Archiv für Oktober 6th, 2014

Bild  

Kinderschänder-Quatsch mit “Bild”

Bei einer solchen Nachricht reiben sich Boulevardjournalisten natürlich die Hände: Das Landgericht Paderborn hat angeordnet, einen Sexualstraftäter, der sich an mehreren Kindern vergangen hatte und deshalb seit 19 Jahren hinter Gittern sitzt, aus der Forensischen Psychiatrie zu entlassen — obwohl ihn die Ärzte und externen Gutachter immer noch für gefährlich halten.

Für die “Bild”-Zeitung erwartungsgemäß ein großer …

(Ausriss aus der Dienstagsausgabe.)

Und sie ist nicht die einzige, die den Fall kritisch sieht. Das Besondere an dem “Bild”-Artikel ist aber, dass er den Eindruck erweckt, als sei die Klinik selbst verantwortlich dafür, dass der Mann freikommen soll.

Das Blatt schreibt:

Ein Gutachter warnt, “dass der Betroffene bei unüberwachter Bewegungsfreiheit sexuelle Kontakte zu Jungen herstellen werde”.

Warum darf er trotzdem raus? Das Gesetz schreibt vor, dass Bernd B. testweise auch unbegleitete Ausgänge gestattet werden müssen. ABER: 1995 hatte ein Freigänger in Lippstadt ein Kind ermordet. Nach Bürgerprotesten wurde festgelegt, dass Patienten für Freigänge in eine andere Stadt gebracht werden müssen.

Um Bernd B. In eine andere Stadt zu bringen, hatte die Klinik aber kein Personal! Der Täter blieb eingeschlossen. “Das ist rechtswidrig”, sagt sein Anwalt Carsten Ernst.

Und schwupps — ist die Klinik schuld, weil sie angeblich nicht genug Personal hat:

Diese Darstellung sei jedoch “hochgradiger Quatsch”, sagte uns Karl Donath, der Sprecher des Klinik-Trägerverbandes LWL auf Nachfrage. Es gebe keinen Personalmangel. Das sei der “Bild”-Zeitung vor Erscheinen des Artikels auch bekannt gewesen. Trotzdem habe sie die wohl lancierte Behauptung gebracht.

Er erklärte weiter:

“Der Dreh- und Angelpunkt ist nicht der nicht vorhandene Personalmangel, sondern dass die Justiz die Freiheitsrechte von Untergebrachten im Einzelfall höher bewertet als verbleibende Sicherheitsbedenken auf Seiten der Behandler. Die Justiz muss diesen sogenannten Verhältnismäßigkeits-Grundsatz umso höher bewerten, je länger der Patient schon im Maßregelvollzug ist.”

Für die im “Bild”-Artikel genannten Lockerungsmaßnahmen (unbegleiteter Ausgang in einer anderen Stadt) herrsche in der Klinik, so der Sprecher, “erst recht kein Personalmangel, weil wir dafür extra Geld bekommen.” Im Übrigen sei der unbegleitete Ausgang “kein zielloses Umherstromern, sondern erfolgt unter zeitlicher Kontrolle und mit festen Regeln und Zielen.”

All das verschweigt die “Bild”-Zeitung einfach, was den Klinik-Sprecher aber offenbar nicht allzu sehr überrascht:

“Wenn Fakten eine vorgefertigte Geschichte kaputtzumachen drohen, dann werden sie in manchen Fällen eben einfach umgedeutet oder beiseitegeschoben. Das ist kein neues Phänomen bei Boulevardmedien, nicht nur bei der ‘Bild’-Zeitung.”

Mit Dank an Jürgen L.

Emergent, Eikonal, Islamischer Staat

1. “Gerüchte-Check: Emergent enthüllt falsche Informationen im Internet”
(t3n.de, Jörn Brien)
Jörn Brien stellt Emergent vor: “Die Website-Betreiber suchen nach aktuell hochgehandelten Gerüchten, sie tragen sie gemeinsam mit den verschiedenen Quellen in eine Datenbank ein. Dann wird unterschieden, welche Websites die Story als wahr beschreiben, welche das Gerücht als falsch entlarven und welche die Geschichte einfach übernommen haben.”

2. “Unnötiger Stress mit Google”
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Mit Verwunderung registriert Rainer Stadler “die etatistischen Verrenkungen, mit denen Deutschland den globalen Vorstoss der digitalen Kapitalisten aus dem kalifornischen Silicon Valley parieren will”: “Die deutschen Verlage verdrehen ein Win-win-Geschäft in ein Lose-lose-Geschäft.”

3. “Im rechtsfreien Raum”
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Thomas Stadler schreibt über Recherchen zum Projekt “Eikonal”: “Die Berichterstattung der SZ belegt also, dass beim BND ein organisierter und systematischer Rechtsbruch stattfindet und dies mit Genehmigung der Bundesregierung und teilweiser Billigung des Parlaments. Der BND bewegt sich faktisch im rechtsfreien Raum und schreckt auch vor einem offensichtlichen Rechts- und Verfassungsbruch nicht zurück.”

4. “Ratgeber: Behörden zur Auskunft zwingen”
(correctiv.org, Daniel Drepper)
Eine kostenlose Broschüre “mit den wichtigsten Tipps zu den Auskunftsrechten in Deutschland”.

5. “‘Ich glaub, das steht irgendwo im Koran'”
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Frederik Obermaier und Marie Delhaes)
Ein Interview mit Erhan A. aus Kempten, einem Anhänger der Organisation Islamischer Staat: “Wir haben uns Nachrichten angeschaut, ARD und ZDF und so, aber uns war schnell klar: Da wird nur Scheiße berichtet. Da haben wir uns dann im Internet Videos angeguckt. (…) Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt.”

6. “Kunstaktion stellt Schwule bloß”
(berliner-zeitung.de, Patrick Schirmer Sastre)
Ein Kunstprojekt eines Berliner Theaters zeigt über eine Dating-App geführte Gespräche auf einer LED-Wand. “Cornelius Puschke vom Projektteam des Veranstalters erklärte am Freitag, man habe mit heftigen Reaktionen gerechnet. ‘Wir haben gehofft, dass es niemanden verletzt, was wir auf der LED-Wand zeigen. Inzwischen haben wir festgestellt, dass es das doch tut.'”