Archiv für Juli 18th, 2017

„Endlich! Die BILD als Wahlkampfblatt für die AfD!“

Gestern hat der Bundestagswahlkampf richtig begonnen. Denn seit gestern steht auch das Wahlprogramm der „Bild“-Zeitung. Ja, doch, richtig gelesen: Die „Bild“-Zeitung hat jetzt auch ein Wahlprogramm:

Ausriss Bild - Das große BILD-Wahlrpgramm - Was sich endlich ändern muss - Rente! Steuern! Sicherheit!

Die Redaktion schreibt zu ihrer Aktion:

In zehn Wochen hat Deutschland die Wahl. CDU-Merkel oder SPD-Schulz? Kommen AfD und FDP in den Bundestag? Was wird aus Grünen und Linkspartei? Die Parteien bitten die Bürger um Vertrauen. Werben für ihre politischen Pläne. Aber die Programme bleiben seltsam blass. Darum erscheint heute das BILD-Wahlprogramm: mit Punkten, die besonders wichtig für Deutschland sind — und mit vielem, das die Parteien sich nicht trauen zu fordern oder erst gar nicht ansprechen. BILD ist keine Partei — aber das BILD-Wahlprogramm soll zeigen, worum es gehen muss bei der Bundestagswahl am 24. September.

Fast auf einer kompletten Doppelseite präsentiert „Bild“ die Punkte, „die besonders wichtig für Deutschland“ sein sollen:

Ausriss Bild - Übersicht zur Doppelseite mit verschiedenen Wahlprogrammpunkten

Die einzelnen Themenschwerpunkt sind immer gleich aufgebaut: Das empörte „ES KANN DOCH NICHT SEIN …“ leitet alles ein. Dann folgt eine These, die „Bild“ als Tatsache verkauft. Und ein Satz, der mit „Darum“ anfängt, erklärt, wie alles besser werden kann.

So sieht das dann zum Beispiel aus:

Ausriss Bild - Sicherheit - ... dass Täter in Deutschland ungeschoren bleiben. Darum gilt: Existiert von einer Straftat Videomaterial aus Überwachungskameras, wird es sofort zu Fahndungszwecken veröffentlicht. Gefasste Schläger und Diebe kommen binnen sieben Tagen vor Gericht. Die dazu nötigen Richter und Ermittler werden eingestellt.

Schaut man sich die 25 Wahlprogrammpunkte an, stellen sich einem gleich mehrere Fragen. Etwa: Warum fordert „Bild“ etwas, das längst beschlossen ist?

Ausriss Bild - Wirtschaft und Verbraucher - ... dass Internet-Riesen wie Facebook und Google uns nicht sagen müssen, was sie über uns wissen. Darum wird den Bürger ein umfassender Anspruch auf Auskunft eingeräumt.

In Paragraph 34 des Bundesdatenschutzgesetzes ist die „Auskunft an den Betroffenen“ geregelt. Außerdem gilt ab dem 25. Mai 2018 die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union, in der die Auskunftsrechte auch noch einmal geregelt werden.

Man fragt sich auch — vorausgesetzt, es handelt sich um ein ansatzweise ernst gemeintes Gesamtpaket von „Bild“: Hat irgendjemand an eine mögliche Finanzierung gedacht? Oder sind das alles nur platte populistische Parolen? Die „Bild“-Redaktion ist sonst immer vorne mit dabei, wenn Politiker und Parteien für realitätsferne Wahlversprechen kritisiert werden. Erst heute bezeichnete sie Martin Schulz‘ „Chancen-Konto“ als „heiße Luft“, auch weil es „schlicht unbezahlbar“ sein könnte. Wenn sie aber selbst mal ein Wahlprogramm aufstellt, scheint alles auf einmal möglich: „Bild“ fordert eine staatliche Entschädigung für jeden, bei dem mehr als einmal eingebrochen wurde. „Bild“ fordert kostenlose Klassenfahrten für alle Schüler in Deutschland. „Bild“ fordert deutschlandweite Vollversorgung mit Breitband-Internet. „Bild“ fordert eine kostenlose Nachbesserung für jedes Euro-5-Diesel-Auto. „Bild“ fordert mehr Richter und Ermittler. „Bild“ fordert einen Rechtsanspruch auf Ganztags-Betreuung für Grundschüler. „Bild“ fordert einen staatlich finanzierten Aufschlag auf die Rente, wenn Rentner sich freiwillig engagieren. „Bild“ fordert Erklär-Sprechstunden im Finanzamt. „Bild“ fordert mehr Material für die Bundeswehr. „Bild“ fordert mindestens 20.000 zusätzliche Polizisten. „Bild“ fordert aber auch Steuer-Rückerstattungen.

