Archiv für Mai 23rd, 2017

Julian Reichelt vergisst den Anschlag von Anders Breivik

Wenn „Bild“-Oberchef Julian Reichelt twittert, wird es häufig unsachlich oder aufbrausend oder beides. Manchmal ist es aber auch einfach faktisch falsch, was er schreibt. Zum Beispiel dieser Tweet von ihm von heute zum gestrigen Anschlag in Manchester:

Tweet von Julian Reichelt - Die (wieder mal) neue Qualität des Terrors von Manchester: Es ist der erste Anschlag in Europa, der sich gezielt gegen Kinder richtet.

Abgesehen von dem Versuch, diesem Attentat etwas Neues, Exklusives zu verleihen: Es stimmt schlicht nicht. Am 22. Juli 2011 fuhr der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik gezielt auf die Insel Utøya, um dort, wo ein Sommercamp mit vielen Jugendlichen stattfand, Menschen zu töten. Auf Utøya starben 32 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren.

Vielleicht sieht Julian Reichelt Anders Breivik nicht als Terrorist, sondern als Verwirrten oder rechten Spinner. Oder er bezog sich in seiner Aussage nur auf islamistischen Terror, ohne es zu schreiben. Aber selbst dann ist seine Behauptung nicht richtig: Am 19. März 2012 fuhr Mohamed Merah, der sich selbst als „Gotteskrieger“ bezeichnete, zu einer jüdischen Schule in Toulouse und tötete dort unter anderem drei Kinder.

Der Anschlag gestern nach dem Konzert von Ariana Grande in Manchester bleibt eine abscheuliche, grausame Tat, natürlich auch, wenn es nicht „der erste Anschlag in Europa“ ist, „der sich gezielt gegen Kinder richtet.“ Und sicher gibt es nach einem derartigen Attentat wichtigere Themen als einen falschen Tweet von Julian Reichelt. Es handelt sich bei ihm aber nun mal um diejenige Person, die beim größten deutschen Online-Nachrichtenportal die Richtung vorgibt und auch bei Deutschlands größter Tageszeitung einiges zu sagen hat. Und das macht das Vergessen von Anders Breivik und Mohamed Merah dann doch erwähnenswert.

Mit Dank an @fiiinix und Ralf H. für die Hinweise!

Bild.de verbreitet falsche Vermisstenfotos aus Manchester

Im Onlinejournalismus muss es schnell gehen, und bei dem Tempo fehlt häufig die Zeit für eine saubere Recherche. In Breaking-News-Situationen, wie aktuell wegen des Anschlags in Manchester nach einem Popkonzert, muss es meistens noch schneller gehen. Und dann passieren Fehler wie dieser hier:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Auf der Startseite präsentierte Bild.de heute morgen eine Collage mit 25 jungen Menschen, die nach der Explosion im Foyer der Konzerthalle angeblich vermisst werden sollen. Die Quelle dafür: ein Tweet einer Privatperson.

Aus der Ferne können wir nicht sicher sagen, ob alle Jungen und Mädchen, die dort abgebildet sind, tatsächlich vermisst werden; ob sie gestern Abend bei dem Konzert von Ariana Grande waren; ob sie überhaupt in Manchester waren.

Und die Bild.de-Redaktion kann das anscheinend auch nicht. Denn bei zwei der Personen ist klar, dass sie nicht vermisst werden: das Mädchen in der obersten sowie der Junge in der mittleren Reihe.

Bei dem Mädchen handelt es sich um eine 12-jährige Australierin. Sie befand sich in ihrer Schule in Melbourne, als ihr Foto in der Vermissten-Collage auftauchte. Ihre Mutter stellte in einem Facebook-Post klar, dass bei ihrer Tochter alles in Ordnung sei:

Der Junge, der ebenfalls in der Collage auftaucht, ist ein recht bekannter Youtuber aus den USA. Unter dem Namen „TheReportOfTheWeek“ veröffentlicht er regelmäßig Fast-Food-Tests. Er wird immer wieder heftig gemobbt — zum Beispiel indem Internetnutzer so tun, als gehöre er zu den vermissten Jugendlichen in Manchester. Bild.de greift sich einfach die Collage bei Twitter, in der der Junge zu sehen ist, recherchiert nicht und macht, ohne es zu wissen, beim Mobbing mit.

Der Junge hat sich inzwischen selber zu Wort gemeldet, in einem 51-sekündigen Youtube-Video. Der deutliche Titel: „I am alive“.

Auch das ist eine Folge des immer höheren Tempos im Onlinejournalismus: Menschen müssen ihren Verwandten, Freunden, Fans erklären, dass sie noch leben.

Mit Dank an Jannik S. und Peter L. für die Hinweise!

Nachtrag, 28. Mai: Obwohl offensichtlich ist, dass die Collage Personen mit dem Attentat in Manchester in Verbindung bringt, die am Tag des Anschlags nicht mal in der Stadt waren, hat es Bild.de bisher nicht geschafft, sie aus dem Artikel zu entfernen — sie ist unverändert und ohne jeglichen Hinweis online.

