Archiv für September 29th, 2017

Gauland, die Soldaten, Mitterrand und die Medien: Der große Bluff

Es ist nicht irgendein Zitat. Die Aussage von Alexander Gauland …

Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.

… war eine der schaurigen Attraktionen des Wahlkampfs. Der Satz markierte den vorläufigen Höhepunkt der Radikalisierung der AfD. Er veranschaulichte aber auch die Fähigkeit der Partei, die Grenze des Sagbaren zu verschieben und gleichzeitig diese Grenze verschwinden zu lassen, als ob es sie nie gegeben hätte.

Screenshot aus der ARD-Sendung Wahl 2017 Schlussrunde, in dem AfD-Politiker Alexander Gauland zu sehen ist

Die Aussage war — zusammen mit dem Spruch über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz, die man ja „in Anatolien entsorgen“ könne — der größte Hit des AfD-Spitzenkandidaten im Endspurt des Wahlkampfes. Sie war es nicht nur deshalb, weil der gezielte Tabubruch die offensichtlich gewünschte Empörung entfachte, und jede Empörung über die AfD dieser im Wahlkampf zu nutzen schien. Ein Hit wurde die Geschichte mit den Soldaten vor allem deshalb, weil sie eine Pointe hatte. Eine Pointe, die den Tabubruch auf die Spitze trieb, weil sie es ermöglichte, die Geschichte immer wieder erzählen zu können, und gleichzeitig diejenigen, die sich darüber aufregten, als geschichtsvergessene Idioten dastehen zu lassen:

„Im Übrigen habe er nichts anderes gesagt als Frankreichs damaliger Präsident François Mitterrand am 8. Mai 1995 in einer Rede“, gab die „dpa“ am 15. September ein Gespräch mit Gauland wieder. In dieser Rede habe Mitterrand …

„die Tapferkeit der deutschen Soldaten wie auch der anderen Soldaten gelobt und hat diese Tapferkeit dem verbrecherischen Regime gegenübergestellt“, behauptete der AfD-Mann. „Und diese persönliche Tapferkeit, auf die kann man stolz sein.“

Hätte die „dpa“ einfach mal nachgeschaut, was Mitterrand in dieser Rede wirklich gesagt hatte, dann hätte die wundersame Karriere der Gauland-Provokation vielleicht schon da zu Ende sein können. Der damalige französische Staatspräsident lobte in seiner Versöhnungsrede 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes vor dem Deutschen Bundestag zwar die Tugenden des deutschen Volkes und auch den Mut der Soldaten. Doch nirgendwo auch nur im Ansatz die „Leistungen deutscher Soldaten“ in den Weltkriegen. Gaulands Behauptung ist keine Verdrehung oder eine Missinterpretation. Es ist ganz einfach: Gauland lügt.

Mitterrand wörtlich:

Ich bin nicht gekommen, um den Sieg zu feiern, über den ich mich 1945 für mein Land gefreut habe. Ich bin nicht gekommen, um die Niederlage herauszustellen, weil ich wusste, welche Stärken das deutsche Volk hat, welche Tugenden, welcher Mut, und wenig bedeutet mir seine Uniform und auch die Vorstellung in den Köpfen dieser Soldaten, die in so großer Zahl gestorben sind. Sie waren mutig. Sie nahmen den Verlust ihres Lebens hin. Für eine schlechte Sache, aber ihre Taten hatten damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland. Das muss man sich klar machen. Europa bauen wir auf, wir lieben unsere Vaterländer.

Die „dpa“-Meldung mit Gaulands Mitterrand-Lüge wurde von fast allen großen Zeitungen verbreitet, ohne diese aufzudecken. Keiner dieser Zeitungen kam es offensichtlich komisch vor, dass ausgerechnet ein französischer Staatspräsident die „Leistungen“ der Wehrmacht lobt. Waren sie vielleicht eingeschüchtert durch die Verweise des AfD-Mannes auf Kaiser, Nelson und Churchill, die auf vermintes Gelände hindeuteten? Gauland kritisieren hätte womöglich bedeutet, Mitterrand zu kritisieren, gar „die Franzosen“ und auch noch „die Engländer“. Dann lieber erst gar nicht nachschauen, worum es dabei eigentlich geht. Dabei ging es um nichts. Die Mitterrand-Pointe ist ein Bluff.

