Archiv für Mai 18th, 2017

Bild.de deckt auf: Auf japanischem Pornokanal laufen Pornos

Am Montagabend lautete das Motto bei Bild.de mal wieder: „Diese Japaner, die sind doch alle verrückt!“

In der subtil betitelten Rubrik „Die krassesten TV-Shows der Welt“ präsentierte die Redaktion Fernsehsendungen aus verschiedenen Ländern, die irgendwie irgendwas mit Sex zu tun haben. Anlass dafür ist die vor zehn Tagen gestartete Nackt-Dating-Show „Naked Attraction“. Das, was aktuell bei RTL 2 läuft, könne einem schon „die Schamesröte ins Gesicht treiben“, schreibt Bild.de. Doch das sei nichts gegen das Fernsehprogramm in Japan, wo alles „noch viel bekloppter“ sei:

Normale Dating-Shows werden immer öfter von Extrem-Formaten abgelöst. Aber „Adam sucht Eva“ oder „Naked Attraction“ sind harmlos im Gegensatz zu dem, was beispielsweise im japanischen TV den Zuschauern serviert wird.

Jaha!

Japan? Prüde? Papperlapapp! Zappt man dort durch die Kanäle, möchte man sich nicht selten die Hände vors knallrote Gesicht schlagen.

Der Text stellt drei vermeintliche japanische TV-Sendungen vor: Nummer eins ist „Orgasm Wars“, wo ein homosexueller Mann einen heterosexuellen durch Oralsex zum Orgasmus bringen soll, wobei dieser versucht, das nicht zuzulassen. Beispiel zwei zeigt eine Gruppe Männer, die eine Pappmascheewand einwerfen will, um die dahinterstehende, nackte Frau zu Gesicht zu bekommen. Der angebliche Titel: „Strip the Girl“. In Beispiel drei befriedigen drei Frauen drei Karaoke singenden Männer per Hand. Es gewinnt derjenige die Show, die laut Bild.de „Sing What Happens“ heißen soll, der trotz des bevorstehenden Orgasmus am besten singt.

Zu „Orgasm Wars“ schreibt Bild.de:

Vor ein paar Jahren war diese TV-Show der Höhepunkt im japanischen Fernsehen. Und was dort gezeigt wird, ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Die Redaktion tut so, als wäre die Oralsex-Sendung im normalen japanischen Programm gelaufen. Natürlich ist das Quatsch.

Die angeblichen TV-Shows aus den Beispielen eins („Orgasm Wars“) und drei („Sing What Happens“) sind tatsächlich nur Show-Segmente aus „Lass mich deinen Reißverschluss öffnen mit Tokui Yoshimi“ (im Original: „Tokui Yoshimi no Chakku Orosaseteya“). Diese Gameshow läuft auf beim japanischen Erotikkanal* Pay-TV-Anbieter „Skyperfect TV“. Bei den Teilnehmern handelt es sich fast ausschließlich um Pornostars und Personen, die zur Entertainment-Agentur „Yoshimoto Kogyo“ gehören. Es handelt sich also nicht um eine gewöhnliche Sendung aus dem Abendprogramm, sondern um einen Porno mit professionellen Schauspielern im Gewand einer Gameshow.

Bei Beispiel zwei („Strip the Girl“) hat das Team von Bild.de in einem Punkt Recht: Das Spiel mit der nackten Frau hinter der Pappmascheewand lief tatsächlich im japanischen Free-TV.

Das Ganze hieß allerdings nicht „Strip the Girl“, sondern „Alle Felder sind das Ziel! Strike-out-Dusche!“ („Pafekuto tassei! Shawashitsu sutorakku auto!“). Es handelte sich dabei wiederum nicht um eine eigenständige Fernsehsendung, sondern nur um einen Teil der Show „Takeshis Truppe bis zum frühen Morgen“ („Asa made Takeshi Gundan“), die „TV Asahi“ rund einmal im Jahr zwischen 1 und 3 Uhr nachts ausstrahlte. Zum letzten Mal lief die Sendung mit Regisseur Takeshi Kitano in der namensgebenden Rolle 2012. Ein schlüpfriges Format mit vielen Nacktmodels, das zumindest etwas ans deutsche „Tutti Frutti“ erinnert.

