Archiv für November 10th, 2017

Für „Bild“-Kritik ist in „Bild“ kein Platz

Zum Boulevard-Murks von „Bild“ gehört nicht nur das Verbiegen und Erfinden von Fakten, sondern auch das gezielte Weglassen von Informationen.

Diese Passage hier zum Beispiel — gibt es an der irgendetwas Offensichtliches auszusetzen?

Immerhin: Torwart Manuel Neuer (31) steht trotz drei Mittelfußbrüchen 2017 hinter Braun, schrieb bei Facebook: „Ihn trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.“

Sie stammt aus einem Text, der in der „Bild“-Ausgabe vom Mittwoch erschienen ist. In dem Artikel „Brazzo wollte Bayern-Doc loswerden“ geht es um die Trennung des FC Bayern München und Volker Braun, der bis vor Kurzem noch Mannschaftsarzt der Profifußballer war.

Die zwei „Bild“-Autoren lassen es so erscheinen, als hätte sich Manuel Neuer einfach mal so und ohne äußeren Anlass in einem Facebook-Post für Braun starkgemacht. Die Information, die sie weglassen: Neuer äußerste sich nur deswegen öffentlich zum „Bayern-Doc“, weil er keine Lust hatte, sich von den „Bild“-Medien instrumentalisieren zu lassen.

Zwei Tage zuvor, am Montag, hatte Bild.de einen ersten Artikel zum Aus von Volker Braun beim FC Bayern München veröffentlicht. Darin auch dieser Absatz:

Nach BILD-In­for­ma­tio­nen waren Mann­schaft und Klub-Mit­ar­bei­ter über­rascht vom plötz­li­chen Braun-Aus. In­tern al­ler­dings war der Doc seit ei­ni­ger Zeit um­strit­ten. Unter an­de­rem, weil er bei Ver­let­zun­gen nicht die idea­len Be­hand­lungs­me­tho­den ge­wählt hatte, Spie­ler nach Rück­schlä­gen für län­ge­re Zeit aus­fie­len. Bes­tes Bei­spiel: Ma­nu­el Neuer (31). Der Torwart brach sich im Sep­tem­ber zum drit­ten Mal in die­sem Jahr den Mit­tel­fuß.

Das wollte Manuel Neuer so nicht stehen lassen und verfasste am Dienstag einen Facebook-Post:

Screenshot des Facebook-Posts von Manuel Neuer, der die betreffende Bild.de-Passage zitiert. Dazu schreibt Neuer: In den Medien wird heute der Eindruck erweckt, Dr. Volker Braun sei für die Entwicklung meiner Verletzung verantwortlich, da er nicht die idealen Behandlungsmethoden angewandt habe (siehe Foto). Dem möchte ich vehement widersprechen. Den ehemaligen Vereins-Arzt des FC Bayern trifft absolut keine Schuld. Ich kann sogar versichern, dass er die allerbesten Methoden angewandt hat, welche die moderne Medizin ermöglicht.

Einen Tag später nutzte „Bild“ dann Neuers „Bild“-Kritik — ohne den „Bild“-kritischen Teil –, um einen neuen „Bild“-Artikel zu füllen. Das schafft auch nur diese Redaktion: Jemanden, der sich nicht von ihr instrumentalisieren lassen will, direkt wieder zu instrumentalisieren.

Mit Dank an Julia F. und @tuschelball für die Hinweise!

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Die Verlierer von „Bild“

Es braucht nicht viel, um für die „Bild“-Redaktion der „VERLIERER“ des Tages zu sein. Ein Tweet reicht schon. Und in diesem Tweet muss nur ein einziger Buchstabe an der falschen Stelle stehen — schon landet man schwarzumrandet auf der „Bild“-Titelseite:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - FDP-Chef Christian Lindner (38) betätigt sich als Geschichtslehrer. Auf Twitter erinnerte er an die Bedeutung des Datums 9. November (1918 Republikgründung, 1938 Reichspogromnacht, 1989 Mauerfall): lehrt, dass Demokratie immer neu gewonnen werden muss. Allerdings schrieb er statt Pogrom Progrom. BILD meint: Nachsitzen!

