Archiv für August 14th, 2017

„Bild“ lässt DFB-Vizepräsidenten von Ultras bedrohen

Neulich präsentierte die „Bild“-Redaktion ja schon den „ersten Fußball-Star“, der „Knast für Ultras“ fordere und der in Wahrheit gar nicht „Knast für Ultras“ fordert. Seit vorgestern gibt es bei „Bild“ den ersten DFB-Vizepräsidenten, der von Ultras bedroht worden sei und der nach eigener Aussage gar nicht von Ultras bedroht wurde.

Vor zehn Tagen, da nahm die undifferenzierte „Bild“-Kampagne gegen die Ultra-Szene in Deutschland gerade Fahrt auf, veröffentlichte das Blatt eine komplette Seite zum Thema:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht über komplette Seite mit drei Artikeln mit den Überschriften Wie gefährlich ist diese Kriegserklärung? So gewalttätig wird die neue Saison. Und Die Macht der Ultras

Im Artikel mit der Überschrift „DIE MACHT DER ULTRAS“ schrieb „Bild“-Chefreporter Marc Schmidt gleich im Einstieg:

Die Ultras wollen immer mehr Macht im deutschen Fußball erobern. Auch mit Gewalt-Ankündigungen! Das bekam kürzlich DFB-Vizepräsident Rainer Koch (58) zu spüren.

Zu einem Gedankenaustausch hatte sich der Münchner mit drei Ultra-Chefs von Dynamo Dresden verabredet. Doch bei dem Treffen tauchten plötzlich 60 „Fans“ auf und bedrohten den DFB-Vize. Mit dem Hinweis, man könne Koch zu Hause oder in seinem Büro „besuchen“.

Das Treffen zwischen Rainer Koch und den Ultra-Vertretern gab es tatsächlich. Und es kamen tatsächlich auch deutlich mehr Leute nach Dresden als vorher abgesprochen, es sollen zwischen 50 und 60 Personen gewesen sein. Aber Drohungen gegen den DFB-Vize, wie Marc Schmidt schreibt? Davon hat Rainer Koch nicht mal selber etwas mitbekommen. Am Samstag veröffentlichte er dieses Statement bei Facebook:

Screenshot Facebook-Post von Rainer Koch - Am 27. Juli bin ich auf Einladung von drei Ultra-Sprechern von Dynamo Dresden gemeinsam mit dem DFB-Sicherheitsbeauftragten Hendrik Große-Lefert zu einem Gespräch über Ultra-Anliegen nach Dresden gefahren. Tatsächlich trafen wir dann unabgesprochen auf über 50 Ultravertreter aus ganz Deutschland. Auch gut, wir haben - weil grundsätzlich immer dialogbereit - uns auch auf eine Unterredung mit diesem großen Kreis eingelassen. Ich habe, weil Vertraulichkeit vereinbart wurde, bis heute nichts zum Inhalt dieser Unterredung erklärt. Ich habe allen Medien gegenüber unter Hinweis auf die Vertraulichkeit des Gesprächs bislang jede Stellungnahme zum Treffen abgelehnt und deshalb auch zu keinem Zeitpunkt und an keiner Stelle erklärt, in diesem Gespräch persönlich bedroht worden zu sein. Übrigens auch deshalb nicht, weil ich gar nicht bedroht worden bin. Trotzdem wird seit Tagen von der Szene wahrheitswidrig derartiges behauptet und mir unterstellt. Also liebe Ultras, das passt doch nicht zusammen: ihr wollt den Dialog und setzt andererseits jetzt schon seit Tagen solche falschen Behauptungen über mich in die Welt und ins Netz und in die Stadionkurve des 1. FC Nürnberg. Ich bleibe bei meiner Haltung: Zum Dialog bin ich selbstverständlich weiter gerne bereit, persönliche Beleidigungen und Verleumdungen werde ich jedoch nicht akzeptieren.

Kochs Beschwerde in Richtung Ultras, die „falsche Behauptungen“ über ihn „in die Welt und ins Netz und in die Stadionkurve des 1. FC Nürnberg“ setzen sollen, kann man übrigens direkt an „Bild“ und Chefreporter Marc Schmidt weiterleiten. Klickt man auf den Link, den Rainer Koch in seinen Facebook-Post kopiert hat, sieht man, dass sich die von Koch Kritisierten auf das falsche Bedrohungsszenario berufen, das die „Bild“-Zeitung verbreitet hat.