Vor allem aber fragt man sich: Haben an dem „Bild“-Wahlprogramm Vertreter der AfD mitgeschrieben? Nur ein paar Beispiele: Asylsuchende und Zuwanderer sollen sich „nach unseren Regeln richten“. Burka-Verbot für hier lebende Menschen. Ausreisepflicht für Touristinnen in Burka. Flüchtlingsströme aus Afrika stoppen. „GEZ-Gebühren“ kürzen. Ein dreimonatiger „Dienst am Gemeinwesen“, um „dem eigenen Land zu dienen“.

Und die AfD? Die jubelt angesichts dieser gestern millionenfach gedruckten Steilvorlage durch „Bild“. Die Bundespartei twittert:

Tweet der AfD Bund - Hallo Bild, nahezu alles hier findet sich im AfD-Wahlprogramm

Auch der Berliner Landesverband findet die „Bild“-Aktion ganz toll:

Tweet der AfD Berlin - So schnell kann es gehen: Das Bild-Wahlprogramm liest wie das der AfD. Gut gemacht

Und Uwe Junge, Landes- und Fraktionsvorsitzender der AfD in Rheinland-Pfalz, scheint ganz erleichtert zu sein, nachdem er schon so lange auf die Schützenhilfe durch „Bild“ gewartet hat:

Tweet von Uwe Junge - Endlich! Die BILD als Wahlkampfblatt für die AfD! Unser Programm in BILD veröffentlicht!

„Bild“ erklärt schon wieder falschen Mann für tot

In Deutschland kann es gefährlich sein, einen Namen zu haben. Denn es gibt die „Bild“-Medien, und denen reicht manchmal schon ein Name, um eine lebendige Person zur getöteten Person zu erklären.

Am vergangenen Mittwoch berichteten die „Bild“-Print-Ausgabe aus Sachsen-Anhalt und Bild.de von einem SEK-Einsatz in Thale. Ein Mann hatte Familienmitglieder bei einem Streit mit einer Waffe bedroht und verschanzte sich anschließend in seinem Zimmer. Das SEK stürmte die Wohnung. Der Mann schoss auf die Einsatzkräfte, traf einen von ihnen. Die Beamten schossen zurück. Der Mann starb.

Das Sachsen-Anhalt-Team von „Bild“ brachte am nächsten Tag einen großen Artikel über den „Kalaschnikow-Mann“:

Ausriss Bild - SEK erschießt Kalaschnikow-Mann! Nach einem Familienstreit im Harz verschanzte sich Daniel H. (28) und schoss auf die Beamten

Die Unkenntlichmachung beim Foto des Mannes oben rechts stammt von uns. „Bild“ druckte es ohne jegliche Verpixelung oder Augenbalken und schrieb dazu:

Feuerte auf das SEK: Daniel H. (28). Jetzt ist er tot

Als „Quelle“ gab „Bild“ „FACEBOOK“ an.

Das Problem dabei: Auf dem Foto ist tatsächlich Daniel H. zu sehen, aber ein anderer Daniel H. Der Mann, den „Bild“ und Bild.de zeigten, heißt nur zufällig genauso wie der „Kalaschnikow-Mann“. Er hatte aber nie etwas mit einem SEK-Einsatz zu tun und ist völlig lebendig.

Die Mitarbeiter der „Bild“-Medien bemerkten später auch, dass da etwas nicht stimmt. Sie veröffentlichten online und in der Print-Ausgabe jeweils eine „Richtigstellung“:

Ausriss Bild - Komplette Seite mit kleiner Richtigstellung

Nicht auf Anhieb gefunden? Dort oben rechts hat sie sich versteckt hat „Bild“ sie versteckt:

Ausriss Bild-Richtigstellung - In der Ausgabe vom 12. Juli 2017 berichtete BILD über einen SEK-Einsatz in Weddersleben (Landkreis Harz). Dabei ist uns ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Die in dem Beitrag abgebildete Person zeigt nicht den mutmaßlichen Täter Daniel H., sondern einen anderen Mann, der denselben Namen trägt, aber nichts mit der Tat zu tun hat. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Vor der Veröffentlichung des Fotos des falschen Daniel H. hat die „Bild“-Redaktion übrigens vergessen, diesen internen Hinweis zu löschen:

Ausriss Bild-Fotohinweis - Und bitte an das Täterfoto: Quelle: Facebook

Wir hätten auch noch eine Bitte an die Fotosammler der „Bild“-Medien: Lasst eure Internet-Beutezüge doch endlich mal sein. Ihr langt dabei zu oft daneben.

