Archiv für November, 2017

AfD-„FAZ“-Jargon, Umfrageunsinn, Politikberatungsjournalismus

1. „Staatliche Sender“ – auch #FAZ-Herausgeber macht sich jetzt #AfD-Jargon zu eigen. Bedenklich.
(twitter.com, Kai Küstner)
Der WDR/NDR-Korrespondent im ARD-Studio Brüssel, Kai Küstner, kritisiert eine Formulierung von „FAZ“-Herausgeber Holger Steltzner. Dieser hat in seinem „Konjunktur-Kommentar“ „Land der wirtschaftlichen Wunder“ statt von den Öffentlich-Rechtlichen von den „staatlichen Sendern“ gesprochen. Eine Wendung, die Küstner dem AfD-Jargon zurechnet und bedenklich findet.

2. Begeisterung für Umfragen über Jamaika-Koalition nimmt ab
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier ist genervt von den vielen sinnlosen Umfragen der Meinungsforscher zur sogenannten Jamaika-Koalition: „Die Leute sollen sagen, ob sie eine Koalition gut finden, von der zum Zeitpunkt der Frage kein einziges konkretes Vorhaben bekannt ist. Was ist das für ein Unsinn? Was für Rückschlüsse soll das auf irgendwas erlauben? Wäre nicht die einzige richtige Antwort, die man dem Mann von Infratest Dimap oder der Forschungsgruppe Wahlen geben könnte: Weiß noch nicht, rufen Sie mich nochmal an, wenn klar ist, welche Steuern die erhöhen, wie die mit Flüchtlingen umgehen, welcher Klima-Kompromiss da am Ende rauskommt?“

3. Politisches Rauchen
(taz.de, Raphael Piotrowski)
Am Dienstagabend pünktlich um 18 Uhr füllte sich der Bürgersteig vor dem „taz“-Gebäude in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin mit Protestrauchern, die damit an den ehemaligen „taz“- und heutigen „Welt“-Autoren und passionierten Raucher Deniz Yücel erinnern wollten. Und an seine fortdauernde Haft in der Türkei. Auch vor dem „Spiegel“-Redaktionsgebäude in Hamburg hätten Kollegen solidarisch für Deniz Yücel gequalmt.

4. „Österreich“ vervierfacht Cybermobbing-Opfer
(kobuk.at, Angelika Eva Kapeller)
Die Tageszeitung „Österreich“ behauptet, „64 Prozent sind Cybermobbing-Oper“, und beruft sich dabei auf eine Studie der „AK Steiermark“, der gesetzlichen Interessenvertretung aller ArbeitnehmerInnen des österreichischen Bundeslandes Steiermark. Warum die Aussage ziemlicher Quatsch ist, erklärt „Kobuk“-Autorin Angelika Eva Kapeller: In der Studie sei zwar von 64 Prozent die Rede, dabei handele es sich jedoch um die Schüler, die von Cybermobbing-Fällen in ihrem Umfeld wüssten. Außerdem seien die Angaben für Mobbingopfer und Cybermobbing-Opfer vermischt worden.

5. Politikberatungsjournalismus
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal nennt es eine „journalistische Übergriffigkeit“, wenn sich Journalisten zu Politikberatern aufschwingen: „Ist es die Aufgabe politischer Journalisten, ständig zu erklären, was jetzt zu tun ist? Müssen sie täglich hinausposaunen, was „wir“ jetzt am dringendsten brauchen? Wie Merkel die Krise noch meistern kann? Wie Jamaika zum Erfolg wird? Der politische Journalismus bietet heute ein solches Übermaß an Politikberatung, dass man bisweilen den Eindruck hat, die Redaktionen fungierten als Planungs- und Krisenstäbe des Kanzleramts und der Parteien.“

6. Montana Black: Wie PewDiePie, nur noch unreflektierter (Special)
(spieletipps.de)
In Youtube-Videos der Gamerszene herrscht schon mal ein rauer Ton, das mag man oder nicht. Bedenklich wird es jedoch, wenn sich rassistische Töne in die Videos einschleichen, wie es dem schwedischen Youtube-Star „PewDiePie“ vorgeworfen wird. In einem ähnlichen Fahrwasser scheint sich ein deutscher Youtuber bewegen zu wollen, der eine Spielefirma als „Zigeuner-Söhne“ bezeichnet, ein Spiel als „Drecks-Zigeuner-Spiel“ beschimpft. Die Macher der Seite „Spieletipps“ haben den Vorgang aufgegriffen und kommentieren: „Jemand, der ein Millionenpublikum erreichen kann, sollte sich überlegen, welche Wörter er benutzt — und vor allem auch, welche er nicht benutzen möchte. Denn so ein junges Publikum ist beeinflussbar. Es wird auch durch solche Videos sozialisiert. So entsteht eine Normalität, die nicht normal sein sollte.“

Selbstzensur, „Bild“-Strafanzeige, „Pro7Sat1“-Zuschauer fett und arm?

