Archiv für März, 2017

Was tun gegen den Egg-Storm?

Viele Dinge aus dem Internet findet man im Offline-Leben so nicht vor. Ich habe zum Beispiel noch nie gehört, dass jemand wegen einer Äußerung auf der Straße stundenlang und gleich von mehreren Menschen auf Übelste angepöbelt wird, und das alles gar nicht aufhören will, weil immer neue Menschen hinzukommen, die ihrerseits die Chance nutzen, mal ihre ganze Wut loszuwerden, brüllen und drohen, um das am Boden liegende Opfer schließlich mit Hitler zu vergleichen — und dann abzuhauen.

Im Internet passiert das ständig. Da nennt man das Shitstorm.

Umgekehrt gibt es aber auch reale Phänomene, die in der digitalen Sphäre so nicht zu finden sind. Zum Beispiel den Egg-Storm. Menschen oder Gebäude werden mit rohen Eiern beworfen. Anders als beim Shitstorm ahnen die Opfer oder die Besitzer der Gebäude allerdings meistens gar nicht, wofür sie bestraft werden.

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert. Diesmal in Freilassing:

Dort sogar schon zum dritten Mal. Im Februar gab es diesen Fall aus Germering:

Ende Januar wurden in Meitingen vier Hausbesitzer Opfer von Eier-Attacken:

Und irgendwie ja schon bemerkenswert: Um das Problem mit den Hass-Kommentaren in den Griff zu bekommen, hat der deutsche Justizminister in aller Eile ein neues Gesetz zusammenschrauben lassen. Aber was unternimmt er gegen die Egg-Storms? Die sind ja auch nicht gerade ungefährlich.

Hass-Kommentare haben jedenfalls noch keinen Auffahrunfall verursacht.

Und ein hartes Vorgehen gegen Eierwerfer wäre im Interesse großer gesellschaftlicher Gruppen:

Das Problem tritt in den Fußballstadien auf:

Und eigentlich ist es ein Wunder, dass aus der Wirtschaft noch niemand ein neues Gesetz gefordert hat. Denn die sind ja auch betroffen:

Aber vielleicht kommt das noch, und bald sehen wir den ersten Referenten-Entwurf der neuen Eier-Bewegungs-und-Beförderungs-Verordnung. Oder es gelingt sogar der, ähm, nun ja, ganz große Wurf: Ein bundesweites Eierhandels-Gesetz (EiHG), das in einem Unterparagraphen auch die von rohen Eiern ausgehenden Gefahren regelt.

Viel wäre da zwar nicht zu erwarten, denn Christian Schmidt versteht sich in seiner Bundeslandwirtschaftsminister-Rolle ja so ein bisschen auch als Sprecher der Agrar-Lobby. Andererseits ist er natürlich in der CSU, und Eier im öffentlichen Raum — das zeigt die Vergangenheit — gefährden die Sicherheit der Menschen.

Was also tun? Mehr Überwachung? Härtere Strafen? Rigorose Vorschriften, die nach dem Vorbild des Waffenscheins eine staatliche Erlaubnis zur Voraussetzung für das Mitführen von rohen Eiern machen?

Oder wäre das gar nicht möglich, weil der Eierwurf doch im Grunde ein Akt der freien Meinungsäußerung ist? Der letzte große Angriff auf dieses Grundrecht ist schließlich so krachend gescheitert, dass er heute immer noch mit einem Jahrestag gefeiert wird.

Man muss allerdings auch sagen: Der Eierwurf als solcher ist zwar eine wunderbar geradlinige Form der Meinungsbekundung, die keinerlei Zweifel daran lässt, wie die werfende zu der beworfenen Person steht. Als Argument geht die Tat aber nicht durch.

Und daran gibt es Kritik:

Sollten diese Kritiker sich durchsetzen, werden stark reglementierende gesetzliche Vorschriften immer wahrscheinlicher. Denkbar wäre zum Beispiel Folgendes.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner “Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus”. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das Beschädigen oder Zerstören von rohen Eiern außerhalb von Gebäuden könnte mit hohen Geld- oder Freiheitsstrafen belegt werden.

Was dann passieren würde, kennt man allerdings schon aus dem Straßenverkehr, wo Menschen wie Kriminelle behandelt werden, weil ihnen die Glühbirne vom Rücklicht durchgebrannt ist. Die Polizei würde sich vor Supermärkten postieren, und wenn dann einer alten Dame das Frühstücksei aus der Einkaufstasche fällt — Zugriff!

Oder der Handel mit rohen Eiern würde eben ganz verboten. Das Problem dann wäre allerdings, dass irgendwer die Eier vor dem Verkauf kochen müsste. Natürlich zum Mindestlohn. Das würde die Eierpreise sicher um zwei bis drei Cent in die Höhe treiben, was auf einem preisempfindlichen Markt wie diesem enorme Umsatzeinbußen zur Folge hätte. Das macht das Szenario sehr unwahrscheinlich.

