Archiv für Januar 10th, 2017

Gefährlich, gefährlich

Achtung, jetzt wird’s gefährlich! Dieser Text hier ist nichts für schwache Nerven. Denn Bild.de hat sich am vergangenen Wochenende in den Vorhof zur Hölle in die Berliner U-Bahn-Linie 8 gewagt:

Ob es da gefährlich ist, fragen Sie sich jetzt? Na, hören Sie mal — und wie!

Die Berliner U-Bahnlinie U8 fährt durch die gefährlichsten Stationen der Stadt.

BILD fuhr eine Nacht lang mit: auf der gefährlichsten Strecke der Hauptstadt.

BILD fährt die Gewaltstrecke ab

Zugegeben: In den vergangenen Wochen Monaten gab es an zwei Haltestellen der U8 tatsächlich Vorfälle, die grässlich waren und für Aufsehen gesorgt haben: An der Endstation Hermannstraße trat ein Mann einer Frau brutal in den Rücken. Sie stürzte eine Treppe runter und brach sich einen Arm. An der Haltestelle Schönleinstraße hatten mehrere Männer versucht, einen Obdachlosen anzuzünden. Dem Mann ist zum Glück nichts passiert.

Diese „Gewaltstrecke“ wollte sich der Bild.de-Autor also mal genauer anschauen. Und was er erlebt hat, ist nun wirklich, nun ja …

Start an der Haltestelle Wittenau:

Der Zug ist fast leer, die wenigen Fahrgäste sehen müde aus, hören Musik oder blicken auf ihr Smartphone.

Erste Aufregung an der Bernauer Straße — ein freundlicher Mann, der nach Geld fragt:

Ein junger Mann, Mitte zwanzig, schlendert durch die Bahn, bettelt höflich um Geld.

Am Rosenthaler Platz dann sogar noch Touristen mit Bier:

Wer kein Spanisch oder Englisch spricht, fühlt sich etwas fremd. Mit je einer Flasche Bier in der Hand entert eine große Gruppe Touristen den Zug.

Am Alex: noch mehr Menschen!

Voller Bahnsteig am Alexanderplatz (Mitte).

Aber spätestens am Moritzplatz kann auch der Bild.de-Autor nicht mehr verstecken, dass die U8 zumindest an diesem Abend vielleicht doch nicht so „gefährlich“ ist wie angekündigt:

Gähnende Leere am Moritzplatz (Kreuzberg).

Vom Kotti kann man auch nur über schlafende Obdachlose berichten:

Zwei Obdachlose schlafen auf der Bank, ignorieren alles um sich herum.

Doch plötzlich, am Hermannplatz — Action!

23.09 Uhr, Hermannplatz (Neukölln): In der U-Bahn zündet sich ein Jugendlicher eine Zigarette an, in der anderen Hand hält er eine Flasche Whisky. Keiner der Fahrgäste beschwert sich.

Joar.

Dann noch mal zur Schönleinstraße. Aber auch da: niente, nada, nichts.

Ein kleines Rinnsal fließt von einem Pfeiler weg. Die Flüssigkeit: undefinierbar.

Das war’s dann auch schon. Das war „Berlins gefährlichste U-Bahn“. Also, das Fazit der nächtlichen Tour?

Nach dieser Fahrt in der U8 wundert es jedenfalls kaum, dass, wenn es zu Gewalt käme, es keiner merken würde. Erst hinterher.

So kann man es natürlich auch drehen, wenn man unbedingt ein bisschen Angst und Schrecken verbreiten will.

Weggang, Doppelstrategie, Abwehrzentrum

1. Tichy & Co: Warum es legitim ist, Unternehmen zu einer politischen Positionierung zu zwingen
(metronaut.de, Mikael in den Fahrt)
Roland Tichy, auf dessen Portal ein Autor „grün-linke Gutmenschen“ als „geistig-psychisch krank“ bezeichnet hatte, gibt seinen Posten als Herausgeber von XING News ab. Ursache waren vor allem der lautstarke Twitter-Protest und die vielen Kündigungsankündigungen. Nun gibt es kritische Stimmen wie die von Fefe, die sich gegen eine „Existenzvernichtung als Mittel des politischen Diskurses“ wenden. War es also legitim, wenn Menschen von Unternehmen wie Xing eine politische Positionierung einfordern? Eine ähnliche Frage stellt sich Johnny Haeusler bei Wired: „War die „Abstimmung mit den Konten“ hilfreich?“

2. Zuckerbrot und Twitter
(tagesspiegel.de, Thomas Seibert)
Donald Trump fährt in Sachen Öffentlichkeitsarbeit eine Doppelstrategie: Wichtige Stellungnahmen posaunt er über Twitter direkt an seine rund 19 Millionen Follower raus. Und nur, wenn es ihm ausdrücklich passt, redet er mit Zeitungen und Fernsehen. Die Presse hätte noch kein Konzept gefunden, wie sie mit dieser Doppelstrategie umgehen soll, schreibt Thomas Seibert im „Tagesspiegel“. Die Vorteile von Trumps Vorgehens lägen auf der Hand: Auf Twitter braucht sich der zukünftige US-Präsident keinen kritischen Fragen zu stellen.

3. Der Rockstar-Finanzminister
(de.ejo-online.eu, Dominik Speck)
Dominik Speck hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit die Berichterstattung über den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis in deutschen und französischen Qualitätszeitungen angeschaut. Varoufakis galt während seiner kurzen Amtsperiode von Januar bis Juli 2015 als eine Art „Rockstar Finanzminister“ und erlangte zusätzliche Berühmtheit durch die Causa Stinkefinger.

4. Von ganz links nach ganz rechts
(blog.zeit.de, Jürgen P. Lang)
Im Störungsmelder-Blog der „Zeit“ und ihren Partnern schreiben Autoren aus allen Regionen Deutschlands über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Im aktuellen Beitrag von Jürgen P. Lang geht es um Jürgen Elsässer, den Chefredakteur des rechtspopulistischen Monatsmagazins „Compact“. Der Autor diskutiert gleich zu Beginn Elsässers politische Wandlung, die so überraschend dann doch nicht sei: „Wer die Rechts-Links-Brille beiseitelegt, wird allerdings erkennen, dass Elsässers Vita mehr Brücken als Brüche aufweist. Im Kern war er schon immer Nationalist.“

5. Her mit der Wahrheit!
(mdr.de)
In Tschechien hat man 20 Mitarbeiter des Innenministeriums zu einem sogenannten „Abwehrzentrum“ zusammengefasst, in dem Falschmeldungen in sozialen Netzwerken aufgedeckt, gekennzeichnet und entkräftet werden sollen. Doch das Projekt ist umstritten. Tschechiens Präsident Miloš Zeman sagte in seiner Weihnachtsansprache: „Wir brauchen keine Zensur, keine Ideenpolizei, wir brauchen kein Amt für Presse und Information, solange wir in einem freien, demokratischen Staat leben wollen.“

6. Jetzt geht’s rund
(sueddeutsche.de, Hans Hoff)
Entertainer Thomas Gottschalk feiert sein Radio-Comeback: Einmal im Monat drei Stunden bei Bayern 1. Eine „Radio-Sendung, in der er vor allem seinen Ruf als größte Ich-AG Deutschlands pflegt“, so Hans Hoff in seiner Kritik.