Letztendlich stellen sich die „krassesten TV-Shows“ Japans also als Pornosendung auf einem Pornokanal und als längst abgesetzte schlüpfrige Gameshow im Nachtprogramm heraus. Was bleibt sind einige Klicks für Bild.de und die Befürchtung, dass selbst der letzte Bild.de-Leser nun denkt: „Diese Japaner, die sind doch alle verrückt!“

*Nachtrag, 26. Mai: „Skyperfect TV“ ist nicht, wie zuerst von uns geschrieben, ein Erotikkanal, sondern ein ganz normaler Pay-TV-Anbieter, der den Kanal „Skyperfect TV Adult“ ausstrahlt. Dort läuft die Sendung „Lass mich deinen Reißverschluss öffnen mit Tokui Yoshimi“.

Bild.de lässt Putin Geld an eine Frau zahlen, die eigentlich ein Mann ist

Bei all der Kritik an Medien hier auf der Seite, darf man nicht vergessen, dass viele Journalisten jeden Tag einen richtig guten Job machen. Eine Redaktion, die aktuell einen besonders guten Job macht, ist die der „Washington Post“. Das Team gräbt — ähnlich wie das der „New York Times“ — immer wieder brisante Geschichten über US-Präsident Donald Trump aus.

Aktuell berichtet die „Washington Post“ über ein Gespräch in vertraulicher Runde vom 15. Juni 2016, in der Kevin McCarthy, republikanischer Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus, zu führenden Parteifreunden sagt:

Es gibt zwei Leute, von denen ich glaube, dass sie von Putin bezahlt werden: Trump und Rohrabacher … ich schwöre bei Gott.

Die Unterhaltung zwischen McCarthy und seinen Kollegen soll kurz vor der Nominierung Trumps als republikanischer Präsidentschaftskandidat stattgefunden haben. Die Autoren der „Washington Post“ schreiben, sie hätten nun eine Audioaufnahme des Gesprächs nachhören können. Kevin McCarthy sagt heute, dass seine Aussage damals ein Witz gewesen sei.

Jetzt müssten andere Medien nur noch auf diese Geschichte stoßen, sie aufschreiben und vielleicht noch kurz nachschauen, wer Dana Rohrabacher ist.

Dann mal los, Bild.de:

Washington Post enthüllt Geheimgespräch aus 2016 - Top-Republikaner: Ich denke, Putin bezahlt Trump

Damit wäre zudem offiziell, dass nicht nur das Trump-Team Gelder aus Russland erhalten hat. Dana Rohrabacher ist eine republikanische Kongress-Abgeordnete aus Kalifornien, die als starke Verfechterin Putins und Russlands gilt. Nach den Aussagen McCathys steht auch sie auf Putins Gehaltszettel.

Die Information über Rohrabacher findet man fast eins zu eins auch im Artikel der „Washington Post“:

Dana Rohrabacher is a Californian Republican known in Congress as a fervent defender of Putin and Russia.

Bild.de hat die Passage beinahe richtig übersetzt. Nur, dass Dana Tyron Rohrabacher ein Mann ist.

Mit Dank an Jörg L. für den Hinweis!

Nachtrag, 26. Mai: Christoph Herwartz weist darauf hin, dass der Mann/Frau-Fehler aus einer „dpa“-Meldung stamme:

Tatsächlich steht in der entsprechenden Agenturmeldung:

Dana Rohrabacher ist eine republikanische Politikerin, die sich wiederholt positiv über Russland und Wladimir Putin geäußert hatte.

Wir finden allerdings weiterhin, dass die Ähnlichkeit zwischen der falschen Bild.de-Passage und der Originalpassage der „Washington Post“ größer ist als die Ähnlichkeit zwischen der falschen Bild.de-Passage und der falschen „dpa“-Passage.