Wie auch immer es ausgeht, eines steht fest: Irgendwas muss passieren, denn das Problem droht völlig außer Kontrolle zu geraten. Eierwerfer machen deutsche Städte unsicher:

Menschen leben in Angst und Schrecken:

Kulturelle Veranstaltungen müssen wegen der ständigen Bedrohung abgesagt werden:

Und um welche Dimensionen es hier geht, zeigt unter anderem dieses Bild:

Allerdings soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass gar nichts unternommen würde. Die Polizei erscheint in ihren Bemühungen zwar manchmal etwas hilflos …

… aber zwischendurch gelingt auch der ein oder andere Erfolg:

Dazu setzen die Behörden modernste Methoden ein:

Und fahnden großflächig nach Verdächtigen:

Nur oft stellt sich am Ende heraus: Das Problem ist einfach zu groß. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, in dem einfache Beamte nichts ausrichten können. Das ist ein Fall für Heiko Maas — oder den Verfassungsschutz:

Pro-Adblock, Fischer-Brief, Fernsehballett

1. Richter fordern Auskunft über anonyme Hetzer
(zeit.de)
Die geplante Strafverschärfung gegen Onlinedienste, die rechtswidrige Postings nicht löschen, stößt nun auch bei Richtern auf Kritik. Der Deutsche Richterbund wünscht sich eine Verpflichtung, die Namen anonymer Verfasser von Hasskommentaren an die Betroffenen herauszugeben. Der Geschäftsführer des Deutschen Richterbundes: “Es macht auf die Täter weitaus mehr Eindruck, wenn ihre Hasskommentare nicht nur gelöscht werden, sondern ihnen auch empfindliche Strafen oder Schadensersatzforderungen drohen.”

2. Interview über Adblocker und das Wohlergehen der Schadsoftware-Branche: „Das Problem Malvertising nicht aussitzen!“
(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Onlinewerbung kann genutzt werden, um Schadsoftware zu installieren (“Malvertising”). Das Ausblenden von Werbung mittels Adblocker kann daher als eine Art digitale Selbstverteidigung gesehen werden. Das ist jedenfalls die Meinung von IT-Sicherheitsberater Thorsten Schröder, der sich gegen ein Verbot von Adblockern ausspricht. Schröders Aufforderung an die Verlage: “Es ist höchste Zeit, die Sicherheitsauswirkungen eines gescheiterten Finanzierungskonzepts für Online-Nachrichtenportale zu diskutieren! Liebe Verlage, das Problem Malvertising wird nicht kleiner, und ihr könnt es nicht aussitzen!”

3. Er packt noch eins drauf
(taz.de, Simone Schmollack)
“taz”-Redakteurin Simone Schmollack hat sich mit Thomas Fischer (bekannter Richter und Autor der Kolumne “Fischer im Recht” bei “Zeit Online”) zum Interview getroffen. Nach einem einigermaßen harmonisch klingenden Treffen fährt sie nach Hause, bereitet die Inhalte für eine “taz”-Doppelseite vor und schickt sie der guten Ordnung halber an ihren Interviewpartner zwecks Autorisierung. Doch nun beginnen die Probleme… Schmollack verzichtet letzten Endes auf den Abdruck des Interviews und schreibt sich ihren Frust in einem offenen Brief an Fischer von der Seele. Thomas Fischer hat inzwischen bei “Meedia” geantwortet.

4. „Die eigentlichen Narben sind für die Kamera nicht sichtbar” (Teil I)
(Erik Marquart, Marko Risovic, Stefan Günther)
Wie soll man als Fotojournalist mit der Flüchtlingsthematik umgehen? Bei stetig steigender Nachfrage nach neuem Material, ökonomischem Druck und dem Wissen, dass mit den Bildern auch Politik gemacht wird? Ein serbischer und ein deutscher Fotograf reden darüber, warum der eine die Situation der Flüchtlinge in Belgrad in den letzten Wochen dokumentiert hat und der andere nicht.

5. Lechz! Würg! Stöhn!
(spiegel.de, Linus Volkmann)
Geschichte und Erfolg des amerikanischen Satireblatts “MAD” sind in Deutschland eng mit dem Namen Herbert Feuerstein verknüpft. Bei Ausgabe 32 stieg Feuerstein als Ein-Mann-Redaktion ein. Damals betrug die Auflage noch unter 8.000 Exemplaren, doch das sollte sich ändern: Zu den besten Zeiten in den Achtzigerjahren erreichte das Nonsenseblatt eine Verkaufsauflage von 300.000 Stück. Linus Volkmann zeichnet die Geschichte des Blatts voller Wahnsinn, Albernheiten und Rebellion nach und lässt ihren deutschen Mastermind Feuerstein zu Wort kommen.

6. Kuttner und Niggemeier: „Wir helfen dem Fernsehen“
(haz.de, Imre Grimm)
Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier starten einen Fernseh-Podcast: „Das kleine Fernsehballett“ ist ab sofort jeden Dienstag beim Musikstreamingdienst Deezer zu hören. Im Interview verraten die beiden, was es mit dem neuen Format auf sich hat, über welche Sendungen sie sich bevorzugt aufregen und wie sie sich kennengelernt haben (“Ich bin zu dem freundlicheren älteren Herrn gegangen und habe gefragt, ob ich seinen Hund streicheln darf”).

Satire-Sprachrohr, Vergoldete Kamera, Kimperator-Notizen

1. Erdogan bezeichnet Deniz Yücel als Terror-Helfer
(faz.net)
Die jüngsten Äußerungen des türkischen Präsidenten Erdogan über den inhaftierten “Welt”-Journalist Deniz Yücel lassen Schlimmes befürchten. Jedenfalls ist die Hoffnung auf eine baldige Freilassung Yücels erstmal in weite Ferne gerückt. Yücel sei ein Terror-Helfer und werde vor Gericht gestellt: „Gott sei Dank ist er festgenommen worden.“

2. Entschieden für die Kekse
(taz.de, Morgane Llanque)
Seit 2015 moderiert Trevor Noah die amerikanische “Daily Show”, eine erfolgreiche Satiresendung. Anlässlich des Erscheinens von Noahs Biographie erklärt “taz”-Autorin Morgane Llanque, warum die Sendung auch als eine Art Sprachrohr der Linken betrachtet werden kann: “Das Format ist das Vorbild der „heute-show“, doch die deutschen Komiker wie Oliver Welke oder auch Jan Böhmermann sind gegen die US-amerikanische Politsatire bloß leicht verdauliche Kopien. Die Originale sind nicht nur wesentlich scharfzüngiger und investigativer, sie beeinflussen auch in viel größerem Maße die politische Meinung der US-amerikanischen Linken. Fast mehr als die nicht satirischen Medien, sagen kritische Stimmen. Bei einer Befragung im Jahr 2010 gaben immerhin 10 Prozent der „Daily Show“-Zuschauer an, sie sähen die Sendung wegen der Nachrichten.”