1. Deutscher Wissenschaftsverlag zensiert Angebot
(deutschlandfunk.de, Steffen Wurzel)
Der deutsche Wissenschaftsverlag „Springer Nature“ ist auch in China vertreten, dort aber nicht mit dem kompletten Angebot: Der Verlag habe bestätigt, dass er den Zugang zu bestimmten Artikeln in China blockiert habe. Diese Maßnahme sei nach Angaben des Verlags „zutiefst bedauerlich, wurde aber ergriffen, um wesentlich massivere Auswirkungen für unsere Kunden und Autoren zu vermeiden.“ Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert das Vorgehen und fordert den Verlag auf, seine Entscheidung zu überdenken und die Zusammenarbeit mit den chinesischen Zensurbehörden sofort zu stoppen. Eine besondere Brisanz bekommt der Vorgang dadurch, dass „Springer Nature“ eine Kooperation mit „Tencent“ vereinbart habe, einem der größten chinesischen Medien- und Onlinekonzerne — in zeitlicher Nähe zur kritisierten Selbstzensur, der wohl mehr als 1000 Beiträge zum Opfer gefallen sind.

2. Nach Strafanzeige von Herbert Grönemeyer: Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt gegen Bild-Verantwortliche
(meedia.de, Marvin Schade)
Nach Informationen des Branchendienstes „Meedia“ hat Herbert Grönemeyer Strafanzeige gegen mehrere Verantwortliche der „Bild“-Zeitung erstattet. Neben den Verantwortlichen in der „Bild“-Chefredaktion, also die Chefredakteure Julian Reichelt und Tanit Koch, könnte sich die Anzeige auch gegen Mitarbeiter der Rechtsabteilung des Axel-Springer-Verlags richten. Vereinfacht gesagt, geht es um Paparazzi-Aufnahmen, gegen die Grönemeyer vorgegangen war, und die damit verbundene Berichterstattung. Doch die Angelegenheit hat noch einen zusätzlichen Twist: Ein Fotograf hatte behauptet, von Grönemeyer geschlagen und verletzt worden zu sein, und hatte versucht, dies mit manipuliertem Bildmaterial zu belegen.

3. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache.“ Hanns Joachim Friedrichs (angeblich)
(falschzitate.blogspot.de, Gerald Krieghofer)
Gerald Krieghofer knöpft sich im neuesten Beitrag seines Falschzitate-Blogs die angebliche Äußerung von Journalistenlegende Hanns Joachim Friedrichs vor, nach der man einen guten Journalisten daran erkenne, dass er sich nicht gemein mache mit einer Sache: „Das ist ein Falschzitat, weil es eine Aussage des deutschen Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs aus einem SPIEGEL-Gespräch über die notwendige emotionale Distanz eines Fernsehmoderators zu der Nachricht, die er präsentiert, ins Unsinnige verallgemeinert.“

4. ProSiebenSat.1-Chef Ebeling lästert über seine Zuschauer
(dwdl.de, Timo Niemeier & Thomas Lückerath)
In einer Telefonkonferenz mit Analysten und Börsen-Experten habe sich der Vorstandsvorsitzende von „ProSiebenSat.1“, Thomas Ebeling, abfällig über Zuschauer geäußert: „All die Hollywood-Blockbuster gibt es auf unseren Sendern und nicht jeder Netflix-Film ist ein Homerun. Und sehr oft sind deren Inhalte sehr, sehr Arthouse-like. Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert.“ Ein Sprecher von „ProSiebenSat.1“ dementiert die Aussagen nicht und spricht davon, dass sie „womöglich missverstanden werden“ könnten.

5. Heil Heiler!
(taz.de, Matthias Kreienbrink)
Aus der deutschsprachigen Ausgabe des Computerspiels „Wolfenstein II“ wurden nicht nur Hakenkreuze oder SS-Runen entfernt, hier fehlt auch der nationalsozialistische Völkermord an den Juden. Das Problem: „Wolfenstein II“ ist kein Nazi-Game, sondern — ganz im Gegenteil — ein antifaschistisches Computerspiel. Matthias Kreienbrink ist in seinem Beitrag auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit der Geschichte eingegangen und hat Experten befragt. Es sei Zeit für eine öffentliche Debatte: „Wann endlich trauen wir Videospielen mehr zu?“

6. Aufwachen #250: Claus Kleber ist zu Gast + Fortpflanzung, Lobbyismus (mit Hans Jessen)
(youtube.com, Tilo Jung & Stefan Schulz)
Der „Aufwachen“-Podcast mit Tilo Jung und Stefan Schulz feiert seine 250. Ausgabe mit zahlreichen Gratulanten und Special Guest Claus Kleber, der seit vielen Jahren das „heute journal“ im ZDF moderiert. Mit Kleber haben sich die Medien-Podcaster unter anderem über dessen neues Buch „Rettet die Wahrheit!“ unterhalten, das vom Verlag als „flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit der Medien und gegen die Kampagnen der Hetzer“ bezeichnet wird. Außerdem mit dabei in der mehr als vierstündigen Jubiläumssendung: „Jung & Naiv“-Coproduzent Alexander Theiler und der langjährige ARD-Hauptstadtkorrespondent Hans Jessen. BILDblog gratuliert und wünscht alles Gute für die nächsten 250 Folgen!

