Archiv für August 18th, 2017

Kurz korrigiert (505)

Bild.de berichtet heute über die Ausgaben der Parteien im laufenden Bundestagswahlkampf …

Ausriss Bild.de - Parteien im Millionen-Euro-Check - Wer gibt was im Wahlkampf aus?

… und zieht dabei folgenden Vergleich:

Ausriss Bild.de - Verglichen mit dem US-Wahlkampf sind es nur Peanuts. Eine Millionenschlacht wird es trotzdem: Die deutschen Parteien werden im Bundestagswahlkampf 2017 zusammen über 65 Millionen Euro ausgeben. Zum Vergleich: Hillary Clinton und Donald Trump haben im US-Wahlkampf 2016 mit 507 Millionen Euro mehr als zehn Mal so viel ausgegeben.

Liebe Bild.de-Mathe-Cracks, wir haben alle uns zur Verfügung stehenden Rechenschieber aneinandergekoppelt und nachgezählt: 507 Millionen Euro sind nicht mehr als das Zehnfache von 65 Millionen Euro.

Mit Dank an Malte H. für den Hinweis!

Nachtrag, 20. August: Mehrere Leser wiesen darauf hin, dass — abgesehen vom Rechenfehler durch Bild.de — der reine Vergleich der absoluten Summen wenig Sinn mache. Die USA seien deutlich größer, sie bestünden aus mehreren Staaten, es gebe dort deutlich mehr Wahlberechtigte. Daher hier eine Rechnung der Ausgaben pro wahlberechtigter Person in den USA und in Deutschland.

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 waren etwa 227 Millionen Menschen wahlberechtigt. Bei der Bundestagswahl in Deutschland in diesem Jahr sind knapp 61,5 Millionen Menschen wahlberechtigt. Nimmt man die Ausgaben von 507 Millionen Euro (USA) beziehungsweise 65 Millionen Euro (Deutschland), die Bild.de angibt, ergeben sich 2,23 Euro/Wahlberechtigten in den USA und 1,06 Euro/Wahlberechtigten in Deutschland — also das 2,1-Fache.

Bild.de hat den Artikel in der Zwischenzeit korrigiert und schreibt nun allgemeiner von einem „Vielfachen“:

Die deutschen Parteien werden im Bundestagswahlkampf 2017 zusammen über 65 Millionen Euro ausgeben. Zum Vergleich: Hillary Clinton und Donald Trump haben im US-Wahlkampf 2016 mit 507 Millionen Euro ein Vielfaches ausgegeben.

Allerdings ist die Stelle noch immer falsch (und unsere Rechnung oben hinfällig). Denn die „507 Millionen Euro“ für Donald Trump und Hillary Clinton zusammen sind viel zu niedrig angesetzt. Verschiedene Quellen geben verschiedene höhere Wahlkampfkosten an: Der „SRF“ schreibt von 1,3 Milliarden Dollar für Clinton und 795 Millionen Dollar für Trump, bei „Bloomberg“ sind es 1,191 Milliarden Dollar für Clinton und 647 Millionen Dollar für Trump, „Statista“ prognostizierte Wahlkampf-Ausgaben von insgesamt 2,7 Milliarden Euro.

Nur in einem anderen Artikel findet man auch die „507 Millionen Euro“. Er stammt von Bild.de und erschien im September 2016, also zwei Monate vor der US-Wahl.

Mit Dank an Frank G., Matthias R., Klau P., @bottgus, @UP87, @bluekoblenz, @MtthsBrnkmnn und @tobiasf91 für die Hinweise!

Unspaßige Spaß-Nachrichten, Blochers Medienwelt, US-Nazi-Boykott

1. Wir haben Fragen zum Google-Wahlkampfgeschenk an die Kanzlerin
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Nach dem Interview-Auftritt der Kanzlerin bei den vier ausgesuchten Youtubern schien es nur Gewinner zu geben: Merkel, die vier Youtubestars aus dem Vermarktungs-Netzwerk „Studio71“ und Google. Doch bei so viel Win-Win-Win-Win kämen dann doch ein paar Fragen auf: „Warum organisiert mit dem Bundeskanzleramt eine Regierungsstelle einen weithin als Wahlkampfauftritt rezipierten Termin? Wo bleibt hier die Trennung von Staat und Partei? […] Will Google – über sein kräftiges Lobbying hinaus – jetzt auch zum politischen Player mit seiner Suchseite werden? Und sind diese Youtuber eigentlich wirklich so lasch und handzahm, dass die Veranstaltung lediglich wie ein jugendlich-aufgepepptes ZDF-Sommerinterview wirkte?“

