Archiv für August 11th, 2017

„Spiegel Online“ widerlegt Propaganda-Vorwurf mit Propaganda

(Archivbeitrag vom 26. Oktober 2016)

Eigentlich war es ja eine ganz schöne Idee, die „Spiegel Online“ gestern hatte: In einem 3:50-Minuten-Video den Politikredakteur Christoph Sydow erklären lassen, wieso die Redaktion über Aleppo und Mossul berichtet, wie sie berichtet. Das Ganze war eine Reaktion auf kritische Kommentare in Leserbriefen und den Sozialen Netzwerken (zum Beispiel: „heute im propagandaspiegel: keine gefahr für zivilisten! während aleppo von den bösen russen und assad ‚zerstört‘ wird, wird mossul von den braven irakern, türken und amerikanern ‚befreit‘. …wer hätte das gedacht“):

Immer wieder werfen uns Leser vor, die Belagerung von Aleppo pauschal als böse und jene von Mossul als gut zu bewerten. Das so nicht richtig [sic]. Politikredakteur Christoph Sydow erklärt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Sydow sagt, „Spiegel Online“ messe nicht mit zweierlei Maß, und erklärt, welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede er zwischen den Situationen im syrischen Aleppo und im irakischen Mossul sieht. Auf die im Video eingeblendete Frage „WIE SIEHT ES IN DEN STÄDTEN AUS?“ antwortet er:

Ost-Aleppo ist seit Monaten von der Außenwelt abgeschnitten. Es kommt keine Hilfe in die Stadt. Die Menschen hungern, es gibt kein Trinkwasser, es gibt wenig Strom. In Mossul ist die Lage im Moment noch anders. Die Stadt kann versorgt werden, die Menschen haben Wasser, die Menschen haben Strom, die Menschen haben genug zu essen. Es muss bislang dort noch niemand hungern.

Um die deutlich bessere Situation in Mossul zu belegen, zeigt „Spiegel Online“ diese Videoaufnahmen:



Das ist Propagandamaterial des sogenannten „Islamischen Staats“. Die Terrororganisation, die derzeit über Mossul herrscht, hat diese Bilder aus der Stadt vor einigen Tagen veröffentlicht, um zu zeigen, wie normal das Leben dort sein soll. In den Standbildern kann man rechts oben neben dem „Spiegel“-Logo auch das von „Amaq“ sehen. „Amaq“ sieht sich selbst als Sprachrohr des „Islamischen Staats“.

Der „Weltspiegel“ hatte die Aufnahmen in seinem Beitrag „Irak: Inside Mossul“ am vergangenen Sonntag ebenfalls gezeigt. Im Gegensatz zu „Spiegel Online“ hat die ARD-Sendung allerdings den Hinweis „Quelle: Propaganda-Video IS“ eingeblendet:


Dazu sagt der Sprecher:

Das jüngste Propaganda-Video vom IS, das vor fünf Tagen ins Netz gestellt wurde. Es soll Normalität in Mossul zeigen, glückliche Menschen, denen es an nichts fehlt. Tatsächlich mangelt es an Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten und Strom. Das berichten Menschen aus Mossul ihren Verwandten in heimlichen Telefonaten.

Später im Video-Beitrag mit Christoph Sydow zeigt „Spiegel Online“ dann noch weitere Sequenzen aus dem Propagandamaterial, wieder mit „Amaq“-Symbol und wieder ohne jegliche Kennzeichnung oder Distanzierung:




Wenn „Spiegel Online“ sich Propagandamaterial von Terroristen zu eigen macht, dann kann man seinen harschen Kritikern, die vom „propagandaspiegel“ schreiben, in diesem Fall leider nicht mal widersprechen.

Mit Dank an Daniel B. für den Hinweis!