Womöglich hat sich Gauland selber gewundert, wie gut er damit durchkam. Alle Journalisten, auf die er nach dem 15. September traf, mussten nicht nur wissen, dass seine Soldaten-Äußerung Thema sein würde. Sie mussten auch wissen, wie er sie rechtfertigten würde — was heißt rechtfertigen: wie er seine Äußerung immer wieder damit krönen würde, indem er sie Mitterrand in die Schuhe schiebt. Wieso ließen sich unzählige Journalisten bei dieser für den Wahlkampf und die Bewertung der AfD so wichtigen Sache immer wieder mit dem gleichen Argument abspeisen, ohne auch nur einmal zu überprüfen, ob es überhaupt eines ist? Verließen sie sich darauf, dass das irgendwer schon gemacht hätte? Oder war es ihnen egal, was Mitterrand wirklich gesagt hatte, weil sie zwar ihre Aufgabe darin sehen, die Unsäglichkeit der AfD zur Schau zu stellen, aber nicht zu erklären, was es mit ihr auf sich hat, nicht zu benennen, was das Unsägliche ist?

Gauland schien sein Glück, die Sache so auf die Spitze treiben zu dürfen, kaum fassen zu können. Bei seinen letzten Auftritten wirkte es so, als würde er fast schon darauf warten, dass man ihn auf seinen Wahlkampfhit anspricht, und half, wenn es sein musste, noch etwas nach: Als ihn Tina Hassel, die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, in der vom „Ersten“ und vom ZDF übertragenen Wahlkampf-Schlussrunde der Spitzenkandidaten mit den Schlagzeilen konfrontierte, die zur Empörung geführt hätten, ohne den Inhalt dieser Schlagzeilen zu nennen, verwies er selbst auf sein Soldaten-Zitat. Natürlich als eines, das Mitterrand auch so gesagt hätte. Und dann: „Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.“ Warum fragt Hassel ihn etwas, von dem sie wissen musste, dass er es so beantworten würde, ohne ihm zu widersprechen? Warum bringt sie ihn in eine Situation, in der er vor einem Millionenpublikum behaupten kann, es gäbe da irgendeine Mitterrand-Argumentation, der zufolge man unterschiedlicher Meinung darüber sein könne, ob die Verbrechen der Wehrmacht etwas seien, worauf man stolz sein könne oder nicht? Warum lässt auch die ZDF-Hauptstadtstudio-Leiterin Bettina Schausten, die die Anschlussfrage stellt, das ebenfalls einfach so stehen?

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

In den vergangenen Wochen wurde darüber diskutiert, welchen Anteil die Medien am Erstarken der AfD haben, und über das Dilemma, das darin besteht, wenn Medien über gezielte Provokationen der AfD berichten. Dass man nicht über jedes Stöckchen springen müsse, was diese einem hinhalte. Dass man aber auch nicht nicht berichten könne, weil man ja schließlich aufklären müsse.

Am Wahlabend war Gaulands Soldaten-Zitat zunächst Thema in der „Elefantenrunde“, vorgebracht von der Linken-Chefin Katja Kipping, woraufhin der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen entgegnete: „Wollen Sie etwa Mitterrand angreifen?“ Es waren nun zehn Tage, in denen eine Mitterrand-Aussage, die es gar nicht gibt, permanentes Medienthema war. Nach den Leiterinnen der Hauptstadtstudios waren es diesmal die Chefredakteure von ARD und ZDF, Rainald Becker und Peter Frey, die sie, ohne sie in Frage zu stellen, einfach durchwinkten.

Etwas später am selben Abend saß Gauland dann bei Anne Will. Hier wollte der Journalist Hans-Ulrich Jörges den AfD-Mann selbst mit dessen Soldaten-Geschichte konfrontieren. Doch die Moderatorin entschied sich dafür, ihr Wissen um die Pointe („Herr Jörges, sie kennen die Antwort, Herr Gauland wird sagen, das hat Mitterrand auch schon gesagt.“) nicht etwa dafür zu nutzen, diese zu hinterfragen, sondern schnell zu einem anderen Thema zu wechseln. Am nächsten Tag, als die AfD in der Bundespressekonferenz ihren Wahlerfolg erklärte, Gauland wieder nach den Soldaten gefragt wurde und er erneut mit Mitterrand antwortete, musste das Kribbeln besonders groß gewesen sein. Der Saal war voll mit Hauptstadtjournalisten. Ob er auch diesmal damit durchkommen würde? Ob einer, nur einer von ihnen auf die Idee kommen würde, da einmal nachzufragen? Er musste sich keine Sorgen machen.

