Archiv für Juli 6th, 2017

Vom Krieg kriegt Bild.de nicht genug

Deutschland befindet sich im Krieg. Laut Bild.de. Im „Herings-Krieg“:

Nach dem EU-Austritt wolle Großbritannien „selbst bestimmen, wer in seinen Hoheitsgewässern fischt — und kündigt damit ein Fischereiabkommen von 1964“, berichtete Bild.de am Montag hinter der Bezahlschranke und konstruierte daraus eben den „Herings-Krieg“.

Als SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz vor eineinhalb Wochen in einer Rede die Wahlkampftaktik von CDU-Spitzenkandidatin Angela Merkel und deren Partei als „Anschlag auf die Demokratie“ bezeichnete, hatte „Bild“-Chefchef Julian Reichelt bei Twitter etwas dazu zu sagen:

Nun kann man es sicher so sehen, dass Martin Schulz bei seiner Wortwahl danebengegriffen hat. Und Reichelt liegt bestimmt richtig, wenn er meint, dass „wahre Anschläge auf die Demokratie“ bitterere und blutigere Folgen haben als Angela Merkels Vorgehen im Wahlkampf. Aber dass ausgerechnet derjenige ein sprachliches Großgeschütz anprangert, der für Bild.de verantwortlich ist, ein Portal, das bei jeder noch so kleinen Gelegenheit „Krieg“ schreit, ist dann doch ein bisschen putzig.

Hier mal die Geschehnisse der vergangenen zwei Monate, in denen es laut Bild.de angemessen war, von „Krieg“ zu sprechen …

  • Eine Countrysängerin will größere Brüste für mehr Erfolg. Ihr Mann findet das gar nicht gut. „Busen-Krieg“!

  • Die eine Fast-Food-Kette meint, dass die andere Fast-Food-Kette einiges abgekupfert hat. „BURGER-KRIEG“!

  • Während in der einen Ecke der Stadt die Parkplatzpreise ganz schön anziehen, wird’s in einer andere Ecke der Stadt günstiger. „Krieg der Pendler“!

  • Zwei Formel-1-Fahrer können gar nicht miteinander, bremsen sich gegenseitig aus, rempeln den anderen an. „KRIEG IN DER FORMEL 1“! „Formel-1-Krieg“! „KRIEG ZWISCHEN HAMILTON UND VETTEL“! „FORMEL-1-KRIEG“!




  • Bei Facebook postet eine mehr oder weniger bekannte Frau etwas zur laufenden Scheidung mit ihrem mehr oder weniger bekannten Ehemann. „Facebook-Krieg“!

  • Ikea, Höffner und Roller wollen alle gerne Marktführer sein. „Möbel-Krieg“!

  • Fünf VW-Manager wurden von der US-Anklagebehörde international zur Fahndung ausgeschrieben. „Wirtschafts-Krieg“!

  • In einem neu entstandenen Viertel machen neue Restaurants und Bars auf, die nun versuchen, das Personal anderer Restaurants und Bars aus einem alten Viertel abzuwerben. „Gastro-Krieg“!

  • Ein Nachbar raucht, den anderen Nachbarn stört es so sehr, dass er Wasser und Pfefferspray einsetzt. „Raucher-Krieg“!

  • Xavier Naidoo singt blödes Zeug. Manche Prominente finden das in Ordnung, manche nicht. „Promi-Krieg“!

  • Zwei Bäume stehen einem Bauprojekt im Wege. „Baum-Krieg“!

Frei nach Julian Reichelt: Wer einen Ehe-Zwist wegen ein paar vergrößerter Brüste einen „Krieg“ nennt wie Bild.de, hat schlicht keine Ahnung, wie bitter und blutig wahre Kriege sind. Das ist ein trauriger und verantwortungsloser Umgang mit unserem Land und der Bild.de-Leserschaft.

