Archiv für Oktober 17th, 2017

Harvey Weinstein in Norbert Körzdörfers Sex-Sammelsurium

Die „Bild“-Zeitung hat seit Montag eine „NEUE SERIE“, in der es um den „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ gehen soll, also um die Missbrauchs-Vorwürfe gegen Filmproduzent Harvey Weinstein. Gestern erschien Teil eins:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - Er zwang Frauen, seine Kronjuwelen zu küssen als sei es der Siegelring des Papstes - Die Schönen und das Biest

Heute Teil zwei:

Ausriss Bild-Zeitung - Der Skandal Weinstein - In der Traumfabrik ging es immer auch um Sex - Hollywood, die Stadt der Sünde

Morgen soll Teil drei kommen. Wir wagen keine Prognose, wie lang diese Serie noch gehen wird. Autor ist jedenfalls Norbert Körzdörfer, und es ist so schlimm, wie man nach dieser Information befürchten kann.

Beide bisher erschienenen Ausgaben sind Sammlungen von Anekdoten und Gerüchten aus Hollywood. Der einzige Zusammenhang: Sex. Körzdörfer schreibt solche Sätze:

Hollywood war immer Penis-fixiert. Ein Film-Boss zu BILD: „Hier haben große Penisse Filme für kleine Penisse gemacht“

30 Jahre Ego-Orgie — mit Stöhnen und Schweigen.

Warum ist Hollywood immer auch ein sexuelles Sodom und Gomorrha?

Nach dem dritten Drink an der Bar hört man immer dieselbe Story: Der Oscar (3,9 Kilo schwer) ist gerüchte-geflüstert angeblich dem Penis eines Stunt-Stars nachempfunden — er ist 34 cm lang.

Sex ist die Währung des Erfolgs.

Warum fahren nachts so viele „Stretchlimos“ von Club zu Club — es ist ein motorisiertes Phallus-Symbol.

Wenn Johnny Depp im Club „Viper Room“ sitzt, will jeder Mini-Rock mit High Heels in die VIP-Sektion.

Das alles stammt aus Serien-Teil eins. In Teil zwei geht es ähnlich weiter:

Gab es nicht schon immer männliche „Godzillas“, die sexy „Bambis“ jagten?

Legendär war auch sein [Charlie Chaplins] Penis. „Glied-Gespräche“ waren Klatsch-Talk. Eine seiner Geliebten (drei Millionen Abfindung von fünf Ehe-Männern) fragte ihn: „Stimmt das, was alle Mädchen behaupten — dass du bestückt bist wie ein Hengst?“

Der deutsche Kult-Regisseur F. W. Murnau († 42) war homosexuell. Er starb bei einem Autounfall 1931. Am Steuer saß sein 14-jähriger philippinischer Diener — mit dem er es angeblich getrieben hat.

Sein [Rudy Valentinos] Lieblings-Geschenk: ein schwarzer Dildo aus Blei (Art-dèco-Stil) mit seinem Autogramm in echtem Silber.

Die platinblonde Sexbombe Jean Harlow († 26) über ihr Liebes-Rezept: „Männer lieben mich, weil ich keine Unterwäsche trage. Und Frauen mögen mich auch — weil ich ihnen nie einen Mann stehlen würde — jedenfalls nicht für lange.“

Als Frauen-„Monster“ galt die blonde Sex-Löwin Mae West († 87). Sie umgab sich mit muskulösen Leibwächtern, die sie in den Drehpausen vögelte.

Wer hatte was mit wem in Hollywood? Wessen Penis war der größte? 34 Zentimeter? Marlene Dietrich verführte John F. Kennedy. Jack Nicholson lockte viele Frauen in seine Limousine. Hier wurde gevögelt, da wurde es getrieben. Das ist der Stoff, den die „Bild“-Redaktion für angemessen hält, um den „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ in einer Serie aufzuarbeiten, also den mehrfachen mutmaßlichen Missbrauch von Frauen sowie mutmaßliche Vergewaltigungen.

Für Körzdörfer und „Bild“ geht es nicht um Machtstrukturen, die Weinstein all das erst ermöglicht haben sollen, um offizielle oder unausgesprochene Schweigeabkommen, um Mitwisser und Helfer. Sie schauen nicht auf andere gesellschaftliche Bereiche, in denen Männer ihre Positionen ebenfalls regelmäßig sexuell ausnutzen, in Chefetagen, an Universitäten, in Redaktionen. Es geht ihnen stattdessen um Dildo-Geschenke und die Frage, wer wie ein Hengst bestückt ist.