#Metoo und Kameraschwenks, Rechter Netzjargon, PR-Sprech

1. „Jede Institution hat einen Weinstein“
(spiegel.de, Arno Frank)
Arno Frank kommentiert die „Anne Will“-Sendung, bei der Sexismus als „strukturelles Problem“ diskutiert wurde: „Sexismus ist, wenn Laura Himmelreich bei „Anne Will“ gerade über Sexismus als „strukturelles Problem“ referiert — und der Kameramann auf die rosafarbenen Stilettos von Verona Pooth zoomt, um dann laaangsam die Beine hinaufzufahren. Besser als mit dieser praktischen Übung hätte man #MeToo nicht auf die Meta-Ebene überführen können.“
Mittlerweile hat sich die Pressesprecherin von Anne Will dazu geäußert: „Diese Form der Bildführung widerspricht den redaktionellen und bildlichen Grundsätzen der Sendung. Der zuständige Regisseur bedauert den Fehler.“

2. A wie Alt-Right Netzjargon
(br.de, Tobias Zervos & Julian Wenzel)
Weiße Nationalisten, Anti-Feministen, Trump-Supporter und Verschwörungstheoretiker haben eines gemeinsam: den Alt-Right-Netzjargon. Dabei handelt es sich um „eine Art sprachlichen Erkennungscode der Ultrarechten“, der mit frei erfundenen englischen Begriffen gespickt sei. Bei „BR puls“ werden ein paar der Alt-Right-Begriffe vorgestellt und erklärt: vom frauenabwertenden „Femoids“ bis zu „Transtrender“, der rechten Spottbeschreibung für Transgender.

3. 7 Gedanken, die ich vom VOCER Innovation Day mitgenommen habe
(stift-und-blog.de, Sonja Kaute)
Die Medienjournalistin Sonja Kaute hat am Wochenende den „Vocer Innovation Day“ in Hamburg besucht. Ein Treffen, bei dem „innovative Konzepte für den Journalismus von morgen entworfen und diskutiert werden“. Sie hat sich dort wohlgefühlt: Statt des üblichen Gejammers über den Niedergang des Journalismus hätte dort Aufbruchstimmung und Optimismus, Gründergeist und Tatendrang geherrscht. Wieder zu Hause angekommen, hat sie sieben Gedanken notiert, die sie von der Veranstaltung mitgenommen hat. Dabei geht es um Themen wie Daten und Analyse, Personalisierung und Automatisierung, Diversität und Qualitätssicherung sowie neue Storytelling-Formate.

4. Auf Sansibar leben Menschen
(taz.de, Belinda Grasnick)
Belinda Grasnick kritisiert in der „taz“ eine Karikatur auf der Panorama-Seite der „SZ“, die einen Text über den Umgang der Sansibarer mit Sansibars berühmtem Landessohn Freddy Mercury begleitet. Auf der Zeichnung sieht man, wie Affen ein offensichtlich schwules Pärchen mit Steinen bewerfen. Grasnick dazu: „Sansibarer als Affen darzustellen, ist mehr als nur geschmacklos. Derartiges Verhalten kennt man aus rechten Foren und Fußballstadien — und auch dort muss es bekämpft werden. Dass ein solches Bild aber in einer überregionalen Tageszeitung verbreitet wird, ist kaum zu glauben.“

5. Wollen wir Freunde sein?
(sueddeutsche.de Alexandra Föderl-Schmid)
Sexismus in der Medienbranche ist leider auch in Israel ein Thema. Dort sind gleich mehrere berühmte Journalisten involviert. Es geht um Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und Sex-gegen-Job-Angebote. Bei einem der Beschuldigten handelt es sich um den Mitbegründer des größten privaten TV-Senders Israels, der nach Bekanntwerden der Vorwürfe von seinem Posten als Präsident des Senders zurückgetreten ist. „Vorübergehend“, wie er sagt.

6. Faktenchecker und Mauerbauer
(tagesspiegel.de, Stephan Russ-Mohl)
Faktencheck-Redaktionen, Paywalls, Entrepreneurial Journalism — dem PR-Sprech sollte nicht nur wegen der Anglizismen entgegengetreten werden, findet Stephan Russ-Mohl im „Tagesspiegel“: „Wenn die Wortwahl den Ernst der Lage eher ver- als erklärt, dann haben wir es, genau besehen, mit PR-Sprech zu tun. Also mit einem Sprachgebrauch von Spin-Doktoren, dem „gute“ Journalisten und Wissenschaftler nicht nur wegen der Anglizismen den Kampf ansagen sollten.“

Stern  

Sexismus im Job? Kennt sie nicht, auch wenn der „Stern“ so tut!

Ob man das Cover des aktuellen „Stern“ nun gelungen findet oder nicht, soll jeder selbst entschieden, es wird aber auf jeden Fall direkt klar, worum es in der Titelgeschichte des Wochenmagazins geht: Sexismus im Job, und die drei Frauen, die zu sehen sind, scheinen ihn erlebt zu haben:

Ausriss der aktuellen Stern-Titelseite, auf der drei Frauen zu sehen sind, unter ihnen auch die Schriftstellerin Melanie Raabe. Vor den drei Frauen ist die Überschrift montiert: Sexismus im Job? Kenne ich! Sowie die Unterzeile: Warum die Debatte jetzt weitergehen muss: Frauen aus ganz Deutschland brechen ihr Schweigen

Nicht ganz klar wird, von wem das Zitat nun genau stammt. Von der Köchin Rike Schindler? Von der Co­me­di­an Carolin Kebekus? Von der Schriftstellerin Melanie Raabe? Ist vielleicht auch nicht ganz so wichtig, schließlich werden diese drei Frauen, die laut Unterzeile ihr Schweigen brechen, nicht nur bildlich, sondern auch inhaltlich hinter der Aussage „Sexismus im Job? Kenne ich!“ stehen.

