Archiv für Juni 26th, 2017

Der Riesenbärenklauwikipediaklau von Bild.de

Die Britin Leslie Nisbet lief neulich 21 Stunden lang, völlig freiwillig, sie startete schließlich bei einem 111-Kilometer-Lauf. Einen großen Teil dieser Zeit verbrachte Nisbet in der Sonne, was zu völlig verbrannten Waden führte, auf denen sich später große Balsen bildeten, gefüllt mit Wundwasser.

Bild.de berichtete gestern von dem Fall:

Nach 21-Stunden-Lauf in der Sonne - Britin schockiert mit Mega-Brandblasen
(Unkenntlichmachung durch uns.)

Es gibt die Vermutung, dass die heftigen Verbrennungen entstehen konnten, weil Leslie Nisbet sich nur zu Beginn des Laufs mit Sonnencreme eingerieben hat, und diese durch Schweiß und das Laufen durch Bäche ziemlich schnell verschwunden war (Bild.de recht erbarmungslos: „Wer nicht schmieren will, muss fühlen!“).

Es gibt aber auch die Vermutung, dass sie während des Laufs mit einer Giftpflanze namens Riesenbärenklau in Berührung gekommen ist. Deswegen erklärt die Bild.de-Redaktion ihren Leserinnen und Lesern ganz zum Schluss des Artikels noch mal schnell, was es mit dem Riesenbärenklau so auf sich hat:

Der Riesenbärenklau bildet photosensibilisierende Substanzen (Substanzen, die die Lichtempfindlichkeit der Haut erhöhen), die in Kombination mit Sonnenlicht oder auch stärkerem Lampenlicht phototoxisch (giftig für die Haut) wirken. Berührungen in Verbindung mit Tageslicht können bei Menschen und anderen Säugetieren zu schmerzhaften Quaddeln und Blasen führen, die schwer heilen und wie Verbrennungen erscheinen (Photodermatitis). Es wird deshalb empfohlen, beim Umgang mit der Pflanze vollständige Schutzkleidung zu tragen, zu der auch ein Gesichtsschutz gehört.

Der Riesenbärenklau wurde 2008 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Und wenn Sie jetzt meinen, dass das genau so auch bei „Wikipedia“ stehen könnte — völlig richtig. Denn genau so steht es auch bei „Wikipedia“:

Der Riesen-Bärenklau bildet photosensibilisierende Substanzen aus der Gruppe der Furocumarine, die in Kombination mit Sonnenlicht oder auch stärkerem Lampenlicht phototoxisch wirken. Berührungen in Verbindung mit Tageslicht können bei Menschen und anderen Säugetieren zu schmerzhaften Quaddeln und Blasen führen, die schwer heilen und wie Verbrennungen erscheinen (Photodermatitis). Es wird deshalb empfohlen, beim Umgang mit der Pflanze vollständige Schutzkleidung zu tragen, zu der auch ein Gesichtsschutz gehört. Der Riesen-Bärenklau wurde 2008 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Auf die Quellenangabe hat Bild.de beim Riesenbärenklauwikipediaklau verzichtet.

Mit Dank an @schuggumuggu für den Hinweis!

Mord ist Sport

In den vergangenen Tagen sind auf der ganzen Welt wieder einige Rekorde geknackt worden. Bei Zell am See in Österreich zum Beispiel haben 669 Tänzer in 2036 Metern Höhe den „höchstgelegenen Country- und Western-Line-Dance“ aufgeführt — Weltrekord!

Oder im japanischen Fuji, wo Schüler in einer Minute 225 Mal über ein Seil gehüpft sind und somit den Seilsprung-Weltrekord um einen Sprung verbessert haben.

Und dann hat im Irak noch ein Mann einen anderen Mann erschossen — und auch hier jubeln Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz: „Weltrekord!“

Ausriss Bild.de - Aus mehr als 3,5 Kilometern Entfernung - Sniper erschießt ISIS-Mann aus Rekord-Distanz
(Bild.de)
Ausriss Welt.de - Irak - Kanadischer Scharfschütze bricht Weltrekord
(Welt.de)
Ausriss Merkur.de - Schuss gilt als Weltrekord - Scharfschütze erschießt IS-Kämpfer im Irak - aus 3540 Metern Entfernung
(merkur.de)
Ausriss Berliner Kurier - Weltrekord unter Scharfschützen - Im Irak - Kanadischer Scharfschütze tötet IS-Terroris - aus 3,5 Kilometern!
(berliner-kurier.de)
Ausriss n-tv.de - Kanadischer Scharfschütze stellt Weltrekord auf
(n.tv.de)
Ausriss - Blick.ch - Tödliche Kugel flog fünf Sekunden - Kanada-Sniper schießt IS-Kämpfer aus Rekorddistanz ab
(Blick.ch)
Ausriss heute.at - Wahnsinns-Schuss - Sniper tötet IS-Kämpfer aus 3,5 Kilometern Entfernung - Mehrere Sekunden braucht die Kugel für die unglaubliche Strecke von dreieinhalb Kilometern, bevor sie präzise ihr Ziel traf und tötete - Weltrekord.
(Heute.at)

Zudem muss die „Zielscheibe“ komplett stillhalten, was bei einer Zeit von elf Sekunden, die die Kugel braucht, um ihr Ziel zu erreichen, nicht ganz normal ist. Im Fall des Kanadiers hat es offenbar geklappt und so kann er sich nun mit dem wohl makabersten Weltrekord der Erde rühmen.