Nachtrag, 21:01 Uhr: „Spiegel Online“ hat inzwischen mit zwei Tweets auf unseren Blogpost reagiert:

Jegliche Videosequenzen, die von „Amaq“ stammen, sind jetzt mit dem Hinweis „Quelle: Propagandavideo des IS“ versehen:

Vergessene Themen, Rechtsextreme, Dominatoren-Orakel

(Archivbeitrag vom 8. März 2016)

1. Journalistinnen
(freitag.de, Katja Kullmann)
Passend zum heutigen Weltfrauentag stellt die stellvertretende Chefredakteurin des „Freitag“ einige berühmte Journalistinnen in einem „Kolleginnenlexikon“ vor. Die Liste reicht von historischen Figuren aus dem Beginn des Print-Zeitalters bis hin zu zeitgenössischen „Fernsehfrauen“ wie Anja Reschke und Dunja Hayali.

2. Blinde Flecken in der Berichterstattung
(de.ejo-online.eu, Susann Eberlein)
Die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA) veröffentlicht jedes Jahr eine Liste mit zehn in den Medien vergessenen Themen. Susann Eberlein hat sich mit dem Geschäftsführer des Vereins über die Arbeit des Vereins, die Auswahl der Themen und den Einfluss der Liste auf die Medienberichterstattung unterhalten. Die ersten drei Plätze der vernachlässigten Nachrichten belegen übrigens die Finanzierung von Nuklearwaffen durch deutsche Finanzinstitute, das millionenschwere EURATOM-Abkommen zur Förderung der Atomkraft und die Tatsache, dass K.O.-Tropfen nahezu unkontrolliert über das Internet bestellbar sind.

3. „Die New York Times der Millennials“
(netzoekonom.de, Holger Schmidt)
Wenn man sich das Durchschnittsalter von Tagesschau-Zuschauern (63), CNN-Sehern (63) oder Fans der konservativen Fox-News anschauen würde, könnte man denken, dass junge Menschen nicht an Nachrichten interessiert seien. Dass dem nicht so ist, beweise u.a. die amerikanische Webseite „Mic“, die auch als „New York Times der Millennials“ bezeichnet werde. Um Geschichten „relevant“ zu machen, würden sie aus der Perspektive von jungen Menschen erzählt. Außerdem seien die Inhalte für Smartphones optimiert. Autor Holger Schmidt beschreibt die Vorgehensweise der erfolgreichen News-Seite und liefert einige interessante Daten über Nachrichtenmedien im Allgemeinen.

4. Einfach mal dreißig Minuten Zeit
(faz.net, Gina Thomas)
Gegen den Trend der Zeit ist in Großbritannien eine neue Tageszeitung erschienen. Das Blatt heißt „The New Day“, und es richtet sich an eine Zielgruppe im Alter zwischen 35 und 55 Jahren. Mit einem Team von 25 Redakteuren will man leichtverdauliche Nachrichtenkost anbieten. In großzügiger Aufmachung und in, was die wesentlichen Nachrichten anbelangt, flapsig formulierten Zehnzeilern.

5. Rechtspopulistische Gesprächsstrategien – Eine Übersicht
(netz-gegen-nazis.de, Simone Rafael)
Rechtsextreme bedienen sich in der Diskussion in sozialen Netzwerken oft rhetorischer Tricks und Kniffe. Wie man den Gesprächsstrategien von Rechtsaußen nicht auf den Leim geht, verrät die Übersicht mit den neun häufigsten Strategien der Gegenseite und Empfehlungen für argumentative Konter.

6. Jan Böhmermann macht die meisten Schlagzeilen / Kai Diekmann auf Platz 2
(horizont.net, Tim Theobald)
Die Medienplattform „Recherchescout“ hat 300 Journalisten orakeln lassen, welche Medienschaffende dieses Jahr die Schlagzeilen beherrschen werden und ein Top-10-Ranking der zukünftigen News-Dominatoren erstellt.