N24 Fake News, „Spiegel Daily“, Kurzes Geilomobil

1. Spiegel Daily: Nur 1 Minute Lesezeit!
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Christian Jakubetz hat sich die Erstausgabe von „Spiegel Daily“ angeschaut. Das Angebot wirkt auf ihn bislang noch recht beliebig und zusammengestöpselt: „Alles in allem ist „Spiegel Daily“ in der Erstausgabe leider nicht sehr viel mehr als ein Sammelsurium aus Nachrichten, SPON-Versatzstücken und Dingen, von denen man beim Spiegel vermutlich glaubt, dass sie das Publikum im Netz cool findet (die drei populärsten Hashtags des Tages bei Twitter). Ich habe die ganze Zeit nur noch auf 1 Vong-Spiegel-her-gesehen-Joke gewartet. Macht man das nicht jetzt so in diesem Netz?“
Auch Thomas Knüwer zeigt sich wenig begeistert: Spiegel Daily: Niedrige Erwartungen noch untertroffen

2. Wie N24 Fake News produziert
(welchering.de)
Peter Welchering wurde von „N24“ um ein Statement zu Nordkoreas Cyberarmee gebeten. Sowohl mit der Redakteurin, als auch mit der Realisatorin vor Ort will er vereinbart haben, dass von den aufgezeichneten Statements keines verwendet werden darf ohne die Erwähnung, dass er die Indizien für nicht ausreichend hält. Natürlich kommt es, wie es kommen muss und der Sender bringt sein Statement ohne den Zusatz. Für Welchering ist die Sache damit besiegelt: „Wir haben es halt mal probiert, und ich musste erfahren, dass ihr eben doch keinen seriösen Journalismus könnt. Damit kann ich leben. Aber nehmt bitte auch zur Kenntnis, dass dieser Test auf seriöse Arbeit eben ein einmaliger Test war. Ihr haltet euch nicht an Absprachen und reisst Statements aus dem Zusammenhang, faked sie also, und das hat eine Konsequenz: Ihr bekommt von mir kein Statement mehr.“

3. Wie transparent ist die Transparenz von ARD/ZDF?
(wwwagner.tv, Jörg Wagner, Audio: 6:06 Minuten)
Jörg Langer erstellt für die Otto-Brenner-Stiftung eine Studie über die Transparenz in den öffentlich-rechtlichen Medien. Langer sieht trotz positiver Änderungen noch Verbesserungsbedarf: „Auf der einen Seite hat sich viel getan in den letzten Jahren, dass bestimmte Zahlen verständlich und auffindbar für die Bürgerinnen und Bürger aufbereitet werden. Wenn man dann aber ein Stückchen genauer reinsteigt und wissen will, was genau denn wofür aufgewendet wird, da stößt man recht schnell an die Grenze.“

4. Böhmermanns kleiner Mann und das Verschwörungsportal
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Als die Nachricht die Runde machte, dass Hans Meiser für ein obskures Verschwörungsportal arbeitet, glaubten nicht wenige an einen neuerlichen Sccop von Jan Böhmermann. Hans Meiser spielt in Böhmermanns „Neo Magazin Royal“ gelegentlich den für populistische Parolen anfälligen „kleinen Mann“. Da hätte es nahe gelegen, ihn bei einer entsprechenden Seite einzuschleusen. Nun hat sich aber Böhmermanns Produktionsfirma „Bildundtonfabrik“ zu Wort gemeldet und die Zusammenarbeit mit Meiser beendet. Und auch Meiser selbst hat sich geäußert.

5. Bilder, die Angst machen – Medienpsychologe Frank Schwab zur Wirkung von Krisenberichterstattung
(blmplus.de, Bettina Pregel, Video, 2:22 Min.)
Vor kurzem fand die 3. Fachtagung Jugendschutz und Nutzerkompetenz. Thema der Tagung: „Bilder, die Angst machen – Katastrophen und Krisen in den Medien.“ Im Video-Interview spricht Medienpsychologe Prof. Dr. Frank Schwab über Angst auslösende Katastrophenbilder und wie Eltern besser mit der Angst ihrer Kinder umgehen können.

6. Kurz und das Geilomobil: „Guardian“ fällt auf „Tagespresse“ herein
(derstandard.at)
Der renommierte britische „Guardian“ ist auf einen Beitrag der österreichischen Satireseite „Tagespresse“ über ÖVP-Chef und Außenminister Sebastian Kurz hereingefallen.