Archiv für Januar, 2017

Mit einem Klick zur Schizophrenie

Was ist schlimmer als Dr. Google? Richtig: Psycho-Doc Bild.de. Die Küchenpsychologen aus dem Axel-Springer-Hochhaus haben heute diesen Artikel auf ihrer Startseite veröffentlicht:

Jaha, so einfach ist das: Einmal kurz bei Bild.de vorbeigesurft, Foto angeschaut — zack — schon weiß man, ob man schizophren ist oder nicht.

Eigentlich gilt die Diagnose einer schizophrenen Psychose als recht schwierig, häufig wird die Erkrankung erst Jahre nach ihrem Ausbruch von Ärzten erkannt. Das Versprechen auf der Bild.de-Startseite hingegen: alles kinderleicht.

„DIESES BILD“, mit dem die Redaktion das Versprechen erfüllen will, ist eine sogenannte Hollow-Face-Illusion. Die Gesichtsmaske, die nach innen gewölbt ist, wird von den meisten Menschen als nach außen gewölbt wahrgenommen. Das Gehirn spielt dem Betrachter einen Streich. Dieses Video einer rotierenden Charlie-Chaplin-Maske zeigt den Effekt ganz schön.

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover haben 2009 einen Test durchgeführt: Sie haben Probanden mit einer schizophrenen Psychose und Probanden, die nicht schizophren sind, die Hollow-Face-Illusion gezeigt. Die Teilnehmer mit schizophrener Psychose haben die nach innen gewölbte Maske als nach innen gewölbte Maske erkannt; die Teilnehmer ohne schizophrener Psychose haben sie als nach außen gewölbtes Gesicht wahrgenommen.

Acht Jahre später wollen die Hobbydoktoren von Bild.de diesen Test also noch einmal machen. Aber …

Aber kann ein einziges Bild die Krankheit aufdecken?

JA!, sagen Forscher der Uni Hannover

Nach aktuellem Stand sind — der Bild.de-Logik folgend — 14 Prozent der knapp 100.000 Teilnehmer schizophren:

Erst fünf Absätze, nachdem man das Ergebnis bekommen hat, und nachdem Bild.de auf der Startseite „DIESES BILD SAGT ES DIR! Bist du schizophren?“ getitelt hat und über den Artikel „EINMAL ANSCHAUEN REICHT! — Dieses Bild sagt dir, ob du schizophrene Züge hast“ geschrieben hat und im Artikel behauptet hat, dass „ein einziges Bild die Krankheit aufdecken“ könne, kommt diese Einordnung:

Wenn man sich zum Beispiel jetzt „Sorgen macht“, weil man beim großen Bild.de-Schizophrenie-Test zu den 14 Prozent gehört.

Welt.de hat vorgestern auch über die optische Täuschung und den Versuch mit der Hollow-Face-Illusion berichtet. Im Gegensatz zu ihren Springer-Kollegen von Bild.de hat die Welt.de-Autorin allerdings darauf verzichtet, aus dem Thema ein Spiel und die eigenen Leser zu Testobjekten zu machen, und direkt am Anfang das Ganze ordentlich eingeordnet:

Kann man mit Hilfe einer einfachen optischen Illusion eine psychische Krankheit erkennen? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht.

AfD-Journalisten-Rauswurf, Funks Verlade, Undercover Boss

1. Mut zur Lücke: Medien-Reaktionen auf den Journalisten-Rauswurf
(flurfunk-dresden.de, Andreas Szabo)
Am vergangenen Samstag haben die Delegierten des AfD-Landesparteitages Sachsen einen Journalisten der „Sächsischen Zeitung“ rausgeschmissen. Der Vorwurf: Der Journalist sei angeblich für „Hetzartikel“ verantwortlich. Dies sorgte für viel Kritik an der Partei und ihrem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit. Die „Morgenpost Sachsen“ reagierte mit einem Boykott der Berichterstattung und druckte eine leere Seite mit Infokasten ab. Andreas Szabo hat nun das Medienecho auf den Vorfall zusammengefasst.

