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Voll für'n Eimer

"Bild"-Sommerloch-Regel Nummer 1: Malle geht immer. Völlig wurscht, worum es geht, Hauptsache, es spielt auf "unserer Lieblingsinsel".

Es begann vor einem Monat mit dem "'Who is Who' am Ballermann" und ging weiter mit Artikeln über das "Schampus-Verbot für Georgina", das "Sing– und Sprechverbot" für Willi Herren, die "Unten-ohne-Panne bei Bachelor-Melanie", die Flitterwochen von Olivia Jones' Assistent und die neue Liebe von Micaela Schäfer. Dann noch mal Georgina ("als Djane gefeuert"), noch mal Frau Schäfer (Gastauftritt bei "Alarm für Cobra 11"), zwischendurch immer mal wieder "Bild"-Hampelmann Matze Knop, dann die "Lieblingsrestaurants der Promis", dann ein "Bildplus"-Spezial zum "Universum Schinkenstraße".

Als tatsächlich mal etwas halbwegs von Belang passierte, als nämlich ein "Nacht-Suff-Verbot" verhängt wurde, fuhr Bild.de gleich die dicken Geschütze auf: Das "Saufverbot am Ballermann" wurde mit mehreren Artikeln, einer Live-vor-Ort-Reportage, noch einer Live-vor-Ort-Reportage sowie einer Bilanz gewürdigt.

Doch so richtig zehren konnte "Bild" von diesen Skandälchen nicht. Die Aufregung, so sie denn überhaupt entstand, verpuffte zu schnell, um mehrere Tage lang darüber berichten zu können. Etwas Größeres musste her. Und es kam auch:  Politiker will unseren Ballermann dichtmachen!

Zwei "Bild"-Reporter hatten diese Schlagzeile von einem Treffen mit "Mallorcas wichtigstem Tourismus-Politiker" mitgebracht, dem Vize-Bürgermeister Álvaro Gijón. Er wolle den Ballermann "plattmachen", heißt es in dem Artikel. "Luxus statt Sangria-Eimer".

Bild.de fackelte nicht lange und erklärte die Aussagen Gijóns gleich mal zum "Angriff auf die deutsche Urlaubs-Seele". Und "Bild" holte am nächsten Tag zum Gegenschlag aus:
hier kämpft der König von Mallorca um unseren Ballermann

Wenn einer unseren Ballermann retten kann, dann ER!

[…] In seiner politischen Mission besucht Ballermann-Retter Drews gestern Nachmittag in roter Königsrobe den Strand von Arenal. Das Gespräch mit dem verärgerten Partyvolk suchen.

"Bild" war natürlich mit von der Partie und hat alles fleißig dokumentiert. Im Artikel (und im Video und in der Klickstrecke) fordert  Jürgen Drews den Politiker dazu auf, seine Pläne zu überdenken. Nebenbei erwähnt er noch kurz, wie sein neues Lied heißt.

Das "verärgerte Partyvolk" posiert mit Riesenstrohhalm und "Bild"-Zeitung und sagt Dinge wie: "Nur weil wir hier mal einen Tag Wodka-Maracuja aus einem Eimer trinken, sind wir ja nicht gleich unzivilisierte Menschen."

Auch andere "Ballermann-Stars" folgten der "Bild"-Zeitung in den Kampf gegen die Politikerpläne, Sänger Tim Toupet etwa schlug in feinster "Bild"-Manier vor, der "Vize-Heini" solle sich "doch in Griechenland bewerben, da passt er hin."

Bild.de kramte unterdessen wehmütig im Fotoalbum, stellte die "schönsten Ballermann-Bilder" zusammen und fragte: "Soll es DAS alles etwa nicht mehr geben?"

So wäre es wahrscheinlich noch ein paar Tage weitergegangen. Vielleicht hätte sich Heino noch eingeschaltet, vielleicht hätte Franz Josef Wagner dem "lieben Ballermann" einen Abschiedsbrief gewidmet, wer weiß. Doch dazu kam es nicht, denn wie sich wenig später herausstellte, hatte der der Tourismus-Politiker in Wahrheit niemals vor, "unseren" Ballermann dichtzumachen.

