Archiv für Mai 22nd, 2017

„Bild“-Medien spekulieren über tödlichen Unfall von Julia Viellehner

Die deutsche Triathletin Julia Viellehner hatte am vergangenen Montag einen schweren Unfall: Im Trainingslager in Italien fuhr ein LKW sie an, als sie auf dem Fahrrad saß. Viellehner musste ins Krankenhaus und wurde ins künstliche Koma versetzt.

„Bild am Sonntag“ berichtete gestern über den Unfall:

Bereits am Samstagabend brachte auch Bild.de einen Artikel:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

In ihren Texten zitieren die „Bild“-Medien unter anderem einen Post auf Julia Viellehners Facebook-Seite, den ihr Freund Tom Stecher am Samstagmorgen verfasst hatte:

Ihr Lebensgefährte schrieb gestern bei Facebook: „Leider gibt es derzeit keine Änderung in ihrem Zustand. Sie hat bei dem Unfall viele und schwere Verletzungen erlitten. Eine Prognose über den weiteren Verlauf kann zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht abgegeben werden. Geht alles gut, steht sie auch irgendwann wieder an der Startlinie!“

Stecher, der bei dem Unfall anwesend war, schreibt in dem Facebook-Post außerdem:

Auch in Italien gibt es einen Schutz der Privatsphäre. Dies trifft auch besonders auf Krankendaten zu. Informationen über Julias Verletzungen oder durchgeführte Behandlungen sind rein spekulativ!

Diesen Absatz zitieren die Autoren von Bild.de und „Bild am Sonntag“ nicht. Sie müssen ihn aber gesehen haben — schließlich beziehen sie sich auf den Text, in dem er steht. Eindruck hat die Aussage Stechers bei ihnen aber offenbar nicht gemacht. Die „Bild“-Medien verbreiten Spekulationen „über Julias Verletzungen oder durchgeführten Behandlungen“: Sie zitieren die italienische Zeitung „Corriere Romagna“, die behauptete, dass schwere Eingriffe an den Beinen von Julia Viellehner nötig gewesen sein sollen (auf weitere Details verzichten wir bewusst, weil wir uns nicht auch noch an den Spekulationen beteiligen wollen).

Vor wenigen Stunden verkündete Tom Stecher in einem weiteren Facebook-Beitrag, dass Julia Viellehner an ihren Verletzungen gestorben ist. Er schreibt dort auch:

Entgegen Berichten der Boulevardpressen wurde sie von dem LKW angefahren und ich sah sie neben dem LKW zu Fall kommen. Woher die Berichte vom Wochenende über verletzte Beine und die medizinischen Eingriffe stammen ist unklar.

Bild.de hat zu Julia Viellehners Tod gerade einen weiteren Beitrag veröffentlicht. Dort wird nun auch Tom Stechers Kritik an den Spekulationen der Boulevardmedien thematisiert. Allerdings bezieht Bild.de sie nur auf das italienische Blatt. Dass sowohl „Bild am Sonntag“ als auch Bild.de diese Spekulationen übernommen haben — davon steht in dem Artikel kein Wort.

Mit Dank an für Rüdiger M. den Hinweis!

Verlagsversagen, Köppels SVP-Organ, Crowdfunding-Republik

1. Fake News mit Fake Journals: Gender-Studies-Hoax als Verlagsversagen
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Leonhard Dobusch berichtet auf „Netzpolitik.org“ über Fake News im Wissenschaftsbetrieb. Schon seit längerem gäbe es eine wachsende Zahl an unseriösen Open-Access-Zeitschriften, die sich zwar als begutachtet („peer-reviewed“) bezeichnen, tatsächlich aber gegen Bezahlung einer Publikationsgebühr quasi jeden eingereichten Beitrag publizieren würden. Zuletzt hatte ein Artikel für Furore gesorgt, der beweisen sollte, dass Gender Studies unseriös seien. Dazu hatten Peter Boghossian und James Lindsay unter dem Titel „The conceptual penis as a social construct“ allerhand Unsinn zusammengeschrieben und erfolgreich im Journal „Cogent Social Sciences“ zur Veröffentlichung eingereicht. Leonhard Dobusch dazu: „Mit ihrem Versuch, Gender Studies als Disziplin bloßzustellen, haben Boghossian und Lindsay tatsächlich skandalöses Verhalten offengelegt. Der Skandal liegt jedoch nicht im Bereich der Gender Studies, sondern im Bereich eines der größten wissenschaftlichen Verlagshäuser. Aus reinem Profitstreben heraus werden hier offensichtlich Kooperationen mit dubiosen Pseudo-Open-Access-Verlagen eingegangen, die sich wiederum mit einem vermeintlich seriösen Verlagsnamen schmücken können.“

2. Probleme der «Weltwoche» häufen sich
(nzzas.nzz.ch, Francesco Benini)
Die Schweizer „Weltwoche“ hat nicht nur ein Auflagenproblem (in nur einem Jahr ist die Zahl der Leser um 22 Prozent geschrumpft). Für zusätzliche Unruhe sorgt auch die Doppelrolle ihres Chefredakteurs Roger Köppel, der eine politische Karriere gestartet hat und für die „SVP“ im Schweizer Nationalrat sitzt. Dies schade dem Blatt; es werde seit seiner Wahl als „reines SVP-Organ“ wahrgenommen.

3. DW-Korrespondent Niragira sofort freilassen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Der Deutsche-Welle-Korrespondent Antediteste Niragira ist in einem Flüchtlingslager an der Grenze zu Burundi verhaftet worden, wo er über die katastrophalen Lebensbedingungen der Menschen berichten wollte. „Reporter ohne Grenzen“ fordert seine sofortige Freilassung: „Antediteste Niragira muss sofort freigelassen werden und sicher nach Burundi zurückkehren können. Journalisten, die über Missstände berichten, dürfen nicht wie Verbrecher oder Spione behandelt werden.“

4. «Wir wollen mehr Wertschätzung für den Journalismus»
(medienwoche.ch)
Es war ein sensationeller Crowdfunding-Erfolg für unabhängigen Journalismus: Binnen kürzester Zeit hat das zehnköpfige Zürcher Start-up-Projekt R („Republik“) über 11 000 Mitglieder gewonnen und mehr als 2,8 Millionen Franken eingesammelt. Im Interview sprechen die Macher darüber, wie sie das Projekt ohne Werbung finanzieren, wie viel Mitspracherecht Geldgeber haben und welche Rolle die Community spielt.

5. Tageszeitung „Sözcü“ erscheint mit leeren Seiten
(spiegel.de)
Aus Protest gegen die Verfolgung durch den türkischen Staat, hat die regierungskritische Zeitung „Sözcü“ mit einer „Spezialausgabe zur Pressefreiheit“ mit unbedruckten Seiten reagiert.

6. Revolution bei VG Wort: Urheber bekommen, was ihnen zusteht
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Nachdem einige Versammlungen der VG-Wort letztes Jahr sehr chaotisch und konfrontativ verlaufen waren, hat man nun eine Einigung erzielt, nach der in Zukunft die Einnahmen aus gesetzlichen Vergütungsansprüchen rechtskonform an die Urheber ausgeschüttet werden, ohne die Verleger vollständig auszuschließen. Der jetzt beschlossene Verteilungsplan soll jedoch nach dem Willen vieler Beteiligter nicht lange gelten, so Stefan Niggemeier. Im Hintergrund werde bereits daran gearbeitet, die Gesetzeslage so zu ändern, dass die alte Situation wieder hergestellt wird, die eine pauschale Beteiligung der Verlage ermöglicht.