3. Wenn das öffentliche Interesse schwerer wiegt
(faz.net, Reiner Burger)
Staatliche oder kommunale (bzw. teilstaatliche/teilkommunale) Unternehmen lassen Journalisten bei Rechercheanfragen gerne mal abblitzen und verweigern die Antwort. Damit ist nun Schluss wie der BGH in der Causa “Gelsenwasser” befand: „Dem vom Kläger verfolgten Informationsinteresse kommt ein größeres Gewicht als dem Interesse der Beklagten und der betroffenen Dienstleistungsunternehmen an der Geheimhaltung der Vertragskonditionen zu. Im Hinblick auf die sachgerechte Verwendung öffentlicher Mittel und die politischen Aktivitäten eines kommunal beherrschten Unternehmens besteht ein gewichtiges öffentliches Informationsinteresse.”

4. „Goldene Kamera“ ist Hamburg und dem ZDF einen Preis wert
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Nach der letzten Übertragung der Fremdschäm- und Peinlichkeitsgala “Die Goldene Kamera” (samt Ryan-Gosling-Prank) haben Sie gedacht, es könne nicht schlimmer werden? Dann lesen Sie, was Boris Rosenkranz herausgefunden hat: Die veranstaltende Funke-Mediengruppe kassiert von der Stadt Hamburg je ausgestrahlter Werbe-Revue 150.000 Euro, entnommen aus den Mitteln der Kulturtaxe.

5. Speed Watching ist das neue Binge Watching
(sueddeutsche.de, Julian Dörr)
Fernsehserien können regelrecht süchtig machen und so konsumieren manche Fans ihre Lieblingsserien per Bingewatching und schlingen ihre Serie gleich staffelweise herunter. Nun sollen sich Hardcore-Seriengucker in den USA auf “Speedwatching” verlegt haben und spielen die Videos zum Beispiel in der 1,25-fachen Geschwindigkeit ab. Julian Dörr merkt dazu kritisch an: “Serienschauen stand einmal für Entschleunigung, für die Verlangsamung des Alltags. Wider das neoliberale Effizienzdenken. Für die Ausschweifung und das Laissez-faire. Verschwende deine Zeit. Wer ewig lange Serien schaut, der ist nicht produktiv. Steckte in der Völlerei des “Binge Watching” noch der rebellische Akt der Maß-, Ziel- und Regellosigkeit, ist der “Speed Watcher” nichts anderes als ein systemkonformer Selbstoptimierer.”

6. Why is Kim Jong-un always surrounded by people taking notes?
(bbc.com, englisch)
Die nordkoreanische Nachrichtenagentur “KCNA” hat Dutzende von Fotos von Diktator Kim Jong-un an den unterschiedlichsten Orten herausgegeben, die allesamt etwas gemeinsam haben: Der Kimperator ist umgeben von Offiziellen und Generälen, die eifrig in ihre (identischen) Notizbücher schreiben. Wieso, weshalb, warum?

“tz” macht der sichersten Großstadt Deutschlands Angst

128.141 Straftaten hat die Polizei München im vergangenen Jahr registriert. Das seien zwölf Prozent weniger als ein Jahr zuvor, sagte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä gestern bei seiner Präsentation der neuesten Kriminalstatistik. München sei damit zum 41. Mal die sicherste Millionenstadt Deutschlands.

Die “Süddeutsche Zeitung” macht ihren München-Teil heute so auf:

Die Münchner Boulevardzeitung “tz” berichtet auf ihrer Titelseite heute ebenfalls über die neue Kriminalstatistik, setzt dabei aber einen etwas anderen Schwerpunkt:

Beide Schlagzeilen — mit ihrem jeweils gewählten Ausschnitt der Statistik — stimmen. Denn tatsächlich nimmt nicht in jedem Bereich die Zahl der Delikte ab. 2016 gab es in der Stadt und dem Landkreis München mehr Sexual- und Gewaltverbrechen und mehr Einbrüche als ein Jahr zuvor. Diesen Aspekt hat sich die “tz” für ihre Titelschlagzeile gegriffen.

Bei der “Süddeutsche Zeitung” gibt es diese Infos auch bereits in der Unterzeile:

Im Text jubelt die “SZ”-Redaktion nicht nur über die Sicherheitsspitzenposition in Deutschland. Sie schreibt auch, dass aus dem Zwölf-Prozent-Rückgang schnell ein Sechs-Prozent-Zuwachs im Vergleich zu 2015 wird, wenn man bei beiden Jahren die illegalen Einreisen von Asylbewerbern herausrechnet:

Jede illegale Einreise schlägt sich in der Statistik als Straftat nieder. Inzwischen kommen nur noch etwa fünf Asylbewerber pro Tag neu in der Stadt an, es waren mal Tausende.

Rechnet man die Einreiseverstöße heraus, landet man bei 110 399 Straftaten. Das sind zwar immerhin sechs Prozent mehr als im Vorjahr, im langjährigen Vergleich ist es aber dennoch ein guter Wert. 2007 waren es rund 121 000 Straftaten, 1997 sogar 125 000. Obwohl die Bevölkerungszahl seitdem stark zugenommen hat, ist die Zahl der Delikte kontinuierlich gesunken.