Dreckscherer Twitter, Kontrolliertes Schweigen, Zeit-Magazin-Sprengung

1. „Twitter schert das alles einen Dreck“
(faz.net, Florian Kölsch)
Auf Twitter kann man manchmal schlimme Dinge lesen wie „Deutschland braucht für den Islam wieder die Endlösung“ oder „Schwule raus nach Auschwitz“. Diese Tweets kann man bei Twitter melden, was jedoch in aller Regel zu keiner Reaktion führt: Der sich selbst abkapselnde Kurznachrichtendienst antwortet schlicht nicht. Nachdem der deutsch-israelische Satiriker Shahak Shapira derartige Hass-Tweets bei Twitter gemeldet hatte und keine Reaktion bekam, sprühte er die Sätze mit Kreide vor die Twitter-Zentrale. Im Gespräch mit der „FAZ“ erklärt er den Hintergrund der Aktion und wann der Hass im Netz gefährlich wird.

2. Wie wir die Fakten der britischen Wahlen in Echtzeit überprüften
(de.firstdraftnews.com, Ryan Watts & Alexandra Ma & Nic Dias)
Wie können Journalisten Unterhaltungen auf sozialen Netzwerken beobachten, Informationen online in Echtzeit mitverfolgen und verifizieren? „First Draft“ zeigt anhand des Projektbeispiels „Wahlen in Großbritannien“ wie Journalisten schnell auf berichtenswerte Online-Unterhaltungen reagieren und den Fluss an Fehlinformationen eindämmen können. Dabei spielen Analysetools eine große Rolle.

3. Tamedia plant ein Massaker
(woz.ch, Andreas Fagetti)
Die Schweiz steht vor dem möglicherweise heftigsten Abbau ihrer Pressevielfalt. „Tamedia“, die größte private Mediengruppe in der Schweiz, bereitet den radikalen Umbau ihrer Tageszeitungen vor. Bestandteil des Umbaus: Der gemeinsame, von sogenannten Kompetenzzentren bestückte Mantel. Bei der „Berner Zeitung“ droht ein besonders heftiger Stellenabbau. Ende August, so munkelt man, entscheidet der Verwaltungsrat über ein konkretes Abbauprojekt. Dann stelle sich heraus, ob ein schleichender Abbau eingeleitet oder ein Erdbeben stattfinden wird

4. „Es gibt Handlungsbedarf“
(detektor.fm, Kais Harrabi)
Auch Kinder sind Opfer von Falschmeldungen und Fehlinformationen im Netz. Inwieweit können oder müssen Schulen gegensteuern? „detektor.fm“-Moderator Kais Harrabi hat mit dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger über Fake News und entsprechende Lösungsansätze an Schulen gesprochen.

5. Die Wucht des Schweigens in Zeiten des Dauergeplappers
(sueddeutsche.de, Joseph Hanimann)
Der französische Präsident Macron geht auf Abstand zu den Medien. Immer öfter bleiben Journalisten außen vor. Parallel baut Macron eine PR-Abteilung auf, die künftig die Botschaften des Präsidenten vermitteln soll: „Die Aura des Unnahbaren scheint sich zum Markenkern des Kommunikationsprofis Macron zu entwickeln – während unter ihm eine Menge Profis arbeiten, um seine Inhalte unter die Leute zu bringen.“

6. Leo Fischer wirft Atombombe auf den Twitter-Account des Zeit-Magazins
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Ex-„Titanic“-Chef Leo Fischer wurde vom „Zeit-Magazin“ als „Gast-Twitterer“ eingeladen. Aus Eifersucht drohte „Bild“-Chef-Julian Reichelt mit der atomaren Zerstörung Pjöngjangs und dem Tod von Mehmet Scholl. Fischer, dem man Ambitionen auf eine Führungsposition bei Springer nachsagt, gab daraufhin seine Gast-Twitterer-Funktion auf und zog sich vorzeitig aufs Altenteil zurück. Weil der Klügere nachgeben müsse und „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“. (Nun, ganz so war es nicht, aber fast…)