Archiv für Juli 12th, 2017

„Bild“ fahndet nicht nach den G20-„Verbrechern“, „Bild“ fahndet nur

Manchmal gibt es ja Versuche, mit „Bild“-Chef-Chef Julian Reichelt zu diskutieren. Der US-Journalist Glenn Greenwald hat das zum Beispiel mal probiert. Genauso Rafael Buschmann vom „Spiegel“. Die Erkenntnisse aus diesen Diskussionen halten sich in der Regel in Grenzen, und häufig scheint das Ganze auch daran zu scheitern, dass Julian Reichelt sich in Logiken bewegt, die für andere Personen schlicht nicht zugänglich sind.

Heute, bei einem Interview von Reichelt mit „radioeins“ (Audio, 4:49 Minuten), konnte man das mal wieder ganz gut beobachten.

Es ging um die von „Bild“ initiierte G20-„Verbrecher“-Fahndung. Moderator Volker Wieprecht sagt zu Reichelt, dass es ja Kritik gebe, dass seine Redaktion sich „zur Polizei, zum Staatsanwalt und zum Richter in einer Person“ mache und damit illegal handele.

Der „Bild“-Oberchef antwortet:

Ja, das ist natürlich völliger Quatsch. Also weder zur Polizei noch zum Staatsanwalt noch zum Richter, weil wir ja nicht fahnden, das können wir nicht, weil wir nicht anklagen, das wollen wir nicht und das können wir nicht, wie es ein Staatsanwalt tun würde, und weil wir nicht urteilen, wie es ein Richter tun würde.

Bleiben wir erstmal bei Reichelts Wahrnehmung, dass „Bild“ nicht fahnde. Seine Antwort auf die Vorwürfe, die Wieprecht nennt, geht noch weiter:

(…) und weil wir nicht urteilen, wie es ein Richter tun würde. Der bayerische Justizminister zum Beispiel, der ja in so einer Debatte auch nicht ganz irrelevant ist, sieht das anders und schreibt auf Facebook: „Der Fahndungsaufruf von ‚Bild‘ ist meiner Meinung nach zu begrüßen und nicht zu kritisieren. Es besteht ein hohes Interesse der Gesellschaft, die linksradikalen Extremisten zu finden.“ Und: „Warum soll die freie Presse hier nicht zur Aufklärung beitragen?“

Reichelt schmückt sich mit einem Lob des bayerischen Justizministers für eine Fahndungsaktion, die es gar nicht gibt, weil „Bild“ ja überhaupt nicht fahndet. Urgh.

Die Aussage, dass „Bild“ nicht urteile, ist mindestens genauso überraschend. Nur zur Erinnerung: Die Titelseite des Blatts sah am Montag so aus:


(Unkenntlichmachungen durch uns.)

„Wer kennt diese G20-Verbrecher?“ steht dort. Es steht dort nicht: „Wer kennt diese Menschen, bei denen wir die Vermutung haben, dass sie eine Straftat begangen haben?“ Oder, noch etwas zurückhaltender: „Wer kenn diese Menschen auf den Fotos?“ Die „Bild“-Medien haben beim Verfassen der Titelzeile bereits geurteilt: Hier handelt es sich um „Verbrecher“. Sie haben auf Gerichtsentscheidungen gepfiffen. Sie haben auf die Unschuldsvermutung gepfiffen. Sie haben auf Rechtsstaatlichkeit gepfiffen.

Julian Reichelt hat sowieso, auch das zeigt sein Interview mit „radioeins“, eine mitunter sehr eigenartige Rechtsauffassung. Als Moderator Volker Wieprecht sagt, dass es „ja das Recht am eigenen Bild“ gebe, „das da offensichtlich verletzt wurde“, entgegnet Reichelt:

Naja, das Recht am eigenen Bild ist dann verletzt, wenn der Betroffene sich in seinem Recht verletzt fühlt und das zur Anzeige bringt. Alle Betroffenen, die wir gezeigt haben, habe ich öffentlich auf Twitter eingeladen, dieses Recht geltend zu machen und sich an uns, an „Bild“ zu wenden, gerne an mich persönlich, und zu sagen: „Hier ist mein Recht am eigenen Bild verletzt. Mein Name ist soundso. Und ich möchte dieses Recht am eigenen Bild gerne einfordern.“ Wir werden das dann hier prüfen und wir werden Daten, die uns dann übermittelt werden an die Polizei weiterreichen, und dann kann entschieden werden.