Am Mittwoch sagte er der "Mallorca Zeitung" (auch bei 6 vor 9 verlinkt), seine Aussagen seien von den "Bild"-Reportern "völlig verdreht" worden. Von einer Abschaffung des Ballermann "könne keine Rede sein."

Er habe lediglich betont, dass auch Paare, Familien und Senioren ein Recht hätten, ihren Urlaub in dem beliebten Touristenort ungestört verbringen zu können. Ziel sei es, den Anteil kaufkräftiger Urlauber, die das ganze Jahr über auf die Insel kommen, anzuheben. Trotzdem: "Die Playa ist für alle da".

Aber kein Problem für die Leute von "Bild". Die haben sich nämlich schon längst dem nächsten Skandal zugewandt:So machen Rocker Millionen auf Mallorca!

Malle geht eben immer.

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ORF, Zenith, Implosion

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. "Der erfundene Zeuge"
(falter.at, Wolfgang Zwander)
Verschiedene österreichische Medien übernehmen Vorwürfe der "Kärntner Woche" gegen den Landeshauptmann von Kärnten, Peter Kaiser. "Wirklich unangenehm für den Landeschef ist allerdings vor allem, dass vom ORF abwärts alle relevanten Medien des Landes einen Bericht übernahmen, der schlicht falsch war. Und dass Journalisten lieber ihren Souffleuren aus den Parteien glaubten als den Fakten und Originaldokumenten. Eine Durchsicht der Polizeiakten zeigt nämlich: den besagten Zeugen, der Kaiser angeblich belastete, hat es nie gegeben."

2. "ORF retuschiert Logos der Konkurrenz weg"
(kobuk.at, Teresa Hammerl)
Die ORF-Nachrichtensendung "Zeit im Bild" entfernt auf einem Bild zur Ankündigung eines Beitrags die Schriftzüge der Mikrofone von Konkurrenzsendern. Die Pressestelle bedauert auf Anfrage "die individuelle Fehlleistung eines Mitarbeiters": "Aufgrund des sehr engen Zeitkorsetts konnte das Hintergrundbild inhaltlich-redaktionell nicht mehr kontrolliert werden."

3. "Wie ein Orientmagazin Ziel türkischer Hacker wurde"
(welt.de, Iris Alanyali)
Die Website des Orientmagazins "Zenith" wird angegriffen, nachdem die aktuelle Ausgabe eine fiktive Karte Kurdistans auf dem Titelbild zeigt. Ein Interview mit Chefredakteur Daniel Gerlach.

4. "Springer wird radikal digital"
(wiwo.de, Franziska Bluhm)
Der Axel-Springer-Verlag verkauft mehrere Traditionsblätter an die Funke Mediengruppe (vormals WAZ Mediengruppe): "Der Verkauf der Titel ist vor allem eins: konsequent. Er zeigt, wie ernst es der Konzern, der sich bereits in den vergangenen Jahren von einem klassischen Verlag zu einem Medienhaus gewandelt hat, mit der Digitalisierung meint."

5. "Springer, Funke und das Schlimmste, das noch kommt"
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Thomas Knüwer sieht den Verkauf als "die Implosion einer Branche, mit deren Produkten wir täglich Kontakt haben, deren Arbeit wichtig sein könnte für die Gesellschaft. Und an deren Ende auch unsere Städte ganz anders aussehen, unser Alltagsleben sich verändern könnte."

6. "Rette sich wer kann! Was jeder Journalist aus der Print-Amputation bei Springer lernen sollte"
(lousypennies.de, Karsten Lohmeyer)
Karsten Lohmeyer schreibt: "Im Rückblick werden Wirtschaftshistoriker vermutlich jenen 25. Juli 2013 als den entscheidenden Punkt definieren, an dem Springer-Vorstandschef Döpfner den Grundstein für sein Medienhaus der Zukunft gelegt hat – ohne den Ballast von Print-Produkten abseits von Bild und Welt. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem man noch eine knappe Milliarde dafür erlösen konnte. Selbst wenn man 260 Millionen davon quasi als Kredit an die Funke-Gruppe vergab." Siehe dazu auch "Hat die Funke Mediengruppe sich da ein Ei gelegt?", ein Interview mit Steffen Grimberg auf Deutschlandradio Kultur.

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