2. Are you FUNKing kidding me?
(fettlogik.wordpress.com)
Man muss zweimal hinschauen, weil man es nicht glauben mag: „Funk“, das Online-Medienangebot der ARD und des ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene, hat mehreren jungen Frauen vorgegaukelt, sie hätten ein „Ernährungscoaching“ gewonnen und sie zum Videodreh in einen Supermarkt eingeladen. Statt sie zu beraten, hat eine falsche Ernährungsberaterin die Teilnehmer jedoch vor laufender Kamera bloßgestellt und wüst beschimpft („viel zu fett“) bis diese genug hatten oder weinend zusammenbrachen. Darauf erschien ein zuvor versteckter Flashmob-Chor, der den Opfern der fragwürdigen Aktion vorträllerte, dass sie toll seien und bloß bleiben sollen, wie sie sind. (Überschrift auf Facebook: „Lasst euch nicht verbiegen, Mädels! Kuss-Smiley #bleibdu“)
Nadja Hermann hat auseinandergedröselt, was alles an der Aktion misslungen ist. In den Kommentaren hat sich mittlerweile eine Teilnehmerin gemeldet, die von dem für sie furchtbaren Erlebnis berichtet. Und auch „Funk“ hat dort Stellung bezogen: Eine „grundpositive Botschaft“ habe man vermitteln wollen.

3. „Bloggen ist eine Kulturtechnik“
(goethe.de, Ula Brunner & Klaus Lüber)
Das Goethe-Institut hat sich an die seiner Ansicht nach wichtigsten deutschen Medienblogger gewandt: Inwiefern kann und will ein Medienblog erfolgreich eine Gegenöffentlichkeit etablieren, welche Ziele verfolgen die Macher?
Es gibt Kurzinterviews mit „Carta“, „Netzpolitik“, „Fit für Journalismus“, „Übermedien“, „iRights“, „Franziskript“, „Indiskretion Ehrensache“, „Inge Seibel“ und last not but least, dem „BILDblog“.

4. Deutsches Doku-TV „verkrustet in der Erzählweise“
(dwdl.de, Christian Fahrenbach)
Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen hat für „Watani: My Homeland“ über Jahre hinweg eine syrische Familie auf ihrem Weg aus Aleppo nach Deutschland begleitet. Nun ist der Film im Gespräch für einen Oscar. „DWDL“ hat mit dem Filmer über die Doku-TV-Branche, Journalisten mit Haltung und den schwer zu beeinflussenden Oscar-Zirkus gesprochen. Der Weg war steinig und schwer: Mettelsiefen hat den Film über drei Jahre selbst vorfinanziert und ist viele Risiken eingegangen.

5. Verdeckte Verbindungen
(taz.de, Felix Krebs)
Andreas Speit berichtet in der „taz“ über das neurechte „Institut für Staatspolitik“ (IfS) um Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Trotz aller Bemühungen der Neuen Rechten um Distanz zur alten Rechten, gäbe es Hinweise auf Verbindungen zu einem NPD-Bundesvorstandsmitglied.

6. Die erfolgreichste Dauerwerbesendung im deutschen TV
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Timo Niemeier hat sich die aktuelle Folge von RTLs oftmals quotenbringenden „Undercover Boss“ angesehen, bei der sich ein Kreuzfahrtchef angeblich undercover unter seine Belegschaft mischt. Das Ganze gleiche einer einstündigen Dauerwerbesendung: „Ungehemmt dürfen Geschäftspartner und Investoren erzählen, wie toll die Zusammenarbeit mit Nicko Cruises läuft. Die Insolvenz von vor zwei Jahren? Längst vergessen! Heute läuft alles bestens. Und auch die Frau des Firmenchefs darf in die Kamera trällern, wie toll der Undercover-Einsatz für ihren Mann sei. Das ist alles so berechenbar, dass sich die Zehennägel biegen.“

Aus Fremden Aliens machen

Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.

Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der „Executive Order“ von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:

Im Text steht:

Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: „Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.“

Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber „zu einem Alien gemacht“ ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat

Hier, direkt im ersten Absatz:

On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.

Klar, liebe Bild.de-Linguisten, „alien“ kann in bestimmten Fällen durchaus „Alien“ heißen. In der Regel heißt es allerdings „Ausländer“ oder „Fremder“ oder „Fremdling“. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen „Außerirdischen“ sieht.

Die Sportnachrichten-Agentur „sid“ hat Mo Farahs „alien“ ebenfalls mit „Alien“ übersetzt. Und so taucht die „sid“-Meldung mitsamt der „Alien“-Aussage zum Beispiel bei „Zeit Online“ und bei freiepresse.de auf. Die „Stuttgarter Zeitung“ schreibt hingegen, dass Farah meint, von „Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht“ worden zu sein.

Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.

Mit Dank an Frank B. für den Hinweis!

„TV Movie“ sieht Gespensterfilm

Eine der wichtigeren Fragen dieser Tage lautet ja: Wie wird eigentlich der zweite Teil von „Fifty Shades of Grey“, der in knapp einer Woche in die Kinos kommt?

Hm, mal sehen — wer könnte da eine Antwort liefern? Ah, hier, die „TV Movie“ hat den Film offenbar schon gesehen:

TV MOVIE MEINT Wenn es um die filmische Umsetzung ihrer erotische (sic) Fantasien geht, versteht „Grey“-Autorin E.L. James keinen Spaß — der Streit um die kreative Kontrolle führte zum Beispiel zum Zerwürfnis mit der Regisseurin und Drehbuchautorin des ersten Teils. Die Fortsetzung inszenierte James Foley („House of Cards“), das Drehbuch schrieb ihr Ehemann Niall Leonard. Ebenso wie der Vorgänger bietet auch Teil 2 stylishe Bilder und geschmackvoll inszenierte Sexszenen, inhaltlich aber mehr: Die Thriller-Handlung sorgt für Düsternis und Spannung. Nicht zuletzt dank Kim Basinger, die als mysteriöse Schmerzexpertin „Mrs. Robinson“ ein belebendes Element darstellt.

Ja, gut, klingt jetzt etwas austauschbar: „stylishe Bilder“, „geschmackvoll inszeniert“, „Düsternis und Spannung“. Und auch die Posse mit dem Zerwürfnis konnte man sicher schon irgendwo nachlesen. Und auch die Infos aus der Inhaltsangabe im Absatz davor („sechs harte Schläge auf den nackten Po“, „ein geheimes Verlangen nach dem Mann“, „Schatten der Vergangenheit lassen Christian nicht los“ und so weiter) könnte der anonyme Autor dieser Kritik natürlich gar nicht aus dem Film haben, sondern aus dem dazugehörigen Buch.

Aber die „TV Movie“-Redaktion — nach eigenen Angaben immerhin „Europas härteste Filmredaktion“ — wird den neuen „Fifty Shades of Grey“ bestimmt schon gesehen haben. Wie sollte sie sonst auf diese abschließende Bewertung kommen?

Jetzt gibt es bloß so ein doofes Gerücht: Auf der Facebookseite von „TV Spielfilm“ steht, dass „der Film noch gar keinem Journalisten gezeigt worden ist“. Und ein Anruf beim Verleiher „Universal Pictures“ bestätigt das: Der Kritiker der „TV Movie“ kann den Film noch gar nicht gesehen haben.

Auf dieser Grundlage hier mal die Bewertung von Europas härtester Filmkritikredaktion — uns — zur aktuellen „TV Movie“:

Kackdreiste Kritik: noch unehrlicher, unjournalistischer — dafür mit ganz viel Unverschämtheit!
Fantasie

Ehrlichkeit
 
Chuzpe

Ausdenfingernsaugen

Journalismus
 
Leserverarsche

Mit Dank an Peter M. für den Hinweis!

Nachtrag, 18:15 Uhr: Was die „Bauer Media Group“, bei der die „TV Movie“ erscheint, zu dem Vorfall sagt, steht übrigens bei „DWDL“ (Spoiler: Die Unternehmenssprecherin bestreitet nicht, dass die Redaktion den Film gar nicht gesehen hat).

Nachtrag, 31. Januar: „Viel nackte Haut“, „aufregendes Kribbeln“, „etwas mehr Tiefgang und einen Extraschuss Thrillerspannung“ — auch die Hellseher Filmseher von „TV direkt“ haben sich eine Allgemeinplatz-Kritik zum zweiten Teil von „Fifty Shades of Grey“ ausgedacht:

Mit Dank an Horst S. und @ChristianZiVers für die Hinweise!

VK-Druiden-Netz, Chinas TV-Pranger, Herausgeberbeef

1. Übergriffe und Wirkungen
(correctiv.org, David Schraven)
„Correctiv“-Gründer David Schraven berichtet von zunehmenden Angriffen auf das journalistische Portal. Nicht alle Attacken seien offen und fair. Bisweilen werde kampagnenartig versucht, die Arbeit des Investigativprojekts zu stören. Das reiche von übler Nachrede bis hin zu konkreten Bedrohungen. Mittlerweile stehe die Redaktion unter polizeilichem Objektschutz und Personenschützer würden in den Redaktionsräumen ein und ausgehen.

