Archiv für April 7th, 2017

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„Bild“ zieht mit „Pleite-Griechen“ in den Wahlkampf

Der „Bild“-Zeitung ist heute eine geniale Verknüpfung gelungen: auf der einen Seite eines der Lieblingsthemen der vergangenen Wochen (Martin-Schulz-Kritik), auf der anderen eines der Lieblingsthemen der vergangenen Jahre (Griechenland-Kritik-Bashing). In dieser Geschichte hat die Redaktion beide zusammengebracht:

Fangen wir bei Martin Schulz an. Seit bekannt ist, dass Schulz als SPD-Kanzlerkandidat bei der kommenden Bundestagswahl antreten will, schaut die „Bild“-Redaktion ganz genau, was bei den Sozialdemokraten und ihrem neuen Spitzenmann so alles schiefläuft. Natürlich ist es journalistisch völlig richtig, einen neuen Kandidaten genauer zu beobachten. Und es gibt auch mal positive Geschichte über Schulz — gerade erst veröffentlichte „Bild“ Auszüge aus seiner Biografie. Vor allem aber geht es in Berichten über ihn um Ärger, Fehler, Zweifel.

Die Redaktion thematisierte gleich die „erste Wahlkampf-Panne“:

Sie dokumentierte Kritik von Experten …


… oder politischen Gegnern:

'

Wenn Informationen von der SPD-Website verschwanden, schrieb „Bild“ darüber:

Oder wenn es von irgendwo Rügenärger für Schulz gegeben hat:


Die „Bild“-Mitarbeiter zweifelten an Schulz‘ Wahlkampfthema …

… schrieben über das schwache Abschneiden der SPD bei der Wahl im Saarland, als wäre es seine Niederlage, obwohl Martin Schulz dort gar nicht zur Wahl stand …

… und entdeckten selbst bei großen Erfolgen etwas Negatives:

Und wenn nicht mal der gute, alte Fußball …

… dabei helfen kann, die aktuell hohen SPD-Umfragewerte nach unten zu bugsieren, dann muss ein neues Thema her; eines, auf das der durchschnittliche „Bild“-Leser direkt mit Schaum vor dem Mund reagiert — die „Pleite-Griechen“:

Diese Griechen-SPD-Geschichte von heute wirkt ein wenig wie die Fortsetzung der SPD-Griechen-Geschichte von Montag, als „Bild“ das sozialdemokratisch geführte Nordrhein-Westfalen mit Griechenland und all den damit verknüpften Problemen in Verbindung brachte:

Die neue These der schulzwilligen „Pleite-Griechen“ basiert auf Aussagen von FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff („‚Wer Schulz für die Wahl am meisten die Daumen drückt, ist klar: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras'“), CSU-Politiker Markus Söder („Schließlich stehe Schulz ‚für Geldtransfers ohne Reformen zulasten des deutschen Steuerzahlers'“) sowie einem EU-Abgeordneten der griechischen Syriza, der lediglich sagt, dass es „mit einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken“ beim Thema Griechenland „weniger um ständige Bestrafungen gehen“ würde.

Aus den Aussagen zweier Deutscher und eines Griechen schließt „Bild“ auf ein ganzes Volk und kramt dafür das grässlichen Wort „Pleite-Griechen“ raus. Wie schon vor Jahren, als dieser Begriff bereits diffamierend und stigmatisierend und spaltend war, ist er auch heute noch diffamierend und stigmatisierend und spaltend.

Kein Schlagwort symbolisiert die „Bild“-Hetzkampagne gegen Griechenland und gegen die Griechen so sehr wie „Pleite-Griechen“. Als „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer zum Beispiel im April 2010 durch Athen lief und mit Geldscheinen wedelte, verkündete „Bild“ hämisch:

Als klar war, dass in Griechenland das Geld knapp wird, schlug „Bild“ vor:

Als „Bild“ von Angela Merkel eine Volksabstimmung über die Griechenlandhilfen forderte, schlug das Blatt schon mal zwei Antwortmöglichkeiten auf einem „Stimmzettel“ vor: „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ und „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“:

Das verallgemeinernde, verächtliche, populistische „Pleite-Griechen“ wurde zur gängigen „Bild“-Vokabel:





Dank dieser jahrelangen Konditionierung der eigenen Leserschaft, bei der ein einfaches „Pleite-Griechen“ direkt ein zorniges Grummeln in der Magengegend auslösen dürfte, kann „Bild“ diese Wut nun mit nur einer Schlagzeile auf neue Feindbilder projizieren.

