. Viele Ausgaben wurden daher erst (nachträglich) in 2016 verbucht. Die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG ist somit für das Jahr 2015 untererfasst und für 2016 übererfasst.

Und dann zu den 728.239 Leistungsempfängern. Diese Zahl stammt aus derselben Statistik (PDF, Seite 8: 728.239 Leistungsempfänger, Seite 23: 9,234 Milliarden Euro) des Statistischen Bundesamtes. Während sich die Ausgaben von 9,234 Milliarden Euro aber auf einen Zeitraum beziehen (das Jahr 2016, mit eingerechneten Ausgaben von 2015), handelt es sich bei der Anzahl der Leistungsempfänger um eine Zahl zu einem Stichtag, dem 31. Dezember 2016. All diejenigen, die in den Monaten Januar bis November 2016 irgendetwas vom Staat bezahlt bekommen haben, aber im Dezember 2016 nichts mehr, sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt. Sie gibt also nicht alle Leistungsempfänger im Jahr 2016 an, für die die Milliarden von Euro ausgegeben wurden.

Larissa Krüger teilt eine zu hohe Zahl, die sich auf einen Zeitraum bezieht, durch eine zu niedrige Zahl, die sich auf einen Stichtag bezieht. Das Ergebnis kann nicht sauber sein.

Deswegen schreibt das Statistische Bundesamt in der bereits erwähnten „Vorbermerkung“ auch:

Für das Berichtsjahr 2016 wurde festgestellt, dass trotz Rückgangs der Empfängerzahlen, die Ausgaben nach dem AsylbLG stark gestiegen sind. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch zu beachten, dass die Statistiken der Empfänger von Leistungen nach dem AsylbLG und die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG nicht unmittelbar vergleichbar sind. So werden die Ausgaben und Einnahmen für das gesamte Berichtsjahr, die Empfänger jedoch zum Stichtag 31.12. erfasst. Eine Berechnung der pro Kopf Ausgaben ist somit nur eingeschränkt möglich und kann nur einen Annährungswert darstellen.

Auf Nachfrage sagte man uns beim Statistische Bundesamt, dass man Larissa Krüger explizit mitgeteilt habe, dass das Berechnen eines Pro-Kopf-Wertes mit diesem Zahlenmaterial keinen Sinn mache. Die „Bild“-Autorin hat es dann trotzdem getan.

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