Archiv für April 12th, 2017

Julian Reichelt berichtigt mit falschen Fakten

Am Montagabend lief eine neue Folge „Hart aber fair“. Thema der Sendung: „Giftgas gegen syrische Kinder — werden wir schuldig durch Wegschauen?“ Als Talk-Gast mit dabei: „Bild“-Chef-Chef Julian Reichelt. Und der muss, schaut man sich eine Nachbesprechung der Sendung an, einen richtigen guten Job gemacht haben. Denn Reichelt lieferte laut TV-Kritik „erst mal Fakten“. Später habe er einiges geradegerückt. Muss ein guter Mann sein, dieser Reichelt. Von wem stammt noch mal gleich das Doppel-Lob im „Hart aber fair“-Nachgang? Ach, hier: von Julian Reichelts eigenem Portal Bild.de.

Worauf der Bild.de-Autor in seiner Kritik nicht eingeht: Dass sein Chef sich im TV-Studio immer wieder so verhielt, wie sonst nur bei Twitter. Er unterbrach ständig andere Leute, musste von Moderator Frank Plasberg zur Räson gerufen werden, wurde persönlich, fand Aussagen anderer Studiogäste „dumm“.

Fast immer war Ulrich Scholz, ein früherer NATO-Planungsstabsoffizier, Ziel von Reichelts Angriffen — in einem Punkt durchaus zurecht: Scholz konstruierte eine Version des jüngsten Giftgasangriffs in Syrien, die stark an die des Kreml erinnerte, die wiederum in der Sendung durch einen Einspieler von der „Hart aber fair“-Redaktion widerlegt wurde. In einem anderen Punkt war Reichelts, nun ja, Kritik aber völlig unangebracht: Scholz sagte, dass der frühere US-Präsident Bill Clinton 1998 Raketen auf Afghanistan schießen ließ. Das war ein Punkt, bei dem Julian Reichelt mal wieder etwas geraderücken musste. Er sagte:

Ich finde es schon bezeichnend, bei allem, was Sie sagen, wie viele falsche Fakten da drin sind. Es gibt keinen Frieden zwischen Israel und Assad [Anmerkung: Scholz hatte sich zuvor versprochen und anstatt Sadat „Assad“ gesagt]. Bill Clinton hat 1998 nicht Afghanistan, sondern den Sudan bombardiert.

Rumms! Endlich sorgt mal einer für Klarheit. Nur: Reichelts Zurechtweisung ist inhaltlich falsch. Die USA haben im August 1998 Ziele im Sudan und in Afghanistan bombardiert. Die „Operation Infinite Reach“, ein Vergeltungsschlag nach Bombenangriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, ist gut dokumentiert.

Später in der Sendung, nachdem das „Hart aber fair“-Team die Sache recherchiert hatte, ergänzte auch Moderator Frank Plasberg, dass Ulrich Scholz mit seiner Aussage zu Bill Clinton Recht hatte. In die TV-Kritik bei Bild.de hat es Julian Reichelts Berichtigung mit falschen Fakten leider nicht geschafft.

Mit Dank an Wolf T. und Sascha W. für die Hinweise!

Heilige Scheiße, Schmier-TV, Theatertheater

1. Provinzblatt gewinnt Pulitzer
(taz.de, Maike Brülls)
„Heilige Scheiße, wir haben gewonnen“… Man kann sich das ungläubige Gesicht des Redakteurs des Lokalblatts „The Storm Lake Times“ (Auflage: 3.000 Expl.) vorstellen, als bekannt wurde, dass er die wichtigste Auszeichnung im US-amerikanischen Journalismus bekommen hatte: den Pulitzer-Preis. Das Komitee würdigte damit die Leitartikel von Redakteur Art Cullen, in denen er über die in Iowa agierenden großen Landwirtschaftsunternehmen wie Monsanto, Cargill oder Koch Brothers schrieb. Und zeichnete symbolhaft den regional wichtigen, aber im Rahmen des US-Zeitungssterben gefährdeten Lokaljournalismus aus.