Nachtrag, 22:24 Uhr: Wir hatten diesen Beitrag heute Nachmittag so bei Twitter rumgeschickt:

Daraufhin meldete sich „dpa“-Nachrichtenchef Froben Homburger und sagte, dass die Nachrichtenagentur durchaus über die Differenz zwischen Gaulands Aussage und Mitterands Aussage berichtet habe:

Der Link, den Homburger mitschickte, führt zu einem „Tag 24“-Artikel, veröffentlicht am 25. September um 12:39 Uhr.

Wenn wir die Kritik von Froben Homburger im weiteren Twitter-Gespräch richtig verstehen, stört ihn vor allem ein Satz in unserem Tweet: „Kein Journalist hat es gemerkt“.

Homburger hat recht, dass seine „dpa“ zehn Tage nach dem ersten „dpa“-Gespräch gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt an der Rechtfertigung von Alexander Gauland. Insofern ist der eine Satz in unserem Tweet falsch. Dafür möchten wir um Entschuldigung bitten.

Wenn wir die Kritik von Froben Homburger immer noch richtig verstehen, hat er an dem Artikel selbst, den Johannes Kram hier geschrieben hat und der sich ohnehin auf einen Zeitraum bezieht, der mit dem Auftritt Gaulands in der Bundespressekonferenz am Morgen des 25. September endet, nichts auszusetzen.

Rechercheverbieter AfD, Epoch Times, Instagram-Narzissmus

1. AfD will Recherche-Netzwerke verbieten
(mdr.de)
Im Landtag von Sachsen-Anhalt ging es gestern um die Recherchenetzwerke „rechercheMD“ und „Sachsen-Anhalt rechtsaußen“, die sich unter anderem mit rechtsextremen Verstrickungen der AfD in Sachsen-Anhalt befasst hatten. In den Augen der AfD-Fraktion handelt es sich um „kriminelle Vereinigungen“ und einen zentralen Baustein des Linksextremismus im Land. Die AfD verlangte deshalb ein Verbot der Recherchenetzwerke durch die Landesregierung. Die anderen im Landtag vertretenen Parteien sahen die Sache anders und lehnten den AfD-Antrag ab.

2. Lebenslang Lebemann
(spiegel.de, Christoph Twickel)
Hugh Hefner ist der Gründer und Chefredakteur des US-amerikanischen Männermagazins „Playboy“. Vorgestern verstarb der exzentrische Lebemann im Alter von 91 Jahren. Im Nachruf auf „Spiegel Online“ geht es um das Leben des von Feministinnen und Konservativen gleichermaßen angefeindeten Verlegers und die Höhen und Tiefen seines Bunny-Unternehmens.

3. Tadel verpflichtet
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Vor Jahrzehnten schlich sich Günter Wallraff als schneidiger Boulevardjournalist „Hans Esser“ bei „Bild“ ein, heutzutage ist sein Namen mit Enthüllungsfilmen bei RTL verbunden. Wallraff wird am ersten Oktober 75 Jahre alt, eine Woche später strahlt RTL das Filmporträt mit dem Titel „Wallraff war hier“ aus. Hans Hoff berichtet über einen hyperaktiven ewig Junggebliebenen, der sich engagiert wie eh und je.

4. Wie Journalisten mit dem Vorwurf „Lügenpresse“ umgehen
(de.ejo-online.eu, Kathrin Wesolowski)
Woher kommt der Begriff „Lügenpresse“ und müssen Medienmacher sich eigentlich ständig gegen diesen Vorwurf verteidigen? Das Medienrechercheinstitut „EJO-Online“ hat eine Spurensuche in der Geschichte deutscher Medien unternommen und aktuelle Reaktionen von Wissenschaftlern und Journalisten zusammengestellt.

5. Pädophilie-Verschwörung und Panikmache: Wie die ‚Epoch Times‘ auf Facebook um Klicks bettelt
(motherboard.vice.com, Theresa Locker)
Unter den Verschwörungs- und Wutmedien nimmt die „Epoch Times“ alleine schon wegen ihres skurrilen Hintergrunds eine Sonderstellung ein: Die Lieblingslektüre vieler AfD-Anhänger steht der chinesischen religiösen Bewegung Falun Gong nahe. „Motherboard“ hat untersucht, wie das Desinformationsmedium mit Fake News und Panikmache auf Facebook um Klicks bettelt.

6. I-Telkeit
(zeit.de, Sascha Chaimowicz)
Sascha Chaimowicz ist fasziniert von einem Instagram-Phänomen: Fotos von Menschen, die sich augenscheinlich für ganz bezaubernd halten, ihre Selbstverliebtheit jedoch hinter Ironie verstecken.