Archiv für März 13th, 2017

Nix gemerkt

Norbert Körzdörfer hat neulich den Film „Moonlight“ gesehen, und der hat ihm wohl ziemlich gut gefallen. Für seine Kritik „Körzdörfers Kino-Abenteuer“ vom vergangenen Donnerstag wählte der „Bild“-Autor sogar den Supersuperlativ:

Und das bereits im März.

Am Ende seines Textes wirkt Körzdörfer ziemlich überrascht. Da sitzt man fast zwei Stunden im Kino, hat das Gefühl, einen richtig guten Film zu sehen. Und plötzlich fällt einem auf: Da spielen ja „nur schwarze Schauspieler“ mit! Körzdörfer schreibt in seiner Beurteilung:

Man merkt nicht, dass nur schwarze Schauspieler mitspielen.

Dass man das nicht merke, soll an einer „empfindsamen Seele“ liegen:

Eine empfindsame Seele ist farbenblind.

Die „empfindsame Seele“ Körzdörfer ist so „farbenblind“, dass er auf den etwas mehr als 40 Zeilen lediglich viermal erwähnt, dass die „Moonlight“-Schauspieler Schwarze sind:

Im Licht des Mondes („Moonlight“) wirken Schwarze am Meer blau.

Wir begleiten in diesem leisen, traurigen und gleichzeitig schönen Film. Ein schwarzes Ghetto-Kind mit drogensüchtiger Mutter (007-Star Naomie Harris, 40).

Im Kino wird man zum kleinen, schwarzen Jungen, der doch nur glücklich werden will.

Und eben das bereits zitierte Artikel-Ende mit der Erkenntnis, dass man gar nicht merke, dass in „Moonlight“ „nur schwarze Schauspieler mitspielen.“

Wahrscheinlich ist Körzdörfers Satz gar nicht so übel gemeint, wie man ihn verstehen kann. Aber er lässt eben sehr viel Raum für mindestens zwei Interpretationen: Die erste klingt nach dem alten weißen Mann, der ganz verblüfft ist, was die Schwarzen bei „Moonlight“ doch so alleine hinbekommen haben. Wie konnte es denn passieren, dass ein Film so gut wird, obwohl da „nur schwarze Schauspieler mitspielen“? Das merkt man gar nicht.

Interpretation Nummer zwei zielt nicht auf die Quantität schwarzer Schauspieler, sondern auf ihre Qualität: Ach, da sind ja bloß schwarze Schauspieler dabei.

Offenbar hat auch bei Bild.de irgendjemand gemerkt, dass Körzdörfers Aussage mindestens merkwürdig ist. In der Onlineversion hat sich seine Kinokritik inzwischen leicht verändert — aus „nur“ wurde „ausschließlich“:

Man merkt nicht, dass ausschließlich schwarze Schauspieler mitspielen.

Immerhin: Interpretation Nummer zwei ist damit nicht mehr möglich.

Mit Dank an Simone M. für den Hinweis!

Babykatzengate, Fusselnabelschau, BILDverschwörer

1. ROG entsperrt blockierte Webseiten
(reporter-ohne-grenzen.de)
Am gestrigen Welttag gegen Internetzensur hat „Reporter ohne Grenzen“ fünf zensierte Webseiten in Aserbaidschan, Katar, Saudi-Arabien, der Türkei und Turkmenistan entsperrt. Um die zensierten Seiten zugänglich zu machen, wurden die Webseiten gespiegelt und auf den Cloud-Servern großer Anbieter wie Amazon, Microsoft und Google abgelegt. „Zahlreiche autoritäre Regime sperren Inhalte im Internet, um kritische Informationen von ihren Bürgern fernzuhalten. Mit dieser Aktion protestieren wir gegen die Bemühungen von Staaten, unabhängige Informationsquellen zu sperren. Regierungen dürfen nicht nach Belieben entscheiden, was Menschen wissen und welche Meinungen sie sich bilden.“

2. Fünf Vorschläge für den Umgang mit Fake News
(sueddeutsche.de, Georg Mascolo)
Georg Mascolo macht auf „sueddeutsche.de“ fünf Vorschläge für den Umgang mit Fake News. Gleich am Anfang klärt er einen beliebten Irrtum in der Fake-News-Debatte auf: „Irrtümer, falsche Einschätzungen, Übertreibungen oder schlechter Journalismus sind keine Fake News. Nur wenn Journalisten trotz späteren besseren Wissens erkannte Fehler nicht korrigieren, wird aus einem Irrtum eine Lüge. Journalismus lebt von sorgfältiger Abwägung und doppelter Überprüfung, Vereinfachung ist notwendig, darf aber die Substanz nicht verändern.“

3. Michael Wolffsohn weiß die „Wahrheit“ über sämtliche Axt-Angriffe
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Einen „außergewöhnlich dummen und gefährlichen Kommentar“ nennt Stefan Niggemeier das, was der Historiker Michael Wolffsohn an unbewiesenen Behauptungen und Verschwörungsvermutungen um die Axt-Angriffe in Düsseldorf zusammengezimmert hat. „Wolffsohn ist damit nicht allein, er ist in bester rechter und rechtsextremer Gesellschaft. Man findet Leute wie ihn, die nichts mehr glauben und alles schon wissen, die eine große Verschwörung zur Irreführung der Bevölkerung vermuten, an vielen Stellen im Internet. „Bild“ verschafft ihnen Gehör.“

4. Berliner Nabelschau
(faz.net, Andrea Diener)
Zwischen 1912 und 1937 erschien in Berlin das Magazin „Die Dame“. Die Texte drehten sich um Kultur, Mode und Gesellschaft, das Frauenbild war fortschrittlich. Nun relauncht der Axel Springer Verlag das historische Magazin. Andrea Diener kann dem Unternehmen wenig Gutes abgewinnen: „Diese Zeitschrift guckt auf sich selbst, seziert die Fusseln im eigenen Nabel und stolpert dabei über die zu großen Stöckelschuhe. Man möchte ihr beim besten Willen nicht dabei zusehen müssen, Unfälle gibt es auf der Straße schon genug.“

5. Er hat CIA gesagt!
(zeit.de, Patrick Beuth)
Das Ansehen von Wikileaks hat in den letzten Jahren sehr gelitten. Kritiker werfen der Plattform vor, durch das unredigierte Veröffentlichen, Unschuldige zu gefährden, fragwürdige Botschaften zu verbreiten und einer politischen Agenda zu folgen. Wie also mit den Leaks umgehen? Patrick Beuth hat sich auf „Zeit Online“ Gedanken zu diesem Problem gemacht.

6. Babykatzengate
(taz.de, Malte Göbel)
Die Literatin und Bachmann-Preisträgerin Stefanie Sargnagel muss sich seit Tagen eines absurden Shitstorms erwehren, losgetreten von der rechten österreichischen Boulevardzeitung „Kronenzeitung“. Im Zuge des „Babykatzengates“ ist sie nun auch noch für 30 Tage auf Facebook gesperrt worden. Sargnagel vermutet, „weil FPÖ-Wähler und Kroneleser mein Profil gemeldet haben“. Auf Twitter hat sie den Vorgang aus ihrer Sicht zusammengefasst.