Eben nicht.

Melanie Raabe sagt zwar, dass sie mit der „Stern“-Redaktion zu dem Thema gesprochen und auch ein Statement abgegeben habe. Auf dem Cover sei sie aber völlig falsch. Sie habe auch nie zugestimmt, dort zu landen. Und „Sexismus im Job“ kenne sie glücklicherweise auch nicht.

Nun wurde die Titelseite mit dem Foto von ihr allerdings mehr als 500.000 Mal gedruckt und an alle „Stern“-Abonnenten geschickt, an zahlreichen Kiosken ausgelegt sowie im „Leserzirkel“ in Wartezimmern von Arztpraxen und Friseursalons verteilt. Melanie Raabe schreibt, dass sie seit Erscheinen des Heftes am Donnerstag „permanent angesprochen werde“. Deswegen hat sie am Freitag bei Facebook einen längeren Eintrag veröffentlicht, in dem sie die Situation klarstellt:

Screenshot des Facebook-Posts von Melanie Raabe - Ihr Lieben! Eigentlich wollte ich diesen Monat offline sein und ausschließlich schreiben. Leider muss ich hier jedoch etwas klar stellen, auf das ich seit gestern permanent angesprochen werde. Hier also Antworten auf die FAQs. Frage: Melanie! Ich habe dich auf dem Cover des Stern gesehen. Unter der Überschrift Sexismus im Job? Kenne ich! Was ist passiert? Antwort: Rein gar nichts. Frage: Kennst du Sexismus im Job? Antwort: Nein. Ich gehöre zu den ganz wenigen, die irres Glück hatten und immer korrekt und respektvoll behandelt wurden. Ganz besonders in der Buchbranche. Frage: Was zum Teufel machst du dann auf diesem Cover? Antwort: Gute Frage. Da ist wohl ein Fehler passiert. Man hat mich einfach aufs Cover genommen, ohne mich zu fragen. Frage: Warst du gar nicht in Kontakt mit der Redaktion? Antwort: Doch. Man bat mich um ein Statement zu sexueller Belästigung. Das habe ich gegeben und, kurz zusammengefasst, geschrieben, dass mir im Leben außer dummen Sprüchen, wie jede Frau sie schon mal gehört hat, noch nie was passiert ist, aber dass wir uns alle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt engagieren müssen, auch wenn wir selbst nicht betroffen sind. Davon, dass ich auf den Titel komme oder dergleichen war nie die Rede, und ich hätte dem niemals zugestimmt. Frage: Also bist du auf dem Cover völlig falsch! Antwort: Korrekt. Frage: Moment. Sie haben ausgerechnet Eine, die im Job nie Sexismus erfahren hat unter dem Titel Sexismus im Job? Kenne ich! auf den Titel genommen? Und das auch noch ungefragt? Antwort: Korrekt. Frage: Wie ärgerlich ist das denn? Antwort: Unfassbar ärgerlich. Frage: Hast du dich beschwert? Antwort: Bitterlich. Zum einen bei der Redaktion direkt. Zudem habe ich meine Sicht der Dinge gestern auf meiner privaten FB-Seite geteilt. Frage: Und? Antwort: Der Chefredakteur hat sich entschuldigt. Da ist ein Fehler passiert, sagt er. Ich habe die Entschuldigung akzeptiert. Frage: Nett von dir, oder? Antwort: Finde ich auch. Ich bin nämlich diejenige, die sich nun permanent erklären muss, obwohl ich gar nichts falsch gemacht habe. Frage: Ich kenne einen guten Anwalt. Willst du seine Nummer? Antwort: Das ist lieb, aber nein danke. Zum einen habe ich da jemanden. Zum anderen: Ich bin immer noch schwer verärgert, vertraue jedoch darauf, dass die Redaktion das aufarbeitet und dass so ein Fehler nie wieder passiert. Ich gehe nun zurück an die Arbeit. Ich habe nämlich zu tun. Frage: Okay. Na gut. Und? Wann gibt es was Neues von dir? Antwort: Ich schicke die Tage endlich mal wieder einen Newsletter raus. Versprochen!

  • Lesetipp: Teil der „Stern“-Titelgeschichte ist auch der lesenswerte Text „Macht und Muffensausen“ von Ulrike Posche. Die „Stern“-Autorin schildert darin ihre persönlichen Erlebnisse mit Sexismus in Redaktionen.

Yücel-Interview, #Metoo-Verdrehung, Realfakeopfer Dunja Hayali

1. Klagt mich endlich an
(taz.de, Doris Akrap)
Doris Akrap ist „taz“-Redakteurin und enge Freundin des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel. Sie kennt ihn seit dem Abitur in den frühen Neunzigern. Nun hat sie ihn auf ungewöhnliche Weise interviewt: „Meine Fragen habe ich schriftlich über Deniz’ Anwälte gestellt und Deniz hat sie über die Anwälte schriftlich beantwortet. Meine Rückfragen und seine Antworten dazu gingen dann auf demselben Weg noch zwei Mal hin und her. Dazwischen lagen jeweils mehrere Tage.“ Yücel wartet bereits seit acht Monaten auf seine Anklageschrift. Er wünscht sich: „Ich will einen fairen Prozess. Und den am besten gleich morgen. Nicht mehr. Nicht weniger.“
Wir vom BILDblog schließen uns dem mit einem #FreeDeniz an und wünschen ihm bis dahin alles Gute.