Hetzername, Fette Diätwerbung, Suizidklickmasche

1. Urteil: taz darf Hetzer weiter beim Namen nennen
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
In einem öffentlichen Facebook-Kommentar forderte ein Mann unter Angabe seines Klarnamens, man müsse „Genderlesben und Politikern jeweils 8×9 mm in das dumme Gehirn zu jagen.“ Die „taz“ berichtete über den Vorgang und nannte dabei auch den Namen des Kommentierers. Dagegen setzte sich dieser zur Wehr und verklagte die Zeitung auf Unterlassung. Mit der Behauptung, jemand hätte sich Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und unter seinem Namen kommentiert. In zweiter Instanz entschied das Gericht nun, dass der Kläger tatsächlich der Urheber der Hassbotschaft sei und sich die Berichterstattung gefallen lassen müsse.

2. Bei Diät-Werbung macht sich der Bauer-Verlag einen schlanken Fuß
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Mats Schönauer berichtet auf „Übermedien“ über die freche Schleichwerbungsmasche von „Alles für die Frau“ aus dem Bauer-Verlag: „Jede Woche schwärmt die Redaktion darin im Wechsel für jeweils ein bestimmtes Diätprogramm, homöopathisches Schlankmittel und eine Fitnessstudiokette. Eine ernsthafte oder gar kritische Auseinandersetzung mit den Programmen und Produkten findet nicht statt. Über 130 solcher Artikel sind in den letzten zweieinhalb Jahren erschienen (so weit reicht unser Archiv zurück; insgesamt sind es wahrscheinlich noch viel mehr).“

3. „Kernmodell Journalismus“ statt e-Commerce
(deutschlandfunk.de, Thomas Wagner)
Der „Deutschlandfunk“ hat mit Eric Gujer, dem Chefredakteur der „NZZ“, über die Zukunft des traditionsreichen Schweizer Medienhauses gesprochen. Natürlich geht es um Fragen der Finanzierung, denn die „NZZ“ leistet sich unter anderem eine kostspielige Auslandsberichterstattung. Die Konzepte der Konkurrenz will Gujer nicht übernehmen: „Das, was ja die meisten anderen unter multimedialer Strategie verstehen, heißt ja: Wir haben noch einen e-Commerce-Shop für Hundefutter. Und wir machen noch irgendeine Inserate-Plattform für Immobilienanzeigen im Internet und solche Dinge. Und das wollen wir dezidiert nicht. Wir glauben daran, dass das Kernmodell Journalismus, gute Inhalte, auch heutzutage noch lohnen kann.“

4. Langer Atem
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Der Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in drei Verfahren vor dem Landgericht Köln erfolgreich gegen die Berichterstattung über eine Auseinandersetzung mit einem Fotografen und einem Kameramann auf dem Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2014 gewehrt. Es ging um Behauptungen, Grönemeyer hätte zwei Fotoreporter geschlagen und verletzt. Angeblich von Videos belegt, die sich als „bewusst unvollständig“, also irreführend zusammengefügt herausgestellt hätten. Der Fall sei damit noch nicht abgeschlossen: Vermutlich werde die Staatsanwaltschaft Köln die Fotografen wegen Verdachts der Falschaussage anklagen.

5. Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz
(ndr.de, Gudrun Kirfel)
Medien berichten reißerisch über ein WhatsApp-Spiel, das Jugendliche angeblich in den Tod treiben will: die angebliche „Blue Whale Challenge“. Doch gibt es das Spiel überhaupt? Das würden viele Journalisten selbst nicht wissen, aber trotzdem munter drauflos fabulieren. „Zapp“ hat recherchiert, was an der Sache dran ist. Nicht viel: Außer einigen Trittbrettfahrern, die mit dem Hype um das angebliche Spiel Klicks machen, haben die Zapper nichts gefunden.

6. Alessio geht es nicht gut
(taz.de, Hengameh Yaghoobifarah)
Manchmal geraten Kinder von Promis ins Fadenkreuz von Social Media und werden zu Opfern von Hass und Spott, der eigentlich ihren Eltern gilt. So zum Beispiel beim Sohn des mittlerweile getrennten Promipaars Sarah und Pietro Lombardi, aber auch beim Sohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. „taz“-Autorin Hengameh Yaghoobifarah plädiert für mehr Zurückhaltung: „Das öffentliche Leben als Promi-Kind ist belastend genug. Der zusätzliche Hohn ist unnötig und geschmacklos.“