Archiv für Juni 19th, 2013

„Sehr zurückhaltende“ Berichterstattung

Heute lassen wir mal die User von Bild.de zu Wort kommen. Ausnahmsweise sind wir nämlich ziemlich einer Meinung.

Das ist echt eine Sauerrei. Sogar für die BILD.

Da fragt man sich wirklich, auf welchem Niveau sich solch Schreiberlinge befinden? Schlimmer gehts nicht!

Muss man solche details veröffentlichen???schlimm genug für die angehörigen…….

Dieser Artikel hätte schon aus Anstand der Familie gegenüber NIE veröffentlicht werden dürfen. Liebe Bildredakteure, wie tief wollt Ihr eigendlich sinken…..

Völlig Krank das in einer Zeitung zu bringen . Versetzen sie sich mal in die Lage der Angehörigen .

Typisch BILD!!! WIR waren die ersten die darüber Berichteten,arme Angehörige

Ja Bild, andere bloß stellen, kommt ja ganz gut an……………

Auf diese detaillierte Info hätte ich verzichten können

Liebe Bild, zeigen Sie Anstand und Pietät !!!!!
Raus mit diesen Artikel!!!!

[...] diese Scheinheiligkeit ist unglaublich. Wieviel verdient denn ein Journalist für solche Enthüllungen? Ist es das wert?

Bild sudelt sich am Unglück anderer

Dafür müsste man euch fristlos kündigen, sowas der öffenlichkeit preis zugeben

Mir fehlen die Worte

Uns hat es auch die Sprache verschlagen, als wir den Artikel gelesen haben, auf den sich diese Kommentare beziehen. Erschienen ist er vor einem halben Jahr auf Bild.de und in der Dresdner Regionalausgabe der „Bild“-Zeitung:Nackter Mann saß tot im Auto - Keiner will sterben. Aber muss der Tod gerade in einer solchen unangenehmen Situation kommen, wie es [Vorname, abgekürzter Nachname] (68) passierte? - [Bildunterschrift:] [Automarke] auf dem Feld bei [Ort]. Hier fand gestern eine Anwohnerin den toten Mann in seinem Auto. Er verstarb schon am Abend zuvor.

Dort ging es um einen Mann, der mit heruntergelassener Hose tot in seinem Auto gefunden worden war. Im Text hieß es, der Gerichtsmediziner habe festgestellt, dass der Mann dabei war, „sexuelle Handlungen an sich selbst auszuüben“. Dabei soll er einen Herzinfarkt erlitten haben.

„Bild“ nannte den Vornamen, sowie den abgekürzten Nachnamen des Mannes; zeigte auf zwei Fotos dessen Auto; beschrieb, in welchem Ort er gefunden wurde — und druckte zu allem Überfluss noch ein riesiges Foto, auf dem die Angehörigen zu sehen sind, während sie trauernd neben dem offenen Sarg knien.

Zumindest für Bekannte der Familie war also mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erkennen, um wen es sich bei dem Toten handeln musste. Auch die Angehörigen, deren Gesichter zwar verpixelt waren, mussten damit rechnen, von ihrem Umfeld identifiziert zu werden.

Die Intimsphäre des Mannes, seine Würde und Persönlichkeitsrechte und selbst die seiner Familie — all das schien bei „Bild“ niemanden zu interessieren.

Wir haben uns deshalb beim Deutschen Presserat über diese Berichterstattung beschwert. Wie in so einem Fall üblich, bekam der Verlag die Gelegenheit, Stellung zu nehmen. Doch die Verteidigung der Springer-Juristen war kaum weniger unverschämt als der Artikel selbst.

Die Berichterstattung verletze weder die Menschenwürde der Angehörigen noch die des Verstorbenen, argumentierte der Verlag, „da niemand identifizierbar werde“.

So würden keine Namensangaben der Angehörigen veröffentlicht. Sie seien zudem nur von sehr weit fotografiert worden, ihre Gesichter seien vollständig verpixelt worden. [...] Der tatsächliche Wohnort sei bewusst nicht genannt worden.

Die Angaben zu dem Toten seien, so die Springer-Anwälte, „zurückhaltend“ erfolgt. „Zurückhaltend“ in dem Sinne, dass die Autoren nicht den vollen Nachnamen des Mannes genannt und kein Foto von ihm veröffentlicht haben. Die Abbildung des Autos rechtfertigen sie damit, dass es „ein Allerweltsauto ohne jedes besondere Merkmal“ sei.

Und den Angehörigen wird das „Recht auf Privatheit“ mit der abenteuerlichen Begründung abgesprochen, dass sie „mit der Art und Weise des Todes des Mannes […] nichts zu tun“ hätten.

Die Anwälte betonten außerdem, die Umstände des Todes und der massive Einsatz von Rettungskräften hätten „in der Region Dresden für ein starkes öffentliches und mediales Interesse gesorgt“.

Insgesamt, so das Fazit der Juristen, sei die Berichterstattung angesichts der „außergewöhnlichen und feststehenden Umstände des Falles […] als sehr zurückhaltend zu bezeichnen“.

Das sah der Presserat anders.

Der Beschwerdeausschuss erkannte in dem Artikel eine Verletzung der Ziffer 8 des Pressekodex:

Die Mitglieder sind der Auffassung, dass sowohl der Tote als auch seine Angehörigen – zumindest für einen kleineren Kreis von Personen – identifizierbar werden.

Das liege vor allem an der Nennung seines Namens und der Abbildung des Autos.

