Archiv für April 11th, 2017

Bild.de pfeift auf Polizei-Bitte und spekuliert zu Explosionen in Dortmund

Vor dem Champions-League-Spiel des BVB gegen den AS Monaco gab es am Mannschaftsbus der Dortmunder Fußballer offenbar drei Explosionen.

Die Polizei Dortmund bat bei Twitter darum, „Gerüchte und Spekulationen“ zu unterlassen:

Dabei richtete sich die Polizei nicht explizit an Medien. Aber warum soll diese Bitte nicht (und gerade auch) für Redaktionen gelten?

Und was machen die Mitarbeiter von Bild.de? Sie pfeifen auf die Bitte der Polizei und spekulieren:

Bomben-Explosion am Dortmund-Bus! Spiel abgesagt! Dortmund-Boss Watzke: 'Sprengstoff-Anschlag auf den Bus. Mannschaft in Schockstarre' - BVB-Spieler Bartra leicht verletzt und auf dem Weg ins Krankenhaus - Polizei bestätigt: Drei Sprengsätze am Mannschaftsbus - Schock nach Bombenattacke: Was steckt hinter dem Anschlag?

In ihrem Artikel „Was steckt hinter dem Anschlag?“ rät die Redaktion rum, wie es zu den Explosionen gekommen sein könnte (auf einen Link verzichten wir bewusst — wir wollen die Spekulationen von Bild.de ja nicht noch stärker weiterverbreiten als wir es durch unsere Zusammenfassung sowieso schon tun):

Dortmund unter Schock. Kurz vor Beginn der Champions-League-Partie gegen Monaco wurde der BVB-Mannschaftsbus angegriffen. BILD erklärt, was hinter der Attacke stecken könnte.

… ohne genauere Informationen dazu zu haben. Es sind schlicht Spekulationen: vielleicht sei etwas ferngezündet worden, was „für Erfahrung beim Bau und Auslösen von Sprengsätzen“ spräche; vielleicht sei eine Lichtschranke „(wie zum Beispiel beim Anschlag auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen)“ oder „eine Druckplatte auf der Straße“ benutzt worden; vielleicht habe aber auch jemand „die Sprengsätze (zum Beispiel Granaten) von Hand auf den Bus“ geworfen. Bild.de weiß nichts und schreibt viel.

Das Portal schließt aus der eigenen Rumraterei, dass viele der Punkte dafür sprächen, dass es sich um ein „Werk von Profis“ handele. Das kann natürlich sein. Es kann aber auch ganz anders sein. Unter anderem deswegen bat die Polizei Dortmund, keine Spekulationen zu verbreiten oder — noch schlimmer — sie selbst in die Welt zu setzen. Aber seit wann interessiert die „Bild“-Medien schon, was die Polizei will?

Pulitzers Panama, Himmel-Hölle, Realityshow Krieg

1. Pulitzer-Preis für Panama Papers
(sueddeutsche.de)
Der internationale Journalistenzusammenschluss „ICIJ“ (International Consortium of Investigative Journalists) hat für die Berichterstattung rund um die „Panama Papers“ den Pulitzer-Preis bekommen. Damit geht die wohl bekannteste und prestigeträchtigste Auszeichnung im Journalismus indirekt auch an Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“. Das deutsche Medium hatte die 11,5 Millionen vertraulichen Dokumente des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca von einer anonymen Quelle zugespielt bekommen, mit dem „ICIJ“ geteilt und anschließend mitaufgearbeitet.

2. Freischreiber nominieren Jakob Augsteins Freitag und Süddeutsche Zeitung für den Höllepreis
(meedia.de)
Die Journalistenvereinigung „Freischreiber“ vergibt jedes Jahr den „Höllepreis“, eine Art Goldene Zitrone der Medienbranche. Dieses Jahr zählen zur Nominiertenliste der „Freitag“, die „SZ“, die „Deutsche Presse-Agentur“, „Travel House Media“ sowie der Zeitungsverlegerband „BDZV“. Doch es gibt auch einen „Himmelpreis“, mit dem Medienunternehmen für besonders vorbildhaftes Verhalten ausgezeichnet werden. Auf der Nominierungsliste stehen Verlegerin Sandra Uschtrin, die ihr widerrechtlich zugeflossene VG-Wort-Einnahmen nach dem BGH-Urteil klaglos und in voller Höhe zurückerstattet und die August Schwingenstein Stiftung für ihre Verdienste um den Medienwandel.

3. Warum CORRECTIV ein „Schwarzbuch AfD“ veröffentlicht
(correctiv.org, Markus Grill)
Das Recherchezentrum „correctiv“ stellt sein „Schwarzbuch AfD“ vor: „Wir finden, es reicht langsam. Es reicht, dass viele Medien fortwährend über das Stöckchen springen, das die AfD ihnen hinhält und über deren gezielte Provokationen berichten. Wir wollen selbst bestimmen, was wir über die AfD berichten und wann. Deshalb dieses „Schwarzbuch AfD“. Es beschreibt Dinge, die die AfD lieber nicht über sich lesen will: Die Verbindungen einiger ihrer Protagonisten ins rechtsextreme Milieu, die dubiose Finanzierung der Partei, die unsozialen Punkte ihres Parteiprogramms, die Intrigen ihrer Führungsfiguren.“

4. Geflüchtete beim Kaninchenzüchter
(taz.de, Natalie Mayroth)
Natalie Mayroth berichtet in der „taz“ vom Crowd-Funding-Projekt „Newscomer“, das Geflüchtete in Kontakt mit Lokalredaktionen bringen will. Die Idee dabei: Als Tandem sollen zehn Zweierteams aus Lokaljournalisten und Menschen mit Fluchtgeschichte in Lokalmedien aus ihrem Alltag in Deutschland berichten. Das Projekt hat bereits einige Unterstützung erfahren, doch nun fehlen mindestens 10.000 Euro, mit denen u.a. die Kosten für Workshops abgedeckt werden.

5. Mehr Empathie, weniger Klischees
(deutschlandfunk.de, Audio, 4:17 Minuten)
Der Deutschlandfunk hat sich in den internationalen Presseabteilungen der Bahnhofsbuchläden nach regionalen Ausgaben ausländischer Zeitungen umgesehen, die ihren Redaktionssitz in Deutschland haben. Drei Medien hat man sich genauer angeschaut, die italienische „Corriere d´Italia“, die russische „Russkaja Germanija“ und die türkische „Hürriyet“. Einwanderer würden ausländische Zeitungen oft parallel, selten ausschließlich, lesen. Insgesamt würden Einwanderer, egal welcher Herkunft, deutschsprachige Blätter bevorzugen. Von einer medialen Abkapselung könne damit also nicht die Rede sein. (Für Audiobeitrag im Bild des Beitrags rechts unten auf die Schaltfläche „Hören“ klicken.)

6. Krieg geht immer
(spiegel.de, Marc Pitzke)
„Krieg geht immer“ konstatiert Mark Pitzke in seinem Kommentar über Trumps Militärschlag in Syrien und den Widerhall in den Medien. Der amerikanische Präsident inszeniere seinen Militärschlag gegen Syrien wie eine billige Realityshow und die US-Medien würden willig anbeißen.