Mit Dank an Kevin J., Anonym, @Hirnwindungen und @BlauGelb13 für die Hinweise!

Funke-Minister, Buzzfeed-Umbau, iTunes-Chartstürmer Stille

1. NRW-Medienminister wegen Beteiligung an Funke-Mediengruppe in der Kritik
(nw.de, Lothar Schmalen)
Kann ein NRW-Minister unabhängig sein, wenn ihm 16,7 Prozent eines der mächtigsten Verlagskonzerne des Landes gehören? Ein Minister, der für Medienpolitik zuständig ist, über neue Gesetze entscheidet, über Fördertöpfe verfügt und in genau dem Bereich agiert, in dem sein Konzern Geschäfte macht? Stephan Holthoff-Pförtner (68) ist dieser besagte Politiker, der von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zum Minister berufen wurde und der bedeutende Anteile der Funke-Mediengruppe hält (geschätzter Wert 250 Millionen Euro). Die Opposition im Landtag, aber auch Juristen kritisieren den Interessenkonflikt, das Ministerium selbst wiegelt ab.

2. Von der Katzenbildschleuder zum investigativen Journalismus
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Buzzfeed wird in Deutschland von vielen als Webseite mit albernen Listen, zusammengeklaubten Bildern und reißerischen Klickbait-Überschriften in Zusammenhang gebracht. In den USA gelte Buzzfeed jedoch schon seit einer Weile als relevantes Nachrichtenmedium. Dort arbeiten acht Pulitzerpreisträger und kümmern sich auch um ernste Themen. Nun sollen auch in Deutschland zu den seichten ein paar ernste Themen hinzukommen. Bewerkstelligen soll dies Deutschlandchef Daniel Drepper, einer der Gründer des Recherchebüros Correctiv.

3. „Phablet? Brauchen wir das wirklich im Duden, Frau Kunkel-Razum?
(boersenblatt.net)
Vor einigen Tagen erschien die 27. Auflage des Duden mit 5.000 neuen Wörtern. Neu dabei sind zum Beispiel „facebooken“, „Selfie“ und „Phablet“. Im Börsenblatt verrät die Redaktionsleiterin wie die neuen Wörter in den Duden kommen, welche der Neuaufnahmen sie besonders mag und welche der gestrichenen Wörter sie besonders vermisst.

4. Der Basler, der in den Krieg zieht
(tageswoche.ch, Andrea Tedeschi)
Der Schweizer Diego Wettstein berichtet als freier Kameramann aus Krisengebieten im Nahen Osten. Die „Tageswoche“ stellt den 34-Jährigen vor, der regelmäßig für das Schweizer Fernsehen aus dem Irak und Syrien berichtet. Für seine Reportage „Rückeroberung des Sinjar-Gebirges“ wurde Diego Wettstein für den Deutschen Kamerapreis 2016 nominiert. Fünf Monate pro Jahr ist er im Ausland unterwegs und erlebt dort Dinge, die ihn trotz aller professioneller Distanz nicht kalt lassen.

5. Lieber mal ein Schock fürs Auge
(faz.net, Peter Körte & Bert Rebhandl)
Die „FAZ“ hat sich mit drei Regisseuren und Regisseurinnen über die Lage des Dokumentarfilms, prekäre Finanzen und die Abhängigkeit vom Fernsehen unterhalten. Nur zwölf Sendeplätze für Dokumentarfilme biete die „ARD“ im Jahr an und auch sonst werde der Dokumentarfilm eher stiefmütterlich behandelt. Im Widerspruch dazu stünden die vollmundigen Verlautbarungen der öffentlich-rechtlichen Sender, der Dokumentarfilm gehöre zu ihrer Kernkompetenz, zur „DNA des Systems“.

6. Auf iTunes stürmt das Schweigen die Charts
(haz.de)
In Apples digitalem Musikshop iTunes kann man sich für 99 Cent zehn Minuten absolute Stille kaufen. Hört sich nach einer wahrlich sinnlosen Kaufentscheidung an, kann aber durchaus sinnvoll sein.