Archiv für Juni 27th, 2017

Bild  

„Vergewaltigt im Ehebett – Ehepflicht oder Verbrechen?“

Zum 65. Geburtstag von „Bild“ und zur dazugehörigen Gratis-Ausgabe für alle Haushalte in Deutschland durfte auch Julian Reichelt etwas sagen. In einer Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlags wird der „Bild“-Oberchef folgendermaßen zitiert:

„Diese BILD Sonderausgabe für alle deutschen Haushalte ist unser Bekenntnis, dass wir an eine noch bessere Zukunft für Deutschland und den Journalismus glauben. Denn BILD ist Teil dieses modernen und weltoffenen Landes, das BILD seit 65 Jahren begleitet.“

„Bild“ als „Teil dieses modernen und weltoffenen Landes“, und das seit 65 Jahren.

Wie „modern und weltoffen“ die „Bild“-Medien heute sind, kann jeder selbst nachschauen — am Kiosk, bei Bild.de oder auch hier im BILDblog. Aber wie sah das zum Beispiel in den 70ern oder 80ern aus?

Ein Blick in „Günter Wallraffs BILDerbuch“ lohnt sich immer und erst recht nach solchen Aussagen wie der von Julian Reichelt. 1985 hat Wallraff diese selbst zusammengestellte Auswahl von „Bild“-Schlagzeilen der vorangegangenen 15 Jahre veröffentlicht. Das Buch zeigt in konzentrierter Form, was für ein chauvinistischer Haufen die „Bild“-Redaktion damals gewesen sein muss, ein Paradegegenbeispiel für „modern und weltoffen“.

Zum Beispiel, wenn es um Frauen ging. Da wurden reichlich Klischees bedient …

Frauen fahren doch schlechter
(Dezember 1983)
Billig, billig! Frauen im Kauf-Rausch!
(Juli 1975)

… Professoren durften wilde Thesen aufstellen …

Deutscher Professor: Frauen leisten ein Drittel weniger als Männer
(März 1980)

… und es wurde offen die Frage gestellt, ob Opfer von Grabschattacken nicht vielleicht doch „selber schuld“ seien:

Busengrabscher: Sind viele Frauen selber schuld?
(April 1984)

Apropos sexualisierte Gewalt: Anstatt Vergewaltigungen in der Ehe aufs Schärfste zu kritisieren, stieß „Bild“ damals lieber eine Debatte an, ob so eine Vergewaltigung durch den eigenen Ehemann nicht doch ganz in Ordnung ist und zur „Ehepflicht“ einer Frau gehört:

Immer mehr deutsche Frauen klagen - Vergewaltigt im Ehebett - Ehepflicht oder Verbrechen?
(Juni 1979)

Oder anders gefragt:

Darf ein Mann seine eigene Frau vergewaltigen?
(Dezember 1978)

Um auf eine solche Frage überhaupt zu kommen, muss in einer Redaktion schon einiges schieflaufen. In „Bild“ durften sich die vergewaltigenden Männer dann auch noch rechtfertigen:

Deutsche Männer: Warum wir unsere Frauen vergewaltigen
(März 1980)

In den Schlagzeilen über Gastarbeiter aus der Türkei zeigte „Bild“ ebenfalls, dass das Blatt alles andere als „modern und weltoffen“ ist. Die „Bild“-Mitarbeiter warnten ihre Leserinnen und Leser vor den Türken …

Koffer, Kisten, Kühlschrank - Vorsicht, die Türken kommen
(Juli 1978)
Noch eine Million Türken wollen zu uns kommen!
(August 1976)

… machten aus ihnen katzenfressende Sonderlinge …

In Mannheim sind 180 Katzen spurlos verschwunden - Ein Türke rief an: Großen Hunger, ich fressen Kater
(August 1978)

… und das Allgemeinwohl bedrohende Amokfahrer:

Gastarbeiter am Steuer: Trümmer und Tote - Sie kaufen alte Autos - Führerscheine vom Schwarzen Markt - Viele können nicht lesen
(Juli 1973)

Julian Reichelt sagt gerne mal, dass Leute, die „Bild“ heute kritisieren, ihr Weltbild seit 30, 40 Jahren nicht mehr aktualisiert hätten. Er selbst scheint bei seiner Weltbildaktualisierung die vergangenen 30, 40 „Bild“-Jahre einfach vergessen zu haben.

