Archiv für März 4th, 2013

Apropos Trash

Da absolviert man eine langjährige journalistische Ausbildung, um dann auf der Internetseite des „Handelsblatts“ eine Bildergalerie mit dem Titel „Das sind die schlimmsten Trash-Sendungen“ („Anlass“: Der Sendestart von RTL 2 vor 20 Jahren) zusammenzustellen. Das wünscht man tatsächlich niemandem.

Andererseits hätte das routinierte Abfrühstücken vermeintlich minderwertiger TV-Ware von „Big Brother“ über „Frauentausch“ bis hin zu „Toto & Harry“ dann doch ein bisschen gewissenhafter ausfallen können:

Wer? Nie gehört! Prominente, die eigentlich keine sind, sich aber so schimpfen, kochen füreinander und müssen sich gegenseitig bewerten. Das ist "Das perfekte Promi-Dinner" auf dem Nischensender Vox. Die einzelnen Folgen dauern brutto zweieinhalb Stunden. Für eine Kochsendung im deutschen Fernsehen ist das Rekord.

Nun ist es ja wirklich nicht so, dass all die Kandidaten, die sich „Prominente“ „schimpfen“, immer auch einem größeren Publikum bekannt sind. Aber wenn die Redakteure vom „Handelsblatt“ keinen der Abgebildeten kennen, könnte das natürlich auch daran liegen, dass es sich nicht um ein Szenenbild aus „Das perfekte Promi-Dinner“ (vier Kandidaten pro Sendung) handelt, sondern um eines der in jedem Fall Promi-freien Sendung „Das perfekte Dinner“ (fünf Kandidaten pro Sendewoche).

Es geht aber noch trauriger:

Wenn es um Trash-TV geht, darf natürlich "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus" nicht fehlen. Moderiert wurde die RTL-Sendung unter anderem von Dirk Bach, der im letzten Jahr verstorben ist. Co-Moderatorin Sonja Zietlow führt seitdem mit Daniel Hartwig "das Erbe" weiter. Das Grundkonzept der Sendung ist Schadenfreude, gespickt mit ekelerregenden Strafen. Zuschauer rufen für den jeweiligen Star an, der eine Dschungelprüfung durchlaufen muss. Meist müssen irgendwelche stark eiweißhaltigen Käfer oder Genitalien von größeren Tieren verspeist werden. Die letzte Staffel sahen im Schnitt immerhin 7,3 Millionen Zuschauer. Eine traurige Zahl. Doch viel trauriger ist die Tatsache, dass "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus" 2013 für den Grimme-Preis in der Kategorie "Unterhaltung" nominiert wurde.

Ja, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ wurde „unter anderem“ von Dirk Bach moderiert, der im letzten Jahr verstorben ist, und von Sonja Zietlow. Doch das auf dem Foto sind Bernhard Hoëcker und Susanne Pätzold als Dirk Bach und Sonja Zietlow.

Wenn handelsblatt.com jetzt eine Parodie aus „Switch Reloaded“ mit der Originalsendung verwechselt, befindet sich die Seite allerdings in guter passender Gesellschaft: Bild.de ist das bisher drei Mal passiert.

Mit Dank an L.

Nachtrag, 5. März: handelsblatt.com hat das Szenenbild aus „Switch Reloaded“ durch ein Foto von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich (echt) ersetzt und darunter geschrieben:

Hinweis: Ursprünglich wurde an dieser Stelle ein Bild aus der Satire-Sendung „Switch Reloaded“ gezeigt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

„Das perfekte Promi-Dinner“ ist komplett aus der Galerie geflogen.

Berliner Mauer, Piraterie, Unwörter

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Desinformation: Mauer in Geiselhaft“
(taz.de, Sebastian Heiser)
Haben Bauarbeiter damit begonnen, einen der letzten Reste der Berliner Mauer niederzureißen, „damit dort Luxuswohnungen entstehen können“? „An dieser Botschaft stimmt so gut wie nichts. Aber sie zündet. Und sie wird von Journalisten inzwischen weltweit weiterverbreitet.“

2. „Zweierlei Maß?“
(dradio.de, Audio, 43:40 Minuten)
Walter van Rossum vergleicht Berichte und Kommentare deutscher Medien über Russland und die USA (auch als PDF-Datei oder Text): „In den deutschen Mainstream-Medien, die über das russische Adoptionsverbot berichten, macht sich kein Journalist die Mühe, die offizielle russische Version darzustellen, um sie anschließend zu überprüfen. Fast alle Medien erzählen bis in die Details der Formulierungen dieselbe Geschichte, mit denselben unbelegten Behauptungen, denselben Auslassungen, einseitigen und simplen Stereotypen: hier die eisige russische Nomenklatura, da der freundlich lächelnde american way of life.“

3. „Gezielt vorbei: Mein Problem mit dem ZEIT-Dossier ‘Filmpiraten: Aufnahme läuft!'“
(wortvogel.de, Torsten Dewi)
Torsten Dewi kritisiert den „Zeit“-Artikel „Aufnahme läuft!“ von Kerstin Kohlenberg: „So, wie ich das sehe, bastelt Produzent Stefan Arndt an seiner eigenen Legende, um das Versagen von ‘Cloud Atlas’ zu rechtfertigen – und eine Journalistin hat sich für den intimen Einblick in die Szene genau diese Narrative füttern lassen, ohne sie je zu hinterfragen.“

4. „Im publizistischen Würgegriff“
(mspr0.de)
Am 1. März verabschiedete der Bundestag das Leistungsschutzrecht für Presseverleger: „Während beinahe alle Verbände, Aktivisten, Experten und Wissenschaftler kein gutes Haar an den Gesetzesentwürfen zum Leistungsschutzrecht ließen, ignorierte die Presse diese Stimmen eisern und hörte nicht auf, das Gegenteil zu verkünden. Und noch schlimmer als das journalistische Totalversagen: es gab nur wenige Politiker, die sich trauten, dieser interessengeleiteten Kampagne öffentlich zu widersprechen.“

5. „Wer darf das Wort ‘Zensur’ im Munde führen?“
(alexanderlasch.wordpress.com)
Mitglieder der Nationalen Armutskonferenz sammeln „irreführende und abwertende Begriffe“ – und stellen eine „Liste der sozialen Unwörter“ zusammen. Die FAZ greift die Liste auf und stuft sie als Zensurvorhaben ein. „Die Entstehungsgeschichte der ‘Liste’ wird mit keiner Silbe erwähnt, statt dessen werden die einzelnen Begriffe kurz aufgegriffen und hinsichtlich ihres Diskriminierungspotentials als unbedenklich eingestuft.“

6. „Blogger, Sponsoren und die Transparenz – Kommentar“
(mobilegeeks.de, Sascha Pallenberg)
„Persönlich bis ins Mark“ treffen Sascha Pallenberg Vorwürfe wie „du schreibst doch den Artikel nur um deine Amazon Links unterzubringen“ oder „der Testbericht fällt so positiv aus weil Firma XYZ dich zu einem Event eingeladen hat“, weshalb er nun „sämtliche Zuwendungen und Sponsorings“ öffentlich macht.