Archiv für April 25th, 2013

Charlie und die Promotionfabrik

Wir wissen nicht, ob der Schauspieler Charlie Sheen in den vergangenen Jahren Tagebuch geführt hat. Wenn ja: Pech für ihn — er hätte sich eine Menge Arbeit sparen können.

Denn einige tausend Kilometer von seinem Wohnsitz entfernt war eine deutsche Online-Redaktion so freundlich, jeden öffentlich gewordenen Moment seines Lebens haarklein zu dokumentieren. Eine (sicherlich unvollständige) Liste haben wir hier zusammengestellt.

Polizei befreit nackte hure aus Schrank von Charlie Sheen - Charlie Sheen findet Nüchternsein langweilig - Charlie Sheens Harem aufgelöst! - Charlie Sheens 36-Stunden-Porno-Party - Charlie Sheen ließ es mit sechs Bikini-Mädchen krachen - Charlie Sheen will malen und tanzen - Charlie Sheen verschenkt im Suff Baseball-Ikone - Im Koks-Rausch: Charlie Sheen schenkte Porno-Star 30 000 Dollar

Seit ein paar Wochen klingt die Sheen-Berichterstattung bei Bild.de allerdings ein bisschen anders. Im Mittelpunkt stehen plötzlich nicht mehr die Pornoskandale, Beziehungsskandale und Pornobeziehungsskandale, sondern einzig und allein: „Anger Management“, die neue Serie des Schauspielers (BILDblog berichtete).

Vorbei die Zeiten, wo die Skandalnudel sich tagelang mit Prostituierten im Bett wälzte – jetzt flirtet Charlie wieder auf dem Bildschirm.

Und zwar „exklusiv auf BILD Movies“ — wie Bild.de in letzter Zeit hin und wieder mal angedeutet hat:

8. Februar 2013:

CHARLIE SHEEN TWITTERT - "Anger Management" läuft nur auf BILD Movies - Flatrate für Serien und Filme +++ einen Monat gratis testen +++ BILD.de-Leser zahlen 8,99 Euro für zwei Monate

11. April 2013:

"ANGER MANAGEMENT" EXKLUSIV AUF BILD MOVIES IN KOOPERATION MIT WATCHEVER - Charlie Sheen: So geil ist seine neue Serie

12. April 2013:

"ANGER MANAGEMENT" EXKLUSIV AUF BILD.DE - Prügel, Puppen, Peinlichkeiten - BILD.de zeigt die ersten Highlights von Charlie Sheens neuer Comedyserie

12. April 2013:

"ANGER MANAGEMENT" IM STREAM EXKLUSIV AUF BILD MOVIES - Charlie hatte sie alle - jetzt haben wir ihn! - Charlie Sheens neue Comedyserie feiert Deutschlandpremiere

13. April 2013:

NOUREEN DEWULF AUS "ANGER MANAGEMENT" - Das ist Charlie Sheens heiße Therapie-Puppe - BILD traf Sheens sexy Co-Star zum Interview

15. April 2013:

"ANGER MANAGEMENT" EXKLUSIV AUF BILD MOVIES - Endlich trägt Charlie Sheen lange Hosen - BILD Movies zeigt die Highlights von Charlie Sheens neuer Comedyserie

16. April 2013:

DANIELE BOBADILLA (20) IN "ANGER MANAGEMENT" - Zähmt die süße Tochter Charlie Sheen? - BILD Movies* zeigt die Highlights von Charlie Sheens neuer Comedyserie

17. April 2013:

"ANGER MANAGEMENT" EXKLUSIV AUF BILD MOVIES - Charlie Goodsons beste Sprüche - BILD Movies* zeigt die Highlights von Charlie Sheens neuer Comedyserie

18. April 2013:

MARTIN UND CHARLIE SHEEN ZUSAMMEN IN "ANGER MANAGEMENT" - Wenn der Vater mit dem Sohne - BILD Movies* zeigt die Highlights von Charlie Sheens neuer Comedyerie

19. April 2013:

KOMPLETTE ERSTE STAFFEL "ANGER MANAGEMENT" AUF BILD MOVIES - Letzte Sitzung mit Charlie auf der Wut-Couch - BILD Movies* zeigt exklusiv Charlie Sheens neue Comedy-Serie

Mittlerweile hat das Portal sogar eine eigene Themen-Seite für die Serie eingerichtet und veröffentlicht regelmäßig Trailer zu den einzelnen Folgen, dazu Fotostrecken, Infografiken und andere Späßchen.