Diese differenzierte Betrachtung der Zahlen, für die auf einer Boulevard-Titelseite natürlich kein Platz ist, widerspricht dann doch der Angst-und-Panik-Schlagzeile der “tz”.

Gefunden bei @alex_ruehle.

Maaslos, T-Offline, Dschungelliebe

1. Auf Hass gezielt, die Meinungsfreiheit getroffen
(zeit.de, Patrick Beuth)
Der Gesetzentwurf von Justizminister Maas soll dafür sorgen, dass soziale Netzwerke rechtswidrige Inhalte schneller löschen. Doch der Entwurf stößt auf breite Kritik, nicht nur von Seiten der Industrie, sondern auch von Juristen und Bürgerrechtlern: Er sei verfassungs- und europarechtswidrig, würde eine Aufgabe der Politik auf die Privatwirtschaft abwälzen und gravierende Folgen für die Meinungsfreiheit haben. “Zeit”-Autor Patrick Beuth hat sich den 29-seitigen Entwurf vom Ministerium zusenden lassen und die wichtigsten Kritikpunkte zusammengefasst.

2. Das musst du wissen, um Fake News zu verstehen
(perspective-daily.de, Dirk Walbrühl)
“Perspective Daily” versteht sich als mitgliederfinanziertes Online-Medium für “konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus” und liefert pro Tag nur einen Beitrag aus. Aktuell beschäftigt sich der Autor Dirk Wahlbrühl mit dem Thema Fake News, welche Gründe dahinter stecken und was man dagegen tun kann. Er hat sich dazu zwei Gesprächspartner aus dem Medienbereich zu Hilfe geholt. Gelungen: Eine Grafik schlüsselt die unterschiedlichen Arten von Fake News auf.

3. 211 Medienschaffende im Bürgerkrieg getötet
(reporter-ohne-grenzen.de)
Syrien ist das weltweit gefährlichste Land für Journalisten: In den letzten sechs Jahren sind im Bürgerkrieg mindestens 211 Medienschaffende in direktem Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet worden. “Reporter ohne Grenzen” verlangt, dass Kriegsverbrechen an Journalisten in Syrien dem internationalen Strafgerichtshof vorgelegt werden. Bei den Vereinten Nationen wirbt die Organisation außerdem für die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten für die Sicherheit von Journalisten, um die diversen UN-Resolutionen gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Medienschaffenden endlich durchzusetzen.

4. Der schleichende Tod der T-Online-Redaktion
(hessenschau.de, Mark Weidenfeller)
Für das Online-Portal “T-Online” arbeiteten jahrelang über 100 Redakteure, doch nach dem Verkauf des Portals wird die Redaktion aufgelöst und in Berlin mit deutlich weniger Personal neu aufgebaut. Aus dem Mitarbeiterkreis stamme die Information, es würden gerade einmal eine Handvoll Kollegen nach Berlin wechseln… Mark Weidenfeller berichtet von den unwirklichen letzten Tagen in der Redaktion und dem langsamen Abschied.

5. F wie Frittieren statt Fasten
(taz.de, Carolina Schwarz)
Vier Absolventinnen der Henri-Nannen-Journalistenschule wollten ein Magazin machen, das sie selbst gerne lesen. “Gruner + Jahr” hat den Versuch gewagt und das “F Mag” mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren herausgebracht. Carolina Schwarz hat sich das Blatt angeschaut: “F Mag kann etwas Neues sein und eine Lücke auf dem Markt schließen, wenn sie über das Empowerment mutiger Frauen hinausgehen und selbst etwas Mut beweisen.”

6. Liebe zum Dschungel
(sueddeutsche.de, Kathrin Hollmer)
Die Trash-TV-Kolumnen von Anja Rützel sind legendär: Ihre Dschungelcamp-Abhandlungen auf “Spiegel Online” werden von einigen Lesern lieber konsumiert als die Sendung selbst. Nun erscheint von ihr bei Reclam die 100-seitige Fibel “Trash-TV”.

Der “Wochenblick” sieht exklusiv den “Volks-Austausch in Deutschland”

Der “Wochenblick” hat mal wieder was rausgefunden. Es gebe “ein geheimes Papier der deutschen Bundesregierung”, berichtet die wöchentlich erscheinende Zeitung aus Oberösterreich, “welches die Masseneinwanderung nach Deutschland feiert.” Die Redaktion zitiert anonyme “Kritiker”, die sagen sollen, “dass dieses Strategiepapier ‘den Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren’ würde”. Schlagzeile bei wochenblick.at:

Diese Infos hat das “Wochenblick”-Team aus “britischen Medien”, genauer: aus einem Artikel von express.co.uk vom 11. Februar, denn:

Man muss es heute schon aus britischen Medien erfahren

“Die Medien hierzulande” hätten schließlich noch gar nicht …

Die Medien hierzulande haben noch gar nicht über das Strategiepapier berichtet, welches Anfang Februar zur internen Verwendung verbreitet worden sein dürfte. Im Dokument heißt es gar wörtlich: “Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.”

Was haben wir hier also? “Ein geheimes Papier” der Bundesregierung, das den “‘Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren'” soll, und alle deutschsprachigen Medien würden mal wieder beim Schweigekartell mitmachen.

So viel schon mal jetzt: Das ist gleich mehrfacher Blödsinn.