Und noch schlimmer: Körzdörfers große Sammlung von sündigen Hollywood-Geschichtchen wirkt, als wäre das, was Weinstein vorgeworfen wird, nur eine weitere Anekdote in diesem alltäglichen Wahnsinn. „Legendär ist die ‚Besetzungscouch‘ von Harvey Weinstein — um an eine glitzernd-glänzende Rolle zu kommen, mussten viele Schauspielerinnen erstmal die Kronjuwelen des Mega-Produzenten polieren“ könnte ebenfalls in Körzdörfers Sex-Sammelsurium stehen. Alles ganz normal also?

Heute haben Norbert Körzdörfer und „Bild“ schon mal Folge drei ihrer Serie „SKANDAL ‚WEINSTEIN'“ angeteasert:

Morgen in BILD

Das „Neue Hollywood“ nach dem Weinstein-Skandal?

Ein Film-Boss zu BILD: „Wenn Sie einer schönen Frau ein Kleider-Kompliment machen, kann das schon als sexuelle Belästigung missverstanden werden!“

Na, toll — erst darf man in Hollywood keine Frauen mehr missbrauchen, und bald darf man dort gar nichts mehr sagen.

Extrem links und unglaublich weit weg von den Fakten

Nach dem Sittenwächter-Entsetzen über den „Tatort“ im Pornomilieu und dem falschen Sadomaso-Unmut über die Serie „Babylon Berlin“ ging es gestern weiter mit der „Bild“-Kritikreihe an der ARD. Und wieder traf es den „Tatort“:

Ausriss Bild-Zeitung - Baader-Meinhof-Experte Stefan Aust klagt an - RAF-Propaganda im Tatort

Es sei „gefährlicher Unsinn“, was Sonntagabend ab 20:15 Uhr für anderthalb Stunden im „Ersten“ zu sehen war, sagt Stefan Aust im Interview mit „Bild“, weil bei den Zuschauern fälschlicherweise hängenbleiben werde, dass RAF-Mitglieder im Gefängnis Stammheim von einer geheimen Gruppe umgebracht worden seien.

Die Befürchtung kann man haben. Vielleicht bekommen die Zuschauer es aber auch hin, Fiktion als Fiktion zu erkennen.

Bei Bild.de legte gestern Mittag Redakteur Daniel Cremer mit einem Kommentar zum „Tatort“ nach:

Screenshot Bild.de - Kommentar von Bild-Redakteur Daniel Cremer - Was den RAF-Tatort unerträglich machte

Der „Verschwörungs-Unsinn“ in dem Fall aus Stuttgart sei schon „unsäglich“ gewesen, schreibt Cremer.

Unerträglich fand ich aber noch eine ganz andere Szene.

Richy Müller erzählt in der Rolle als Kommissar Lannert von seiner Zeit als Student in Hamburg. Er habe damals in einer WG mit RAF-Sympathisanten gelebt. Ja, er habe sogar ein RAF-Mitglied getroffen. Sein Partner schaut irritiert. Darauf sagt Müller er sei ja keiner „von denen gewesen“ — aber man war jung und wollte die Welt verändern. Ende der Szene.

„Die Verharmlosung von Terror und Gewalt“ habe Deutschland mittlerweile gelernt, solange sie linksextrem sei, so Cremer. Dennoch könne er sich „nur schwer erklären, wie eine solche Szene von allen Instanzen der ARD durchgewunken wird.“

Man stelle sich (vielleicht in zehn Jahren) einen „Tatort“ aus Leipzig vor. Der ältere Kommissar erzählt seinem jüngeren Kollegen, er habe als Student in einer WG mit PEDIGA- und NSU-Sympathisanten gelebt. Da habe er auch mal NSU-Mitglied Uwe Mundlos getroffen. Er sei aber keiner von denen gewesen. Er war nur jung und wollte die Welt verändern.

Man stelle sich vor, das würde gesendet. Und man stelle sich die Reaktionen darauf vor. Man braucht viel Vorstellungskraft. Denn (Gott sei Dank) würde niemand auf die Idee kommen, den Zuschauern so ein weichgespültes rechtsextremes Weltbild unterzujubeln.

Recht hat er, der Cremer.