2. Hauptsache, es ist laut und krass
(spiegel.de, Georg Diez)
Georg Diez beschäftigt sich in seiner Kolumne mit den Gegenstimmen zur #MeToo-Debatte. Es habe sich so etwas wie ein „Post-truth-Journalismus“ entwickelt mit unlauteren Absichten: „… das Ziel scheint ein generelles Klima von Verdacht und Verschwörung, in dem dann die eigenen Argumentationen und Wahrheiten platziert werden können. Es ist immer das gleiche Muster. Die einen sagen: Es gibt ein System von Missbrauch. Die anderen sagen: Es gibt ein System von Verdacht.“

3. Einer kämpft gegen „Unter drei“
(taz.de, Christian Rath)
Jost Müller-Neuhof ist rechtspolitischer Korrespondent des „Tagesspiegels“ und dessen Justiziar. Neuhof setzt sich immer wieder dafür ein, dass der Staat alle Journalisten gleichermaßen informiert. Nicht nur diejenigen, die man zu Hintergrundrunden einlädt: „Das ist staatliches Informationshandeln, also müssen es auch alle Journalisten erfahren können — zumindest wenn sie sich ebenfalls zu Vertraulichkeit verpflichten.“ Gerichte scheinen für diesen Wunsch mehr Verständnis zu haben als seine Kollegen aus dem Journalismus, die schon mal vom „Terror der Transparenz“ sprechen.

4. Benjamin Piel über Bestechung im Lokaljournalismus
(kress.de, Benjamin Piel)
Manchmal braucht es keine goldene Armbanduhr, um Journalisten zu bestechen, es muss sich noch nicht mal um materielle Güter oder Geld handeln. Manchmal reicht schon soziale Anerkennung im Ort als Schmierstoff, so Benjamin Piel, Redaktionsleiter der „Elbe-Jeetzel-Zeitung“: „Ein Mann von einigem Ansehen sagte mir immer wieder, wenn wir uns sahen, wie sehr er meine Arbeit schätze. Das sei wahrhaftiger Journalismus, der den Anspruch habe, nichts zu verschweigen, sondern ans Licht bringe, was ans Licht gehöre. Es sind Sätze wie diese, die in mir die Alarmglocken anwerfen. Welche Maschinerie bedient der, der so lobt?“

5. #Netzwende Award 2017 für RiffReporter
(vocer.org)
„Vocer“, der „Thinktank für Medieninnovation“, hat in Kooperation mit der „August Schwingenstein Stiftung“, der „Rudolf Augstein Stiftung“ und der „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ den ersten „#Netzwende Award 2017“ verliehen. Preisträger des mit 10.000 Euro dotierten Medienpreises für nachhaltige Innovation im Journalismus ist das Autoren-Kollektiv „RiffReporter“.

6. Thomas existiert nicht
(zeit.de, Dunja Hayali)
Die Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali stand über Twitter, Mail und Co. mit verschiedenen Leuten in Kontakt, die sich später als eine einzige Person erwiesen. Angefangen hatte die Sache mit einem angeblichen Krankenpfleger namens Thomas Lehmann. Nach Hinweisen von außen keimte in Hayali ein Verdacht auf — und siehe da, besagter „Thomas“ stand mit ihr auf Twitter auch unter anderen Namen in Kontakt: als „Leandro Tressko“, „Berlingirl“, „Axel Graf“, „Pia Carreras“ und „Bernd Lechner“. Wie sich nun herausstellt, sind alle dieser Fake-Identitäten auf eine Frau zurückzuführen, die von Hayali längst blockiert worden war. Hayali dazu: „Man schämt sich für seine Gutgläubigkeit und für seine Offenheit. Man fühlt sich betrogen. Da geht es mir wie allen anderen auch, die von Realfakes verladen werden: Man möchte schreien.“

Für „Bild“-Kritik ist in „Bild“ kein Platz

Zum Boulevard-Murks von „Bild“ gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: „Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.“

Sie stammt aus einem Text, der in der „Bild“-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel „Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden“ geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei „Bild“-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum „Bayern-Doc“, weil er keine Lust hatte, sich von den „Bild“-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte „Bild“ dann Neuers „Bild“-Kritik — ohne den „Bild“-kritischen Teil –, um einen neuen „Bild“-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

Die Verlierer von „Bild“

Es braucht nicht viel, um für die „Bild“-Redaktion der „VERLIERER“ des Tages zu sein. Ein Tweet reicht schon. Und in diesem Tweet muss nur ein einziger Buchstabe an der falschen Stelle stehen — schon landet man schwarzumrandet auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - FDP-Chef Christian Lindner (38) betätigt sich als Geschichtslehrer. Auf Twitter erinnerte er an die Bedeutung des Datums 9. November (1918 Republikgründung, 1938 Reichspogromnacht, 1989 Mauerfall): lehrt, dass Demokratie immer neu gewonnen werden muss. Allerdings schrieb er statt Pogrom Progrom. BILD meint: Nachsitzen!

Da müssen wir aber erstmal schauen, ob in dem Raum mit all den Nachsitzern noch Platz für Christian Lindner ist. Dort befinden sich schließlich schon einige Mitarbeiter der „Bild“-Medien.

Bild.de gestern, also an dem Tag, an dem Lindner „Progrom“ twitterte:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze mit weißen Nelken nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht vor 79 Jahren.

