Archiv für Juni 22nd, 2017

Irre Fell-Monster werden nach Mega-Flut zur Todesfalle

Zum Boulevard gehört, dass die Schlagzeilen oft spannender klingen, als die Geschichten dahinter tatsächlich sind. Gut, es gibt auch Gegenbeispiele. Aber das sind wirklich eher Ausnahmen:

Im Prinzip kann man aus allem eine Schlagzeile machen. Ich will mal versuchen zu erklären, wie das geht. Am besten anhand von ganz alltäglichen Beispielen.

Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Sie kommen nach einer mehrtägigen Reise zurück nach Hause, aber Ihre Familie scheint nicht da zu sein. Alles ist dunkel, und in der gesamten Wohnung riecht es verdächtig nach Komposthaufen. Sie ziehen leise Ihre Schuhe aus und verfolgen den Gestank auf Socken zurück bis ins Kinderzimmer. Es ist dunkel, Sie können noch immer nichts sehen. Und deshalb bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist es der Hamsterkäfig. Oder unter dem Bett liegt eine Leiche.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Stop. Als Boulevardjournalist bleiben Sie im Türrahmen stehen. Wenn Sie jetzt unter dem Bett nachsehen, machen Sie sich womöglich eine sensationelle Geschichte kaputt. Und das wollen Sie ja wohl hoffentlich nicht riskieren.

Aber Moment — da war doch was? Aus der Küche dringen Geräusche. Wer könnte das sein? Der Mörder, der sich nach getaner Arbeit noch schnell ein Käsebrot schmiert? Ein stinknormaler Einbrecher? Ein Familienmitglied?

Schleichen Sie langsam zur Küche. Nehmen Sie am besten einen Kerzenständer mit oder irgendetwas anders, womit Sie zuschlagen können. Wir wollen es aber nicht zu kompliziert machen. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass in der Küche ein Familienmitglied steht. Was machen Sie?

Die meisten Menschen würden irgendwie auf sich aufmerksam machen und sagen:

Oh, ich hab dich gar nicht gehört. Sag mal, im Kinderzimmer stinkt’s ja ganz schön.

Aber Sie sind Boulevardjournalist. Deshalb gehen Sie etwas anders vor:

Hör zu! Ich habe einen schrecklichen Verdacht! Sag mal, liegt im Kinderzimmer unter dem Bett eine Leiche?

Nun wird man Sie zu Hause allerdings schon kennen. Und wenn man ein bisschen weiß, wie Boulevardjournalisten so ticken, sieht man schon am Fragezeichen: Anscheinend keine Belege vorhanden. Die Antwort ist also meistens: „Nein!“

Sie kennen das von Bild.de.

Die ehrlichere Überschrift wäre:

Aber dann wäre es keine Story mehr. Sie müssten sich um andere Inhalte bemühen. Dazu müssten Sie recherchieren. Und das wollen Sie ja auch nicht.

Neulich hatten sie bei Bild.de eine Geschichte, in der noch eine andere Boulevard-Sirene mit dem geheimnisvollen Fragezeichen verknüpft wurde: das aufmerksamkeitsheischende Wort „irre“. Auf einem Foto war eine Frau zu sehen, auf deren Gesicht einige Skorpione herumkrabbelten. Darüber stand:

Das Wort „irre“ passt im Boulevard immer, sobald etwas einen Millimeter von der Norm abweicht. Trainer wird in der Pressekonferenz etwas lauter. Song klingt live gespielt anders als sonst. Fußballer nimmt Dose vom Boden auf.

Das alles finden sie in der „Bild“-Redaktion „irre“ (Okay, ich hab‘ mir die David-Hasselhoff-Performance gerade noch mal angehört. Die klingt wirklich irre).

Man kann die Liste endlos fortführen. Sockenpaare nach dem Waschen noch vollständig. Handwerker kommt fünf Minuten zu früh. Taxifahrer hat passendes Wechselgeld. Irre!