Rosarote Olympiabrille, Rechte Twitterkrieger, Kampf ums Vong

1. Tageszeitung „Kieler Nachrichten“ wirft Polizei Bespitzelung vor
(netzpolitik.org, Simon Rebiger)
Wurden wirklich mehrere Journalisten der „Kieler Nachrichten“ von der Polizei Schleswig Holsteins abgehört und überwacht? Diesen Verdacht äußert zumindest die Zeitung unter Verweis auf Polizei-Quellen. An einem Fahrzeug eines der Reporter hätte es zudem Hinweise auf einen Peilsender gegeben, ein E-Mail-Konto eines Kollegen sei gehackt worden. Hintergrund ist die sogenannte Rocker-Affäre, bei der es um Ungereimtheiten in einem Ermittlungsverfahren gegen die Rockerbande „Bandidos geht. Opposition und Journalistenverbände würden nun Aufklärung verlangen. Der neue Innenminister (CDU) weist die Vorwürfe zurück.

2. Wer redet hier von Doping?
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Am Wochenende wurde der amerikanische Kabelkanal „Olympic Channel: Home of Team USA“ für 35 Millionen US-Haushalte freigeschaltet. Die NBC-Gruppe zahlt dem IOC für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele von 2014 bis 2032 mehr als 12 Milliarden US-Dollar. Den neuen Kanal betreibt NBC gemeinsam mit dem IOC. Kritische Themen wie Doping, Bestechung, Vergabe der Olympischen Spiele an autoritäre Staaten etc. bleiben ausgeklammert. Eine Tatsache, für die ein NBC-Manager eine Erklärung von George-Orwellschen Dimensionen gefunden hat: „Diskussionen bringen häufig das Schlechteste im Menschen hervor, uns dagegen geht es um das Beste: um inspirierende Geschichten, die alle zwei Jahre für zwei Wochen die Leute zu begeistern scheinen.“

3. Russland kopiert Gesetz gegen Hassbotschaften
(reporter-ohne-grenzen.de)
Das russische Parlament diskutiert derzeit ein Gesetz, das sich am umstrittenen deutschen NetzDG orientiert („Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“). „Reporter ohne Grenzen“ ist entsetzt: „Unsere schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Das deutsche Gesetz gegen Hassbotschaften im Internet dient undemokratischen Staaten nun als Vorlage, um gesellschaftliche Debatten im Internet einzuschränken. Auch in Russland sollen in Zukunft Mitarbeiter sozialer Netzwerke unter hohem Zeitdruck darüber entscheiden, welche Informationen gelöscht werden. In einem Land ohne unabhängige Gerichte, die den Schutz der Meinungsfreiheit durchsetzen könnten, ist das eine verheerende Entwicklung.“

4. Reichweitenschnorrer, Replysurfer, Sockenpuppen?
(volkerkoenig.de)
Volker König schreibt über ein Phänomen, das ihm auf Twitter aufgefallen ist. Immer wieder würden sich Accounts in Diskussionen unter Tweets von Medien und Tageszeitungen oder auch von linken Aktivisten einmischen, die nur 50 oder deutlich weniger Follower haben. Auch nach den G20-Krawallen in Hamburg sei eine hohe Anzahl von „danke @PolizeiHamburg“-Twitterern dieser Gruppe zuzuzordnen. „Ich sehe hier eine Tendenz. Entweder sind “rechte Stammtischkrieger” auf Twitter gekommen und randalieren mit ihren Meinungen nun hier herum statt nach ein paar Bier in der Stammkneipe, oder es ist möglicherweise eine Reihe von meist AfD-nahen Personen, die mit Sockenpuppen nicht nur ihre Reichweite erhöhen, sondern durch die scheinbar große Zahl an zustimmenden Meinungen auch die Relevanz.“

5. Ein Geschenk an alle kritischen Geister
(taz.de, Ebru Tasdemir)
Am Jahrestag des türkischen Putschversuchs druckte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Erdogan-Propaganda-Anzeige und erntete heftige Kritik dafür. Zu Unrecht wie Ebru Tasdemir in der „taz“ findet: Die Anzeige sei in sich schon so entlarvend, dass sich eigentlich niemand aufzuregen bräuchte. „Es ist doch ein Geschenk an alle kritischen Geister, das diese Lobbyarbeit so deutlich und plump daherkommt.“ Außerdem könnten von den 86.000 Euro, die die Anzeige in etwa gekostet haben dürfte, Journalisten bezahlt werden, die weiter unabhängig über die Türkei berichten.

6. Vongolisch für Fortgeschrittene
(sueddeutsche.de, Jan Stremmel)
Wem gehört das Vong von der Urheberschaft her? Jan Stremmel hat sich auf Spurensuche begeben und mit den Vongolisch-Größen des Internets Kontakt aufgenommen: „Aus einer wunderbar albernen Idee, die deutsche Sprache gemeinschaftlich kreativ zu verhunzen, ist ein kleinlicher und ziemlich deutscher Streit um Deutungshoheit und Urheberschaft geworden. Es wird beleidigt, beschimpft, bedroht. Und ein paar der ironischsten Witzbolde des Internets keifen plötzlich wie die Hausmeister.“