2. Es fehlt also der Innenausbau
(faz.net, Jürgen Kaube)
Recht scharfe Kritik eines Herausgebers (Jürgen Kaube, „FAZ“) an einem Herausgeberkollegen (Gabor Steingart „Handelsblatt“). Steingart würde wiederholt gegen den Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz wettern. Einer der Vorwürfe: Martin Schulz habe kein Abitur. Ein Vorwurf, den Kaube nicht gelten lassen will und Steingart am Ende des Artikels gepflegt um die Ohren haut: „Aber was manches Abitur wert ist, wenn jemand, der eines hat, die Qualifikation für politische Führungsrollen an seinen Besitz knüpft, das wissen wir jetzt schon.“

3. Ö24.tv stellt Chef vom Dienst frei – Der wollte Betriebsrat gründen
(derstandard.at)
Zoff bei „oe24.tv“, dem Online-Portal der Tageszeitung „Österreich“. Dort wurde der Chef vom Dienst rausgeschmissen und mit sofortiger Wirkung von der Arbeit freigestellt. Angeblich eine halbe Stunde nachdem dieser einen Betriebsrat gründen wollte.

4. Im VK-Netz des Druiden
(tagesschau.de, Mareike Aden & Arndt Ginzel)
Hetzer und Rechtsextreme nutzen offenbar das russische Facebook-Pendant „VK“ zum ungehinderten Austausch. Hier war auch der selbst ernannte Druide „Burgos von Buchonia“ aktiv, der seit kurzem wegen des Verdachts der Gründung einer rechtsextremen Organisation in Untersuchungshaft sitzt. Der Moskauer Journalist Roman Dobrochotow, Chefreporter des investigativen, kremlkritischen Internetportals „The Insider“, glaube, dass es an Sanktionsmöglichkeiten nicht mangele: „Wenn der russische Staat wirklich wollen würde, dass bei ‚Vkontakte‘ keine Neonazis aktiv sind, dann wäre alles innerhalb von einem Tag blockiert oder gelöscht.“

5. Das Staatsfernsehen als öffentlicher Pranger
(zeit.de, Kai Biermann)
Finsterstes Mittelalter mit den Methoden der Neuzeit: Die chinesische Regierung erpresst Geständnisse und zeigt sie im Staatsfernsehen einem Millionenpublikum. Um Gegner in der Öffentlichkeit zu erniedrigen und sie ohne einen ordentlichen Prozess zu verurteilen. Und um Kritiker, Dissidenten und Beamte einzuschüchtern.

6. How the media should be covering Donald J. Trump.
(facebook.com/GQ, Keith Olbermann, Video, 2:12 Minuten)
Der amerikanische Moderator Keith Olbermann hat sich mit einer vielbeachteten Videoansprache an die Medien gerichtet. Olbermann schlägt vor, die Liveberichterstattung von Trumps Reden einzustellen: „Use a delay, employ a team of fact checkers, play his rants, and each time he lies, stop the tape and state the facts. Do not participate in Trump’s propaganda game.“

Irgendwas mit ohne Hitler


Danke an Peter Z.

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Danke an Guido K.

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Danke an Nobswolf

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Danke an Katharina M.

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Danke an Yvonne K.

Darum nutzt Bild.de das Phantombild, das die Polizei nicht nutzt

Manchmal hat die Polizei ja gute Gründe, bestimmte Dinge nicht zu tun. Zum Beispiel ein Phantombild für eine Fahndung zu veröffentlichen, das die Behörden für unbrauchbar oder kontraproduktiv halten. Bei der Suche nach dem möglichen Mörder von Carolin G. macht die Polizei derzeit genau das: Sie verzichtet darauf, ein vorhandenes Phantombild zu verwenden.

Vielleicht erinnern Sie sich: Vor zwei Monaten wurde eine 27-jährige Frau in Endingen in der Nähe von Freiburg Opfer eines Sexualmords. Der Fall wurde damals bundesweit von Medien aufgegriffen.