Nachtrag, 8. April: In ihrer heutigen Ausgabe macht „Bild“ direkt weiter mit dem ätzenden „Pleite-Griechen“:

Hetze aus Österreich, Schüler-Recherche, affiger „Echo“

1. „Unzensuriert“ kommt nach Deutschland: Wir haben der Hetzseite bei der Geburt zugeschaut
(motherboard.vice.com, Theresa Locker)
Bisher hat die Website „Unzensuriert“ in Österreich zu hauptsächlich österreichischen Themen gehetzt. Nun hat das FPÖ-nahe Portal einen deutschen Ableger gegründet, mit Themen, die hier in der Berichterstattung eine Rolle spielen. Theresa Locker hat den Deutschland-Start von „Unzensuriert“ beobachtet: „Tatsächlich sind die neuen Inhalte sorgfältig auf den deutschen Markt zugeschnitten. Die Artikel auf der .de-Seite sind zuwanderungsfeindlich, islamophob, russland- und AfD-freundlich.“ Dazu auch: Matthias Meisner beim „Tagesspiegel“ mit „‚Die rechte Blase im Netz wächst'“.

2. Wirbel um Hayalis „Junge Freiheit“-Interview
(ndr.de, Caroline Schmidt, Video, 8:11 Minuten)
Kann man, darf man, soll man einem mindestens rechten Blatt wie der „Jungen Freiheit“ ein Interview geben? ZDF-„Morgenmagazin“-Moderatorin Dunja Hayali hat’s gemacht und ist dafür teils heftig kritisiert worden. Im NDR-Medienmagazin „Zapp“ haben Jan Fleischhauer vom „Spiegel“ und Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ das Für (Fleischhauer) und Wider (Prantl) von Hayalis „Junge Freiheit“-Gespräch diskutiert.

3. Jenseits von Tabu und Sensation: Depressionen und Suizid in den Medien
(fachjournalist.de, Elisabeth Gregull)
Der heutige Weltgesundheitstag hat das Motto „Depression — Let’s talk“. Aber wie können Medien über Depressionen und Suizide berichten, ohne dabei stereotype Bilder zu wählen oder zu stigmatisieren? Sie müssten schon schon bei der Wahl der richtigen Begrifflichkeiten anfangen, schreibt Elisabeth Gregull und bietet weitere Tipps sowie Links mit weiteren Tipps für Journalisten. Eines der Ziele dabei sei: Papageno-Effekt statt Werther-Effekt.

4. Ist das Vertrauen in die Medien wirklich gestiegen?
(de.ejo-online.eu, Michael Haller)
Michael Haller ist verwirrt. Die einen (Medienwissenschaftler aus Würzburg) sagen: „Das Medienvertrauen ist so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr“. Die anderen („Infratest“-Repräsentativerhebung) sagen fast zeitgleich: „Nur gut die Hälfte (52 Prozent) hält die Informationen in den deutschen Medien alles in allem für glaubwürdig“. Ja, was denn nun? Haller hat sich die verschiedenen Erhebungen, ihre Fragebogenformulierungen genauer angeschaut. Sein Fazit zur Jubelschlagzeile „Vertrauen in Medien so hoch wie lange nicht“: „Es handelt sich um Zufallsbefunde, die mal so, aber auch ganz anders ausfallen können.“

5. Von der Schülerzeitung entlarvt
(faz.net, Veronika Hock)
Eigentlich wollten die Mitglieder der Schülerzeitung „The Booster Redux“ ihrer künftigen Schulleiterin in einem Interview nur ein paar Fragen stellen. Eine Antwort zum Lebenslauf war allerdings so merkwürdig, dass die Schüler der Pittsburg High School weiter recherchierten. Mit Folgen: Die Schule im US-Bundesstaat Kansas muss die Stelle neu besetzen.

6. Eier aus Stahl: Max Giesinger und die deutsche Industriemusik
(youtube.com, Neo Magazin Royale, Video, 22:11 Minuten)
Jan Böhmermann hat ein großes Ziel: Fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo sollen nächstes Jahr einen „Echo“ gewinnen, für ihren Song „Menschen Leben Tanzen Welt“. Mit einem „kleinen Experiment“ und einer neuen Folge „Eier aus Stahl“ zeigt das „Neo Magazin Royale“, wie musikalisch beliebig, maxgiesingerhaft und werbegesteuert die deutsche Industriemusik Musikindustrie ist.