Dennoch — oder gerade deswegen — drehte der “Wochenblick”-Artikel in den vergangenen Tagen eine ordentliche Online-Runde: Die rechten Blogger von “Politically Incorrect” übernahmen die Geschichte eins zu eins, allein auf der Facebook-Seite des “Wochenblicks” wurde der Text über 1600 Mal geteilt:

Viele Anti-Asyl-Gegen-Merkel-Hier-kein-Flüchtlingsheim-Seiten verbreiteten den Beitrag ebenfalls bei Facebook:








Den “Wochenblick” gibt es noch gar nicht so lange, vor knapp einem Jahr wurde die Zeitung gegründet. Seitdem hat die Redaktion, die “Berichterstattung ohne Scheuklappen” verspricht, es aber locker geschafft, richtig Mist zu bauen. Sie war zum Beispiel eine der treibenden Kräfte bei der Verbreitung über Falschmeldungen zur Silvesternacht in Dortmund.

Beim aktuellen Artikel über die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung sind gleich mehrere Punkte falsch. So handelt es sich ganz gewiss nicht um “ein geheimes Papier”, auch wenn die “Wochenblick”-Redaktion sich große Mühe gibt, ihrer Geschichte Exklusivität zu verleihen:

Die sogenannte “Demografiebilanz” des Bundesinnenministeriums, auf die sich der “Wochenblick” bezieht, ist seit Februar für jeden im Internet abrufbar (PDF). Darin auch der zitierte Satz: “Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.”

Der Vorwurf, dass die Medien in Deutschland und/oder Österreich “gar nicht über das Strategiepapier berichtet” hätten, den ja auch einige Facebook-Seiten übernommen haben, ist Lüge Nummer zwei. Sie haben über die “Demografiebilanz” berichtet. Viele sogar. “RP Online” zum Beispiel:

Welt.de:

n-tv.de:

Die “Huffington Post”:

Oder die “B.Z.”:

Und alle bereits am 1. Februar. Der “Wochenblick” liegt mit seinem Artikel also nicht nur doppelt daneben, sondern ist mit seinem Märchen auch ziemlich spät dran.

Mit Dank an Christoph für den Hinweis!

Klima-Demagogie, Trampelwerbung, Trumps Steuererklärung

1. Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie
(klima-luegendetektor.de)
Einige kennen den Publizist Michael Miersch als einen der Mitgründer der “Achse des Guten”, der seit vielen Jahren hingebungsvoll Öko-Bashing betreibt. Vor mittlerweile knapp zwei Jahrzehnten erschien Mierschs “Lexikon der Öko-Irrtümer”, das er zusammen mit dem anderen Achse-des-Guten-Mitgründer Dirk Maxeiner verfasste. Ein Buch, über das die “Zeit” seinerzeit schrieb, es entlarve “Öko-Irrtümer”, die gar keine seien. Nun hat Miersch “Bild” ein Interview zur “Klima-Hysterie” gegeben, wie er sie bezeichnet. Die Fachleute vom “Klima-Lügendetektor” haben sich drei Passagen vorgenommen und auf ihre Wahrheit hin überprüft. Ohne spoilern zu wollen: All zu viel blieb nicht übrig …

2. Mädels, aufgepasst: Die „Brigitte“ will ALLES haben!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In fremdschämverdächtiger Tonlage bejubelt die “Brigitte” Produkte aus dem “Aldi”- und “Tchibo”-Waren-Imperium. Stefan Niggemeier hat bei der “Brigitte” nachgefragt, was die mal im Plauderton und mal hysterisch aufgeregt daherkommenden Werbetexte kosten würden. Die Pressestelle hat geantwortet und in geschraubten und salbungsvollen Worten erklärt, dass die penetrante TrampelSchleichwerbung Teil des redaktionellen Auftrags der “Brigitte” und somit ein Dienst an den Leserinnen sei.

3. Hacker schmähen Deutschland und die Niederlande auf Twitter
(zeit.de)
Hacker haben sich Zugang zu zahlreichen prominenten Twitter-Profilen (Unicef, Amnesty International, ProSieben, Borussia Dortmund etc.) verschafft und in deren Namen politische Schmähungen gegen Deutschland und die Niederlande verbreitet. In den Tweets fanden sich die Hashtags #Nazialmanya und #Nazihollanda sowie Hakenkreuz-Symbole. Die Angriffe erfolgten über den Twitter-Analysedienst “TwitterCounter”, der den Vorgang untersuchen will und momentan nicht erreichbar ist.

4. Der Journalist, der Trumps Steuererklärung im Briefkasten hatte
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
Einem amerikanischen Reporter wurde die Steuererklärung von Donald Trump aus dem Jahr 2005 zugespielt. Dank seines Auftritts bei “MSNBC” wussten einen halben Tag später Millionen von Zuschauern über die grobe Einkommenslage des Präsidenten Bescheid. Donald Trump wütete auf Twitter von einem “Reporter, von dem noch nie irgendjemand gehört hat”. David Cay Johnston ist jedoch nicht der unbekannte Reporter, als den ihn Trump hinstellt, sondern ein renommierter Investigativjournalist. Kathleen Hildebrand stellt Johnston in einem Porträt vor und zeichnet seine Reporterkarriere nach.

5. 99 posen online, der 100. ermordet jemanden
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo beschäftigt sich mit den Verrohungstendenzen im Internet bzw. den als solche wahrgenommenen. Eines seiner Beispiele sind die Poserbilder von Gewalttätern: “Es handelt sich meiner Einschätzung nach um eine fehlgeleitete Form digitaler Männlichkeitsbeweise, eine Mischung aus Netzmutprobe, dem Kampf gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe und einem Rollenspiel der Provokation. Bloß, dass nicht nur die Clique zuschaut, sondern potenziell die ganze Welt, was anstachelnd wirken kann.” Der Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums zur Eindämmung von Hate Speech hält er für gut gemeint, aber dumm. Lobos Schlussworte: “Verrohung war immer, und wir führen einen immerwährenden, aber inzwischen nicht unerfolgreichen Kampf dagegen. Er heißt Zivilisierung. Davon brauchen wir jetzt die Digitalausgabe.”

