Archiv für März 16th, 2017

Der „Wochenblick“ sieht exklusiv den „Volks-Austausch in Deutschland“

Der „Wochenblick“ hat mal wieder was rausgefunden. Es gebe „ein geheimes Papier der deutschen Bundesregierung“, berichtet die wöchentlich erscheinende Zeitung aus Oberösterreich, „welches die Masseneinwanderung nach Deutschland feiert.“ Die Redaktion zitiert anonyme „Kritiker“, die sagen sollen, „dass dieses Strategiepapier ‚den Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren‘ würde“. Schlagzeile bei wochenblick.at:

Diese Infos hat das „Wochenblick“-Team aus „britischen Medien“, genauer: aus einem Artikel von express.co.uk vom 11. Februar, denn:

Man muss es heute schon aus britischen Medien erfahren

„Die Medien hierzulande“ hätten schließlich noch gar nicht …

Die Medien hierzulande haben noch gar nicht über das Strategiepapier berichtet, welches Anfang Februar zur internen Verwendung verbreitet worden sein dürfte. Im Dokument heißt es gar wörtlich: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Was haben wir hier also? „Ein geheimes Papier“ der Bundesregierung, das den „‚Volks-Austausch in Deutschland dokumentieren'“ soll, und alle deutschsprachigen Medien würden mal wieder beim Schweigekartell mitmachen.

So viel schon mal jetzt: Das ist gleich mehrfacher Blödsinn.

Dennoch — oder gerade deswegen — drehte der „Wochenblick“-Artikel in den vergangenen Tagen eine ordentliche Online-Runde: Die rechten Blogger von „Politically Incorrect“ übernahmen die Geschichte eins zu eins, allein auf der Facebook-Seite des „Wochenblicks“ wurde der Text über 1600 Mal geteilt:

Viele Anti-Asyl-Gegen-Merkel-Hier-kein-Flüchtlingsheim-Seiten verbreiteten den Beitrag ebenfalls bei Facebook:








Den „Wochenblick“ gibt es noch gar nicht so lange, vor knapp einem Jahr wurde die Zeitung gegründet. Seitdem hat die Redaktion, die „Berichterstattung ohne Scheuklappen“ verspricht, es aber locker geschafft, richtig Mist zu bauen. Sie war zum Beispiel eine der treibenden Kräfte bei der Verbreitung über Falschmeldungen zur Silvesternacht in Dortmund.

Beim aktuellen Artikel über die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung sind gleich mehrere Punkte falsch. So handelt es sich ganz gewiss nicht um „ein geheimes Papier“, auch wenn die „Wochenblick“-Redaktion sich große Mühe gibt, ihrer Geschichte Exklusivität zu verleihen:

Die sogenannte „Demografiebilanz“ des Bundesinnenministeriums, auf die sich der „Wochenblick“ bezieht, ist seit Februar für jeden im Internet abrufbar (PDF). Darin auch der zitierte Satz: „Aus bevölkerungswissenschaftlicher Sicht erscheint auch eine höhere dauerhafte Zuwanderung von 300 000 möglich.“

Der Vorwurf, dass die Medien in Deutschland und/oder Österreich „gar nicht über das Strategiepapier berichtet“ hätten, den ja auch einige Facebook-Seiten übernommen haben, ist Lüge Nummer zwei. Sie haben über die „Demografiebilanz“ berichtet. Viele sogar. „RP Online“ zum Beispiel:

Welt.de:

n-tv.de:

Die „Huffington Post“:

Oder die „B.Z.“:

Und alle bereits am 1. Februar. Der „Wochenblick“ liegt mit seinem Artikel also nicht nur doppelt daneben, sondern ist mit seinem Märchen auch ziemlich spät dran.

Mit Dank an Christoph für den Hinweis!

