Archiv für November 3rd, 2017

12 680 Euro für jeden Asylbewerber? „Bild“ rechnet schon wieder falsch

Besonders ärgerlich an der falschen „Bild“-Titelzeile von gestern ist, dass sich die Zahl der vermeintlichen 30.000 „spurlos verschwundenen“ abgelehnten Asylbewerber kaum noch einfangen lässt. „Bild“ berichtet groß, andere Medien springen auf, in den Sozialen Netzwerken wird die Ziffer verbreitet, ein paar Politiker wiederholen sie — die 30.000 bekommt man aus Diskussionen über abgelehnte Asylbewerber nicht mehr raus, egal, wie weit sie von der tatsächlichen Zahl entfernt ist.

Bereits vorgestern hatte „Bild“ eine andere Zahl in die Welt gesetzt, für die das genauso gelten dürfte — ebenfalls zum Thema Asyl und ebenfalls falsch. Es geht um das Geld, das der Staat für jeden leistungsberechtigten Asylbewerber ausgibt.

Schon in der Überschrift klingt es dramatisch:

Ausriss Bild-Zeitung - Kosten für Asylbewerber sind 2016 regelrecht explodiert

Larissa Krüger, dieselbe „Bild“-Autorin, die gestern auch schon die falschen 30.000 errechnet hat, schreibt (online hinter der Bezahlschranke):

Die staatlichen Leistungen für Asylbewerber sind im Jahr 2016 um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen — obwohl die Zahl der Leistungsempfänger im gleichen Zeitraum von 974 551 auf 728 239 gesunken ist. (…)

Demnach zahlten Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2016 netto mehr als 9 Milliarden Euro (9,234 Milliarden) nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 2015 waren es noch rund 5,2 Milliarden.

Krüger hat dann die 9,234 Milliarden Euro für 2016 durch die 728.239 Leistungsempfänger für 2016 geteilt und kommt zu dem Ergebnis:

Im Schnitt wurden laut den jetzt vorliegenden Zahlen 2016 pro Leistungsbezieher 12 680 Euro ausgegeben — etwas mehr als 1000 Euro/Monat.

Mehr als 1000 Euro pro Monat? Eine wunderbare Vorlage für all jene, die gern sagen: „Die Flüchtlinge kriegen hier alles, und wir kriegen nix!“

Nur sind die 12.680 Euro pro Jahr zu hoch angesetzt. Wie viel zu hoch, können wir nicht exakt beziffern, denn das Zahlenmaterial, das Larissa Krüger hier vorlegt, lässt die Rechnung gar nicht zu, die sie damit anstellt. Das war schon bei den falschen 30.000 verschwundenen abgelehnten Asylbewerbern so, und ist in diesem Fall auch so.

Erstmal zu den 9,234 Milliarden Euro. Da schreibt die „Bild“-Autorin selbst in ihrem Artikel:

Kosten seien zudem wegen Überlastung im Jahr 2015 erst für 2016 verbucht worden.

Ein Teil der 9,234 Milliarden Euro wurde also gar nicht 2016 für leistungsberechtigte Asylbewerber ausgegeben, sondern bereits 2015, aber erst 2016 verbucht. Die Zahl der Ausgaben für 2016 ist in der Statistik also zu hoch, die für 2015 zu niedrig. Die „regelrechte Explosion“ der „Kosten für Asylbewerber“ im Jahr 2016, die „Bild“ in der Überschrift beschwört, ist schlicht und einfach auch auf Verwaltungsabläufe und einen Stau bei den Abrechnungen zurückzuführen.

Das Statistische Bundesamt schreibt in einer „Vorbemerkung“ des Zahlenmaterials, mit dem Larissa Krüger arbeitet (PDF, Seite 5):

Eine nach § 3 Absatz 2 BstatG durchgeführte Qualitätsuntersuchung zeigt, dass die hohe Zunahme von Schutzsuchenden im Zeitraum August 2015 bis März 2016 und die damit verbundene Arbeitsbelastung in den Berichtsstellen, keine zeitgerechte Buchung von Ausgaben zuließen. Viele Ausgaben wurden daher erst (nachträglich) in 2016 verbucht. Die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG ist somit für das Jahr 2015 untererfasst und für 2016 übererfasst.

Und dann zu den 728.239 Leistungsempfängern. Diese Zahl stammt aus derselben Statistik (PDF, Seite 8: 728.239 Leistungsempfänger, Seite 23: 9,234 Milliarden Euro) des Statistischen Bundesamtes. Während sich die Ausgaben von 9,234 Milliarden Euro aber auf einen Zeitraum beziehen (das Jahr 2016, mit eingerechneten Ausgaben von 2015), handelt es sich bei der Anzahl der Leistungsempfänger um eine Zahl zu einem Stichtag, dem 31. Dezember 2016. All diejenigen, die in den Monaten Januar bis November 2016 irgendetwas vom Staat bezahlt bekommen haben, aber im Dezember 2016 nichts mehr, sind in dieser Zahl nicht berücksichtigt. Sie gibt also nicht alle Leistungsempfänger im Jahr 2016 an, für die die Milliarden von Euro ausgegeben wurden.

Larissa Krüger teilt eine zu hohe Zahl, die sich auf einen Zeitraum bezieht, durch eine zu niedrige Zahl, die sich auf einen Stichtag bezieht. Das Ergebnis kann nicht sauber sein.