Im Falle der Frau mit den Skorpionen im Gesicht stellte sich im Text dann heraus, dass die meisten Skorpione allenfalls so gefährlich sind wie Bienen oder Wespen — und die Frau sicher mutig war, aber ganz sicher nicht „irre“. Irre war eigentlich nur eins an der Geschichte: die Dachzeile.

Aber noch einmal zurück in die Küche. Da werden wir das gerade Gelernte gleich anwenden können. Sie stehen also noch immer in der Tür und wissen: Die Geschichte mit der Leiche nimmt Ihnen hier keiner ab. Was also machen Sie?

Genau. Da war ja noch der Hamsterkäfig. Und wenn der die Ursache für diesen unglaublichen Gestank sein sollte, dann steht eines sicher fest: Irgendetwas mit den Viechern stimmt nicht. Nur, wie verkaufen Sie das zu Hause?

Du, ich glaub, die Kinder müssten den Hamsterkäfig langsam mal wieder saubermachen.

Nein. Vollkommen falsch. Vergessen Sie nicht: Sie sind Boulevardjournalist. Probieren Sie es doch einfach mal so:

Haben Sie das Prinzip verstanden? Gut. Dann testen wir das jetzt mal.

Diese Pfütze morgens vor der Dusche, die muss ja nun wirklich nicht immer sein.

Na? Wie würden Sie das formulieren?

Oder das hier?

Wenn beim Abtrocknen ein Glas zerbricht, dann werft es bitte nicht in den Mülleimer. Sonst greift nachher irgendwer rein und verletzt sich.

Genau:

Und das hier?

Der Junge verlangt aber neuerdings ganz schön viel Geld fürs Rasenmähen.

Vielleicht so?

Und wenn man dem Jungen das dann irgendwann mitteilt, kann man ihn ja vielleicht auch noch mal drauf hinweisen, dass er zu seiner kleinen Schwester auch mal etwas netter sein kann. Wie könnte man das Problem beschreiben?

Volle Punktzahl.

Jetzt muss man das alles natürlich noch irgendwie zur Sprache bringen. Zettel auf den Tisch legen hilft da erfahrungsgemäß wenig. Daher wäre ein guter Termin wohl das Abendessen. Überlegen Sie sich, wann ein guter Zeitpunkt wäre. Sehen Sie zu, dass alle Familienmitglieder am Tisch sitzen. Und dann stellen Sie am besten zuallererst klar, natürlich ganz stilecht:

LeFloid lässt satirischen Adolf Hitler auf Youtube auferstehen

Gestern titelte die „Bild“-Zeitung riesengroß: „Hitlers Silber-Schatz gefunden“, dabei hätte es eine noch eine viel größere Adolf-Hitler-Story gegeben: „Youtube-Star findet Hitler“.

Wobei — genauer müsste die Schlagzeile heißen: „LeFloid findet einen Typen, der meint, er sei Adolf Hitler, dabei ist die gesamte Geschichte nicht echt und stammt von einer englischsprachigen Satireseite, was LeFloid aber nicht checkt und das Ganze seinen meist jungen Zuschauern als echte Irrsinnsgeschichte verkauft“.

Fangen wir vorne an. Es geht um dieses Video, das 3,1-Millionen-Abonnenten-Youtuber LeFloid gestern in seinem Kanal hochgeladen hat:

Gleich zu Beginn die erste Story: „Typ behauptet er sei Adolf Hitler“. LeFloid sagt dazu:

Es ist ja tatsächlich so, dass eine der populärsten Verschwörungstheorien besagt, dass Hitler sich damals gar nicht selber umgebracht hat, sondern in Wirklichkeit nach Argentinien geflohen ist. Nun geistert doch tatsächlich eine unglaubliche Geschichte durchs Netz, nämlich ein 128 Jahre alter Argentinier. (…) Der hat sich jetzt an die Öffentlichkeit gewandt und behauptet steif und fest, er sei Adolf Hitler. Okay, what? Zeitlich und optisch kommt das Ganze wohl hin, behaupten zumindest Beobachter und eben Leute in einschlägigen Foren.