Julian Reichelt wird nicht ernsthaft selber glauben, dass eine Rechtsverletzung erst dann eine Rechtsverletzung ist, wenn derjenige, dessen Recht verletzt wurde, sich dagegen wehrt. Mit so viel Doofheit wäre er nicht in die Position gekommen, in der er sich aktuell befindet.

Seine Aussage verdeutlicht aber das ekelige Kalkül hinter der ganzen „Bild“-Aktion: Wo kein Kläger, da kein Richter. Es geht nicht darum, sauber zu arbeiten. Es geht darum, sauber aus der Sache rauszukommen.

Bild.de schießt „Eigentor“-Eigentor

Bei Bild.de finden sie es ziemlich „peinlich“, was einer Redaktion in Irland vor Kurzem passiert ist:

Bild.de schreibt dazu:

Peinliches Eigentor bei der irischen Zeitung „Sport Herald“!

Das Blatt titelt in seiner heutigen Ausgabe mit der Zeile „Lukaku is ready for work“ (zu deutsch: Lukaku ist bereit für die Arbeit). Gemeint ist der Wechsel des belgischen Torjägers vom FC Everton zu Manchester United. Dafür hat das Blatt den Kicker schon mal in die Trainingsklamotten von ManU montiert.

► Problem: Es ist nicht Romelu Lukaku (24)! Die Iren-Zeitung nahm fälschlicher Weise ein Foto des Rappers Stormzy (23).

Wo fangen wir an, liebe Bild.de-Korrektoren? Vielleicht damit, dass die Zeitung, über die ihr schreibt, nicht „Sport Herald“ heißt, sondern „The Herald“. Es stimmt zwar, dass über dem vermeintlichen Lukaku-Foto „SPORT Herald“ steht …

… aber das auch nur, weil es sich um die Rückseite des „Herald“ handelt, auf der die Sportgeschichten der Ausgabe angekündigt wurden.

Außerdem liegt ihr mit eurer Aussage daneben, dass es sich um die „heutige Ausgabe“ handelt. Euer Artikel ist gestern, am 11. Juli, erschienen. Der „Herald“-Artikel stammt vom 10. Juli, was man ohne große Probleme anhand des Datums auf der Seite erkennen kann.

Und dann stimmt es auch nicht, dass „The Herald“ irgendjemanden „in die Trainingsklamotten von ManU montiert“ habe. Ja, die Redaktion hat die falsche Person abgebildet. Aber das Foto des Rappers Stormzy in einer Trainingsjacke von Manchester United gibt es tatsächlich. Es dürfte aus einem Interview mit der Fußballseite „SoccerBible“ vom 13. Mai 2016 stammen.

Mal abgesehen von diesen kleineren Fehlern eurerseits ist es natürlich schon ziemlich „peinlich“, wenn eine Redaktion zwei Personen verwechselt. Man stelle sich nur mal vor, dass sie den Fußballer Mario Balotelli zeigt und gleichzeitig schreibt, dass es der Fußballer Paul Pogba sei.

Oder sie will Loriot zeigen und wählt dafür ein Foto von Heinz Erhardt.

Oder sie behauptet, dass auf einem Bild Sängerin Beyoncé zu sehen ist, obwohl es sich um eine ganz andere Frau handelt.

Oder sie möchte ein Foto einer verstorbenen Tennisspielerin veröffentlichen und benutzt stattdessen ein Foto einer lebenden Tennisspielerin.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Oder.

Was übrigens alles andere als „peinlich“ ist: Wie das Team von „The Herald“ mit dem Fauxpas umgegangen ist. Noch am selben Tag wie die Lukaku-Verwechslung veröffentliche es auf der eigenen Internetseite eine Entschuldigung:

Hands up, we got it badly wrong.

Earlier, we made an error with a picture of Romelu Lukaku that wasn’t him. It was Stormzy.

To be honest, we are totally embarrassed and want to say sorry to all involved and our readers for the error. We will keep our eye on the ball in future.

Bild.de wählt in solchen Situation — wenn überhaupt etwas berichtigt wird — lieber den Weg der stillen Korrektur.

Mit Dank an @WobTikal für den Hinweis!