Da müssen wir aber erstmal schauen, ob in dem Raum mit all den Nachsitzern noch Platz für Christian Lindner ist. Dort befinden sich schließlich schon einige Mitarbeiter der „Bild“-Medien.

Bild.de gestern, also an dem Tag, an dem Lindner „Progrom“ twitterte:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze mit weißen Nelken nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht vor 79 Jahren.

Im Teaser zu dem Artikel derselbe Fehler:

Screenshot Bild.de - Landes-, Stadt- und Regionspolitiker legten an der Roten Reihe Kränze nieder, vor der Gedenktafel zur Reichsprogromnacht.

Bild.de am 4. Mai dieses Jahres:

Screenshot Bild.de - Die Skulptur steht in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem bis zur Progromnacht am 9. November 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hannovers stand.

Bild.de am 11. November 2016:

Screenshot Bild.de - Unfassbar! Zum Gedenktag der Reichsprogromnacht haben Neonazis auf einer widerlichen Hass-Seite eine Karte mit 70 Standorten veröffentlicht, die jüdische Einrichtungen und Geschäfte in Berlin markiert.

Bild.de am 16. Juli 2016:

Screenshot Bild.de -In der Reichsprogromnacht 1938 wurde das Geschäft verwüstet und angezündet.

Bild.de am 2. Mai 2015:

Screenshot Bild.de - Die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde 1938 in der Reichsprogromnacht verwüstet, im Juli 1939 abgerissen.

Bild.de am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Reichsprogromnacht: Gedenken an ermordete Mitbürger

Im Artikel kommt auch noch diese Variante vor:

Screenshot Bild.de - Zur Gedenkfeier anlässlich der Reichsprogomnacht vor 75 Jahren kamen deutlich mehr Menschen ins Alte Rathaus als vorgesehen.

Bild.de ebenfalls am 11. November 2013:

Screenshot Bild.de - Bewegende Rede von Bundespräsident Joachim Gauck (73) zum Gedenken an die Progromnacht vom 9. November 1938

Bild.de am 13. Mai 2009:

Screenshot Bild.de - Bremens Juden erhielten erst 1850 ihre vollen Bürgerrechte. Nationalsozialisten zerstörten in der Reichsprogromnacht (1938) die erste Synagoge im Schnoor.

Bild.de am 10. November 2006:

Screenshot Bild.de - Nach Gedenken an Progromnacht in Frankfurt (Oder)

Und:

Screenshot Bild.de - Neonazi-Randale nach einer Gedenkveranstaltung zur Progromnacht vom 9. November 1938.

Nachtrag, 13. November: Die „Bild“-Redaktion hat sich heute selbst zum „VERLIERER“ des Tages erklärt:

Ausriss Bild-Zeitung - Verlierer des Tages - Am Freitag forderten wir FDP-Chef Christian Lindner (38) an dieser Stelle zum Nachsitzen auf. Grund: Er hatte das Wort Pogrom (russisch für Zerstörung) falsch geschrieben. Allerdings nicht er allein: Bild leider auch. Sogar ziemlich oft. Bild meint: Wer im Glashaus nachsitzt

Mit Dank an Patrick für den Hinweis!

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Insektensterben, Social-Media-Verifikation, Gladiatoren-Trash-TV

1. Insektenschwundleugner gegen Untergangspropheten
(riffreporter.de, Christian Schwägerl)
Am 18. Oktober veröffentlichte „Plos One“, die internationale Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science, eine Studie mit dem Titel „Mehr als 75 Prozent Rückgang der Biomasse von Fluginsekten in 27 Jahren in Schutzgebieten“. Dem zugrunde lagen Untersuchungen des Krefelder Entomologischen Vereins an insgesamt 63 Standorten, mehrheitlich in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Die Reaktionen in Politik und Medien fielen je nach Interessenlage und Weltsicht aus. Manche waren gar „postfaktisch“. Christian Schwägerl hat die irreführenden oder falschen Darstellungen zusammengestellt und eingeordnet.
Nachtrag: Das „RWI Essen“ hat das Thema Insektensterben bereits zweimal in seiner Rubrik „Unstatistik des Monats“ zum Thema gemacht und übt Kritik an der Berichterstattung der Medien: Teil 1, Teil 2.

