Archiv für September 11th, 2013

Hinter dem Radar

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) brüstet sich derzeit gerne damit, dass sie — Prognosen zufolge — bei der Bundestagswahl in zwei Wochen die Fünf-Prozent-Hürde knacken werde.

So sagt AfD-Chef Bernd Lucke im aktuellen „Focus“, für den Einzug in den Bundestag werde es „locker reichen“. Dabei bezieht er sich aber nicht auf die Prognosen der großen Umfrageinstitute, sondern auf eine andere Quelle:

Das Wahl-Radar sieht uns bei sieben bis acht Prozent.

Auch die „Main Post“ beruft sich auf dieses „Wahl-Radar“ und erklärt:

Dabei handelt es sich um einen Informationsdienst einer Düsseldorfer Agentur, die sowohl die klassischen Umfrage-basierten Prognosen der bekannten Meinungsforschungsinstitute als auch die auf der Auswertung von Social Media und Wahlbörsen basierenden Prognosen einbezieht. Dem Wahl-Radar zufolge kommt die Alternative für Deutschland auf rund sieben Prozent.

Die Überschrift lautet:"Wir schaffen bis zu acht Prozent" - In Würzburg präsentierte sich die Alternative für Deutschland optimistisch

Der „Trierische Volksfreund“ schreibt:

Der Informationsdienst Wahl-Radar fasst wöchentlich die Ergebnisse aller öffentlichen Wahlprognosen zusammen. Das aktuelle Ergebnis sagt 7,6 Prozent für die Alternative für Deutschland voraus – mehr als doppelt so viel wie die Piraten, deutlich mehr als die FDP, knapp mehr als die Linke.

Fast acht Prozent also. Bei anderen Umfragen, etwa von Allensbach oder Forsa, liegt die AfD momentan lediglich bei drei, maximal vier Prozent.

Diese krassen Unterschiede kommen dadurch zustande, dass das „Wahl-Radar“ auch so Dinge einbezieht wie die „Wahlwette“ von „Spiegel Online“ oder die „Prognosebörse“ des „Handelsblatts“.

Es fließen vor allem aber auch die Zahlen des „Wahl-O-Meters“ ein, das zählt, wie oft eine Partei und ihre Politiker auf Twitter erwähnt werden. Darin schneidet die AfD regelmäßig derart gut ab, dass sie auch im „Wahl-Radar“ immer deutlich über fünf Prozent liegt.

Und es ist wohl kein Zufall, dass das „Wahl-Radar“ ausgerechnet diese Methode anwendet, um seine Prognosen zu berechnen. Denn hinter dem „Wahl-Radar“ — und das hat leider keines der oben genannten Medien geschrieben — steckt ein AfD-Mann.

Die „Düsseldorfer Agentur“, die den Dienst betreibt, gehört Wolfgang Osinski. Der war mal Pressesprecher von RTL, hat bei „Bild“ gearbeitet und ist heute Vorstandsmitglied der AfD in Düsseldorf. Zum dreiköpfigen „Wahl-Radar Team“ gehört außerdem Ulrich Wlecke — er ist Bundestagskandidat der AfD.

Das hätten die Journalisten mit einer kurzen Google-Suche auch selbst herausfinden können. Oder mit einer einfachen Nachfrage. So wie die „Stuttgarter Nachrichten“, die sich nicht einfach blind auf das Acht-Prozent-Gerede verlassen haben:

[...] eine Nachfrage unserer Zeitung bei der Agentur ergab: Osinski ist selbst AfD-Mitglied. Er gibt zu: ‘Ich spreche pro domo’. Das heißt Werbung in eigener Sache.

Und so wundert es dann auch nicht, dass Osinski und Wlecke in der aktuellen Ausgabe des „Wahl-Radars“ (PDF) eines nicht oft genug betonen können:

[Die AfD] hat gute Aussichten, die 5%-Hürde zu überspringen.

Ein Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde sei „durchaus drin“. Die AfD sei „vorraussichtlich im Bundestag“. Ein Nichteinzug der AfD sei „sehr unwahrscheinlich“. Und so weiter.

Dass die Betreiber des „Wahl-Radars“ selbst zur AfD gehören, wird an keiner Stelle erwähnt.

Mit Dank an Thomas H.

Nachtrag, 12. September, 11 Uhr: Der „Volksfreund“ hat den Artikel gestern transparent überarbeitet und einen Nachtrag veröffentlicht.

Michael Hanfeld, taz, Twerk Fail

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Jimmy Kimmel Reveals ‘Worst Twerk Fail EVER – Girl Catches Fire’ Prank“
(youtube.com, Video, 5:06 Minuten, englisch)
Jimmy Kimmel enthüllt die Hintergründe über das am 3. September hochgeladene Video „Worst Twerk Fail EVER – Girl Catches Fire!“, das bereits über zehn Millionen mal angesehen und auch von mehreren Medien aufgegriffen wurde.

2. „FAZ prangert Verschwendung in der ARD an – dabei ist alles noch viel schlimmer“
(udostiehl.wordpress.com)
Udo Stiehl beschäftigt sich mit den „34 – im weitesten Sinne – Sportjournalisten der ARD“, die gemäß Michael Hanfeld in der FAZ zur Wahl des IOC-Präsidenten in Buenos Aires akkreditiert waren.

3. „Monokultur in den Chefetagen“
(taz.de, René Martens)
René Martens blickt auf sich ankündigende Personalwechsel beim WDR: „Als sicher gilt, dass Jörg Schönenborn, seit mehr als einem Jahrzehnt Chefredakteur des WDR Fernsehens, befördert wird. Zudem könnte Jochen Rausch, der Chef des erfolgreichen Radioprogramms 1Live, auf den Hörfunkdirektorenposten klettern. Als geeignet für diesen Top-Job gilt auch Jona Teichmann, Leiterin der Landesprogramme im Hörfunk. Die ist aber ‘ausgerechnet’ (Süddeutsche Zeitung) mit Schönenborn verheiratet. Andere Frauen stehen offenbar nicht zur Debatte.“

4. „… und mit kleinem Penis regiert man schlechter?“
(welt.de, Kritsanarat Khunkham)
Kritsanarat Khunkham stört sich an den „an Bösartigkeit kaum zu überbietenden“ Fragen, die Philipp Rösler von der „taz“ gestellt wurden. Im Artikel „Rassismus-Streit zwischen Rösler und der ‘Taz'“ (welt.de, Thomas Vitzthum) ist weiter zu lesen: „‘Das Interview war keineswegs unter dem Stichwort ‘Hass’ angefragt, wie ‘Taz’-Chefredakteurin Ines Pohl behauptet’, sagte ein Parteisprecher der ‘Welt’. Vereinbarter Schwerpunkt sei vielmehr ‘Stil und Anstand im Wahlkampf’ gewesen.“

5. „Unwahrheiten in der taz“
(alexanderdilger.wordpress.com)
Aufgrund „falscher Tatsachenbehauptungen“ schaltet Alexander Dilger einen Anwalt ein, der „die taz abmahnt und die Abgabe einer Unterlassungserklärung sowie einen Widerruf verlangt“. Der Artikel wird gelöscht und mit einer Richtigstellung („Das war alles falsch. Entschuldigung.“) ersetzt.

6. „Achtjähriges jemenitisches Mädchen stirbt nach Zwangsheirat und erzwungenem Sex – Versuch eines Faktenchecks“
(kyriacou.ch)