Im Teaser zu dem Artikel derselbe Fehler:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht.

Bild.de am 4. Mai dieses Jahres:

Screenshot Bild.de - Die Skulptur steht in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem bis zur Progromnacht am 9. November 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hannovers stand.

Bild.de am 11. November 2016:

Screenshot Bild.de - Unfassbar! Zum Gedenktag der Reichsprogromnacht haben Neonazis auf einer widerlichen Hass-Seite eine Karte mit 70 Standorten veröffentlicht, die jüdische Einrichtungen und Geschäfte in Berlin markiert.

Bild.de am 16. Juli 2016:

Screenshot Bild.de -In der Reichsprogromnacht 1938 wurde das Geschäft verwüstet und angezündet.

Bild.de am 2. Mai 2015:

Screenshot Bild.de - Die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde 1938 in der Reichsprogromnacht verwüstet, im Juli 1939 abgerissen.

Bild.de am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Reichsprogromnacht: Gedenken an ermordete Mitbürger

Im Artikel kommt auch noch diese Variante vor:

Screenshot Bild.de - Zur Gedenkfeier anlässlich der Reichsprogomnacht vor 75 Jahren kamen deutlich mehr Menschen ins Alte Rathaus als vorgesehen.

Bild.de ebenfalls am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Bewegende Rede von Bundespräsident Joachim Gauck (73) zum Gedenken an die Progromnacht vom 9. November 1938

Bild.de am 13. Mai 2009:

Screenshot Bild.de - Bremens Juden erhielten erst 1850 ihre vollen Bürgerrechte. Nationalsozialisten zerstörten in der Reichsprogromnacht (1938) die erste Synagoge im Schnoor.

Bild.de am 10. November 2006:

Screenshot Bild.de - Nach Gedenken an Progromnacht in Frankfurt (Oder)

Und:

Screenshot Bild.de - Neonazi-Randale nach einer Gedenkveranstaltung zur Progromnacht vom 9. November 1938.

Nachtrag, 13. November: Die „Bild“-Redaktion hat sich heute selbst zum „VERLIERER“ des Tages erklärt:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - Am Freitag forderten wir FDP-Chef Christian Lindner (38) an dieser Stelle zum Nachsitzen auf. Grund: Er hatte das Wort Pogrom (russisch für Zerstörung) falsch geschrieben. Allerdings nicht er allein: Bild leider auch. Sogar ziemlich oft. Bild meint: Wer im Glashaus nachsitzt

Mit Dank an Patrick für den Hinweis!

Insektensterben, Social-Media-Verifikation, Gladiatoren-Trash-TV

1. Insektenschwundleugner gegen Untergangspropheten
(riffreporter.de, Christian Schwägerl)
Am 18. Oktober veröffentlichte „Plos One“, die internationale Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science, eine Studie mit dem Titel „Mehr als 75 Prozent Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in 27 Jahren in Schutzgebieten“. Dem zugrunde lagen Untersuchungen des Krefelder Entomologischen Vereins an insgesamt 63 Standorten, mehrheitlich in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Die Reaktionen in Politik und Medien fielen je nach Interessenlage und Weltsicht aus. Manche waren gar „postfaktisch“. Christian Schwägerl hat die irreführenden oder falschen Darstellungen zusammengestellt und eingeordnet.
Nachtrag: Das „RWI Essen“ hat das Thema Insektensterben bereits zweimal in seiner Rubrik „Unstatistik des Monats“ zum Thema gemacht und übt Kritik an der Berichterstattung der Medien: Teil 1, Teil 2.

2. Ein Plan zur Rettung des Journalismus
(deutschlandfunk.de, Silke Burmester)
„Deutschlandfunk“-Kolumnistin Silke Burmester hat sich einen Plan zur Rettung des Journalismus ausgedacht: Wer den Beruf nicht ernst nehme oder nicht auf das Geld angewiesen ist, solle etwas anderes machen. Burmester denkt dabei an die zahlreichen Rentner, Hobby-Reporterinnen und Jungjournalisten, die das Dumpingsystem der Verlage indirekt unterstützen. Im Wegfall dieser Journalistengruppen sieht sie Vorteile auf allen Seiten: „Die Lokalredakteure verplempern ihre Zeit nicht länger mit den Grützentexten der Opa-Reporter, die Frauen finden mehr Zeit für ihr Erdbeerkuchen-Blog und die Jungjournalisten werfen nicht bereits mit dem Berufseinstieg ihre Selbstachtung über Bord.“

3. Die Lücke aus Medienverboten und Selbstzensur füllen
(sueddeutsche.de, Christiane Schlötzer)
Unmittelbar nach dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Jahr floh der Journalist Yavuz Baydar ins Exil. Von dort aus schrieb er für viele renommierte Medienhäuser. Seit neuestem ist der 61-Jährige wieder Chefredakteur, und zwar für ein neues dreisprachiges in London produziertes Online-Medium mit dem Namen „Ahval“. Die Website erscheint für ein internationales Publikum auf Englisch, auf Türkisch, um eine öffentliche Diskursplattform zu bieten, und auf Arabisch, weil es in der arabischen Welt ein ungebrochen großes Interesse an der Türkei gebe. Finanziell sei die Plattform mit der Verlegergruppe „Al Arab Publishing“ verbunden, man habe jedoch „völlige journalistische Freiheit“.

