Archiv für Februar 21st, 2013

Bild  

Eine Zeitung mit 50 Siegeln

In gewisser Weise war der Aufmacher der „Bild“-Titelseite selten so wahr wie gestern:

Pferdefleisch-Skandal deckt auf: Der Irrsinn mit den Güte-Siegeln! Wer blickt da noch durch?

Ja, das ist Irrsinn. Und die „Bild“-Redaktion beweist eindrucksvoll, dass sie überhaupt keinen Durchblick hat.

Aber der Reihe nach:

Mehr als 1000 Gütesiegel gibt es in Deutschland, BILD zeigt die 50 wichtigsten für Lebensmittel. Jetzt kommt raus: Auch Produkte, die Pferdefleisch enthielten, waren mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet. Wer die Siegel vergibt, welchen Siegeln Sie vertrauen können — Seite 2.

Bevor Sie auf Seite 2 lesen, wer die Siegel vergibt, zeigt „Bild“ auf Seite 1 erst mal „die 50 wichtigsten [Gütesiegel] für Lebensmittel — oder das, was die Redaktion dafür hält. Neben offiziellen Gütesiegeln (etwa vom TÜV oder Bundesministerium für Verbraucherschutz) zeigt „Bild“ nämlich auch diese Logos:

„Bild“ war mit dem gelegentlich verwendeten Wort „Eigenmarke“ eigentlich schon auf dem richtigen Weg — und ist dann doch irgendwie falsch abgebogen: Diese Logos sind keine Gütesiegel, sondern Markenlogos. Netto etwa bezeichnet „BioBio“ explizit als „Eigenmarke“, Aldi „GutBio“ als „Marke“. Das „Greenpeace-Magazin“ hat das vor ein paar Jahren mal ein bisschen genauer erklärt.

Oder, in den Worten von „Bild“:

Zahlreiche Supermarktketten und Händler haben eigene Siegel, vergeben diese nach eigenen Kriterien, zeichnen sich damit also selbst aus!

IRRSINN!

Die Worte „unabhängig“ und „überparteilich“ hat der Axel-Springer-Verlag auch eigenständig ins rote „Bild“-Logo eingefügt, das ist kein Prüfsiegel irgendeiner journalistischen Aufsichtsbehörde.

Andererseits: Was hat der aktuelle „Skandal“ um Pferdefleisch in Rindfleischprodukten überhaupt mit irgendwelchen Bio-Lebensmitteln zu tun — oder gar mit den Siegeln für Fisch aus umweltgerechter Fischerei und für koschere Lebensmittel, die „Bild“ ebenfalls auf der Titelseite zeigt? Im Prinzip gar nichts, wurde das Pferdefleisch doch bisher ausschließlich in konventionellen Produkten gefunden.

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren ist entsprechend empört, dass sein Logo ebenfalls auf der „Bild“-Titelseite zu sehen ist:

In einer Pressemitteilung erklärt er:

Anders als im Beitrag suggeriert, sind der BNN und seine Mitgliedsunternehmen weit entfernt vom Skandal um Pferdefleisch, das ausschließlich in konventionellen Produkten gefunden wurde. Die Logos der Eigenmarken aus dem konventionellen Lebensmittelhandel, die tatsächlich vom Pferdefleischskandal betroffen waren, tauchen in der Berichterstattung der BILD nicht auf.

Außerdem handelt sich beim BNN-Logo gar nicht um ein Siegel, denn es wird niemals auf Lebensmittel gedruckt. Es ist vielmehr das Logo eines Bundesverbandes, der die Herstellungs- und Handelsstufen der Wertschöpfungskette in der Naturkost-Fachbranche vertritt. [...]

Der in der BILD hergestellte Zusammenhang von „Siegelflut“ und Lebensmittelskandalen wird durch die Auswahl der Abbildungen klar mit der ökologischen Lebensmittelwirtschaft in Verbindung gebracht. Das ist sachlich falsch und aus unserer Sicht eine Verleumdung, die vor allem die Biobranche diskreditiert.

Vielleicht sollte „Bild“ in Zukunft also doch lieber über Siegel berichten, mit denen sich die Zeitung auskennt. Also zum Beispiel über Ralph.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Pressesprecher, Tatort, Einschaltquoten

6 vor 9

Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier montags bis freitags handverlesene Links zu lesenswerten Geschichten aus alten und neuen Medien. Tipps gerne bis 8 Uhr an 6vor9@bildblog.de.

1. „Falsch berichtet: Ex-Amazon-Zeitarbeiterin wirft ARD-Reportern Verfälschung vor“
(kreisanzeiger-online.de, Jan Philipp Ling)
Eine Protagonistin der ARD-Doku „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ fühlt sich teilweise falsch dargestellt: „Die Reporter hätten aber offenbar nur das Negative sehen wollen und in dem Bericht dann ihre Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und mit weiteren, eigenen Erklärungen versehen: ’Oft war das dann das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe.’ Zum Beispiel, als sie beim Schlafen auf der Couch gezeigt wurde, angeblich, weil sie in ihrem Bett nicht schlafen könne: ‘In Wahrheit habe ich dort meine Siesta gemacht. Das Wohnzimmer hat ein großes Fenster mit Blick auf den Wald, man hört die Vögel, das fand ich sehr schön.’ Auch hätten die Reporter mehrmals direkt gefragt, ob sie die Lebensverhältnisse nicht zu beengt fände. ‘Ich habe immer geantwortet: Nein, das ist kein Problem, es gefällt mir gut hier. Aber das wurde im Fernsehen nicht gezeigt.’“

2. „Leben im Transit · Dürfen Journalisten Politiker beraten?“
(carta.info, Birgit Wentzien)
„Um sich Journalismus als Leidenschaft leisten“ arbeiten viele jüngere Menschen nebenbei als PR-Berater und Werbetexter, „was die Älteren mit einer Mischung aus Empörung, Unkenntnis, Festanstellungs-Luxus und auch Lamento von sich weisen“.

3. „Die Mär von der Partnerschaft zwischen PR und Journalismus“
(prreport.de, Adrian Peter)
Adrian Peter von „Report Mainz“ hält die Erwartung von „Solidarität unter Kollegen“ im professionellen Verhältnis zwischen Journalisten und Pressesprechern fehl am Platz: „Wer als Pressesprecher erwartet, von den ‘Kollegen’ geschont zu werden, geht von einem falschen Rollenverständnis aus. Dies gilt übrigens gleichermaßen für Journalisten, die glauben, Pressesprecher vertreten neben den Interessen ihres Auftraggebers journalistische Ideale.“

4. „Schmeißfliegen: Journalistenbild im ‘Tatort’“
(ndr.de, Video, 5:37 Minuten)
Wie Journalisten im „Tatort“ dargestellt werden: „Meistens machen Journalisten im Tatort vor allem eins: Stören, nerven und im Weg rumstehen.“

5. „Free Rainer – Vergesst die TV-Quoten“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
Seit dem 1. Januar 2013 verfügt die TV-Branche in der Schweiz über keine Einschaltquoten – aufgrund technischer Probleme. „Statt sich über versagende Fernsehforscher zu empören, hätten die Branchenangehörigen nun Zeit, ein bisschen genauer nachzudenken über das, was Medienqualität ausmacht. Und sich zu fragen, ob besserer Journalismus gelingt, wenn man laufend auf die Einschaltquoten starrt.“

6. „How I Meteored Your Motherland“
(thedailyshow.com, Video, 4:19 Minuten, englisch)
Ereignisse, die von in russischen Fahrzeugen installierten Kameras aufgenommen werden. Und die Reaktionen darauf.