Deswegen schreibt das Statistische Bundesamt in der bereits erwähnten „Vorbermerkung“ auch:

Für das Berichtsjahr 2016 wurde festgestellt, dass trotz Rückgangs der Empfängerzahlen, die Ausgaben nach dem AsylbLG stark gestiegen sind. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist jedoch zu beachten, dass die Statistiken der Empfänger von Leistungen nach dem AsylbLG und die Statistik der Ausgaben und Einnahmen nach dem AsylbLG nicht unmittelbar vergleichbar sind. So werden die Ausgaben und Einnahmen für das gesamte Berichtsjahr, die Empfänger jedoch zum Stichtag 31.12. erfasst. Eine Berechnung der pro Kopf Ausgaben ist somit nur eingeschränkt möglich und kann nur einen Annährungswert darstellen.

Auf Nachfrage sagte man uns beim Statistische Bundesamt, dass man Larissa Krüger explizit mitgeteilt habe, dass das Berechnen eines Pro-Kopf-Wertes mit diesem Zahlenmaterial keinen Sinn mache. Die „Bild“-Autorin hat es dann trotzdem getan.

Trumps temporärer Twitter-Tod, Podcast-Boom, AfD-Dilemma

1. Mathias Döpfner eröffnet „Dialog“ mit einer Lüge
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Mathias Döpfner, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, hat öffentlich-rechtliche Medien als „Staatspresse“ bezeichnet, will dies aber nicht so gesagt, geschweige denn gemeint haben. Stattdessen spricht er nun von einem „Konjunktiv-Szenario“, das böswillig missverstanden werde. Stefan Niggemeier hat die entsprechenden Textpassagen rausgesucht und kommt zu einem anderen Ergebnis: „Wer das sagt, ist nicht „böswillig“ und hat nichts „missverstanden“, sondern gibt Döpfners Position korrekt wieder. Seine Empörung darüber, dass man ihm das vorhält, ist Heuchelei. Und basiert auf einer Lüge.“

2. Servus TV in Österreich: Rise Like A Phoenix
(dwdl.de, Timo Neumeier)
Vor gar nicht langer Zeit sah es noch so aus, als würde der österreichische Fernsehsender „Servus TV“ dichtgemacht werden: Als Mitarbeiter des Senders einen Betriebsrat gründen wollten, sah Senderchef und „Red Bull“-Boss Mateschitz rot und kündigte die Schließung an. Eineinhalb Jahre später fährt der Sender Quotenrekorde in Österreich ein und zeigt erstmals eine eigenproduzierte Serie. („In „Trakehnerblut“ geht es um die junge Alexandra, die in Wien lebt und unerwartet Alleinerbin des Trakehner-Gestüts Hochstetten wird.“)

3. Ein neuer Player auf dem Podcast-Markt?
(deutschlandfunk.de, Sandro Schroeder & Brigitte Baetz, Audio, 5:10 Minuten)
„Amazon“-Tochter „Audible“ will auch vom Podcastboom profitieren und hat gestern gleich 22 neue Produktionen vorgestellt. Es sind jedoch keine klassischen Podcasts, denn statt über iTunes und Podcast-Apps sind die Folgen nur über „Audible“ abrufbar. Und dazu muss der Nutzer ein kostenpflichtiges Abo abschließen. Der „Deutschlandfunk“ hat sich mit Sandro Schroeder, der auch den Podcast-Newsletter herausgibt, über den Vorstoß des Branchenriesen unterhalten.

4. Das AfD-Dilemma
(journalist-magazin.de, Michael Kraske)
Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag wird immer noch über die Frage gestritten, ob die Medien mitgeholfen haben, die Partei groß zu machen. Der Journalist und Autor Michael Kraske ist dieser Frage in einem längeren Lesestück nachgegangen. Einen Königsweg sieht Kraske nicht, wohl aber sinnvolle Korrekturen: „Guter Journalismus über die AfD hat wie sonst auch unbequem zu sein, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Vielleicht ist das im Zeitalter des weltweiten Rechtsrucks thematisch die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe: mit Berichten, Reportagen und Kommentaren zu zeigen, dass Rassismus und völkischer Nationalismus eben nicht normal sind. Dass sie keine Probleme lösen, sondern furchtbare neue schaffen, die altbekannt sind.“

5. Hallo, wir sind auch da
(taz.de, Daniel Bouhs)
„Buzzfeed Deutschland“ will sich im Nachrichtenbereich etablieren und hat dazu ein eigenes News-Team aufgebaut. Nun hat man sich nach dem Mitgründer des gemeinnützigen Recherchebüros „Correctiv“ Daniel Drepper auch Marcus Engert an Bord geholt, den Co-Gründer des Onlineradios detektor.fm. Daniel Bouhs hat die Personalie eingeordnet. Dabei geht es auch um die Ausrichtung des Portals und mögliche Allianzen.

6. Trump Twitter account shut down by employee on last day of work
(theguardian.com, Olivia Solon)
Ein Twitter-Mitarbeiter hat an seinem letzten Arbeitstag offenbar kurz vor dem Löschen des Bürolichts auch den Twitter-Account von Donald Trump ausgeknipst. Es hat elf Minuten gedauert, bis die Alarmglocken angingen und das Konto wieder hergestellt wurde. (Manche bezeichnen diese Minuten als die schönsten der bereits Monate andauernden Amtszeit Trumps.)