2. Die Sendung mit der Maus
(faz.net, Anna Vollmer)
Was Anna Vollmer da über das italienische Fernsehen zusammengetragen hat, ist schon erschütternd. Das Programm wirke nicht nur auf unangenehme Weise gestrig, sondern vermittle ein sexistisches Frauenbild: „Wer italienisches Fernsehen schaut, fühlt sich häufig um zwei, drei Jahrzehnte zurückversetzt: zu grell, zu bunt, zu laut. Die Moderatoren, oft Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters, machen schmierige Onkelwitze, während leicht bekleidete Frauen blinkende Treppenaufgänge hinauf und hinabstolzieren. Man wundert, ärgert sich seit Jahren, doch geändert hat sich wenig – bis jetzt.“ Eine besonders missglückte Sendung des öffentlich-rechtlichen Programms hat nun allerdings einen Proteststurm ausgelöst, der Folgen haben könnte.

3. Der Freischreiber-Newsletter
(freischreiber.de)
Immer einen Blick wert: Der Newsletter von „Freischreiber“, dem Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. In der aktuellen Ausgabe gibt es Lesenswertes über die Ende des Monats anstehende Verleihung des Himmel- und Höllepreises. Damit zeichnet der Verband vorbildliches beziehungsweise tadelnswertes Verhalten von Medienunternehmen im Umgang mit Journalistinnen und Journalisten aus. Außerdem führt der Newsletter zu vielen interessanten Beiträgen rund um den Journalismus. Nicht nur für Profis lesenswert, sondern auch für den am Mediengeschehen interessierten Laien.

4. „Woher wissen Sie das?“
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Die Wahrheit hat es in den USA gerade nicht leicht: Immer mehr Fake News geistern durchs Netz und mittlerweile wird mit ihnen sogar Politik gemacht. Der Twitter-Account des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gilt vielen als eine Fundgrube falscher Behauptungen, Verdrehungen und Lügen. Doch wie mit dem Thema umgehen? Erreicht man mit Faktenchecks sein Ziel? Nur eingeschränkt, denn das Misstrauen gegenüber den amerikanischen Medien ist groß. Außerdem erreichen Faktenchecks oft nur diejenigen, die sich eh gut auskennen.

5. Werben mit Google: Ist die taz Schmuddelkram?
(blogs.taz.de, Martin Kaul)
Die „taz“ hat vor Jahren über den Streit zwischen Google und einer Webseite berichtet, auf der sich Youtube-Filmchen als MP3-Dateien herunterladen lassen. Nun hat die Zeitung eine Mail von Google bekommen, die ernsthafte Konsequenzen androht, wenn die Zeitung den Beitrag so stehen lasse. Der Artikel verstoße gegen die „Programmrichtlinien“ heißt es diffus. Da der „taz“ nicht klar ist, was genau bemängelt wird bzw. wie Abhilfe geschaffen werden soll, hat man bei Google nachgefragt. Bislang ohne Erfolg.

6. Schreiben Sie das jetzt!
(nachtkritik.de, Dirk Pilz)
Theaterkritiker Dirk Pilz wird in letzter Zeit immer öfter aufgefordert, Theaterevents bereits im Vorfeld zu betrommeln. Nun wendet er sich mit deutlichen Worten an Intendanten, Pressesprecher und Marketingbeauftragte: „Es gibt einen Unterschied zwischen Presse- und PR-Arbeit. Nein, Theaterkritiker sind nicht die Außenposten der Öffentlichkeitsarbeit, sie sind auch keine Angestellten der Theaterkunst. Nein, es ist nicht die Aufgabe von Theaterkritik, schöne Festivals, tolle Regisseure, Schauspieler oder Autoren zu bewerben. Und kommen Sie mir bloß nicht mit dem Hinweis, dass wir doch alle im selben Boot säßen und gegen die böse Kulturpolitik und ihre steten Kürzungsgelüste gemeinsam zu streiten hätten. Den Kampf hat schon verloren, wer vorderhand das demokratische Grundrecht der Pressefreiheit preist, hintenherum aber alles für die eigenen Belange instrumentalisiert.“