2. Faktencheck: Merkel und die Chemtrails
(correctiv.org, Pauline Schinkels)
Momentan schwirren allerlei mehr oder weniger (meist weniger) lustige Falschnachrichten durch das Netz, die in das Layout fiktiver Zeitungen wie einem angeblichen „Kölner Abendblatt“ eingebettet sind. Gleich zwei Webseiten bieten ihren Nutzern an, Falschnachrichten im pseudo-journalistischen Mantel auf Freunde und Menschheit loszulassen. Wie schnell die Grenze zwischen lustigem Kalauer und ernsten Fake verschwimmen kann, zeige die Seite „24Aktuelles.com“. Dort hätten sich zwischen all dem Lustig-Lustig-Content immer wieder Meldungen gefunden, bei denen die Polizei reagieren musste.

3. Ein Glück, dass es Deniz gibt
(deutschlandfunk.de, Silke Burmester)
Silke Burmester fühlt sich hin- und hergerissen, wenn es um die Berichterstattung über die in der Türkei inhaftierten Journalisten geht. Alle würden immer nur von Deniz Yücel reden, von den meisten anderen inhaftierten Kollegen aber spreche kein Mensch. „Ja, das ist blöd. Und vielleicht auch nicht fair. Aber auf der anderen Seite ist es auch für sie ein Glück, dass es Deniz gibt. Deniz, der so ein Krawallo ist, so ein journalistischer Hau-Drauf, der so viele Jahre Redakteur bei der „taz“ war, dass er ein Heer an Freunden und Kollegen hat, die jetzt so laut für ihn trommeln und ihn zum Gesicht des Widerstandes gegen Erdogans Journalisten-Plattmache erheben.“

4. Hiobsbotschaft aus der Schweizer Medienlandschaft
(infosperber.ch, Christian Müller)
Der Schweizer Christoph Blocher ist nicht nur ein milliardenschwerer Geschäftsmann, sondern auch ein wichtiger Politiker der am rechten Rand angesiedelten „Schweizerischen Volkspartei“ (SVP). Blochers BaZ-Holding („Basler Zeitung“) hat nun die Verlagsgruppe Zehnder gekauft, einen Herausgeber von 25 Anzeigeblättern, die auf insgesamt 800.000 Leser und Leserinnen kommen. Der Schweizer Journalist Christian Müller sieht in der Vergrößerung von Blochers Medienimperium auch eine politische Gefahr: „Wenn Blocher vor Abstimmungen in jeden Briefkasten der Schweiz ein Extrablatt mit seiner Werbung hat verteilen lassen, dann landete sein Geld in den Kassen von Zeitungsdruckereien und vor allem auch in der Kasse der Post. Jetzt kann er eine Million Briefkästen bedienen mit einem Produkt, das aus Gründen der Tradition und der Leser-Gewohnheiten eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit genießt als ein Extrablatt, das nur vor Volksabstimmungen erscheint.“

5. Kein Netz für Nazis
(zeit.de, Patrick Beuth)
Nach den Ereignissen in Charlottesville haben einige amerikanische Unternehmen wie AirBnB, GoDaddy, Discord und Google mitgeteilt, sie würden künftig Rechtsextreme und Seiten wie den „Daily Stormer“ boykottieren. Was zunächst nachvollziehbar erscheint, wirft Fragen auf: Darf eine kleine Anzahl von Unternehmen darüber bestimmen, dass jemand nicht im Internet sein darf? Lange hatten sich die Infrastrukturbetreiber Netzneutralität verordnet. Doch mittlerweile würden die Kunden verlangen, dass die Firmen sich ihrer Verantwortung stellen. Helfen könnten hier nur klare und neutrale Regelungen nach demokratischen Maßstäben.

6. Nicht mit uns
(daily.spiegel.de, Ulrike Simon)
Jüngst flatterte dem Verleger und Chefredakteur des Monatsmagazins „Cicero“ ein unmoralisches Angebot der besonderen Art ins Haus: Eine Agentur für Suchmaschinenoptimierung wollte auf der „Cicero“-Webseite selbstgeschriebene Texte platzieren, die nicht als Werbung gekennzeichnet und mit allerlei Links gespickt waren. Für eine Mindestverweildauer eines Beitrags von 24 Monaten bot man die Summe von 250,- Euro an. „Spiegel-Daily“-Kolumnistin Ulrike Simon hat daraufhin den Agenturinhaber angerufen, um ihn zu dieser Praxis zu befragen. Und weil der Chef der rund dreißigköpfigen Agentur sich verschlossen gab, hat sie dem Unternehmen etwas nachrecherchiert.