Archiv für Juni 8th, 2013

Quelle: „Bild“

Vor sechs Jahren drehte ein aus Halbwahrheiten, Spekulationen und Großbuchstaben zusammengeschustertes Geschichtenkonstrukt der „Bild“-Zeitung eine große Runde durch die Medienlandschaft. Damals ging es um das Video eines Fallschirmspringers, der „[Jürgen] Möllemanns Todessprung mit einer Kamera“ gefilmt hatte.

„Bild“ hatte auf der Titelseite groß verkündet:Möllemann - Todes-Video aufgetaucht!

Dabei war das Video in Wahrheit schon vier Jahre zuvor „aufgetaucht“ — die Staatsanwaltschaft hatte es bereits kurz nach Möllemanns Tod im Jahr 2003 ausgewertet.

Doch viele andere Medien verbreiteten die Nachricht vom plötzlich aufgetauchten Video und die Spekulationen der „Bild“-Zeitung kopflos weiter, obwohl viele von ihnen schon im Jahr 2003 selbst über das Video berichtet hatten.

Wir haben diesen Fall und sein juristisches Nachspiel (denn das Video war noch dazu geklaut) seinerzeit hier, hier und hier dokumentiert.

Leider haben die Medien seither nichts dazugelernt.

Am Mittwoch verkündete „Bild“ groß auf der Titelseite:10 Jahre nach Todessprung - Möllemanns letzter Brief aufgetaucht

Dabei war der Brief in Wahrheit schon vor sechs Jahren „aufgetaucht“ (wie wir am Mittwoch berichtet haben).

Doch viele andere Medien verbreiten die Nachricht vom plötzlich aufgetauchten Brief und die Spekulationen der „Bild“-Zeitung kopflos weiter. Mal wieder.

Die dpa veröffentlichte Meldungen über den „jetzt bekanntgewordene[n] Brief“, „Spiegel Online“ und Handelsblatt.com erzählen vom „bisher unbekannten Abschiedsbrief „, auch n-tv.de, T-Online.de, „RP Online“, Tagesspiegel.de, Welt.de, das „Hamburger Abendblatt“ und viele andere zogen mit — in den meisten Fällen beriefen sie sich dabei allein auf den „Bild“-Artikel.

Nur wenige Medien haben sich die Mühe gemacht, selbst ein bisschen zu recherchieren. So wie (überraschenderweise) stern.de:

Tatsächlich hatte sich FDP-Politiker Kubicki schon vor über zwei Wochen mit der „Bunten“ über den Tod seines Freundes, dieses Schreiben und die Übergabe vor zehn Jahren unterhalten. Auch in einer TV-Dokumentation aus dem Jahr 2007 („Der Tag als Jürgen W. Möllemann in den Tod sprang“) hält Kubicki den Brief in die Kamera.

Es wäre auch für andere Journalisten kein Ding der Unmöglichkeit gewesen, das herauszufinden: Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte die Szene in einer TV-Kritik von 2007 explizit erwähnt: „Ziemlich am Ende des Films zitiert [Kubicki] aus einem Brief, den Möllemann ihm für den Fall der Fälle geschrieben hatte […]“.

Doch wenn das Leitschafmedium einmal losgetrampelt ist, lässt sich die Herde nicht mehr aufhalten. Inzwischen ist die Geschichte sogar schon in der Wikipedia gelandet:Am 5. Juni 2013 wurde ein Brief bekannt, den Möllemann im April 2013 im Hamburger Hotel

Als Quelle aufgeführt ist: „Bild“.

Zu Gaffern gemacht

Nach all den schlimmen Hochwasser-Nachrichten der letzten Tage wollte „Bild“ am Donnerstag auch mal eine positive Seite der „Jahrhundertflut“ zeigen. Im Grunde ist es also eine ganz schöne Geschichte, die das Blatt da veröffentlicht hat:

SCHIPPEN, SCHLEPPEN, SCHRUBBEN - Tausende packen freiwillig bei der Jahrhundertflut an

Es ist eine Welle der Solidarität, Deutschland krempelt die Ärmel hoch! So schlimm die Jahrhundertflut über den Osten und Süden hereinbrach, so groß ist die Hilfsbereitschaft! Zehntausende Freiwillige schippen, schleppen, schrubben!

Doch die Skandal-Spürnasen von „Bild“ haben selbst inmitten all der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe noch etwas gefunden, über das sie sich empören können:

Andere gaffen nur! - Gaffer betrachten das Hochwasser! Psychologe Thiel:

Oder nochmal in der Online-Variante:

Andere gaffen nur! - Gaffer betrachten das Hochwasser! Psychologe Thiel:

„Bild“ schwingt also voller Entsetzen die Moralkeule — und haut sie, was der Leser dann allerdings nicht mehr mitbekommt, mit Schmackes ins Leere.

Denn im System des dpa-Bildfunks trägt das Foto folgende Beschreibung:

Sonniges Wetter in Düsseldorf
02.06.2013 16:45:19
Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um die 20 Grad sitzen am 02.06.2013 in Düsseldorf-Wittlaer (Nordrhein-Westfalen) Ausflügler auf Stühlen auf dem Rheindeich in einem Biergarten. Foto: Horst Ossinger/dpa

Das, was die „Gaffer“ in den Gartenstühlen „betrachten“, sind also keine Katastrophenszenen – sondern Schiffe.

Mit Dank an Bernd W. und Mo.

Nachtrag, 10. Juni: „Bild“ hat heute eine Berichtigung abgedruckt:

Berichtigung - In der Ausgabe vom 6. Juni berichteten wir mit einem Foto von Flut-Gaffern. Dabei ist uns ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Auf dem Foto sind keine Schaulustigen zu sehen, sondern Ausflügler am Rhein. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.