Grünes Parteitagsgespräch, Nordgelüste, Leichte Sprache

1. „Es war bestimmt kein privates Gespräch“
(deutschlandfunk.de, Michael Borgers)
Im Netz kursiert ein Videomitschnitt des Grünenpolitikers Winfried Kretschmann vom Grünen-Parteitag, erstellt und eingestellt von der rechtspopulistischen Internetplattform „Jouwatch“. Zu sehen und zu hören ist darin, wie sich der hochrangige Politiker, der auch Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist, über die Automobilpläne seiner Partei echauffiert. Der Deutschlandfunk hat mit Journalistikprofessor Volker Lilienthal über die Frage gesprochen, ob es sich um einen illegalen Mitschnitt eines privaten Gesprächs handelt.

2. Deutsche Sprache, Leichte Sprache
(taz.de, Christine Stöckel)
Wer sich in den Medien über politische Sachverhalte informieren will, trifft oft auf schwer lesbare Artikel mit Schachtelsätzen, Fremdwörtern und Abkürzungen. Die Verfechter der sogenannten „Leichten Sprache“ sind der Meinung, dass es auch anders geht. Doch bei komplexen Themen kommt die Methode an ihre Grenzen. Christine Stöckel geht auf die verschiedenen Aspekte des Themas ein, das kurz vor der Bundestagswahl auch eine politische Dimension hat.

3. Wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem.
(planet-interview.de, Marie Illner)
Die „Beitragskommunikation“ von ARD, ZDF und „Deutschlandradio“ hatte zum Pressegespräch zum Rundfunkbeitrag eingeladen. Anwesend: Vertreter des Beitragsservice, Justiziare von SWR und WDR sowie ein Vertreter der „KEF“ (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten). „Planet Interview“ hat die Verantwortlichkeiten zum Rundfunkbeitrag befragt, zu Intendanten-Gehältern, Inhaftierungen und zum Plan, zukünftig Inkasso-Unternehmen zu beauftragen. Die Inhaftierung von einzelnen Beitragsverweigerern sieht man kritisch. Außerdem wolle man sich nicht „instrumentalisieren“ lassen, so die stellvertretende Intendantin des WDR Eva-Maria Michel: „Bei Fällen wie dem AfD-Politiker, der den Rundfunkbeitrag verweigerte und eine Öffentlichkeitswelle mit seiner Haft provozieren wollte, war uns klar: Wir lassen uns nicht instrumentalisieren.“

4. Das große Sonntagsporträt: Dirk Lübke über den Thüringer NSU-Reporter Kai Mudra
(kress.de, Dirk Lübke)
Beim NSU-Prozess handelt es sich um einen der größten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seit mittlerweile vier Jahren wird unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen vor dem Oberlandesgericht (OLG) München über Beate Zschäpe und Co. verhandelt. Oft vor Ort: Der Thüringer NSU-Reporter Kai Mudra, der bereits in den neunziger Jahren über den Themenkomplex berichtet hat. Mudra war an 260 von mehr als 360 Prozesstagen als Berichterstatter für die „Thüringer Allgemeine“ anwesend. So oft wie nur wenige Kollegen.

5. Nordgelüste
(sueddeutsche.de, Charlotte Theile & Claudia Tieschky)
Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) startet demnächst ein digitales Produkt speziell für deutsche Leser. Die elektronische Zeitung soll sich im Layout an der Printausgabe orientieren und mit eigenen deutschen Inhalten aufwarten. Politisch ist das Ganze wohl rechts von der „FAZ“ angesiedelt. „Bürgerlich-liberal“ nennt es Chefredakteur Eric Gujer und relativiert: „In der Schweiz ist vieles Mainstream, was in Deutschland schon als rechts gilt.“

6. Eintrittskarte ins Kopfkino
(zeit.de, Richard Diesing)
Dank des Internets ist eine lebendige deutsche Hörspielszene entstanden. Richard Diesing über Hörspielautoren, Hörspielmacher und eine treue Community.