Und doch liegt er, was die Fakten betrifft, ziemlich daneben. Denn in der Szene, die sich der „Bild“-Redakteur rausgesucht hat, gibt es recht deutliche Kritik an der RAF-Gewalt. Cremer verschweigt sie nur. Außerdem ist nichts an dem, was Richy Müller in seiner „Tatort“-Rolle sagt, linksextrem.

Hier das Transkript der entscheidenden Szene, in der die beiden Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz auf einem Parkplatz im Auto sitzen (in der ARD-Mediathek ab Minute 55:28):

Lannert: Ich kann seit Wochen nicht mehr wirklich schlafen. Der Doc meint, ab einem bestimmten Alter kommt alles zurück.

Bootz: Du warst beim Arzt?

Lannert: Drehst ja durch, so ohne Schlaf. Und jetzt auch noch plötzlich die RAF wieder. Damals wollten alle wissen, was wirklich in Stammheim passiert ist. War es Selbstmord oder Mord? Immerhin war es der Kampf der Kinder gegen ihre Väter.

Bootz: Du klingst ja wie der letzte Radikale von damals.

Lannert: Wir haben den Hunger in Afrika gesehen, Sebastian. Und uns war sofort klar: So darf die Welt nicht sein, so kann sie nicht sein. Diese Ungerechtigkeit. Und dann überall diese alten Nazi-Köppe, Lehrer, Politiker, vor allem in der Justiz. Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.

Bootz: Die Sehnsucht?

Lannert: Ja, wir waren jung. Wir wollten nicht werden wie unsere Eltern. Ich bin mit 16 von zu Hause abgehauen. Lange Haare, Parka. Hab‘ in ’ner WG gewohnt in Hamburg. Da bin ich der Ensslin mal begegnet, ’72. Das war kurz vor ihrer Verhaftung. Saß sie aufm Flur, hat mich angelächelt. Nur dieser kurze Moment, und ich war elektrisiert. Fünf Jahre später dann kamen die Fotos aus Stammheim, aufgenommen mit einer reingeschmuggelten „Minox“. Sie sah brutal aus. Damals haben wir geglaubt, der Staat hat sie einfach umgebracht.

Bootz: Moment mal, was war das eben? Du hast in ’ner WG mit RAF-Sympathisanten gewohnt?

Lannert: Ja. Und dann wirst du Polizist. [Schaut in den Seitenspiegel] Ich glaub‘, uns hängt schon wieder jemand hinten dran.

Bootz: Echt? [Jetzt am Telefon] Ja, Bootz hier, Mordkommission. Ich hätt‘ ’ne Halterabfrage. Stuttgart-OS-2016. Ja? Ja, macht nichts, danke. [Legt auf, wieder zu Lannert] ‚Ne Nullauskunft, Halter gesperrt. Also Verfassungsschutz, Staatsschutz, sowas.

Lannert: Hab‘ ich dir ja gesagt.

Bootz: Wir müssen die irgendwie abschütteln.

Lannert: Gut. Hier, schau mich an. Ich war nicht dabei.

Bootz: Schon klar.

„Ende der Szene“, wie Daniel Cremer schreiben würde.

Kommissar Lannert spricht sich also gegen die Gewalt der RAF aus („Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschte. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht. Die war danach nicht mehr da.“). Die Ideale, die „Sehnsucht“, die er referiert, mögen links sein. Eine bessere Welt, mehr Gerechtigkeit. Aber linksextrem oder weichgespült linksextrem? Dann müsste der Song „Ich werd‘ die Welt verändern“ von der Band „Revolverheld“ als linksextremes Kampflied gelten (Refrain: „Ich werd‘ die Welt verändern, werd‘ endlich alles besser machen“).

Durch die Milde des 16-jährigen Thorsten Lannert passt dann auch Daniel Cremers Parallele nicht mehr. Was würde Cremers fiktiver Bewohner einer NSU-Sympathisanten-WG mit seinem „weichgespülten rechtsextremen Weltbild“ fordern? „Ausländer raus aus Deutschland, aber ohne Gewalt“? Und das ist laut Cremer dann das rechte Äquivalent zu Lannerts besserer Welt und dessen gewaltfreier Forderung nach mehr Gerechtigkeit?

