Archiv für August 2nd, 2017

Beate Zschäpe auf dem Laufsteg der Nebensächlichkeiten

Welche Modenschauen sind wohl die wichtigsten der Welt? Klar, die in Paris und die in New York. Sicher auch die in Mailand. Und dann wäre da noch eine etwas unbekanntere, die seit knapp viereinhalb Jahren im Saal A 101 im Münchner Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße stattfindet:

Beate Zschäpe trägt ein rot-orangenes, sommerliches Shirt mit kurzen Ärmeln, ein ungewohnt luftiges Outfit. Rechtsanwalt Wolfgang Stahl erscheint in weißer Hose unter seriösem Jackett.

Diese Passage stammt aus einem „dpa“-Text über einen der bedeutendsten Strafprozesse seit Jahrzehnten in Deutschland, den NSU-Prozess. Die Onlineredaktion der „Stuttgarter Zeitung“ hat sie gestern veröffentlicht, ebenso die der „Berliner Morgenpost“, die der „Kieler Nachrichten“, die der „Abendzeitung“ aus München, haz.de, derwesten.de und vermutlich noch einige weitere.

Auch direkt vor und nach den zwei Sätzen zum Outfit von Beate Zschäpe und Wolfgang Stahl geht es fast nur um Nebensächlichkeiten. Der „dpa“-Artikel startet so:

Es scheint fast so etwas wie Ferienstimmung in der Luft zu liegen an diesem 379. Verhandlungstag im NSU-Prozess, dem fünften Tag des Anklage-Plädoyers und letzten Sitzungstag vor der Sommerpause des Gerichts. Beate Zschäpe trägt ein rot-orangenes, sommerliches Shirt mit kurzen Ärmeln, ein ungewohnt luftiges Outfit. Rechtsanwalt Wolfgang Stahl erscheint in weißer Hose unter seriösem Jackett. Und vor den Ferien ist auch die Ehefrau des mutmaßlichen Waffenbeschaffers für den „Nationalsozialistischen Untergrund“, Ralf Wohlleben, da: Sie betritt den Saal, nachdem die Fotografen ihn verlassen mussten, schlängelt sich an den Plätzen der Verteidiger vorbei, streichelt ihrem Mann über die Schulter, küsst ihn zur Begrüßung auf den Mund.

Bei Bild.de hat die Redaktion Zschäpes „Sommer-Look“ sogar in die Überschrift gepackt, als wäre das die entscheidende Entwicklung im NSU-Prozess:

Ausriss Bild.de - Blümchenschal und luftiges rot-orangenes Shirt - Zschäpe im Sommer-Look in die Sommerpause

In der Zwischenzeit haben sie wohl auch bei Bild.de gemerkt, wie grässlich es ist, über einen Prozess zu berichten, auf den so viele trauernde Angehörige schauen, und dabei den „BLÜMCHENSCHAL“ und das „LUFTIG ROT-ORANGENE SHIRT“ einer Person hervorzuheben, der die Mittäterschaft in zehn Mordfällen vorgeworfen wird. Dachzeile und Überschrift haben die Bild.de-Mitarbeiter inzwischen geändert (nun: „ERST ENDE AUGUST GEHT ES WEITER — Zschäpes letzter Auftritt vor der Sommerpause“), die einleitende Passage zur „Ferienstimmung“ komplett gestrichen.

Mit Dank an @tagesschauder für Hinweis und Screenshot!

Vermessen, Eingebettet, Gefeuert

1. Wie Bewertungskultur und Datenanalyse den Journalismus radikal verändern
(michaelmartiblog.tumblr.com)
Michael Mart (stellv. Chefredakteur und Leiter Digital des Schweizer „Tages-Anzeiger“) hat einen lesenswerten Beitrag über die „Vermessung des Journalismus“ vorgelegt. Er erklärt wie die Branche derzeit arbeitet. Über das Messen der Reichweite hinaus geschehe dies zum Beispiel über den „Artikel-Score“. Dieser berücksichtige neben den Seitenaufrufen Werte wie Verweildauer, Anteil Social-Media-Traffic oder Anzahl der Shares. Die neue Bewertungskultur führe nicht nur zum gläsernen Leser, sondern auch zum gläsernen Journalisten. Der Artikel schließt mit einer Erkenntnis aus dem Abo-Journalismus: Besonders erfolgreich seien Service-Geschichten mit einem direkten Nutzen, aber auch lebensnahe Geschichten, die „Learnings“ anbieten.

2. Journalisten im Dienst der «nationalen Sicherheit»
(infosperber.ch, Roman Berger)
Roman Berger war Washington-Korrespondent des „Tages Anzeiger“ und hat in seiner aktiven Zeit auch den Chef-Militärkorrespondent der „New York Times“ Michael Gordon kennengelernt. Gordon, der in wenigen Wochen pensioniert wird, gelte als Prototyp des „eingebetteten Journalismus“ mit all seinen negativen Folgen. Nach Ansicht von Berger habe der Fall Gordon sogar Zweifel an der unabhängigen Berichterstattung der „NYT“ geweckt. Berger arbeitet die Vorgänge nochmal auf und benennt die Versäumnisse.

3. Der Sultan, der das Hassen lehrt
(sueddeutsche.de, Selim Aydin)
Das türkische Staatsfernsehen „TRT“ stehe schon seit Langem in der Kritik, ein Sprachrohr der Regierung zu sein, so Selim Aydin auf „sueddeutsche.de“. Mit opulenten Serien und fragwürdigen Talkshows glorifiziere der Staatssender die Nation – und inszeniere Recep Tayyip Erdogan als historischen Führer. Auch die „taz“ beschäftigt sich mit dem Thema der instrumentalisierten historischen Serien. In Erdogans Lieblingsserie heißt es dazu: „Dass derartige historische Serien gut ankommen, könnte damit zusammenhängen, dass viele Türken sich bis heute nicht wirklich mit der Republik Atatürks anfreunden können. Die Serien spiegeln den sehnsüchtigen Wunsch, in glorreiche osmanische Zeiten zurückzukehren. Es ist der wunde Punkt des nationalistisch-konservativen Teils der türkischen Bevölkerung.“

4. Nichts brennt kälter als ein Hack
(zeit.de, Eike Kühl)
Der US-Kabelsender „HBO“ wurde Opfer eines Hackerangriffs. Teil der digitalen Beute: Bislang unveröffentlichte Folgen der Erfolgsserie „Game of Thrones“ und angeblich das nächste Drehbuch. Erste Inhalte seien bereits im Internet aufgetaucht. Insgesamt haben die Täter 1,5 Terabyte Daten kopiert.

5. Hier steht, wer alles doof ist
(spiegel.de, Margarete Stokowski)
Margarete Stokowski hält nichts von der Antifeministen-Personen-Datenbank der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung: „Es macht verdammt viel Sinn, antifeministische Strategien und Argumentationen zu sammeln und Leuten zu erklären, was daran wie und warum falsch ist, auch weil bestimmte Positionen sich immer wieder als emanzipatorisch verkaufen wollen (die AfD hat zum Beispiel Plakate, auf denen steht, „Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar“). Aber es ist mehr als schlechter Stil, das anhand von Personenlisten zu tun.“

6. Gebt mir zehn Tage!
(faz.net, Axel Weidemann)
Ganze zehn Tage war Anthony Scaramucci Kommunikationschef von Donald Trump bis dieser ihn feuerte. Axel Weidemann hat eine Chronologie dieser zehn Tage verfasst. Es ist eine Chronologie der Pöbeleien und Fettnäpfchen.