Diese nicht gerade subtile Vermischung aus Werbung und Redaktion fällt inzwischen auch den Bild.de-Lesern auf:[Kommentar 1:] Hat Bild nen Exklusiv-Werbevertrag mit dem Typen? Immer wieder diese unwichtigen Geschichten über diesen (Alkohol) kranken Menschen. [Kommentar 2:] Nein, die Verdienen Geld damit das sich jemand anmeldet und fürs gucken bezahlt.[Kommentar 1:] Ich möchte mal wissen was die Produktionsfirma der Bild bezahlt, für dieses tägliche Bombardement! [Kommentar 2:] Das liegt daran, das diese Serie Exklusiv über watchever läuft, und das bekanntlich in kooperation mit der Bildzeitung... ;) Eigene Werbung is immer noch die beste;)[Kommentar:] die pure werbung...[Kommentar:] Das ist einzig und allein nur Werbung für watchever und Bild. Die Serie ist großer mist, nicht lustig und die Einschaltquoten in den usa mit jeder Episode weniger.[Kommentar:] Charlie Sheen Spam Site[Kommentar:] Eigentlich gibt es Gesetze die besagen, das man Werbung kennzeichen muss!

Bushido, Rudeljournalismus, Offshore-Leaks

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „War da mal was?“
(journal21.ch, René Zeyer)
Die Offshore-Leaks haben Nutzer von Trusts offengelegt, „ohne dass bislang in einem einzigen Fall auch nur der Hauch eines Indizes präsentiert wurde, von Beweisen ganz zu schweigen, dass es dabei zu illegalen Handlungen gekommen wäre“, schreibt René Zeyer. „Es steht dem von der Medieninquisition Angeschuldigten höchstens frei, seine Unschuld zu beweisen. Also zu belegen, dass da nichts ist, wo aber vielleicht etwas sein könnte.“

2. „Hoeneß und die Medien: Wenn Aufklärung zu Abschirmung wird“
(carta.info, Wolfgang Michal)
Wolfgang Michal erkennt in der Berichterstattung über die Selbstanzeige von Uli Hoeneß Unterschiede zwischen dem Norden und Süden Deutschlands: „Während die Hamburger also die ‘Doppelmoral’ des Uli Hoeneß geißeln (weil sie froh wären, wenn sie wenigstens 1 Moral hätten), huldigt man in München – wenn’s drauf ankommt – der bewusstseinsvernebelnden Wurschtigkeit des ‘Leben und leben lassen’.“

3. „Rufraub im Piraten-Dossier: Die ‘Zeit’ tritt nach“
(stefan-niggemeier.de)
„Wir fas­sen zusam­men: Die ‘Zeit’ ver­öf­fent­licht ein Pam­phlet über Film­pi­ra­terie, das eine Wis­sen­schaft­le­rin dif­fa­miert, gibt vor Gericht eine Unter­las­sungs­er­klä­rung ab und behaup­tet dann in einer Pres­se­mit­tei­lung das Gegen­teil. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine der beson­ders seriö­sen Adres­sen des deut­schen Jour­na­lis­mus han­delt, man käme nicht drauf.“

4. „Aggressive Medienarbeit – Bushido droht Berichterstattern“
(ndr.de, Video, 4:41 Minuten)
Zapp über Recherchen im Umfeld des Rappers Bushido. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagt im Beitrag: „Vor zweieinhalb Jahren hab ich mir sehr gewünscht, dass wir da recherchieren und ein Reporter nach dem anderen sprang mir ab aus Angst vor den Konsequenzen, die das haben könnte. Das ist per se schon mal nicht schön auf unserer Seite. Aber es kam noch etwas dazu, was mich sehr irritiert hat: Egal, wo sie angefangen haben zu recherchieren, ob das nun bei der Polizei war oder bei der Justiz, das Erste war: Oh, das ist gefährlich. Da begeben Sie sich in Teufels Küche.“ Siehe dazu auch ein Gespräch mit Walter Wüllenweber vom „Stern“ (vimeo.com, Video, 7:13 Minuten).

5. „Fürsorgliche Vernichtung“
(stern.de, Hans-Ulrich Jörges)
„Ich war Teil der Meute“, schreibt Hans-Ulrich Jörges zum Phänomen Rudeljournalismus: „Die Verirrung von kritischem Journalismus, den es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt, in besinnungslose, lustvoll schmähende Kampagnen. Ohne Widerworte, ohne abweichende Stimmen, ohne Selbstbesinnung.“

6. „Gisela Stelly: ‘Der Spiegel sollte Stefan Aust zurückholen'“
(abendblatt.de, Armgard Seegers)
Die Ex-Frau von Rudolf Augstein, Gisela Stelly, im Interview zur Zukunft des „Spiegel“. „‘Im Zweifel links’ war Rudolf Augsteins Markenspruch. Diese Marke ist vom Sohn, der kein Sohn ist, einfach übernommen worden. Der ‘Spiegel’ täte gut daran, die Herausgeberschaft weiter im Geiste von Rudolf Augstein zu belassen, der ein Jahrhundertjournalist war, auch um sich immer wieder an diese hohe Messlatte zu erinnern.“