Natürlich kann man der Meinung sein, dass der „Tatort“ unerträglich war. Man kann sich wundern, was von „der ARD durchgewunken wird“. Und man kann das alles in einem Kommentar aufschreiben. Aber dann sollte man seinen Lesern keine Fakten vorenthalten, die nicht zur Kritik passen.

Autobombe, „Amazon“ und Weinstein, Amtsenthebung

1. Journalistin mit Autobombe getötet
(tagesschau.de, Jan-Christoph Kitzle)
Die Investigativ-Journalistin Daphne Caruana hat an den „Malta Files“ gearbeitet und wollte nachweisen, dass EU-Konzerne mit Hilfe des Inselstaats in großem Stil Steuern hinterziehen. Nun ist sie in ihrem Auto umgebracht worden. Mit einer Bombe, die im Fahrzeug versteckt war.

2. „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim über die Entwicklung der Türkei: „Damit habe ich nicht gerechnet“
(kress.de, Frank Hauke-Steller)
„Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim hat vor anderthalb Jahren auf Druck des Erdogan-Regimes seine Korrespondententätigkeit in Istanbul beendet. Nun hat er das Buch „Krisenstaat Türkei“ veröffentlicht, eine Analyse, die er mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen mischt. Im „Kress“-Interview geht es um die Entwicklungen der letzten Jahre. Kazim ist überrascht, wie rasant die Türkei sich gewandelt hat: „Ich habe mit Veränderungen gerechnet, aber nicht in dieser Dramatik. Dass Erdogan es gelingt, mit brutaler Härte Kritik dauerhaft zu unterdrücken und dass er danach trotzdem noch Wahlen gewinnt, und zwar eindeutig, damit habe ich nicht gerechnet.“

3. „Deutsches Fernsehen war schon immer Qualitätsfernsehen“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Bei der „MIPCOM“-Messe in Cannes fädeln 14.000 Teilnehmer Deals über neue Filme, Fernsehserien und sonstige digitale Inhalte für alle möglichen Plattformen ein. Thomas Lückerath hat sich mit den Geschäftsführern der „Film- und Medienstiftung NRW“ und des „Medienboard Berlin-Brandenburg“ über den Stellenwert der Messe und die Attraktivität des deutschen Fernsehens unterhalten.

4. Amazon kippt Weinstein-Serie
(wuv.de, Susanne Herrmann)
Der Missbrauchsskandal um den Hollywood-Produzent Harvey Weinstein hat weitere Konsequenzen. „Amazon“ stoppte ein Serienprojekt, das mit Weinsteins Firma „The Weinstein Company“ gemeinsam produziert werden sollte. Das Budget lag bei 160 Millionen Dollar. Allein die Drehbuchentwürfe kosteten 40 Millionen. Ende voriger Woche hatte „Amazon“ den eigenen Studiochef Roy Price suspendiert, weil auch gegen ihn Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erhoben worden waren. Währenddessen löste Schauspielerin Alyssa Milano eine Twitter-Welle aus. Unter dem Hashtag #MeToo forderte sie Opfer von sexuellen Belästigungen oder sexueller Gewalt, sich bei Twitter kurz zu Wort zu melden.

5. Ab jetzt nur noch neutral
(taz.de, Carolina Schwarz)
Die „New York Times“ hat ihre neuen Richtlinien für den Umgang mit Sozialen Medien veröffentlicht. Sie richten sich an alle Journalisten des Hauses und umfassen 16 Punkte. Die Journalisten werden darin zu einem unparteiischen, unvoreingenommenen und verantwortungsvollen Umgang aufgefordert. Auch private Accounts seien betroffen, denn auch private Äußerungen würden auf das Medium zurückfallen. Carolina Schwarz kritisiert das Vorgehen. Durch die Social-Media-Regeln der New York Times werde eine Objektivität vorgegaukelt, die es so gar nicht geben könne.

6. Wie Hustler-Verleger Larry Flynt Donald Trump abservieren will
(horizont.net, Marco Saal)
Larry Flynt, der Verleger des Erotik-Magazins „Hustler“ hat eine ganzseitige Anzeige in der „Washington Post“ geschaltet. Der Inhalt: Ein Plädoyer für die Amtsenthebung Donald Trumps und eine ganze Reihe von Argumenten für das sogenannte Impeachment-Verfahren. Überschrieben ist der Text mit einer Ausschreibung der besonderen Art: „10 Millionen Dollar für Informationen, die zur Amtsenthebung von Donald J. Trump führen“.