Die Ermittler fanden DNA-Spuren, die darauf hindeuten, dass es sich bei dem Täter um einen Mann handelt. Nun wurde bekannt, dass diese Spuren zu einem Fall in Österreich passen: Im Januar 2014 wurde in Kufstein eine 20-jährige Studentin angegriffen und umgebracht. Auch hier handelt es sich um ein Sexualverbrechen. Die Vorgehensweise des Täters ist ganz ähnlich wie bei Carolin G. Und die in Kufstein gefundenen DNA-Spuren passen zu denen, die die Polizei in Endingen gesichert hat. Der mutmaßliche Täter dürfte also der gleiche sein.

Damals wurde anhand von Zeugenaussagen von dem Mann ein Phantombild erstellt. Doch dieses will die Polizei in Deutschland nun nicht nutzen.

Bild.de schreibt dazu heute:

Die Polizei in Tirol hat ein Phantombild vom Täter. Die deutschen Ermittler wollen es nicht nutzen — doch dafür gibt es gute Gründe! […]

Aber warum fahndet die deutsche Polizei nicht mit dem österreichischen Phantombild nach Carolins Killer?

Sprecher Walter Roth (59): „Das Bild beruht auf einer Beobachtung in der Dunkelheit und ist drei Jahre alt. Das Erscheinungsbild dürfte sich verändert haben, könnte mögliche Zeugen in die Irre führen.“

In die Irre geführte Zeugen könnten die ohnehin schon schwierigen Ermittlungen noch schwieriger machen. Und was macht die Redaktion von Bild.de? Obwohl sie weiß, dass es die Arbeit der Polizei behindern könnte, veröffentlicht sie auf ihrer Startseite das vermutlich nutzlose Phantombild aus Österreich, das bei der Suche nach dem Täter alles andere als hilfreich sein dürfte:

Nur der Vollständigkeit halber: Die Unkenntlichmachungen in dem Screenshot stammen von uns.

Mit Dank an Börries für den Hinweis!

Sigmar Gabriel hat keine Ahnung, wie „Bild“ auf Falschmeldung kam

Für Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt gab es diese Woche eine Menge Lob. Toll sei es, wie transparent er mit dem Fehler seiner Redaktion umgeht, die vor knapp zwei Wochen behauptet hatte, dass Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat der SPD werde. Inzwischen steht fest, dass nicht Gabriel, sondern Martin Schulz die Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf führen wird — und dass Bild.de mit der Meldung von Anfang Januar danebenlag.

Julian Reichelt entschuldigte sich also auf Twitter für den Fauxpas, sein Team lieferte am Dienstag eine Erklärung, „Warum BILD falsch lag“ …

… und alle waren ganz angetan von der Fehlerkultur im Axel-Springer-Hochhaus. Auch wir finden es sehr gut, dass „Bild“ und Bild.de auf den Fehler reagiert haben. Wie diese Reaktion aussah — das müssen wir hier aber doch noch mal thematisieren.

In der Erläuterung von Bild.de, wie die falsche Eilmeldung über Sigmar Gabriels Kanzlerkandidatur zustande gekommen ist, steht unter anderem:

Die handfesten Hinweise und Informationen stammten aus zahlreichen Gesprächen mit SPD-Spitzenpolitikern — unter anderem mit Gabriel selbst und engen Vertrauten. Diese Gespräche begannen im Sommer 2016 und setzten sich bis ins neue Jahr fort.

Und:

Auch auf mehrfache Nachfragen bei der Recherche für die BILD-Geschichte vom 9./10. Januar wurde auf der Gabriel-Seite kein anderer Eindruck erweckt als der, der SPD-Chef sei weiterhin fest entschlossen anzutreten.

Bild.de hat also aus „Eindrücken“ und „handfesten Hinweisen“ eine Eilmeldung mit Tatsachenbehauptung gestrickt.