Inzwischen steht fest, dass auch eine dritte Person, die in der Zusammenstellung zu sehen ist, nie vermisst wurde. Der junge Mann in der mittleren Reihe ganz rechts …

… ist ebenfalls ein bekannter Youtuber. Das Foto stammt aus einem seiner Videos:

Er kommt zwar aus Manchester, war aber nicht beim Ariana-Grande-Konzert, wie er bei Twitter klarstellte:

Mit Dank an @KueddeR für den Hinweis!

10 Sekunden, Spiegel-Werk-Daily, Etikettenschwindel

1. Zehn Sekunden für eine Entscheidung
(zeit.de, Eike Kühl)
Nach welchen Kriterien Facebook Inhalte löscht, ist oft unklar. Doch nun wurden dem britischen „Guardian“ mehr als 100 interne Dokumente zugespielt, die Auskunft über die Kriterien geben, nach denen Facebookmitarbeiter gemeldete Inhalte löschen sollen. Die Regeln sind komplex und auch die personelle Ausstattung klingt dünn: 7.500 Mitarbeiter sollen sich um die Inhalte von mittlerweile fast zwei Milliarden Nutzern kümmern. Der Job sei psychisch belastend. Außerdem würden die häufig über externe Dienstleister angestellten Menschen oft unter prekären Bedingungen arbeiten.

2. Bilder, Bilder, Bilder – wie Medien mit den Identitären umgehen sollten
(blog.zeit.de, David Begrich)
David Begrich macht darauf aufmerksam, dass es den „Identitären“ bei ihren politischen Aktionen in erster Linie um die Bilder ihrer Aktionen und erst in zweiter um die Aktion selbst geht. Er rät den Medien, das Spiel nicht mitzuspielen: „Die Berichterstattung sollte die geplante, wiewohl indirekte, unbeabsichtigte Mitwirkung an der strategischen Bildkommunikation der Identitären verweigern. Sie muss entweder auf Bilder verzichten oder solche Bilder suchen, die die heroische Inszenierung der Identitären dekonstruiert. Es geht also um beides: die Identitären als rechtsextreme Kadergruppe zu entlarven und ihren Bildern die ikonische Wiedergabe zu verweigern.“

3. Spiegel Werk-Daily: Das digitale Missverständnis
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hat sich nochmal mit „Spiegel Daily“ beschäftigt. Er fragt sich, warum man sieben Euro für eine Webseitenversion eines Newsletters zahlen soll, der nur werktags zu einer bestimmten Uhrzeit erscheine. Was zu dem fatalen Ergebnis führe, dass bei „Spiegel Daily“ am Montag bis zu 72 Stunden alte Nachrichten zu sehen seien. Wenn das Angebot so bleiben sollte, wie es derzeit ist, sieht Jakubetz schwarz für die Zukunft: „Dann wird „Spiegel Daily“ grandios scheitern und das nicht mal unverdient. Ich habe selten ein weniger durchdachtes und lustloser gemachtes Projekt gesehen wie dieses.“

4. Lange Freiheitsstrafen für Chefs von Nachrichtenmagazin
(spiegel.de)
Ein türkisches Gericht hat zwei Chefs des Nachrichtenmagazins „Nokta“ zu 22 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die Veröffentlichung eines Erdogan-kritischen Titelblatts im Jahr 2015 wird ihnen als Aufruf zu einem bewaffneten Aufstand gegen die Regierung ausgelegt.

5. Von Pressefreiheit und „Pressefreiheit“
(www.message-online.com, Ariane Butzke)
Auf der Jahreskonferenz des International Press Institutes (IPI) in Hamburg kamen etwa 300 Redakteure, Reporter und Verleger aus aller Welt zusammen. Es ging vor allem um die massiven Einschränkungen der Pressefreiheit in allen Teilen der Welt. Besonders betroffen seien Redaktionen in Afrika und Asien, aber auch in Europa und den USA würden Journalisten zunehmend eingeschüchtert, schikaniert und zensiert.

6. Wenn Werbung uns und sich selbst belügt und einer ganzen Branche Absolution erteilt.
(kaffeeundkapital.de, Martin Oetting)
Martin Oetting war Gast bei einer Konferenz von Kreativen, auf der u.a. ein Kurzfilm gezeigt wurde, der in anrührender Weise zeigt, wie eine Handvoll Griechen auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsandrangs ihr Möglichstes taten, um Menschenleben zu retten. Es war ein Werbefilm einer Whiskymarke… Oetting hat in einem Artikel seine Störgefühle in Worte gefasst und appelliert an die Werber: „Hört auf, Euch in Kundenmeetings und bei der Entwicklung quasipolitischer Image-Kampagnen Dinge vorzumachen. Geht stattdessen hin und helft den Organisationen und Menschen, die wirklich Dinge bewegen auf der Welt. Wenn man für sie starke durchschlagende Kampagnen macht, dann verschwindet auch die Doppelbödigkeit. Alles andere ist dagegen Etikettenschwindel. Ein Etikettenschwindel, der leicht dazu führen kann, die Dinge schlechter zu machen, als sie eh schon sind. Wie wir bei der „Ode to Lesvos“ gesehen haben — anstatt Menschen zum Helfen anzuregen, wiegt er uns in dem warmen Irrtum, dass die Dinge ja schon von guten Menschen fern von hier geregelt werden.“