In dem 2:40 Minuten langen Part über das angebliche Wiederauftauchen Hitlers geht LeFloid noch verschiedene mögliche Motivationen des alten Mannes durch, jetzt „mit dieser Geschichte, mit dieser Behauptung an die Öffentlichkeit zu gehen und sich zu stellen“. Und er äußert auch gewisse Zweifel, dass es sich bei dem Argentinier wirklich um Adolf Hitler handelt:

Nun bleibt abzuwarten, ob es sich hierbei tatsächlich um eine unfassbare Sensation handelt oder ob wir es doch einfach mit einem armen alten verwirrten Nazi-Opi zu tun haben, dessen Windungen ein bisschen zu sehr unter seiner Gesinnung und seinem Alter gelitten haben.

Nee, wir müssen gar nicht abwarten. Denn es handelt sich weder um eine „unfassbare Sensation“ noch um einen sonstwie „Nazi-Opi“. Bei dem Mann, den LeFloid zeigt …

… handelt es sich um Francis Morris. Und der stammt nicht aus Argentinien (oder aus Österreich), sondern aus dem englischen Ort Quarmby. Und er ist auch nicht 128 Jahre alt, sondern feierte vor etwa zweieinhalb Jahren seinen 100. Geburtstag:

Wie kommt es nun aber, dass der bemitleidenswerte Francis Morris im besten Fall als Hitler-Hochstapler und im schlimmsten als Hitler höchstpersönlich im Videokanal eines der größten deutschen Youtuber landet?

LeFloid, der einst Angela Merkel Fragen stellen durfte, gibt als Quelle seiner Geschichte einen am Dienstag erschienenen „Sputnik“-Artikel an:

Nun sollte man bei „Sputnik“, gegründet vom staatlichen russischen Medienunternehmen „Rossija Sewodnja“, sowieso schon mal skeptisch sein. Dass in dem Text keine konkrete Quelle, außer ziemlich schwammig „lokale Medien“, angegeben wird, sollte einen vielleicht auf die Idee bringen, noch etwas zu recherchieren, bevor man den Kindern und Jugendlichen, die einem regelmäßig zuschauen, irgendeinen Blödsinn erzählt.

Man stößt dann ziemlich schnell auf einen Artikel der Seite „World News Daily Report“ vom 13. Juni:

Der 128-Jahre-Hitler steht dort zwischen Artikeln mit Überschriften wie „BABYSITTER TRANSPORTED TO HOSPITAL AFTER INSERTING A BABY IN HER VAGINA“ oder „TORNADO CARRIES MOBILE HOME 130 MILES, FAMILY INSIDE UNHARMED“. Machen wir es kurz: „World News Daily Report“ ist eine Satireseite, wie man ohne Probleme im Disclaimer nachlesen kann.

Nun hat LeFloid nie behauptet, dass der Mann aus Argentinien tatsächlich Adolf Hitler ist. Aber er tut so, als würde der Argentinier tatsächlich existieren, als hätte dieser tatsächlich Interviews gegeben und die Hitler-Behauptung aufgestellt. LeFloids Video hat — Stand: 22. Juni, 10:06 Uhr — bereits über 460.000 Aufrufe.

Mit Dank an Nic S. für den Hinweis!

Nachtrag, 17:51 Uhr: Einige Leser weisen zu Recht darauf hin, dass schon das angebliche Alter von 128 Jahren hätte stutzig machen müssen. Der Rekord des höchsten erreichten (und nachgewiesenen) Lebensalters liegt bei 122 Jahren. Die Französin Jeanne Calment hält ihn.

Mit Dank an @Hogachaka und Stefan S. für die Hinweise!