G20-Dekkreditierung, Rechte Echokammer, Boulevard-Selbstjustiz

1. G20-Akkreditierungsentzug: Scharfer Streit über Datenschutz und Pressefreiheit
(heise.de, Stefan Krempl)
Beim G20-Gipfel wurden 32 Medienvertretern aufgrund von „Sicherheitsbedenken“ die bereits gewährten Akkreditierungen wieder entzogen. Der Grund: Sie standen auf einer zweifelhaften Schwarzen Liste des Bundeskriminalamts. Datenschützer und Medienexperten verurteilen den Vorgang. Verschärfend kommt hinzu, dass der Verdacht besteht, dass ausländische Geheimdienste hinter dem Ausschluss stecken. Weiterer Lesetipp: Das Protokoll zweier betroffener Journalisten: „Das kommt einem Berufsverbot gleich“

2. „Rechtspopulistische Vereinnahmung des Berliner Kurier“: DuMont geht gegen AfD-nahen Deutschland Kurier vor
(meedia.de)
Heute ist es so weit: Die AfD-nahe Wochenzeitung „Deutschland Kurier“ erscheint mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren auf dem Berliner Markt. Das Blatt wird vom rechtskonservativen „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten“ herausgegeben und hat bereits im Vorfeld für viel Gesprächsstoff gesorgt. Nun kommt ein neuer Aspekt hinzu: Das Logo der Rechts-Postille ähnelt auf frappierende Weise dem des „Berliner Kuriers“. Dort prüft man rechtliche Schritte.

3. Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
„SZ“-Autor Simon Hurtz startete 2015 ein Experiment: Auf Facebook legte er den Fake-Account „Tim“ an. Tim interessiert sich für schnelle Autos, schläft in FC-Bayern-Bettwäsche und hat ein stark ausgeprägtes, rechtskonservatives Weltbild. Diesem Weltbild entsprechend liket er sich durch Facebook. Die Motivation: „Ich wollte keinen politischen Extremisten erschaffen, sondern einen möglichst realistischen Eindruck bekommen, wie Facebook für Menschen aussieht, mit denen ich außerhalb sozialer Medien kaum ins Gespräch komme.“ Nach mehr als anderthalb Jahren fasst Simon Hurtz seine Erkenntnisse aus dem Versuch zusammen: „Facebook verwandelt tolerante Bürger nicht in Rassisten. Mir hat mein Experiment aber gezeigt, wie erschreckend einfach es ist, sich eine Echokammer zusammenzuklicken, in der Hass entsteht. Hier entwickeln Menschen ein „Wir da unten gegen die da oben“-Gefühl – und ich kann nachvollziehen, woher ihre Wut kommt.“

4. Von wann ist der Tweet?
(faktenfinder.tagesschau.de, Wolfgang Wichmann)
Twitter hat sich zu einem wichtigen Nachrichtenkanal entwickelt, der von vielen als Informationsquelle genutzt wird. Doch es gibt auch Falschmeldungen, die von den Medien ungeprüft verbreitet werden. Dabei oft besonders wichtig: Wann wurde ein Tweet verfasst? Wolfgang Wichmann vom „Faktenfinder“-Team der „Tagesschau“ zeigt anhand von praktischen Beispielen, wie man bei der Verifikation vorgeht.

5. Ein bisschen Transparenz bei Facebook
(tagesschau.de, Dennis Horn)
Facebook hat erstmals Journalisten in sein Berliner Löschzentrum eingeladen, das von der Bertelsmann-Tochter „Arvato“ betrieben wird. Anscheinend wollte man der kritischen Berichterstattung der Vergangenheit Transparenz entgegensetzen. Doch so recht klappen wollte das mit der Transparenz nicht. Bei Fragen nach konkreten Zahlen, zum Beispiel zur Fehlerquote bei Löschentscheidungen oder zur Zahl der Mitarbeiter, die sich konkret um deutschsprachige Inhalte kümmern, hätte man sich weiter verschlossen gegeben.

6. Über die Kraft der 140 Zeichen
(faz.net, Eric Posner)
Eric Posner ist Professor für Internationales Recht an der „University of Chicago Law School“. Und er scheint sich mit Twitter auszukennen, denn er hat 20 knackige Thesen über die „Kraft der 140 Zeichen“ verfasst. Eine Frage bleibt jedoch offen: Hat er überhaupt einen Twitter-Account? Wir konnten ihn dort jedenfalls nicht aufspüren. Tipps willkommen!

7. Kommissar Reichelt und die „Bild“-Sheriffs üben Titelseiten-Selbstjustiz
(bildblog.de, Moritz Tschermak)
Ausnahmsweise heute ein zusätzlicher Link aus dem eigenen Haus: Moritz Tschermak berichtet über den fragwürdigen „Bild“-Fahndungsaufruf („Gesucht. Wer kennt diese G20-Verbrecher?“) und die Reaktionen von Polizei und Medien darauf. Mit umfangreicher Linkliste zu weiterführenden Artikeln.