4. Quiz-Reihe: Social-Media-Inhalte verifizieren
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Auf der Suche nach einem netten Zeitvertreib, der über die üblichen Themen wie Puzzle, Kreuzworträtsel, Sudoku oder dem Legen von Patiencen hinausgeht? Dann könnte die Verifikation von Social-Media-Inhalten das Richtige sein. Die Journalistin Julia Bayer („Deutsche Welle“) hat vor einigen Monaten damit angefangen, auf Twitter Foto-Aufgaben zu posten, mit denen Journalisten genau das trainieren können. Einige Kollegen haben sich dem Projekt angeschlossen: Mittlerweile sind mehr als 100 Quiz-Aufgaben zusammengekommen, die Fiete Stegers in einem Twitter-„Moment“ zusammengefasst hat.

5. So funktioniert der Newsroom von Kölner Stadt-Anzeiger und Express
(story.ksta.de)
Welche Aufgabe hat ein Site-Manager? Und was macht ein Blatt-Macher? Eine multimediale Story des „Kölner Stadt-Anzeigers“ zeigt, wo im Newsroom welche Entscheidungen getroffen werden. (Wer sich für den technischen Aspekt des Beitrags interessiert: Umgesetzt wurde die kleine Multimedia-Führung durch das Medienhaus mit dem Tool „StoryMap“ des amerikanischen „Northwestern University Knight Lab“.)

6. Vier Gründe, weshalb Bromans die Zukunft des Trash-TV sein könnte
(haz.de, Jan Heemann)
Der britische Sender „ITV2“ hat ein neues Trash-TV-Format auf den Markt gebracht: „Bromans“, eine Kombination aus „Bro“ (Bruder, Kumpel) und Romans (Römer). In einer Gladiatorenarena treten acht Paare in Disziplinen wie Ringen oder Zwillenschießen gegeneinander an. „Sie entblößen dabei nicht nur ihr seichtes Gemüt, sondern auch viel nackte Haut“, schreibt Jan Heemann, der dem Format trotzdem etwas abgewinnen kann: Die Sendung „könnte Trash-TV auf das nächste Level heben.“

„Bild“ denkt auch an die Kleinen

Regt sich hier irgendjemand über die Millionäre, Milliardäre und Riesenkonzerne auf, die laut „Paradise Papers“ der „Süddeutschen Zeitung“ in Steuerparadiesen und mit Briefkastenfirmen unglaublich viel Steuern sparen? Ja? Dann mal halblang! „Die kleinen Leute“ machen das doch auch:

Ausriss Bild-Zeitung - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

So sah vorgestern die Titelseite der „Bild“-Zeitung aus. Bild.de stellte bucklige Einkaufstütenschlepper und lachende Champagnerschlürferinnen gegenüber:

Screenshot Bild.de - Sind die kleinen Leute wirklich ehrlicher als die Reichen? Die Wahrheit über Steuer-Betrug in Deutschland

Auf Seite 2 der „Bild“-Zeitung war es schon keine Frage mehr, ob „die kleinen“ besser sind als die „großen Fische“:

Ausriss Bild-Zeitung - Milliardenbetrug durch die großen Fische, doch die kleinen sind nicht besser

Was soll das werden? Das typische „Bild“-Spiel, das auch Gertjan Verbeek, einst Trainer des VfL Bochum, erkannte, als er einen „Bild“-Reporter bei einer Pressekonferenz anblaffte: „Warum schreibt ihr dann immer solche Scheiße? Warum spielt ihr immer zwei Parteien gegeneinander aus?“ Will die „Bild“-Redaktion eine Neid-Debatte? Will sie die Enthüllungen der „Paradise Papers“ kleinschreiben, weil ja auch der Büroangestellte bei der Pendlerpauschale schummelt, und die Putzfrau zweimal die Woche schwarz arbeitet: Schaut da, die Kleinen, die machen das doch auch — regt euch also mal nicht so auf?

Natürlich summiert sich dieses Ergaunern im Kleinen bei Millionen jährlichen Familienfeiern, die als Geschäftsessen deklariert werden. Dem Staat fehlt dadurch enorm viel Geld, das er eigentlich bekommen müsste. Darüber kann man sich zurecht ärgern. Aber die Schwerpunktsetzung, die Aufmachung und der Zeitpunkt der „Bild“-Titelgeschichte vom Dienstag nehmen Dampf aus einem aktuellen, wichtigen Thema: das systematische Verhindern von Steuerzahlungen durch Reiche und Superreiche in einem riesigen Ausmaß. Und dank „Paradise Papers“ gibt es für manche dieser Fälle nun Unterlagen, die dies nahelegen oder sogar beweisen.

Wirklich konsequent ist das Relativieren der „Bild“-Redaktion auch nicht. Normalerweise regt sie sich tierisch auf, wenn der Staat von Einzelpersonen übers Ohr gehauen wird.

Ein Beispiel. Wenn ein Asylbewerber aus dem Sudan sich mit Hilfe von sieben verschiedenen Identitäten 21.701 Euro ertrickst, titelt “Bild” groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asyl-Abzocke - So wird der Staat noch immer ausgetrickst!