2. Ein Plan zur Rettung des Journalismus
(deutschlandfunk.de, Silke Burmester)
„Deutschlandfunk“-Kolumnistin Silke Burmester hat sich einen Plan zur Rettung des Journalismus ausgedacht: Wer den Beruf nicht ernst nehme oder nicht auf das Geld angewiesen ist, solle etwas anderes machen. Burmester denkt dabei an die zahlreichen Rentner, Hobby-Reporterinnen und Jungjournalisten, die das Dumpingsystem der Verlage indirekt unterstützen. Im Wegfall dieser Journalistengruppen sieht sie Vorteile auf allen Seiten: „Die Lokalredakteure verplempern ihre Zeit nicht länger mit den Grützentexten der Opa-Reporter, die Frauen finden mehr Zeit für ihr Erdbeerkuchen-Blog und die Jungjournalisten werfen nicht bereits mit dem Berufseinstieg ihre Selbstachtung über Bord.“

3. Die Lücke aus Medienverboten und Selbstzensur füllen
(sueddeutsche.de, Christiane Schlötzer)
Unmittelbar nach dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Jahr floh der Journalist Yavuz Baydar ins Exil. Von dort aus schrieb er für viele renommierte Medienhäuser. Seit neuestem ist der 61-Jährige wieder Chefredakteur, und zwar für ein neues dreisprachiges in London produziertes Online-Medium mit dem Namen „Ahval“. Die Website erscheint für ein internationales Publikum auf Englisch, auf Türkisch, um eine öffentliche Diskursplattform zu bieten, und auf Arabisch, weil es in der arabischen Welt ein ungebrochen großes Interesse an der Türkei gebe. Finanziell sei die Plattform mit der Verlegergruppe „Al Arab Publishing“ verbunden, man habe jedoch „völlige journalistische Freiheit“.

4. Quiz-Reihe: Social-Media-Inhalte verifizieren
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Auf der Suche nach einem netten Zeitvertreib, der über die üblichen Themen wie Puzzle, Kreuzworträtsel, Sudoku oder dem Legen von Patiencen hinausgeht? Dann könnte die Verifikation von Social-Media-Inhalten das Richtige sein. Die Journalistin Julia Bayer („Deutsche Welle“) hat vor einigen Monaten damit angefangen, auf Twitter Foto-Aufgaben zu posten, mit denen Journalisten genau das trainieren können. Einige Kollegen haben sich dem Projekt angeschlossen: Mittlerweile sind mehr als 100 Quiz-Aufgaben zusammengekommen, die Fiete Stegers in einem Twitter-„Moment“ zusammengefasst hat.

5. So funktioniert der Newsroom von Kölner Stadt-Anzeiger und Express
(story.ksta.de)
Welche Aufgabe hat ein Site-Manager? Und was macht ein Blatt-Macher? Eine multimediale Story des „Kölner Stadt-Anzeigers“ zeigt, wo im Newsroom welche Entscheidungen getroffen werden. (Wer sich für den technischen Aspekt des Beitrags interessiert: Umgesetzt wurde die kleine Multimedia-Führung durch das Medienhaus mit dem Tool „StoryMap“ des amerikanischen „Northwestern University Knight Lab“.)

6. Vier Gründe, weshalb Bromans die Zukunft des Trash-TV sein könnte
(haz.de, Jan Heemann)
Der britische Sender „ITV2“ hat ein neues Trash-TV-Format auf den Markt gebracht: „Bromans“, eine Kombination aus „Bro“ (Bruder, Kumpel) und Romans (Römer). In einer Gladiatorenarena treten acht Paare in Disziplinen wie Ringen oder Zwillenschießen gegeneinander an. „Sie entblößen dabei nicht nur ihr seichtes Gemüt, sondern auch viel nackte Haut“, schreibt Jan Heemann, der dem Format trotzdem etwas abgewinnen kann: Die Sendung „könnte Trash-TV auf das nächste Level heben.“