Antisemitismus-Doku, Ausgesperrt, Macrons Mediendistanz

1. „Haben Sie nicht!“ – „Haben wir doch!“
(sueddeutsche.de, Matthias Drobinski)
Nun wurde sie doch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt: Die umstrittene Antisemitismus-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf die Juden in Europa“. Der TV-Sender „Arte“ hatte die Ausstrahlung verweigert, es gebe handwerkliche Mängel. Nachdem „Bild“ den Film für 24 Stunden online gestellt hatte, ist die „ARD“ nachgezogen und hat die Doku gesendet. Jedoch mit eingeblendeten Hinweisen auf den online abrufbaren Faktencheck der WDR-Redaktion mit 29 kritischen Anmerkungen. Danach wurde sich bei Sandra Maischberger zum Talk zusammengesetzt, wo der Streit teilweise ins Absurde abgerutscht sei.

2. Fernsehen wird zum Luxusgut
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Wird Fernsehen zum Luxusgut? In Bezug auf manches Sportevent schon, wie der Rechtepoker um die Champions League beweist. Die Öffentlich-Rechtlichen werden nicht nur vom Privatfernsehen, sondern auch von Streamingdiensten bedrängt: „Während einst die billigen Plätze vor der Glotze waren, sind sie heute in den algorithmischen Endlosschleifen auf Facebook oder Youtube. Die Bezahlschranke wird zum sozialen Selektionskriterium. Wer sich die Zusatzgebühr für die Zaubertricks von Messi und Co. nicht leisten kann oder will, schaut am Ende in die Röhre.“

3. Märchenprinz mit Kennedylächeln
(deutschlandfunk.de, Jürgen König)
Der französische Präsident Emmanuel Macron hält Distanz zu den Medien. Manche werfen ihm dies als überzogene Kontrolle und Zensur vor, manche loben es als notwendige und längst fällige Wende im Umgang mit den Medien. „Das Ansehen der Presse ist schlecht in Frankreich – wie das der Politik. Es sind nicht wenige Franzosen, die Journalisten und Politiker der Kumpanei bezichtigen. Vielleicht geht Präsident Macron auch deshalb auf so deutliche Distanz.“

4. Warum wir Terrorbilder trotzdem zeigen
(nzz.ch, Peter Rásonyi)
Dürfen Medien Bilder von Terroranschlägen zeigen oder verbreiten sie damit nur noch mehr Schrecken und machen sich womöglich zu Komplizen der Terroristen? Die „NZZ“ würde Bilder zeigen, aber im Einzelfall abwägen. „Trotzdem ist unvermeidlich, dass dies stets in Grauzonen erfolgt. Das Ergebnis einzelner Entscheidungen kann von Lesern unterschiedlich empfunden werden. Wir sind uns dessen bewusst und stellen uns gerne dem Dialog mit ihnen.“

5. Sächsische Zeitung: Reporter bei Konsum-Bilanz-PK ausgesperrt
(flurfunk-dresden.de)
Die „Konsum Dresden Genossenschaft“ hat einen Journalisten der „Sächsischen Zeitung“ von ihrer Bilanzpressekonferenz ausgeschlossen. Ohne Begründung wurde ihm der Zugang zur Veranstaltung verwehrt. Der vermutete Hintergrund: Der Journalist hatte in der Vergangenheit kritisch über das Unternehmen berichtet. „Sächsische Zeitung“ und die Landespressekonferenz LPK haben das Verhalten der Konsum Genossenschaft kritisiert und missbilligt.

6. Schlag ins Gesicht
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Ab Freitag zeigt Netflix die Doku „Nobody Speak: Trials of the Free Press“. Im Kern geht es um den bizarren Rechtsstreit zwischen dem früheren Profi-Wrestler Hulk Hogan und der Klatsch-Website „Gawker“, die Ausschnitte eines privaten Sexvideos mit Hogan gezeigt hatte. Hogan hatte daraufhin das Portal verklagt und bekam 140 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen. Eine Summe, die „Gawker“ in die Pleite riss. Später stellte sich heraus, dass der Silicon-Valley-Milliardär und Paypal-Gründer Peter Thiel den Rechtsstreit finanziert hatte. Wohl angetrieben von persönlichen Rachegedanken gegenüber der Plattform, die ihn einst geoutet hatte.