Das sei „ein krasser Fall von Sozialbetrug“, schreiben die Autoren dann. Ralf Schuler, Leiter des „Bild“-Parlamentsbüros, kommentiert, dass der Fall „richtig wütend“ mache. Das sei „kriminelle Energie. Sozialbetrug als Geschäftsmodell!“ Kriminelle Energie, Betrug als Geschäftsmodell — das passt auch zu zahlreichen Fällen in den „Paradise Papers“. Nur die Wut verspürt Schulers Redaktion dazu offenbar nicht.

Noch ein Beispiel. Wenn eine Frau „(31, polizeibekannt)“ aus Serbien in Berlin lebt und mit ihren sechs Kindern „Tausende Euro Leistungen bezogen“ hat, „obwohl ihr Asylantrag abgelehnt wurde“, titelt „Bild“ groß:

Ausriss Bild-Zeitung - Asylbetrug - So leicht ist es, in Deutschland abzukassieren

Das sei „ein unglaublicher Fall“, schreiben die Autoren dann. In seinem Kommentar fordert Dirk Hoeren, Chefkorrespondent der „Bild“-Zeitung, „Missbrauch und Betrug“ zu stoppen.

Noch ein Beispiel. Wenn ein Mann aus Deutschland bei seinem Antrag auf Sozialhilfe Einkünfte aus Häusern im Ausland verschwiegen haben soll, schreibt „Bild“ tagelang:

Ausriss Bild-Zeitung - Berlins schlimmster Sozial-Schmarotzer aufgeflogen

Noch ein Beispiel. Wenn sich eine obdachlose Hartz-IV-Empfängerin, die für ihre Essens-Bons keinen Alkohol und keinen Tabak bekommt, 113 Flaschen Mineralwasser besorgt, diese direkt vor dem Geschäft auskippt und sich vom Pfandgeld Alkohol und Tabak kauft, schreibt „Bild“:

Ausriss Bild-Zeitung - Unfassbar - Hier kippt eine Hartz-IV-Empfängerin Wasserflaschen aus, die sie für ihre Essens-Bons bekommen hat. Vom Pfand will sie Alkohol und Zigaretten kaufen

Wegen einer 50-Euro-Trickserei mit Steuergeld echauffiert sich die „Bild“-Redaktion und stellt diese Frau, die wohl zu den Ärmsten der Armen gehört, an den Pranger.

Wenn einige Millionäre und Milliardäre sich niedrige bis gar keine Steuern erschummeln, die dem Staat dadurch fehlen, titelt „Bild“ zwar auch groß, aber nur um mit dem Finger auf die buckligen Einkaufstütenschlepper zu zeigen und zu fragen: Und was ist mit den Kleinen?

Mit Dank an @ThomasLaschyk für den Hinweis!

Fragwürdiges zum dritten Geschlecht

Zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass es für intersexuelle Menschen die Möglichkeit geben soll, neben „männlich“ und „weiblich“ ein drittes Geschlecht im Geburtenregister zu wählen, hat auch das Team von Bild.de etwas veröffentlicht:

Screenshot Bild.de - Welche Männer stehen eigentlich auf Ladyboys? Und sechs weitere Fragen zum dritten Geschlecht

Erstens, liebe Bild.de-Mitarbeiter: Ist dieser Artikel ernsthaft das, was ihr für einen angemessenen Beitrag zu einem Thema haltet, bei dem es um das im Grundgesetz verankerte Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot geht?

Zweitens: Ladyboys haben in aller Regel nichts mit Intersexualität zu tun — und damit auch nichts mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum nötigen dritten Geschlecht im Geburtenregister. Intersexuelle Personen sind Menschen, die keinem der beidem Geschlechter „männlich“ und „weiblich“ eindeutig zuzuordnen sind. Manche von ihnen kommen mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt; bei mancher intersexueller Person ergibt eine Chromosomenanalyse weder, dass sie eindeutig ein Mann ist, noch, dass sie eindeutig eine Frau ist.

Ladyboys, die in Thailand zur Kategorie Kathoey zählen, sind im biologischen Sinne fast ausschließlich Männer mit einer femininen Identifikation. Es handelt sich bei Ladyboys also meist um Transsexuelle und nicht um Intersexuelle. Manche von ihnen unterziehen sich operativen Geschlechtsumwandlungen, wodurch sie anschließend sowohl männliche als auch weibliche anatomische Geschlechtsmerkmale haben. Aber eben nicht von Geburt an. In Thailand werden Ladyboys manchmal auch als „drittes Geschlecht“ bezeichnet, was aber nichts mit dem dritten Geschlecht zu tun, über das gestern das Bundesverfassungsgericht entschieden hat.

Drittens: In eurem Beitrag über Ladyboys gibt es eine Passage zum angeblichen allgemeinen Erscheinungsbild der „Frauen in Thailand“, die sich liest wie eine Niederschrift der ersten deutschen Asienexpedition. Darin so gruselige Sätze wie:

Die meisten Thailänderinnen haben kleine, feste Brüste

Wer schreibt so etwas freiwillig?

Und viertens: Um 12:32 Uhr hieß es gestern bei euch auf der Seite, dass es etwa 160.000 intersexuelle Menschen in Deutschland gebe. Um 15:23 Uhr waren es nur noch rund 80.000. Wie konnten in weniger als drei Stunden 80.000 Menschen verschwinden?

Mit Dank an Sabine E., Tihomir V., Oliver K., @Politbuero, @Sereiya_, @ndyzllr und @pfuideifipegida für die Hinweise!

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