Besonders interessant ist, dass diese Hinweise laut Bild.de auch von „Gabriel selbst und engen Vertrauten“ gekommen sein sollen. Im aktuellen „Stern“, der Sigmar Gabriels Nicht-Kandidatur zusammen mit der „Zeit“ enthüllte, gibt es ein langes Interview mit dem bisherigen SPD-Parteichef. „Stern“-Chefredakteur Christian Krug fragt an einer Stelle:

Und Sigmar Gabriel antwortet:

Am Mittwoch — also einen Tag nach der großen Entschuldigung — erschien dieser Artikel bei Bild.de:

Die „5 GRÖSSTEN MERKWÜRDIGKEITEN“ aus Gabriels „RUMS-INTERVIEW“ mit dem „Stern“ sollen sein:

1. Warum schießt Gabriel so scharf gegen die Kanzlerin?

2. Wie kann sich der SPD-Chef selbst zum Außenminister ernennen?

3. Wie kommt er nur darauf, im neuen Job mehr Privatleben zu haben?

4. Warum hat er fünf Fotos seiner Tochter veröffentlichen lassen?

5. Warum hat Gabriel so lange geschwiegen?

Dass Sigmar Gabriel der Bild.de-Erklärung für die falsche Eilmeldung unbewusst (schließlich war das „Stern“-Interview schon längst gedruckt, als Julian Reichelt und sein Team die Erklärung veröffentlicht haben) widersprochen hat, erwähnt die Redaktion nicht.

Trumps Mann fürs Grobe, Springer vs. Burda, Pufpaffs treue TV-Hasser

1. Trump-Berater über US-Medien: Ihr seid die Opposition
(sueddeutsche.de, Matthias Kolb)
Donald Trump hat bekanntermaßen den früheren Breitbart-Chef und Rechtsausleger der Republikaner Steve Bannon zum „Counselor to the President“ ernannt. Bannon ist damit der ranghöchste Berater im Weißen Haus. Nun holzt er entsprechend los, behauptet, dass die Medien „zu 100 Prozent“ falsch berichtet hätten und nennt dabei ausdrücklich die „Washington Post“ und die „New York Times“. Matthias Kolb erklärt die Hintergründe und weist am Ende auf eine pikante Meldung der „Washington Post“ hin, nach der Bannon sowie vier andere Mitglieder des engsten Trump-Zirkels in zwei Bundesstaaten in den Wählerlisten auftauchen: „Dies ist genau jener angebliche „Wahlbetrug“, über den sich Trump beschwert und den er – ohne jegliche Grundlage – als Erklärung ausführt, wieso Hillary Clinton knapp drei Millionen mehr Stimmen erhielt.“

2. Ein schmaler Grat: Springer gegen Burda
(irights.info, Till Kreutzer)
Schon seit einiger Zeit wirft der Springer Verlag den Leuten von „Focus Online“ vor, sich systematisch beim Bezahlangebot „Bildplus“ zu bedienen, sprich Meldungen zu übernehmen. Juristisch ist das Ganze nicht einfach wie iRights-Anwalt Till Kreutzer schreibt. In dem Fall ginge es weniger um Fragen des Urheberrechts als um solche des Wettbewerbsrechts. Dem gegenüber stünde die Freiheit von Informationen. Egal wie die Klage Springers gegen Burda ausginge, sei es jedoch eine Frage von (Doppel)Moral: „Solange es nicht verboten ist, können Verlage oder ihre Redaktionen das vielleicht so machen. Aber die andere Frage ist: Sollte man es machen? Insbesondere, wenn man zu einem Verlag wie dem Burda-Verlag gehört, der für sich reklamiert, Qualitätsmedien herzustellen.“

3. Konstruktive Glückwünsche
(taz.de)
„Emma“ wird 40 und die „taz“ lässt zu diesem Anlass sieben Frauen zu Wort kommen, die mit der Zeitschrift groß geworden sind. Neben den zu erwartenden Geburtstagsglückwünschen gibt es auch einiges an Kritik. Und apropos Kritik: Für „turi2“ hat Tatjana Kerschbaumer die aktuelle Jubiläumsausgabe der Emma einer Blattkritik unterzogen.
Und Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele spricht in der „taz“ unter anderem über die Gefahr, dass die „Emma“ vor lauter Antiseximus rassistisch werden könnte: „Auf dem rechten Auge blind“

4. War on Facts
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Adrian Lobe schreibt über die Gefahren von Trumps Politik als Reality-Show: „Trumps Krieg gegen die Wirklichkeit besteht darin, dass er seine Politik der Logik der Reality TV unterwirft, in der etablierte und bewährte Spielregeln des politischen Betriebs (Verfassungstreue, Respektierung der Grundrechte, Achtung von Minderheiten) nicht mehr gelten und Medien nur noch Zuschauer sind. Die Folge ist, dass die Lüge gar nicht mehr sanktioniert wird, weil sie als akzeptiertes Stilmittel und Schmiermittel seiner Show-Politik quasi mit dazugehört.“

5. Türkei sperrt neues Onlinemedium „Özgürüz“
(spiegel.de)
Die Türkei hat das kritische Onlinemedium „Özgürüz“ gesperrt. Und zwar bereits bevor es richtig losgehen sollte, wie „Correctiv“-Verantwortlicher und „Özgürüz“-Herausgeber Markus Grill auf Twitter meldete.

