Archiv für Februar 11th, 2015

Bild  

Und nun zur Hetzervorhersage

“Bild” klopft sich heute mal (wieder) kräftig auf die eigene Schulter:

Seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland hat BILD immer wieder prophezeit, dass alle EU-Milliarden nicht reichen werden, um das Land aufzupäppeln. BILD hat auch gewarnt, dass am Ende Deutschland dafür bezahlen wird! Und ist dafür heftig kritisiert worden! Zu Unrecht

Darum hat die Zeitung sich und ihren hellseherischen Kommentatoren heute ein trotziges Denkmal gesetzt und auf einer Sonder-Doppelseite all die Prophezeihungen noch einmal abgedruckt:

Manchmal ist es bitter, recht zu behalten!

Seit Januar 2010 hat BILD immer wieder prophezeit, dass Griechenland mit Euro-Milliarden aus den Steuerkassen der anderen EU-Staaten nicht wieder auf die Beine kommt. Und davor gewarnt, dass am Ende die deutschen Steuerzahler die Zeche zahlen – 63,5 Milliarden Euro sind jetzt im Risiko.

Immer und immer wieder hat BILD diese Meinung vertreten. Obwohl (fast) alle unsere Politiker es nicht wahrhaben wollten. Oder BILD für die klare, knallharte Haltung sogar heftig kritisierten.

Und jetzt?

Das Sanierungskonzept ist gescheitert, die neue griechische Regierung bricht alle Sparzusagen. Warum hat das nur niemand geglaubt, 2010, als BILD in einem ersten Kommentar (“… und wir sollen zahlen”) die Griechen zum eisernen Sparen aufforderte?

Vielleicht wäre da noch etwas zu retten gewesen …

Wenn man das so liest, könnte man tatsächlich annehmen, die “Bild”-Zeitung habe sich um eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema bemüht, als habe sie sich lediglich getraut, unbequeme Wahrheiten anzusprechen und sei dafür — aus bloßer Ignoranz — von allen angefeindet worden. Und dass heute alles in Butter sein könnte, wenn doch nur mal jemand auf “Bild” gehört hätte.

Das ist natürlich alles völliger Unsinn.

Die dort abgedruckten Kommentare sind nur ein winziger Ausschnitt der Griechenland-“Berichterstattung” der “Bild”-Zeitung, und der harmloseste noch dazu. Der viel, viel größere und entscheidende Teil hat sich dagegen nicht in den Kommentaren abgespielt, sondern auf der Titelseite. In den riesigen, hämischen, krachenden Schlagzeilen, mit denen “Bild” immer wieder über und vor allem: gegen die Griechen berichtet hat.

Und in Wirklichkeit war das, was das Blatt nun als “klare, knallharte Haltung” zu verkaufen versucht, als “Meinung”, die bloß niemand “wahrhaben” wollte, nichts anderes als stumpfer Hass und pauschale Hetze gegen ein ganzes Volk. Aber darauf — also auf das, was wir und andere an der Art der “Bild”-Berichterstattung eigentlich kritisiert haben –, geht die Zeitung gar nicht ein.

Diesen Kommentar zum Beispiel …

… hat sie nicht abgedruckt, vermutlich weil “Pleite-Griechen” drin vorkommt, der Begriff, mit dem “Bild” über Jahre hinweg sämtliche Bewohner Griechenlands stigmatisiert hat. Das passt natürlich nicht ganz so gut zum edlen Bild der konstruktiven Kritiker, ebenso wenig wie all die anderen Beschimpfungen, Lügen und Kampagnen, mit denen das Blatt unermüdlich gekämpft hat.

Erinnern wir nur mal an den „Stimmzettel“ für eine „Volksabstimmung“, den “Bild” 2011 abdruckte und bei dem sich das „Volk“ zwischen den Optionen „JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!“ und „NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!“ entscheiden sollte.

Oder an den Brief, den die „Bild“-Redaktion im März 2010 an den damaligen griechischen Ministerpräsidenten geschickt hat — Überschrift: „Ihr griecht nix von uns!“

Oder an die Aktion des damaligen Nachwuchshetzers Paul Ronzheimer, der in Athen mit Geldscheinen herumwedelte und höhnisch verkündete: “BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück!”

Oder an Schlagzeilen wie “BILD macht Bettel-Test in Athen”. Oder: “Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen …und die Akropolis gleich mit“.