6. When the Children Crashed Dad’s BBC Interview: The Family Speaks
(wsj.com, Alastair Gale, Video, 1:58 Minuten)
Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das BBC-Interview mit dem Asienexperten Robert Kelly gesehen. Mitten in die Liveschalte hinein platzten seine beiden kleinen Kleinkinder. Kelly hatte vergessen, das Arbeitszimmer abzuschließen. Das Video des Überraschungsbesuchs ging in der Folge viral. Nun hat das “Wall Street Journal” die komplette Familie vor die Kamera geholt.

Kalter Kaffee & paste

In der “Bild”-Zeitung von heute findet man eine ganze Seite über die Türkei und Präsident Recep Tayyip Erdogan:

Einer der sieben Artikel fragt “WER IST WER IM ERDOCLAN?” und gibt ein paar kurze Informationen über Erdogans Ehefrau, seine Kinder und Vertraute. Bei Bild.de ist der Text in einer ausführlicheren Version erschienen. Auch dort die Frage:

Wer gehört zu seinem engsten Kreis? BILD erklärt den Erdogan-Clan

Ein Abschnitt befasst sich mit der ältesten Tochter des türkischen Präsidenten, Esra Erdogan, und ihrem Ehemann Berat Albayrak:

Esra Erdogan (35) und Berat Albayrak (39)

Ein enger Vertrauter Erdogans ist sein Schwiegersohn und gleichzeitig Energieminister.

Albayrak ist seit 2004 mit der ältesten Erdogan-Tochter Esra verheiratet, gilt als glühender Verehrer seines Schwiegervaters.

Esra Erdogan sitzt neben ihrem Bruder Necmettin Bilal Erdogan im Vorstand der dubiosen Türgev-Stiftung. Ihr Mann könnte nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.

Nun ist Ahmet Davutoglu schon längst als Ministerpräsident der Türkei zurückgetreten, seit dem 22. Mai 2016 ist er nicht mehr im Amt. Sein Nachfolger steht seit dem gleichen Tag fest: Binali Yildirim. Berat Albayrak, der Ehemann von Esra Erdogan, kann also gar nicht mehr “nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.”

Der Fehler von Bild.de ist ziemlich einfach zu erklären: Faulheit. Das Portal veröffentlichte am 7. Mai vergangenen Jahres bereits einen Artikel mit der Überschrift “Erdogans schillernder Clan”. Darin diese Passage über Esra Erdogan und Berat Albayrak:

Sie sitzt neben ihrem Bruder im Vorstand der dubiosen Türgev-Stiftung.

Ihr Mann könnte nach dem Davutoglu-Rücktritt neuer türkischer Ministerpräsident werden.

Die Bild.de-Kopierer haben ganze Absätze aus dem alten Artikel übernommen, sie teilweise neu zusammengesetzt, dabei aber nicht überprüft, ob die Informationen noch aktuell sind.

Mit Dank an Savas D. für den Hinweis!

WDR  

WDR verbreitet wilde Wilders-Verschwörung

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Zum Beispiel die Hetze gegen den Islam und die Hassparolen, die der niederländische Politiker bei seinen Auftritten immer wieder verbreitet. Er will den Koran verbieten, Moscheen schließen, früher wollte Wilders auch mal eine Steuer auf Kopftücher einführen. Dennoch könnte der Rechtspopulist mit seiner “Partei für die Freiheit” (PVV) bei der heutigen Parlamentswahl stärkste Kraft in den Niederlanden werden (auch wenn die PVV, aufgrund der zersplitterten Parteienlandschaft des Landes, dabei vermutlich nicht mal 20 Prozent der Stimmen bekommen wird).

Anlässlich der Wahl im Nachbarland hat der WDR vor einer Woche die Dokumentation “Holland in Not — Wer ist Geert Wilders?”* gezeigt:

Der 44-minütige Film ist zum größten Teil schon einige Jahre alt, er basiert auf einem längeren BBC-Beitrag von 2011. Vereinzelt sind neu gedrehte Passagen dazwischen geschnitten, nur selten wird so richtig klar, welche Aufnahmen nun aktuell sind und welche nicht.

Obwohl die meisten Szenen bereits einige Jahre alt sind, ist die Dokumentation über weite Strecken ganz interessant. Reporter Joost van der Valk spricht mit Wilders-Anhängern, begleitet sie beim PVV-Flyer-Verteilen, folgt dem Politiker zu Wahlkampfveranstaltungen.

Im letzten Drittel des Films gibt es allerdings neun Minuten (ab Minute 29:21) zu sehen, die ausgesprochen seltsam und problematisch sind: Auf einmal geht es nicht mehr um Geert Wilders’ politische Forderungen oder seine Auftritte. Der Beitrag beleuchtet plötzlich Wilders’ Verbindungen zum Judentum, zu jüdischen Geldgebern und zu Israel. Van der Valk und der WDR setzen verschiedene Versatzstücke so zusammen, dass der Zuschauer am Ende die vermeintliche Enthüllung sehen könnte: Geert Wilders’ Kampf gegen den Islam sei eigentlich der Kampf Israels gegen den Islam. Hinter Wilders Islam-Hetze steckten die Juden.