6. Die treuesten Zuschauer sind oft die, die einen hassen.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Sebastian Pufpaff ist ein deutscher Kabarettist, Moderator und Entertainer. In der „Heute-Show“ bekommt er meist die „Arschloch-Rolle“, während er in „Pufpaffs Happy Hour“ als gut gelaunter Gastgeber Comedy- und Kabarett-Kollegen auf die Bühne holt. Im Interview spricht Sebastian Pufpaff über seine Anfänge im Shopping-TV, Sendeplätze für Satire, empfindliche Zuschauer und seine „Schleimfrisur“.

Martin Schulz chancenlos, aber mit guten Chancen gegen Angela Merkel

Gestern Abend bei Bild.de:

Das Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (62, CDU) und ihrem SPD Herausforderer Martin Schulz (61) — wenn es nach den Deutschen geht, dann hat die Amtsinhaberin klar die Nase vorn!

Eine „Blitzumfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA“ („Bild plus“-Artikel hinter Bezahlschranke) habe diesen recht deutlichen Vorteil von Angela Merkel gegenüber dem neuen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ergeben:

Gestern Abend in den „Tagesthemen“ (ab Minute 5:06):

Sven Lorig, der die Zahlen in der Sendung präsentiert, sagt dazu:

Wir stellen ja regelmäßig die Frage, wie sich die Bürger entscheiden würden, wenn sie den Bundeskanzler oder die Kanzlerin direkt wählen könnten. Angela Merkel käme in der Direktwahlfrage auf 41 Prozent. Das sind zwei Punkte weniger als im Dezember, als wir die Frage zuletzt gestellt hatten. Und Martin Schulz? Festhalten. Der käme ebenfalls auf 41 Prozent. Das sind fünf Punkte mehr als im Dezember. Und damit liegen beide gleichauf.

Diese Gegenüberstellung der Ergebnisse soll nicht bedeuten, dass das eine besser oder schlechter, richtiger oder falscher ist als das andere. Wir finden die sehr unterschiedlichen Werte aber durchaus interessant. Und es dürfte Gründe geben, die zumindest ein Stück weit erklären, warum sie so unterschiedlich sind.

Erstmal gibt es aber einige Ähnlichkeiten: Bei der „INSA“-Umfrage, die Bild.de veröffentlicht hat, wurden 1009 Leute befragt. „Infratest dimap“, verantwortlich für die Daten der „Tagesthemen“, hat 1011 Leute befragt. In beiden Fällen wurden die Antworten am Telefon eingeholt.

Und auch die Fragen, die bei dieser fiktiven Bundeskanzler-Direktwahl gestellt wurden, sind sehr ähnlich. „INSA“ fragte:

Wenn Sie den Bundeskanzler direkt wählen könnten, für wen würden Sie stimmen?

Und „Infratest dimap“ (PDF):

Wenn man den Bundeskanzler direkt wählen könnte, für wen würden Sie sich entscheiden: für Angela Merkel oder für Martin Schulz?

Allerdings sind die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten verschiedene gewesen. Bei der „INSA“-Umfrage gab es drei: „Angela Merkel“, „Martin Schulz“ und „keinen von beiden“. Bei „Infratest dimap“ gab es hingegen nur zwei: „Angela Merkel“ und „Martin Schulz“. Nur wenn der Angerufene von sich aus gesagt hat, dass er keinen der zwei Kandidaten wählen würde, zählte die Stimme als „keiner von beiden“.

Und auch der Befragungszeitraum war nicht komplett deckungsgleich: „INSA“ hatte die Befragten am Dienstag und am Mittwoch angerufen. „Infratest dimap“ nur am Mittwoch. Also zu einem Zeitpunkt, als man der Berichterstattung über den neuen SPD-Kanzlerkandidaten nicht mehr entkommen konnte.

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