Doch bevor wir jetzt zu sehr ins Detail gehen — hier können Sie in Ruhe all das nachlesen, was die “Bild”-Zeitung in ihrer heutigen Griechenland-Berichterstattungs-Rückschau lieber nicht erwähnt hat:

Hate-Slam, Sportreporter, Rechtsextreme

1. “Bloggen & Geld”
(dondahlmann.de)
Don Dahlmann antwortet auf die Auflistung von Blogkosten durch Mel, die er “teilweise hanebüchen” findet. Er glaubt, es gebe im Moment nur zwei Wege, um mit seinem Blog längerfristig erfolgreich zu sein: “1. Ich nutze das Blog als mein persönliches Vermarktungsinstrument in bestimmten Nischen. 2. Ich baue ein redaktionelles Angebot auf.”

2. “Warum wir die Griechen falsch verstehen (wollen)”
(zeit.de, Axel Hansen)
Axel Hansen listet fünf Missverständnisse auf, die sich über die griechische Regierung festgesetzt haben: “1. Griechische Reeder-Millionäre zahlen keine Steuern. 2. Die Griechen sind faul und geben das Geld anderer Länder aus. 3. Tsipras’ Besuch eines Widerstandsdenkmals war eine Provokation Deutschlands. 4. ‘Was immer die Deutschen sagen, sie werden zahlen’. 5. Griechenland reformiert nicht genug.”

3. “Umblättern im Kopf – ein Besuch beim Nordbayerischen Kurier”
(operation-harakiri.de, Ralf Heimann)
Bei einem “Hate-Slam” lesen Redakteure des “Nordbayerischen Kuriers” “hasserfüllte Leserbriefe” vor: “Als der Applaus am Mittwochabend abgeklungen war, standen Kollegen von Verlagen aus anderen Städten vor der Garderobe. Dass die Veranstaltung ganz gut funktioniert, hat sich herumgesprochen. Und wenn etwas gut funktioniert, ist das gerade genau das Richtige für Zeitungen auf der Suche nach einem Plan für die Zukunft. Das Problem ist nur: Wenn sich sonst nichts verändert, wird auch der Hate-Slam nicht funktionieren. Und eine Redaktion, die kein bisschen subversiv ist, wird selbst bei so einer Veranstaltung die Leute in den Schlaf lesen.”

4. “Die geheimen Träume der Sportreporter”
(blog.tagesanzeiger.ch/blogmag, Michèle Binswanger)
“Frauensport interessiert die Schreibenden wenig, weshalb sie glauben, es interessiere auch sonst keinen”, behauptet Michèle Binswanger über Sportreporter: “Weil sie trotzdem darüber berichten müssen, handeln sie ihn ihren eigenen Interessen gemäss ab. Das heisst, sie konzentrieren sich auf Körpermasse, Bekleidungsvorlieben, Schmink- und Diätgewohnheiten der Frauen.”

5. “To all the young journalists asking for advice….”
(fusion.net, Felix Salmon, englisch)
Felix Salmon gibt jungen Journalisten Tipps: “I’m sure that many people have told you this already, but take it from me as well: journalism is a dumb career move. If there’s something else you also love, something else you’re good at, something else which makes the world a better place — then maybe you should think about doing that instead. Even successful journalists rarely do much of the kind of high-minded stuff you probably aspire to. And enormous numbers of incredibly talented journalists find it almost impossible to make a decent living at this game.” Siehe dazu auch “This is my best advice to young journalists” (vox.com, Ezra Klein, englisch).

6. “‘Haha, Schrei nach Liebe'”
(krautreporter.de, Theresa Bäuerlein)
Ein Interview mit Anti-Gewalt-Coach Alex, der während zwanzig Jahren “eine bekannte Figur in der rechtsextremen Szene” war: “Auch wenn es kein homogenes rechtsextremes Weltbild gibt: Der Antisemitismus eint sie alle. Um auch weiterhin Teil dieser Gemeinschaft bleiben zu können, habe ich mich diesen Äußerungen und Denkweisen angeschlossen. Es war für mich wichtig, mit meinen eigenen Äußerungen nicht aus dem Rahmen zu fallen. Sonst hätte man mich wahrscheinlich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, davor hatte ich Angst. Und irgendwann glaubte ich selbst auch daran, dass es wahr sein musste, was ich über die Juden hörte und las. Sonst wäre mein gesamtes Weltbild schon viel früher in sich zusammengefallen.”