Aus allen möglichen Ecken schnappt sich der Film Hinweise auf angebliche oder tatsächliche Verbindungen: Wilders’ Großmutter sei Jüdin gewesen, seine Frau sei Jüdin, er selbst habe häufig das israelische Konsulat in Den Haag besucht. Außerdem habe Wilders, der eindeutiger Israel-Unterstützer ist, als junger Mann ein Jahr in dem Land gelebt. Joost van der Valk reist sogar dorthin, um nach Spuren und Verbindungsleuten von Geert Wilders zu suchen.

In den Niederlanden spricht der Reporter mit einem Anhänger der “Jewish Task Force”, einer extremen kahanistischen Organisation, der bekennender Wilders-Wähler ist:

Außerdem besucht van der Valk Chaim Ben Pesach in den USA, der auch Victor Vancier heißt und Gründer der “Jewish Task Force” ist:

Chaim Ben Pesach saß mehrere Jahre im Gefängnis, weil er an 18 Sprengstoffanschlägen beteiligt war. Das war seine Art des Protests gegen den Umgang der Sowjetunion mit Juden. Diese Haftstrafen erwähnt auch der WDR-Beitrag. Und es wird schnell klar, dass dieser Terrorist Geert Wilders ebenfalls bewundert. Der Subtext dabei: Wenn selbst diese zwei jüdischen Extremisten Wilders toll finden, dann muss doch auch der niederländische Politiker jüdischer Extremist sein — als wäre es möglich, sich all seine Anhänger auszusuchen.

Dazu kommen zwei Unterstützer, die Wilders finanziell geholfen haben und die der WDR-Beitrag nun als eine Art Beleg für die Verbindung des niederländischen Politikers zu jüdischen Geldgebern in den Raum wirft: Daniel Pipes übernahm mit seinem “Middle East Forum” Kosten in sechsstelliger Höhe, die bei einem Prozess gegen Wilders angefallen waren. Mit dem “David Horowitz Freedom Center” gebe es “einen weiteren großen amerikanischen Sponsor”. Horowitz stammt genauso wie Pipes aus einer jüdischen Familie.

Der dämlichste Aspekt zur Verbindung von Geert Wilders nach Israel, der in der WDR-Dokumentation genannt wird, ist dieser hier:

Wenn man Geert Wilders und Israel im Internet sucht, ergibt das über eine halbe Million Einträge.

Wenn man WDR und Fake News bei Google sucht, ergibt das 370.000 Einträge, was genauso wenig aussagt wie das Suchergebnis im WDR-Beitrag. Dort wird es aber als weiteres Indiz genannt, dass irgendwie irgendwas zwischen Geert Wilders und Israel laufen könnte.

Und auch die Auswahl der Bilder für den Beitrag unterstützt den Eindruck möglicher Seilschaften. Bei der Überleitung zu den Finanziers aus den USA ist ein religiöser Jude auf New Yorks Straßen zu sehen:

Es wird ein altes Foto von Geert Wilders ausgegraben, das ihn mit Kippa vor der Klagemauer zeigt:

Sein Gesicht wird vor eine israelische Flagge montiert:

All die Punkte, die in den neun Minuten der WDR-Dokumentation vorkommen, sind mehr oder weniger starke Indizien, die auch in klassische Verschwörungstheorien zur jüdischen Weltherrschaft passen könnten. Klischees werden bedient. Es fehlt eigentlich nur noch die Andeutung einer Verbindung zur Familie Rothschild.

An keiner Stelle behauptet der Beitrag konkret, dass Geert Wilders in irgendeinem Auftrag oder als Marionette handele. Dem Zuschauer wird alles immer nur als interessante Information präsentiert, über die man sich ja mal Gedanken machen könnte. Das Zusammenführen der einzelnen Puzzleteile überlässt Joost van der Valk dem muslimischen Prediger Scheich Khalid Yasin. Im WDR-Beitrag wird Khalid Yasin als “muslimischer Lehrer” eingeführt, der bei jungen Muslimen extrem beliebt sei und sich gegen radikale Ideen einsetze. Dabei fällt er tatsächlich immer wieder mit hasserfüllten Aussagen auf, gegen Nichtgläubige, gegen Andersgläubige, gegen Homosexuelle. Nachdem die BBC den Beitrag im Februar 2011 gezeigt hatte, gab es eine Beschwerde, in der es auch um die Rolle von Khalid Yasin ging:

Complaint
A viewer complained that the programme was biased against Geert Wilders, inaccurately portrayed him as guilty of wrongdoing, and misleadingly portrayed Sheikh Khalid Yasin as someone engaged in de-radicalising youth whereas he is known to hold and preach extreme views.

Outcome
The programme was neither biased nor inaccurate in relation to Geert Wilders, but did give the misleading impression that Sheikh Khalid Yasin was a man of moderate views.
Partly upheld

Als Konsequenz beschloss der Sender:

the programme will not be re-broadcast without appropriate editing.

Dieses “appropriate editing” hat sich der WDR offenbar geschenkt. In der Doku vom vergangenen Mittwoch darf Khalid Yasin über Wilders und den “modernen Zionismus” sagen:

“Ich glaube, er hat die Idee des modernen Zionismus begriffen und angenommen. Er benutzt den modernen Zionismus, um die gleichen Ansichten über Muslime und über den Koran zu verbreiten, die sich die Juden in Israel nicht trauen zu sagen. Aber Herr Wilders kann ihnen einen Gefallen tun. Er kann außerhalb Israels die Palästinenser so charakterisieren, wie es die Zionisten tun, um ihre Macht zu rechtfertigen. Herr Wilders kann den Islam auf die gleiche Weise beschreiben.”

Es gibt gute Gründe, gegen Geert Wilders zu sein. Die Vermutung, dass eine jüdische Verschwörung hinter seinen Parolen stecken könnte, gehört nicht dazu.