Die Mitglieder erkannten jedoch kein Informationsinteresse der Öffentlichkeit, mit dem diese Identifizierung zu rechtfertigen wäre. Sowohl das Persönlichkeitsrecht des Toten als auch das seiner Hinterbliebenen wird daher verletzt […].

Der Verstoß werde „noch deutlich durch die Umstände des Todes des Mannes verstärkt. Durch die Berichterstattung erfährt zumindest ein bestimmter Kreis von Personen, in welcher Situation er gestorben ist. Insbesondere für seine Hinterbliebenen entsteht somit eine äußerst unangenehme Situation, die durch eine vollständige Anonymisierung zu verhindern gewesen wäre.“

Der Presserat sprach deshalb eine „Missbilligung“ aus, bei der es den „Bild“-Leuten allerdings frei gestellt ist, ob sie sie abdrucken – oder es einfach bleiben lassen.

Der Artikel beginnt übrigens mit einer bemerkenswerten Feststellung:

Er hätte ein würdevolleres Ende verdient.

Ja, „Bild“. Das hätte er.

Wechseln ist gar nicht so einfach

Kaum ein Mensch weiß, wie so eine Krankenkasse funktioniert, wie viel sie kostet und wann sie zahlt (oder auch eben nicht). Journalisten greifen deshalb gerne zu Beispielen, anhand derer sie erklären können, was im Gesundheitswesen so falsch läuft.

So wie beim Fall von Aikaterini Katsoura, Krankengymnastin aus Bayern, auf „Spiegel Online“:

Wegen einer Krebserkrankung aus dem Jahr 2007 wurde der Tarifwechsel also abgelehnt. Katsoura wollte das nicht hinnehmen. Sie schaltet im Januar den Versicherungsmakler Javier Garcia ein. Dieser erreicht, dass die BBKK den Wechsel rückwirkend zum 1. Oktober 2012 umstellt. Denn der Versicherer hätte wegen der Vorerkrankung einen Risikozuschlag verlangen dürfen – oder einen Mehrleistungsausschluss vereinbaren können. Einfach ablehnen durfte die BBKK den Wechsel aber laut Gesetz nicht.

Aufmerksamen BILDblog-Lesern könnte Javier Garcia bekannt vorkommen — aufmerksamen Lesern von „Spiegel Online“ sowieso: Der Versicherungsmakler aus Bad Oeynhausen war zuvor schon drei Mal als Zitatgeber zum Thema private Krankenversicherungen aufgetaucht (BILDblog berichtete).

Im November 2012 hatte uns „Spiegel Online“-Chefredakteur Rüdiger Ditz mitgeteilt, man werde sich in Zukunft bemühen, auch andere Ansprechpartner zu Wort kommen zu lassen. Auf unsere Nachfrage, ob es keinen anderen Ansprechpartner für die aktuelle Geschichte gegeben habe, hat Ditz bisher nicht geantwortet.

Mit Dank an Max G. und Klaus P.

Spiegel Online, Fox News, Rechercheaufträge

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Tod, Tod, Tod – Wie SPON übertreibt“
(freitag.de, Rasmus Cloes)
Rasmus Cloes befasst sich mit dem „Spiegel-Online“-Artikel „Lebensgefahr durch Kinder-Hustensaft“: „Zäpfchen, Zäpfchen, Tod. Das klingt heftig! Da fragt man sich als Leser: Warum zur Hölle dürfen die so was frei verkaufen? – Die Antwort: Weil es eine – unglaublich schlimme – Ausnahme ist.“

2. „Das ‘Obama landet in Berlin’ Symbolbild bei SPON“
(rheker.wordpress.com)
„Spiegel Online“ illustriert den „Liveticker zum Deutschland-Besuch“ von Barack Obama mit einer „Aufnahme vom 12.06. vom Abflug auf der Andrews Airbase in den USA“. Siehe dazu auch „Obama-Ticker: Nichtigkeiten im Minutentakt“ (onlinejournalismus.de).

3. „There’s Always Money In The Banana Stand“
(juliane-wiedemeier.de)
Juliane Wiedemeier musste an der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche „als Freie, die für ein mikroskopisch kleines Start-up arbeitet, bei dem niemand weiß, wo das noch hinführen soll, plötzlich den gutbezahlten Festangestellten großer Verlagshäuser Mut zu sprechen.“

4. „Fox News sued over JoDon Romero on-air suicide“
(bbc.co.uk, englisch)
Fox News zeigt einen Suizid nach einer Verfolgungsjagd live und wird verklagt: „The broadcaster has apologised for the ‘severe human error’ that led to the death’s airing.“

5. „So funktioniert Die Recherche“
(sueddeutsche.de, Sabrina Ebitsch)
Die „Süddeutsche Zeitung“ recherchiert nach Wunsch: „Wir nehmen Ihre Rechercheaufträge entgegen: Über welche Themen und Geschichten wollten Sie schon lange mehr erfahren? Stellen Sie uns Fragen, die Sie sich selbst stellen, von der Euro-Krise bis zum Schulsystem, von Umweltschutz bis Integration.“

6. „Der unsinnige Traum vom ‘deutschen Google'“
(blogs.wallstreetjournal.de, Stephan Dörner)
Subventionen „in dreistelliger Millionenhöhe“ für eine europäische Alternative zu Google: „Es gäbe über 1.700 konkrete Ergebnisse. Darunter 130 Prototypen, knapp 60 Patente und andere geschützte Ergebnisse, 19 Standardisierungsaktivitäten, 5 Existenzgründungen und rund 900 Publikationen. Ein deutsches Google war allerdings nicht dabei.“