Archiv für April 9th, 2013

Auf Scientology-Tarnorganisation reingefallen

Der österreichische „Standard“ stellte gestern fest, dass in Österreich immer mehr Menschen „mit subtilem Zwang“ und „ohne ärztliche Untersuchung“ in der Psychiatrie eingewiesen würden. Er schreibt:

Psychiatrische Zwangsbehandlungen sind Folter und gehören abgeschafft, sagt das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Die österreichische Bürgerkommission für Menschenrechte ergänzt: „In Österreich werden jährlich weit über 20.000 Anträge bei Gericht eingebracht, um unbescholtene Bürger in die Psychiatrie zwangseinzuweisen. Damit befindet sich Österreich im europäischen Spitzenfeld der Zwangspsychiatrierungen.“ Sprecherin Birgit Karner fordert eine Revision des Unterbringungsgesetzes.

Allerdings ist die Quelle, mit der Österreichs „führende Qualitätszeitung“ (Eigenbeschreibung) ihre Position hier untermauert, nicht gerade für ihre Seriösität bekannt. Denn die „österreichische Bürgerkommission für Menschenrechte“ wurde 1976 von Mitgliedern der „Scientology Kirche Österreich“ gegründet.

Das hätte der „Standard“ auch eigentlich wissen müssen. Immerhin hat er bereits vor zwei Jahren kritisch darüber berichtet — wobei die Kritik damals nicht den Scientologen galt, sondern der Konkurrenz von „kurier.at“. Weil sie Werbung für die „Scientology-nahe Organisation“ gemacht hatte.

Immerhin hat der Internetauftritt des „Standard“ heute Nachmittag auf die zahlreichen Kommentare unter dem Artikel reagiert und ein „Update“ veröffentlicht:

Bei der Bürgerkommission für Menschenrechte handelt es sich um eine Vorfeldorganisation der Scientology Kirche.

Mit Dank an Christian S.

Nachtrag, 10. April: In einem weiteren Update korrigiert sich der „Standard“ auf seiner Internetseite jetzt ausführlicher:

Es wurden unter anderem veröffentlichte Daten der „Bürgerkommission für Menschenrechte“ verwendet. Dass es sich hierbei um eine Vorfeldorganisation von Scientology handelt, haben wir leider übersehen. Leserinnen und Leser (sowohl von derStandard.at als auch der Printausgabe) machten umgehend auf dieses Versäumnis aufmerksam. (red)

Bild  

Ein Fall für den „Hartz-IV-Inspektor“

Vor einigen Jahren hat „Bild“-Autor Dirk Hoeren noch selbst Jagd gemacht auf die „Hartz-IV-Schmarotzer“. Heute schaut er offenbar lieber zu.

GEHEIMPLAN - Jagd auf kranke Hartz-IV-Empfänger
(…) Die Bundesagentur für Arbeit (BA) sucht ganz gezielt nach Blaumachern unter Hartz-IV-Empfängern, die sich krankgemeldet haben!! Eine neue interne Weisung der BA (liegt BILD vor) fordert die Jobcenter zu schärferen Kontrollen der Arbeitsunfähigkeit der Arbeitslosen auf.

Nachdem die Agenturen gestern Morgen eine Zusammenfassung des „Bild“-Artikels über die Ticker geschickt hatten, berichteten auch andere Medien über die Pläne der Bundesagentur – wobei sich viele von ihnen ausschließlich auf die Informationen der „Bild“-Zeitung beriefen. Hätten sie stattdessen selbst ein wenig recherchiert, wären sie schnell darauf gestoßen, dass der „Geheimplan“ so geheim nicht sein kann.

Denn die „interne Weisung“ liegt nicht nur „Bild“ vor, sondern jedem, der Internet hat. Wie uns die Bundesagentur auf Anfrage bestätigte, sind die Pläne seit fast drei Wochen öffentlich einsehbar.

Mit Dank an Thorsten V.

Werbeverkäufe, Debatten, Alles Nichts Oder?!

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „25 Jahre ‘Alles Nichts Oder?!’: Die Geschichte zur Torte zur Show“
(ulmen.tv, Peer Schader)
Peer Schader vermisst „Alles Nichts Oder?!“: „Es ist verrückt, aber: Genau so eine Show fehlt im Fernsehen heute unendlich.“

2. „Der Preis des Ruhms“
(faz.net, Malte Welding)
Malte Welding beleuchtet den Hass, der Prominenten entgegenschlägt: „Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre explodierte die Celebrity-Kultur, als auf einmal Models Superstars wurden und das Privatfernsehen Futter brauchte. Mit Celebrity-Blogs und Leserreportern ist zur Jahrtausendwende aus dem Interesse eine 24-Stunden-Überwachung geworden. Der Star sitzt im goldenen Käfig, die Wärter sind wir.“

3. „Newspaper ad sales skid for seventh straight year“
(newsosaur.blogspot.ch, Alan D. Mutter, englisch)
Werbeverkäufe von Zeitungen und Google im Vergleich. „Though publishers from time to time have blamed Google for taking advertising away from them, the fact is that newspapers, magazines and broadcasters never developed products to compete with Google, which now is applying the highly effective principles of keyword-targeted search advertising to banner, video and mobile advertising.“

4. „Hinter der Paywall: Ende der Diskussion“
(wiegold.wordpress.com)
Thomas Wiegold fragt sich, wie Debatten funktionieren sollen, wenn sie nicht online stattfinden: „Die Beschränkung auf die gedruckte Zeitung und das Verstecken des Gastbeitrags hinter einer Paywall sorgt nämlich vor allem für eines: Dieser Text wird – und bleibt – der öffentlichen Debatte entzogen.“

5. „Offshore-Leaks – angsterregender Datenhandel“
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler fragt zu den Offshore-Leaks: „War das alles? Die Medien haben doch seit Jahren über Offshore-Praktiken in der Wirtschaft berichtet. Liefert dieser Berg an gestohlenen Daten keine konkreteren Informationen?“

6. „Staatsräson und Entfremdung“
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Ein Interview mit Journalist Werner Sonne: „Sie sprechen hier in der Tat ein Problem an, bei dem Journalisten extrem empfindlich sind, wenn man ihnen vorhält, dass sie auch Verantwortung tragen. Wenn es zu Fehlleistungen gekommen ist, haben sie oft große Probleme damit und reagieren extremst sensibel, wenn Kritik an ihnen geübt wird. Es gibt da wenig Selbstkritik.“