Archiv für März 21st, 2013

Bild.de, dpa  etc.

Die dümmste anzunehmende Verwechslung (3)

Vor dem Berliner Landgericht wurde heute der Prozess um ein Mordkomplott gegen eine junge Pferdewirtin aus Berlin-Lübars eröffnet. Der Fall ist einigermaßen spektakulär (der Ex-Freund des Mordopfers und seine Mutter sollen einen Auftragskiller beauftragt haben, um die Lebensversicherung der jungen Frau zu kassieren), das Medieninteresse entsprechend hoch.

Viele Medien greifen auf die Fotos zurück, die die Deutschen Presseagentur (dpa) im Gerichtssaal aufgenommen hat.

So sieht es etwa bei der „Berliner Zeitung“ aus:

Der Bruder der Geliebten des Freundes der Ermordeten, Sven L. (r), und der von ihm angeheuerte Mörder Steven Mc A. (M), stehen neben ihrem Anwalt.

Und so sah es auf Bild.de aus:

Steven Mc A (22, li.) ist der mutmaßliche Auftragskiller. Er soll von Sven L. (27, r.) angeheuert worden sein, Christin R. für ein paar Hundert Euro zu töten

Das gleiche Foto zeigte auch rbb-online.de in einer Bildergalerie und als Aufmacherfoto:

Dafür heuerten sie laut Anklage Steven Mc A. (Bildmitte) an, der den Auftragsmord begangen haben soll. Rechts im Bild der Mitangklagte Sven L.

Doch das auf dem Bild, das sind keine Angeklagten. Es sind die Brüder des Mordopfers, die vor Gericht als Nebenkläger auftreten, wie uns ihr Anwalt (der auf den Fotos neben ihnen zu sehen ist), auf Anfrage bestätigte.

Zumindest bei Bild.de hätten sie ahnen können, dass da irgendetwas nicht stimmt. Dort steht:

Die Angeklagten, die während des Prozesses in einem Glaskasten sitzen, versteckten ihre Gesichter hinter Zeitungen und Aktendeckeln.

Kein Glaskasten, keine Angeklagten.

Die dpa hat das Foto am Nachmittag zurückgezogen und ihre Kunden angewiesen, es nicht mehr zu verwenden. Der RBB und Bild.de sind dieser Bitte inzwischen nachgekommen.

Der dpa-Sprecher erklärte, bei der internen Überprüfung, wie es zu diesem „echt ärgerlichen“ Fehler habe kommen können, deute aktuell vieles auf „Fehlinformationen vor Ort“ hin, denen die Fotografin im Gerichtssaal aufgesessen sei.

ZDF, Roma, Unsere Väter, unsere Mütter

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Ist das ZDF von gestern?“
(blog.zdf.de, Video, 61:28 Minuten)
ZDF-Intendant Thomas Bellut stellt sich der Kritik am ZDF. Mit in der Diskussionsrunde: Tim Renner, Helmut Thoma und Stefan Niggemeier (hier komprimiert auf 3:10 Minuten). Siehe dazu auch „50 Jahre ZDF: Specken Sie mal bitte ab!“ (spiegel.de, Daniel Bouhs).

2. „Schwierige Berichterstattung über Roma“
(ndr.de, Video, 7:36 Minuten)
Zapp prüft die Zahl der 147.000 Menschen, die aus Rumänien und Bulgarien 2011 in Deutschland eingewandert sind – dabei sind jene nicht abgezogen, die wieder in ihre Heimat zurückgegangen sind. Gekommen sind zudem nicht nur Armutszuwanderer, sondern zum Beispiel Ärzte. Siehe dazu auch „Das umkämpfte Haus“ (zeit.de), ein Besuch von Dagmar Rosenfeld und Özlem Topcu in Duisburg.

3. „Fußball-Internet-Radio: Die DFL zieht bei 90elf den Stecker“
(stehplatzhelden.de, Jan Bechler)
90elf verliert die Internet-Audioübertragungsrechte der Fußball-Bundesliga an Sport1. „90elf hat hier einen neuen Markt geschaffen, den es vorher nicht gab. Einen Markt, den die DFL bis dato selber nicht einmal kannte. Als 90elf die Rechte für die Liveberichterstattung erstmalig erworben hat, wusste die DFL nicht einmal, dass es diese gibt und dafür eine Nachfrage existiert.“

4. „Political Correctness: Die Kultivierung des Misstrauens“
(novo-argumente.com, Matthias Heitmann)
Matthias Heitmann denkt nach über Politische Korrektheit: „Die sich ausbreitende neue Kultur der politischen Korrektheit basiert keinesfalls auf einer freieren gesellschaftlichen Moral. Sie bedient sich teilweise sogar noch autoritärer und tyrannischerer Methoden als die vorangegangene, da sie die robuste Autonomie und die aktive Handlungsfreiheit des Menschen nicht einmal mehr theoretisch für grundlegend erachtet. Stattdessen trachtet sie danach, den Menschen möglichst umfassend vor eigenem oder fremden Fehlverhalten zu schützen – also auch vor sich selbst und auf Kosten seiner Freiheit.“

5. „Wir armen Täter“
(ksta.de, Tobias Kaufmann)
„Wir Täter hatten’s auch nicht leicht“, sei der moralische Unterton des ZDF-Dreiteilers „Unsere Väter, unsere Mütter“: „Ausgerechnet eine Gesellschaft, in der im Eifer des Gefechts schon mal jeder amerikanische Investor als Heuschrecke und jeder Waffenbesitzer als potenzieller Amokläufer diffamiert wird, ist nun zur besten Sendezeit mit sich selbst gnädig.“

6. „78. unseremütterunsereväter.“
(vague.antville.org, Peter Praschl)