(tag24.de)

Ganz unabhängig davon, wer wen erschossen hat und wer aus hiesiger Sicht die Guten und die Bösen sind: Die grausamen Kämpfe im Irak als Leistungsschau darzustellen, den grässlichen Ausnahmezustand Krieg als ganz normalen Wettbewerb, ist verharmlosend und damit gefährlich. Es „läuft eindeutig etwas schief“, wie „Zeit Online“-Redakteur Kai Biermann bei Twitter schreibt:

Mit Dank an @maddinboe für den Hinweis!

Feiger Staat, Lieblingssätze, Trump’s Lies

1. Peter Schaar: Der Staat ist ein feiger Leviathan
(heise.de, Peter Schaar)
Peter Schaar war lange Jahre Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit und ist aktuell Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz. Seinem Artikel über die Einführung der Quellen-Telekommunikationsüberwachung und der Online-Durchsuchung merkt man die Fassungslosigkeit an: „Die immer neuen Sicherheitsgesetze und die Art, wie sie durchgesetzt werden, belegen, wie schwach und feige der staatliche Leviathan in Wirklichkeit ist. Statt sich der öffentlichen Diskussion zu stellen, wird getrickst – die politische Führung stiehlt sich aus der Verantwortung.“

2. Wer schreibt darüber, wenn #deutschlandspricht?
(inkladde.blog, Nicola Wessinghage)
Vor einigen Tagen machte ein Bericht einer außergewöhnlichen Begegnung die Runde. Im Rahmen der Aktion „Deutschland spricht“ hatte sich „Zeit Online“-Chef Jochen Wegner mit einem ihm zugelosten Menschen mit gegensätzlichen Ansichten zum Gespräch getroffen. Nicola Wessinghage findet die Aktion grundsätzlich gut, hatte beim Lesen von Wegners Artikel dennoch Störgefühle: „Es fehlt etwas, das gerade für dieses Experiment essentiell wichtig gewesen wäre: die Erzählung aus der Sicht von Mirko. Er bleibt in diesem Text, auch wenn er selbst sich äußert und Jochen Wegner aus seinen Mails und WhatsApp-Nachrichten zitiert, das Objekt der Berichterstattung. Er ist „der Andere“, dem sich der Autor offen, neugierig und wohlwollend nähert. Aber: Was empfindet jemand wie Mirko, wenn er mit dem politisch Andersdenkenden spricht?“

3. Al Jazeera – gefürchtete Stimme der Massen
(sueddeutsche.de, Dunja Ramadan)
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten haben Katar aufgefordert, verschiedene Nachrichtenportale und den Fernsehsender „Al Jazeera“ stillzulegen. Der international bekannte TV-Sender hat mehr als 80 Standorte und erreicht nach eigenen Angaben täglich 310 Millionen Haushalte. Der Grund für die Forderung nach Schließung: Den autoritären Herrschern sind wohl die Reportagen und die offenere Gesprächskultur ein Dorn im Auge.

4. „Spiegel“ und BR arbeiten zusammen
(taz.de)
Nachdem sich „NDR“, „WDR“ und „Süddeutsche Zeitung“ zu einem Rechercheverbund zusammengeschlossen haben, ziehen nun „Spiegel“ und der „Bayerische Rundfunk“ mit einer Partnerschaft nach. In der ersten Recherchekooperation ging es um das Thema „Diskriminierung bei der Wohnungssuche“.

5. Interview im BJV-Report
(lieblingssaetze.wordpress.com, Bernhard Blöchl)
Das Magazin des Bayerischen Journalistenverbandes (BJV) hat mit „SZ“-Redakteur und Romanautor Bernhard Blöchl über die Schönheit von Sätzen gesprochen. Blöchl ist auf diesem Gebiet Experte, als Kurator des „Museum der schönen Sätze“ (lieblingssaetze.de) hat er hunderte erster Sätze, Songzeilen, Filmzitate und Fundstücke zusammengetragen.

6. Trump’s Lies
(David Leonhardt & Stuart A. Thompson)
US-Präsident Donald Trump pflegt bekanntermaßen einen zweifelhaften Umgang mit der Wahrheit. Die „New York Times“ hat jede seiner Lügen nach seinem Amtseid notiert und mit einer kurzen Richtigstellung versehen.