Klima-Demagogie, Trampelwerbung, Familienzusammenführung

1. Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie
(klima-luegendetektor.de)
Einige kennen den Publizist Michael Miersch als einen der Mitgründer der „Achse des Guten“, der seit vielen Jahren hingebungsvoll Öko-Bashing betreibt. Vor mittlerweile knapp zwei Jahrzehnten erschien Mierschs „Lexikon der Öko-Irrtümer“, das er zusammen mit dem anderen Achse-des-Guten-Mitgründer Dirk Maxeiner verfasste. Ein Buch, über das die „Zeit“ seinerzeit schrieb, es entlarve „Öko-Irrtümer“, die gar keine seien. Nun hat Miersch „Bild“ ein Interview zur „Klima-Hysterie“ gegeben, wie er sie bezeichnet. Die Fachleute vom „Klima-Lügendetektor“ haben sich drei Passagen vorgenommen und auf ihre Wahrheit hin überprüft. Ohne spoilern zu wollen: All zu viel blieb nicht übrig …

2. Mädels, aufgepasst: Die „Brigitte“ will ALLES haben!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
In fremdschämverdächtiger Tonlage bejubelt die „Brigitte“ Produkte aus dem „Aldi“- und „Tchibo“-Waren-Imperium. Stefan Niggemeier hat bei der „Brigitte“ nachgefragt, was die mal im Plauderton und mal hysterisch aufgeregt daherkommenden Werbetexte kosten würden. Die Pressestelle hat geantwortet und in geschraubten und salbungsvollen Worten erklärt, dass die penetrante TrampelSchleichwerbung Teil des redaktionellen Auftrags der „Brigitte“ und somit ein Dienst an den Leserinnen sei.

3. Hacker schmähen Deutschland und die Niederlande auf Twitter
(zeit.de)
Hacker haben sich Zugang zu zahlreichen prominenten Twitter-Profilen (Unicef, Amnesty International, ProSieben, Borussia Dortmund etc.) verschafft und in deren Namen politische Schmähungen gegen Deutschland und die Niederlande verbreitet. In den Tweets fanden sich die Hashtags #Nazialmanya und #Nazihollanda sowie Hakenkreuz-Symbole. Die Angriffe erfolgten über den Twitter-Analysedienst „TwitterCounter“, der den Vorgang untersuchen will und momentan nicht erreichbar ist.

4. Der Journalist, der Trumps Steuererklärung im Briefkasten hatte
(sueddeutsche.de, Kathleen Hildebrand)
Einem amerikanischen Reporter wurde die Steuererklärung von Donald Trump aus dem Jahr 2005 zugespielt. Dank seines Auftritts bei „MSNBC“ wussten einen halben Tag später Millionen von Zuschauern über die grobe Einkommenslage des Präsidenten Bescheid. Donald Trump wütete auf Twitter von einem „Reporter, von dem noch nie irgendjemand gehört hat“. David Cay Johnston ist jedoch nicht der unbekannte Reporter, als den ihn Trump hinstellt, sondern ein renommierter Investigativjournalist. Kathleen Hildebrand stellt Johnston in einem Porträt vor und zeichnet seine Reporterkarriere nach.

5. 99 posen online, der 100. ermordet jemanden
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Sascha Lobo beschäftigt sich mit den Verrohungstendenzen im Internet bzw. den als solche wahrgenommenen. Eines seiner Beispiele sind die Poserbilder von Gewalttätern: „Es handelt sich meiner Einschätzung nach um eine fehlgeleitete Form digitaler Männlichkeitsbeweise, eine Mischung aus Netzmutprobe, dem Kampf gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe und einem Rollenspiel der Provokation. Bloß, dass nicht nur die Clique zuschaut, sondern potenziell die ganze Welt, was anstachelnd wirken kann.“ Der Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums zur Eindämmung von Hate Speech hält er für gut gemeint, aber dumm. Lobos Schlussworte: „Verrohung war immer, und wir führen einen immerwährenden, aber inzwischen nicht unerfolgreichen Kampf dagegen. Er heißt Zivilisierung. Davon brauchen wir jetzt die Digitalausgabe.“

6. When the Children Crashed Dad’s BBC Interview: The Family Speaks
(wsj.com, Alastair Gale, Video, 1:58 Minuten)
Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen das BBC-Interview mit dem Asienexperten Robert Kelly gesehen. Mitten in die Liveschalte hinein platzten seine beiden kleinen Kleinkinder. Kelly hatte vergessen, das Arbeitszimmer abzuschließen. Das Video des Überraschungsbesuchs ging in der Folge viral. Nun hat das „Wall Street Journal“ die komplette Familie vor die Kamera geholt.