Mit Dank an @bjoernstritzel für den Hinweis!

Nachtrag, 19:06 Uhr: Der WDR hat inzwischen bei Twitter auf eine kritische Nachfrage von @hanvoi reagiert:

*Nachtrag, 16. März: Obwohl der WDR gestern noch schrieb, dass der Film “grundsätzlich nicht zu beanstanden” sei (siehe Nachtrag weiter oben), hat der Sender ihn aus der Mediathek genommen:

Hinweis
Der Film ist derzeit aus redaktionellen Gründen nicht abrufbar.

Nachtrag, 17. März: Gestern Abend äußerte sich die WDR-Presseabteilung bei Twitter erneut zu dem Fall:

Die WDR-Dokumentation über Geert Wilders ist inzwischen also wieder online, allerdings knapp vier Minuten kürzer als noch vor zwei Tagen. Die Aussagen des Hass-Predigers Khalid Yasin wurden komplett rausgeschnitten. Außerdem hat der Sender einen Hinweis hinzugefügt, der in weiten Teilen dem Tweet von gestern ähnelt:

Hate-Speech-Gesetz, Fake-News-König, ClaimChecker

1. Analyse: So gefährlich ist das neue Hate-Speech-Gesetz für die Meinungsfreiheit
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Justizminister Heiko Maas hat einen Gesetzenwurf gegen Hate Speech und Fake News vorgestellt (“Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung
in sozialen Netzwerken”). Experten kritisieren das Vorhaben. Markus Reuter fasst auf “Netzpolitik.org” zusammen: “Würde der Entwurf Gesetz werden, macht man die betroffenen Netzwerke ohne vorhergehende richterliche Überprüfung zu Ermittler, Richter und Henker über die Meinungsfreiheit.” Des Weiteren zitiert Reuter aus einer Stellungnahme der “Digitalen Gesellschaft”, welche die Meinungsfreiheit in Gefahr sieht: “Da eine vorherige gerichtliche Kontrolle nicht vorgesehen ist, müssen die Anbieter selbst entscheiden, ob diese Verpflichtung im Einzelfall greift oder nicht. In Anbetracht der hohen Bußgeldandrohungen bei Verstößen dürfte dies zu einer höchst proaktiven Löschpraxis der Anbieter führen, die im Zweifel stets zu Lasten der Meinungsfreiheit gehen wird.”

2. Der Fake-News-König bereut sein Tun
(spiegel.de, Fabian Reinbold)
Jahrelang hat der Amerikaner Jestin Coler das Internet mit Falschnachrichten geflutet, die sich viral verbreiteten. Die von ihm gebastelte Fake-Seite “Denver Guardian” wurde bis zur amerikanischen Wahl 500.000 Mal geteilt und kommentiert. Auf der aktuell stattfindenden Tech-Konferenz “South by Southwest” gibt sich Coler geläutert, doch “Spiegel”-Reporter Fabian Reinhold ist skeptisch.

3. Fake News und Wahlen: Danke, Donald Trump!
(blmplus.de, Stephan Weichert)
Der Blog der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien hat den Journalismus-Professor Stephan Weichert gefragt, wie Fake News Wahlen beeinflussen und was sie für den Journalismus bedeuten. Donald Trump sei ein Desaster für den Journalismus und werde ihm dennoch nutzen: Die Relevanz qualifizierter Berichterstattung werde erhöht und es komme zu einem Glaubwürdigkeitsverlust von Populisten. Außerdem hätte Trump viele Journalisten zu Aktivisten gemacht und damit eine Repolitisierung unter Intellektuellen, Medienschaffenden und Kreativen bewirkt.

4. Sparen am falschen Ende
(djv.de, Anna-Maria Wagner)
Das ZDF will im Zuge seines Sparprogramms das fast 30 Jahre alte Traditionsmagazin „ML mona lisa“ einstellen. Die Referentin für Digitale Kommunikation beim “Deutschen Journalisten-Verband” Anna-Maria Wagner kritisiert die Entscheidung. Selbst wenn die Sendung in der bisherigen Form nicht mehr den Zeitgeist treffe, gäbe es einen wachsenden Markt für anspruchsvolle Frauen-Formate: “Der Erfolg neuer, feministisch geprägter Medienangebote zeigt aber, wie antiquiert die Begründung des ZDF-Intendanten ist, ein frauenspezifisches Format als solches sei überholt. Das Gegenteil ist richtig.”

5. “Darüber berichten die Medien nicht!” Wirklich nicht?
(deutschlandfunk.de)
Ob AfD, Pegida, Lügenpresse-Rufer oder Verschwörungstheoretiker: Immer wieder wird unterstellt, dass bestimmte Themen von den Medien totgeschwiegen werden würden. Doch stimmt das? Für eine schnelle Überprüfung haben der Journalist Marc Krüger und der Internetentwickler Rolf-Thomas Langer den “Claim Checker” ins Leben gerufen: Eine Google-Suchmaske, die es einfacher macht, gezielt bei GoogleNews auf bestimmten Medienseiten nach einem Thema zu suchen. Der “Claim Checker” soll in Zukunft noch ausgebaut werden, die Entwickler freuen sich über Ideen, Kritik und Anregungen dazu.

6. Ryan Gosling Impersonators Have Been Fooling Conan For Years
(youtube.com, Video, 2:54 Minuten)
Der Ryan-Gosling-Prank während der “Goldenen Kamera” hat sich bis nach Amerika rumgesprochen. Nun behauptet der US-amerikanische Talkshow-Moderator Conan O’Brien, ebenfalls Opfer von Gosling-Doppelgängern geworden zu sein.

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